Bonn 1914-1918
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Donnerstag, 21. November 1918

  

In der Dienstags-Sitzung des ABS-Rates teilte Beigeordneter Schulze mit, daß eine Bekanntmachung erlassen werden soll, wonach diejenigen Einwohner, die abgereist sind und ihre Häuser verschlossen halten, aufgefordert werden, die Häuser sofort zu öffnen und für die Einquartierung zur Verfügung zu stellen. Andernfalls würden sie behördlicherseits geöffnet und auf eigene Gefahr der Eigentümer mit Einquartierung belegt.
   Oberbürgermeister Spiritus machte Mitteilung davon, daß ein großer Teil der Bürgerschaft gegen die ihnen zugewiesene Einquartierung Einspruch erhebe. Sicher sei, daß berechtigte Einsprüche wohlwollend geprüft werden sollen; ebenso sicher sei aber auch, daß unberechtigten Einsprüchen ganz entschieden entgegen getreten werde.

Die Truppendurchzüge nehmen immer noch das Interesse der Bonner Bürgerschaft in vollstem Maße in Anspruch. Kein Wunder auch, so viel Militär hat Bonn überhaupt noch nicht in seinen Mauern gesehen. Alle Waffengattungen sind vertreten; zu Fuß, zu Pferde, auf großen Lastautos kommen sie hier durch. Dazwischen rattert vom frühen Morgen bis zum späten Abend das unabsehbare Kriegsmaterial durch die Straßen. Seit einigen Tagen sind auch schon einige größere Gebäude, so die Universität, das städtischen Gymnasium, die Realschule usw. mit Truppen belegt. Vor diesen Gebäuden spielt sich oft ein rechtes Lagerleben ab. Da wird Wasser zu den dampfenden Feldküchen geschleppt, Holz herbeigeholt, Kleider ausgebürstet oder instand gesetzt und Stiefel geputzt; andere mühen sich ab, mit Seife und Pinsel den „Drahtverhau“, den sie aus dem Felde mitgebracht haben, fein säuberlich aus dem Gesicht zu entfernen. Da die meisten öffentlichen Gebäude, die für die Einquartierungszwecke freigegeben worden sind, Luftheizung und elektrische Beleuchtung haben, sind unsere Feldgrauen dort gut aufgehoben. Privatquartiere wurden bisher nur in wenigen Fällen in Anspruch genommen. Auf dem Schulhof des städtischen Gymnasiums, auf dem die Papierstrohsäcke an diejenigen Bürger unentgeltlich abgegeben werden, die für Einquartierung vorgemerkt sind, herrscht jetzt emsige Tätigkeit. In großen Haufen lagert dort das Stroh, das zum Füllen der Säcke verwandt wird. Jeder, der sich auf dem Einquartierungsamt mit einem „Bezugsschein“ versehen hat, bekommt dort auf dem Schulplatz die nötige Anzahl neue Säcke, die er dann aus den Strohvorräten selbst füllen muß. Dabei wird die Zeit nicht lang, denn bei dieser Arbeit, an der sich Groß und Klein beteiligt, geht es oft recht lustig zu. Auf allen Straßen und Plätzen begegnet man jetzt Leuten, die mit gefüllten Strohsäcken ihrem Heim zustreben. Wenn man auch nicht sicher ist, daß man schon heute oder morgen Einquartierung bekommt; besser ist besser. Wer weiß, wie lange der Vorrat an Strohsäcken reicht: 20.000 Stück sind bald vergriffen.

Die Jugend und der Truppendurchzug. Es ist herzerfreuend, wie unsere Bonner Bevölkerung und vor allem unsere Jugend die heimkehrenden Helden, die Beschützer unserer rheinischen Heimat, mit dankbarer Liebe und Begeisterung empfängt. Doch zu Auswüchsen und leichtsinnigem Gebahren halbwüchsiger Burschen und Mädchen muß immer wieder ein ernstes Mahnwort gesprochen werden. Das Aufsteigen der Jugend auf die Autos und Proviantwagen, auf Gespanne und Geschütze während der Fahrt, das Durchlaufen der geschlossenen Kolonnen hat bereits eine Reihe erheblicher Unglücksfälle zur Folge gehabt; über Unredlichkeiten und Diebstähle an den Feldküchen und Vorratswagen sind schon Klagen laut geworden; all zu freies Benehmen junger Mädchen ist schon unliebsam in Erscheinung getreten. Solche Fälle sind geeignet, auch die wohlerzogene Jugend zu gefährden und in üblen Ruf zu bringen. Leider fehlt in diesen Tagen die strenge Zucht der Schule, da die Unterbringung der Truppen ja allen andern Interessen voranstehen muß. Lehrer und Lehrerinnen haben die Verpflichtung gerne übernommen, in ihren Bezirken auch auf den Straßen nach dem Rechten zu sehen. Immerhin aber ist es strengste Elternpflicht, besonders in diesen Wochen ihre Kinder in Obhut zu halten, sie vor Ausschreitungen zu warnen und vor allem darauf zu achten, daß sie mit anbrechender Dunkelheit zu Hause sind. Aber auch tagsüber wird eine sorgfältige Familienerziehung die Jugend nicht ganz sich selbst überlassen. Gewiß lassen sich in jedem Hause bestimmte Zeiten festsetzen, in denen das Kind der Mutter, dem Vater, zur Hand geht und auch aus dem Unterrichtsgebiete der Schule bald diesen, bald jenen Stoff wiederholt übt und befestigt. Wie das erfolgreich geschehen kann, darüber geben die Lehrer gewiß recht gerne den besorgten Eltern nützliche Winke. Z.

Zentrumsversammlung. Unter gewaltigem Andrang fand gestern nachmittag im großen Saal des Bonner Bürger-Vereins eine Versammlung der Zentrumspartei statt. Es sprachen Kaplan Rembold, der die Riesenversammlung begrüßte, Professor Dr. Cardauns, Stadtverordneter Wellmann, Reichstagsabgeordneter Henry, Stadtverordneter Math. Schmitz und eine Reihe Diskussionsredner. Aus den mehrstündigen Verhandlungen ist als Kern festzuhalten, daß die Zentrumspartei den gegenwärtigen Machthabern auch weiterhin Ruhe und Ordnung zusagt, dagegen unbedingt verlangt, daß baldigst eine Nationalversammlung zur Festlegung der verfassungsmäßigen Rechte einberufen wird. Insbesondere protestiert die Zentrumspartei gegen eine Trennung von Kirche und Staat auf dem Wege der einfachen Diktatur des Herrn Adolf Hoffmann, des derzeitigen preußischen Kultusministers. Man werde sich in dieser Frage nur der Nationalversammlung beugen. Auch gekannten sich die Redner zu einem festen Zusammenhalt der Rheinlande am deutschen Vaterland. Willig wurde dabei anerkannt, daß auch unter den Männern der Sozialdemokratie viele sind, die mit dem Herzen die deutsche Sache vertreten und in eine Lostrennung der Rheinlande nicht willigen wollen. Reichstagsabgeordneter Henry betonte unter Hinweis auf eine Erklärung des Reichstagspräsidenten Fehrenbach, daß der Reichstag sich keineswegs für beseitigt betrachte. Redner kommt auf die Vorgänge bei der Umwälzung zu sprechen und erklärt, daß nach seiner Auffassung die Mehrheitsozialisten ernstlich bestrebt seien, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten und dem Volke die Nationalversammlung zu geben. In diesem Streben wollten sie die Regierung unterstützen. Auch sie verlangten baldigst die Wahl zur Nationalversammlung, bei der die Mehrheit des Volkes über seine Zukunft entscheiden soll. Stadtverordneter Math. Schmitz machte besonders auf den Durchzug der 18. Armee aufmerksam, der in diesen Tagen erfolgt. Die damit verbundenen Einquartierungslasten möge man gerne tragen, da es sich nur um einen kleinen Dankeszoll an unsere Feldgrauen handele, die mit Leib und Leben unsere Westfront geschützt haben.
   Eine Vertreterin des Katholischen Frauenbundes verwies auf die außerordentliche Bedeutung, die das erteilte Frauenwahlrecht für die Nationalversammlung besitze und teilte mit, daß am heutigen Donnerstag abend die sämtlichen Frauenvereine Bonns im Bürgervereinssaale zur Besprechung dieser Angelegenheit sich zusammenfinden würden.

Tödlicher Unfall. Die Unsitte vieler Knaben, sich an die hier durchfahrenden militärischen Fahrzeuge zu hängen oder auf ihnen eine Strecke weit mitzufahren, hat gestern nachmittag einen schweren Unfall zur Folge gehabt. Ein etwa achtjähriger Knabe aus der Adolfstraße wurde am Stiftsplatz von einem Lastwagen überfahren und so schwer verletzt, daß er heute morgen in der Klinik starb.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Freitag, 22. November 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1918Ernste Tage für Bonn und die Rheinlande.
Die Stadt prangt im Flaggenschmuck, die Fahnen, die unsern Feldgrauen ihre Grüße zugewinkt haben, als sie mit heller Begeisterung hinauszogen aus der Heimat, um eine Welt von Feinden von unsern Grenzmarken abzuwehren, die die Häuserzeilen unserer alten Gartenstadt zierten, als sich mit den Namen Hindenburg, Mackensen, Beseler, Linsingen und der vielen andern Großen unserer deutschen Heere die Nachrichten über siegreiche Kämpfe verknüpften, sie wehen auch jetzt wieder. Zur Heimkehr unserer Truppen. Ein wehmütiges Gefühl erfüllt die Brust, wenn man jetzt das schwarz-weiß-rote Fahnentuch im Winde flattern sieht, wenn die glitzernde Novembersonne diese helleuchtenden Flaggen in ihren Farben noch stärker hervortreten läßt. Nicht Sieg künden uns diese Fahnen, deren Anblick uns im Verlaufe des Weltkrieges so oft erfreuten, als sie uns die Sprache des Erfolges redeten. Nun können sie nur noch ein Gefühl verdolmetschen, wenn die endlosen Karawanen von Gespannen schwer bepackt ihre Kolonnenstraße zur Rheinbrücke ziehen, Lastautos und sonstige Kraftfahrzeuge von der Westfront kommend hier durchlaufen, um ihren Weg weiter ostwärts zu nehmen, - den Weg jenseits des Rheins, nur das eine Gefühl des Dankes, unverlöschlichen Dankes für all das, was diese verstaubten, gebräunten Männer im feldgrauen Kleide uns in all den Jahren gewesen sind: Eine lebendige Schutzwehr, eine Wehr, die mit ihrem Körper, mit der zähen Energie und dem unbesieglichen Mute des deutschen Soldaten auch gegen die stärkste Uebermacht standhielt, unbesiegt bis zum letzten Augenblick, bis zu der Stunde, wo die Feder ihnen Halt gebot. Es ist viel in der Heimat herumerzählt worden von der schlechten Moral der Truppen und ihrer Verwahrlosung im Charakter. Die Tausende von Soldaten und ihre Offiziere, die bisher hier durch kamen und im Quartier lagen, haben durchweg durch ihr Verhalten, durch ihr ganzes Wesen bekundet, daß man offenbar Einzelfälle verallgemeinert hatte, denn die Leute zeigen nichts weniger als Aeußerungen der Verwilderung. Die meisten freunden sich mit unserer Kinderwelt an und zeigen trotz der Strapazen der tagelangen Fahrten und Märsche namentlich im Verkehr mit der Jugend gemütvollen deutschen Humor. Da die Fronttruppen bisher nur in kleineren Partien hier durchkamen und die großen Armeekörper erst erwartet werden, so darf man in Erinnerung an die stramme Selbstzucht, die unsere kämpfenden Armeen in den großen Abwehrschlachten bekundeten, hoffen, daß ihr Rückmarsch sich in der gleichen Ordnung vollzieht, wie das bisher bei den durchziehenden Truppen beobachtet werden konnte.
   Im Gegensatz zu dem guten Verhalten unserer Truppen zeigt ein gewisser Teil der weiblichen Bürgerschaft unserer Stadt Bonn nicht jene Würde, die dem Dichter einst die Worte ablockten: Willst Du wissen, was sich schickt, kehr nur bei edlen Frauen ein. Eine gleichfalls bedauerliche Erscheinung ist es, daß viele Eltern ihren Kindern erlauben, unsere tapferen Feldgrauen mit Luftschlangen und Konfetti zu begrüßen, just als ob es Karneval sei. Glücklicherweise hat der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat beschlossen, daß die Bonner Geschäftsleute, die offenbar die Zeichen der Zeit verkennen, derartigen Krimskrams nicht mehr verkaufen dürfen.
   Dem bitteren Ernst, der den Durchzug einer mächtigen Heeressäule von Hunderttausenden von Soldaten begleitet, werden anfangs Dezember noch ernstere Wochen und Monate für jeden deutsch-national empfindenden Mitbürger folgen. Es gilt, dieses furchtbare Schicksal mit ruhiger Würde zu ertragen und die Bitterkeit des Empfindens nicht gegenüber der zu erwartenden feindlichen Besatzung zu äußern. Auch die feindlichen Soldaten und Offiziere erfüllen für ihr Vaterland nur ihre Pflicht. Ihnen achtungsvoll, wenn auch zurückhaltend zu begegnen, scheint uns an sich und auch im wohlverstandenen Interesse unserer Vaterstadt das einzig Richtige zu sein. Daß in Einzelfällen auch während der Besatzung Personen beiderlei Geschlechts versuchen werden, sich mit den fremden Offizieren und Soldaten anzubiedern, und ihre Sprachbrocken zu verwerten, läßt sich wohl kaum verhindern. Aber von der Bürgerschaft im Ganzen darf man zweifellos mit aller Bestimmtheit erhoffen, daß sie das nationale Unglück, das uns betroffen hat, auch in den Zeiten, wo es uns durch die fremde Besetzung besonders augenfällig zum Bewußtsein kommt, mit jener Ruhe und Würde tragen werde, die uns der Tatsachen wert erscheinen läßt, daß wir als Angehörige der ersten Kulturnation der Welt gelten.

In der gestrigen Sitzung des ABS-Rates machte ein Hauptmann der 18. Armee die Mitteilung, da die Fronttruppen dieser Armee erst in 5 – 6 Tagen hier eintreffen. Zwei Regimenter werden am 24. oder 25. d. M. erwartet, um den Sicherheitsdienst in der Stadt zu übernehmen. Vorerst werden die Versprengten gesammelt und abtransportiert. Außer den Truppen der 18. Armee würden voraussichtlich auch noch Teile der 7. Armee mit schätzungsweise 200.000 Mann hier durchmarschieren. Bis jetzt seien nur Rekrutendepots durchgekommen. Der Abtransport der Truppen werde über eine bestimmte Kolonnenstraße gehen. Es sind drei Straßen dafür bestimmt: je eine für Kraftwagen, für Fußtruppen und für Fahrzeuge.
   Oberbürgermeister Spiritus begrüßt es, daß das Generalkommando Vorsorge für die Sicherheit und Ordnung in der Stadt Sorge trägt, befürchtet aber, daß unsere schmale Rheinbrücke nicht ausreichen würde, um die Heeresmassen, wenn sie noch durch die Truppen der 7. Armee vermehrt werden, ohne erhebliche Schwierigkeiten abzutransportieren. Er ist der Auffassung, daß diesem Umstande durch die Errichtung weiterer Brücken Rechnung getragen werden müsse. Von anderer Seite wurde mitgeteilt, daß vorgesehen sei, bei Hersel oder Obercassel eine zweite Brücke über den Rhein zu schlagen. Außerdem sollen noch die Fähren oberhalb unserer Stadt sowie Schiffe zum Abtransport der Truppen mit herangezogen werden.
   Die Auskunftsstelle der 18. Armee befindet sich im Nordischen Hof an der Poppelsdorfer Allee, die Versprengten-Sammelstelle in der Infanterie-Kaserne an der Ermekeilstraße.
   Wie Herr Rentner Essingh mitteilte, bereitet der Abzug der Versprengten große Schwierigkeiten, da es den Leuten anscheinend in Bonn zu gut gefalle. Der ABS-Rat möge darauf hinwirken, daß in der Kaserne eine Kontrolle ausgeübt werde. Ein gemischter Ausschuß wird der Sache näher treten. Herr M. Schmitz ersucht die Bürgerschaft, nur solche Mannschaften als Quartiergäste aufzunehmen, die sich durch Quartierbillette ausweisen können.
   Vorsitzender Dr. Krantz schlägt vor, eine Verordnung zu erlassen, die den Verkauf von Luftschlangen, Konfetti und Explosivkörper verbietet, damit der karnevalistische Anstrich beim Truppendurchzug in Wegfall komme. Das Verbot soll erlassen werden. Der Vorsitzende verlas ein Schreiben, in dem der ABS-Rat ersucht wurde, dafür Sorge zu tragen, daß junge Mädchen sich bis abends 10 Uhr ungestört auf der Straße aufhalten können. Der Vorsitzende und mit ihm die Versammlung waren jedoch der Ansicht, daß es besser sei, wenn junge Mädchen in den späten Abendstunden möglichst zu Hause blieben. Es ginge nicht an, daß man jedem Mädchen einen Sicherheitsposten mitgeben könne. (Man beobachtet schon tagsüber junge Mädchen in großer Zahl, die sich den Soldaten gegenüber recht frei benehmen.) Es wurde ferner darauf hingewiesen, daß alles aufgeboten werden müsse, um unsere Jugend von den Fahrzeugen und Pferden der durchziehenden Truppen fernzuhalten. Unbeschadet der Vorliebe unserer Jungens für das Militär müsse streng darauf geachtet werden, damit nicht Unfälle passieren, wie schon einige zu verzeichnen seien.
   Von mehreren Seiten wurde darauf hingewiesen, daß Pferde sowohl aus den Kasernen wie auch aus den Schulen, die mit Einquartierung belegt sind, von Zivilpersonen gestohlen werden. Ja, aus den Kolonnen der durchmarschierenden Truppen wurden am hellichten Tage Pferde gestohlen. Es sind Fälle bekannt geworden, wo hier und in der Umgegend Pferde zu 50, 60 und 100 Mark verkauft worden sind. Es gebe Personen, die gewerbsmäßig Sachen und Lebensmittel von den Soldaten kaufen und sie zu Wucherpreisen absetzen. Man beschloß, gegen dieses Vorgehen energisch einzuschreiten und berufsmäßige Aufkäufer sofort verhaften zu lassen.
   Die nächste Sitzung ist Samstag.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Die Wehrpflichtigen des linken Rheinufers. Staatssekretär Erzberger sandte an das hiesige Ersatzbataillon 160 ein Telegramm, wonach, wie nochmals betont sei, nach dem 11. November vorschriftsmäßig entlassene Soldaten auf dem linken Rheinufer nicht Gefahr laufen interniert oder gefangen zu werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Lengsdorf:
Die Grippe
war hierselbst und in Röttgen so stark aufgetreten, daß in beiden Gemeinden die Schule seit dem 24. Oktober geschlossen war, und am 19. November der Unterricht wieder aufgenommen werden konnte. Am schlimmsten war es hier in lengsdorf. Am Sonntag den 3. November wurden hier sieben Beerdigungen gehalten, und bei diesen Todesfällen war fast nur die Grippe der Anlaß. Dagegen sind in Ippendorf und Duisdorf auch viele Grippeerkrankungen vorgekommen, aber keine mit tödlichem Ausgange.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Lengsdorf“)

Samstag, 23. November 1918

    

Die Urteilformel „Im Namen des Königs“ ist durch eine Verfügung des Justizministers abgeschafft worden. Es soll einfach heißen: Es wird erkannt usw. Auch die Bezeichnung „Königliches“ Landgericht oder Amtsgericht fällt den neuen Verhältnissen entsprechend weg.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

   

Für die Verpflegung der durchziehenden Truppen sind, wie bereits kurz mitgeteilt, auf dem Grundstück der Landwirtschaftlichen Akademie, Ecke Endenicher und Nuß-Allee drei große Hallen errichtet worden. Jede dieser Hallen hat einen Flächeninhalt von 300 Geviertmeter und ist mit Heizung und elektrischem Licht versehen. In der mittleren Halle ist der Küchenbetrieb eingerichtet, während die beiden anderen Baracken als Speisehallen dienen. Sechs Kessel zu je 500 Liter und vier kleinere Kessel, die je 150 Liter fassen, ermöglichen es, zu gleicher Zeit 3000 Mann mit Essen und Kaffee zu versorgen. Je nach Bedarf läßt sich jedoch der Betrieb noch auf das sechsfache, ja sogar das zehnfache steigern. Die Speisen werden recht schmackhaft zubereitet und so reichlich ausgegeben, daß auch ein ausgehungerter Soldatenmagen zufrieden gestellt werden kann. Am Eröffnungstage wurden 1354 Portionen und am Donnerstag 1300 Portionen Mittagessen ausgegeben. Es gibt meist Eintopfgerichte, dicke Suppen, Graupen oder Nudeln mit Obst. Gestern Freitag erhielten die Soldaten Wirsing mit Kartoffeln und Fleisch. Das Essen wird von Frauen und Mädchen gereicht, die ehrenamtlich tätig sind. Bei großem Andrang können die Soldaten sich auch selbst an drei Schaltern, die zur Ausgabe von Essen an der Küchenhalle angebracht sind, das Essen holen. Die Speisehallen sind wohnlich eingerichtet und bieten Raum für je 300 Personen; außerdem beherbergigen die Speisehallen noch Wachlokale für Sanitäter und Mannschaften der Bürgerwehr. Das an die Küchenhalle anschließende Lebensmittellager ist von der Militärverwaltung gut beschickt worden. Ganze Viertel Ochsenfleisch hängen an den Wänden; Brote, Fleisch- und Gemüsekonserven, Mehl, Zucker, Teigwaren, Gerstenkaffee, kurzum alles, was zu einem Massenküchenbetrieb notwendig ist, liegt dort wohlgeordnet auf Lager. Die Leitung des ganzen Betriebes ist Herrn Lorenz Niedermair übertragen; dem Küchenbetrieb steht Herr Stadtverordneter Schmitt vor, der auch in Lille einen ähnlichen Betrieb geleitet hat.

Das Viktoriabad sollte nach einem Beschluß des ABS-Rats für Wannen- und Brausebäder wieder geöffnet werden. In Erwartung, daß dies inzwischen geschehen sei, begeben sich täglich Soldaten und Bürger nach der Anstalt, wo ihnen aber das Schild „Geschlossen“ entgegenstarrt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Beutegeschütze. Man schreibt uns: Auf dem alten Zoll und auf dem Kaiserplatz, vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal stehen eroberte Kanonen. Wenn leider im Monate Dezember eine Besatzung durch Ententetruppen erfolgt, können diese Kanonen einen Anlaß bieten, daß die Stadt in unförmlicher Weise aufgefordert wird, diese wegzuschaffen oder dergl. Wäre es nicht besser die Kanonen für die Zeit der Besetzung in das gesicherte rechtsrheinische Gebiet zu bringen?

Zur Einigung der Liberalen. Zwischen der Fortschrittlichen Volkspartei und der Demokratischen Vereinigung haben gestern abend Unterhandlungen stattgefunden, die zu einer Vereinigung beider Bonner Parteien einschließlich der auf dem Boden der gleichen Anschauungen sich stellenden Mitglieder der Nationalliberalen Partei führten.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Sonntag, 24. November 1918

  

Englische Besatzung für Bonn? Wie die Liberté meldet, soll Köln von englischen Truppen besetzt werden. Die Zweite und Vierte Armee mit australischen und kanadischen Kontingenten sollen das benachbarte Gebiet besetzen.

Neues Operettentheater. Die Direktion des Neuen Operettentheaters erfreute gestern nachmittag die Jugend mit dem Görnerschen Märchenspiel „Königin Tausendschön und Prinzessin Häßlich“. Es wird darin das alte Märchenmotiv von der bösen Stiefmutter verarbeitet, sie und ihre hochmütige Tochter werden gestraft, während die arme mißhandelte Stieftochter für ihre Tugenden belohnt wird, ihre Häßlichkeit durch den Schönheitssaft der Hexe verliert und sogar Gräfin wird. Die Aufführung ging in der üblichen trefflichen Besetzung flott und rasch vor sich; das Spiel war der Auffassungsgabe der Kleinen aufs beste angepaßt und auch die Szenerie recht wirkungsvoll, so daß am Schluß jedes der fünf Bilder kräftig Beifall gespendet wurde. Die kurzen Pausen wurden zudem noch von der Musik (Kapellmeister Hoffmann) angenehm ausgefüllt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Von glaubwürdiger Seite wird berichtet, daß am vorigen Sonntag in einer öffentlichen Versammlung, in der das weibliche Element stark vertreten war, eine Dame den traurigen Mut gezeigt hat, ihre Mitbürger aufzufordern, gegen die einrückenden Franzosen sich recht freundlich zu zeigen, denn sie kämen nicht als Feinde, sondern als Freunde. (Ganz so bestimmt hat die betreffende Dame diese Anschauung doch nicht geäußert. Die Schriftl.) Dieser Vorgang erinnert an ein geschichtliches Ereignis aus dem Jahre 1794. Schon damals gab es in Bonn solchen Franzosenfreunde. Einer derselben – wir sind der Chronik dankbar, daß sie uns seinen Namen, Matthieu, aufbewahrt hat – beschloß, den Franzosen entgegenzugehen und sie feierlich zu begrüßen. So machte er sich eines Morgens, umgetan mit einem nach damaliger Sitte reichgestickten Staatsrock und in der Hand einen Stock mit goldenem Knopf, auf und ging den von Godesberg her anrückenden „Freunden“ entgegen. Schon in der Dottendorfer Feldmark traf er auf sie. Aus seiner Anrede aber wurde nichts. Denn sofort ergriffen ihn ein paar Franzosen. Der eine nahm ihm die goldene Uhr und Kette fort, der zweite zog den Geldbeutel aus der Hosentasche, der dritte ergriff den Stock mit goldenem Knopf und ein vierter zog ihm den Staatsrock aus. Mit einigen Kolbenstößen flog Freund Matthieu in den Chausseegraben, wo er so lange liegen blieb, bis die Franzosen vorbeigezogen waren. Dann schlich er, gründlich von seiner Franzosenfreundschaft geheilt, auf Umwegen nach Hause. Nicht soll der Wunsch gehegt werden, daß der Dame vom vorigen Sonntag ein ähnliches Geschick beschrieben sein möge, aber verdient hätte es wahrlich. Dr. W.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)

  

In der Samstagssitzung des ABS-Rats verlas der Vorsitzende Herr Kuhnert ein Telegramm aus Remagen, in dem gebeten wurde, von Bonn aus keine Arbeiter mehr dorthin zu schicken, da die Anfuhrstraßen zur neuen Rheinbrücke so weit gediehen seien, daß die erste Straße bereits Sonntag dem Verkehr übergeben werden könne. Dies bedeutet für die Bonner Brücke eine große Entlastung. Eine längere Aussprache rief der Antrag des Reservelazarett-Direktors hervor, im Interesse der Soldaten das Viktoriabad sobald als möglich zu öffnen, und zwar nicht nur die Brausebäder, sondern auch die Schwimmhallen. Im Grundsatz war man mit diesem Vorschlag einverstanden, aber von mehreren Seiten wurde auf den Kohlenmangel, der gerade jetzt durch die Transportschwierigkeiten ganz besonders fühlbar geworden ist, hingewiesen. Oberbürgermeister Spiritus bemerkte, daß es zwar sehr erwünscht sei, den Truppen hier Badegelegenheit zu bieten, unter den heutigen mißlichen Verhältnissen in der Kohlenversorgung sei er indes nicht dafür, daß die Schwimmhalle eröffnet werde. Der erste und einzige Grundsatz müsse sein, zuerst die Bürgerschaft mit Heizmaterial zu versorgen. Der Antrag wurde der Ortskohlenstelle zur Prüfung überwiesen.
   Herr Kalt teilte mit, daß mehrere Bonner Lazarette aufgehoben werden sollen. Er stellte den Antrag, in erster Linie die Beethovenhalle frei zu machen, da die Halle für andere Zwecke sehr notwendig sei. Der ABS-Rat erklärte sich hiermit einverstanden.
   Das Bezirkskommando ist wegen Verlegung geschlossen worden. Durch Anschlag wird bekannt gemacht, wohin sich die hier weilenden Truppen bei An- und Abmeldungen zu wenden haben. Nähere Auskunft in allen Fragen wird in der Zentralauskunftsstelle im Nordischen Hof (Poppelsdorfer Allee und Quantiusstraßen-Ecke) erteilt.
   Es wurde beschlossen, den Militärpersonen der Jahrgänge 1896/99, die nicht zur Entlassung kommen, keine Anzüge mehr zu geben, da die geringen Vorräte nicht im Entferntesten ausreichen, um die jetzt Entlassenen mit Kleidungsstücken zu versorgen.
   Auf Anfrage teilte Beigeordneter Bottler mit, daß infolge der knappen Zufuhren an Kohlen man jetzt noch nicht in der Lage sei, die Gassperre aufzuheben. Es sei besser, jetzt zu sparen, als später die Beleuchtung ganz einstellen zu müssen.
   Der Vertreter des Generalkommandos, Hauptmann Weniger, erklärte, daß das 59. Infanterie-Regiment hier in Bonn den Sicherheitsdienst ausüben werde. Die Mannschaften werden in der Fortbildungsschule und in der Infanterie-Kaserne untergebracht. Des weiteren gab der Vertreter des Generalkommandos die für Bonn wichtige Erklärung ab, daß die 7. Armee, die zusammen mit der 18. Armee hier durchkommen soll, nach neuerer Entscheidung ausschließlich über die Remagener Rheinbrücke und mit Fähren befördert wird. Die Remagener Brücke ist bereits vom 25. ds. ab für eine Kolonne, vom 29. ab für zwei Kolonnen bereit. Nur die schweren Lastwagen gehen über die Bonner Brücke, da die Rampen der Remagener Brücke nocht nicht beständig genug seien. Zur weiteren Entlastung der Bonner Brücke werden außerdem noch zwei Pontonbrücken über den Rhein geschlagen werden, und zwar die eine oberhalb Mondorf, die andere bei Niederdollendorf. Mit dem Bau der Brücken soll bereits am Montag begonnen werden.
   Auf den Antrag des Militärvertreters, die Rheinbrücke noch einmal auf ihre Tragfähigkeit prüfen zu lassen, gab Beigeordneter Piehl die Erklärung ab, daß an maßgebender Stelle keine Bedenken über die Tragfähigkeit der Brücke beständen. Lastautos überfahren die Brücke in Abständen von 50 Metern und für den Uebergang der Fußgänger sei nichts zu befürchten. Da drei Kolonnen nebeneinander die Brücke passieren, wird während dieser Zeit der Uebergang für Zivilpersonen gesperrt. Die Brückentore werden schon heute Sonntag ausgehoben.
   Oberbürgermeister Spiritus sprach namens der Bonner Bürgerschaft der Militärverwaltung den Dank dafür aus, daß sie einen Ausweg gefunden hat, Bonn durch die Ueberleitung der 7. Armee nach Remagen zu entlasten.
   Es wurde beschlossen, daß Gastwirtschaften zwei Drittel ihrer Betten für Einquartierung bereit halten müssen.
   Eine Kommission für den Besatzungsausschuß wurde gebildet, die je nach Bedarf noch erweitert werden kann. Dieser Kommission gehört auch der engere Vorstand des ABS-Rats an. Nach Schluß der Sitzung trat schon die Kommission mit der Verwaltung zu einer Sitzung zusammen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Die Bonner Husaren werden Sonntag nachmittag Bonn verlassen und nach Meppen ziehen.

Helft unseren heimkehrenden Kriegern durch Abgabe getragener Kleidungsstücke. Die Annahmestelle des städtischen Bekleidungsamtes, Martinstraße Nr. 18, nimmt täglich vormittags von 9 – 12 Uhr solche entgegen und zahlt höchste Preise.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Montag, 25. November 1918

    

Während der feindlichen Besetzung Vereins- und Versammlungsfreiheit. Herr Dr. Brüggemann teilt uns mit, daß er heute morgen folgendes Telegramm des Staatssekretärs Erzberger erhalten hat: Linksrheinischer Bevölkerung ist Erörterung innerpolitischer Fragen während Besetzung gewährleistet.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Die gestrige Volksversammlung im vollbesetzten großen Saale des Bürgervereins gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung liberal und demokratisch gesinnter Bürger und Bürgerinnen unserer Stadt im Sinne des republikanischen Gedankens. Als Vertreter der fortschrittlichen Volkspartei sprach Herr Stadtsekretär Holstenberg aus Düsseldorf. Er gab einen Ueberblick über die großen politischen Umwälzungen unserer Tage, die zur Abschüttelung der Diktatur Ludendorffs geführt haben und die bürgerlichen Parteien zu einer Neuordnung ihres Programms zwingen, da das alte Programm nicht mehr in die neue Zeit hineinpaßt. Wir haben ein gewaltigen Trümmerfeld vor uns, für dessen Aufräumung wir so bald als möglich Sorge tragen müssen. Deshalb brauchen wir vor allem die baldige Einberufung der Nationalversammlung, ohne die es keinen Frieden gibt. [...]
   
Alsdann legte im Namen der demokratischen Vereinigung Herr Johannes Scherer den Standpunkt seiner Partei gegenüber dem republikanischen Gedanken dar, indem er sich ohne Einschränkung auf den Boden der sozialen Republik stellte. Anstatt des bisherigen Mehrheitswahlrechts forderte er das sogenannte Verhältniswahlrecht, das auch die Minderheiten zu Worte kommen läßt und als notwendige Vorbedingung dazu eine neue gerechte Verteilung der Wahlkreise. Weiterhin trat er für eine gesunde Bodenreform ein, die der Sozialisierung der industriellen Betriebe voranzugehen habe, eine radikale Abschaffung der Familienstammgüter, an deren Stelle Kriegerheimstätten zu treten berufen seien; nur auf diesem Wege könne die als Lohndrücker wirkende „industrielle Reservearmee“ beseitigt werden.
   Kernige und packende, oft von Beifallsstürmen unterbrochene Worte fand hierauf Herr Geheimrat Landsberg von der Bonner Universität als Vertreter des nationalliberalen Gedankens. Am Schlusse seiner Ausführungen formulierte er folgende Sätze, die von den Erschienenen genehmigt wurden:
   „1. Die am 24. November tagende, von liberalen und demokratischen Ordnungsfreunden einberufene Volksversammlung faßt folgende Beschlüsse:
   Sie stellt sich auf den Boden der demokratisch-republikanischen Staatform und verurteilt alle kommunistisch-bolschewistischen Treibereien.
   2. Sie fordert im Namen der Gerechtigkeit und zur Sicherung eines baldigen Friedens die schleunige Einberufung einer verfassungsgebenden Nationalversammlung und befürchtet von ihrer weiteren Hinauszögerung Anarchie, Reichsverfall und gewaltsames Eingreifen unserer Feinde.
   3. Diese beiden Beschlüsse sollen als öffentliche Kundgebung der Reichsregierung und der Presse übermittelt werden.
   4. In Bonn soll die Wahl zur Nationalversammlung von allen liberalen und demokratischen Parteigruppen gemeinsam vorbereitet werden
   5. Die Volksversammlung betraut mit dem Auftrage hierzu den von ihr gebildeten Wahlvorbereitungsausschuß; der Ausschuß erhält das Recht zur Zuwahl.“
[...]
Als Vorsitzender eröffnete und schloß die Versammlung Herr Dr. Krantz, nachdem er die Namen der Vertrauensmänner für die Wahlvorbereitung ausgegeben und von den Versammelten die allgemeine Zustimmung hierzu erhalten hatte.

    

Unsere Menschenverluste im Weltkrieg.
Nach einer privaten Bearbeitung der deutschen Verlustlisten bis zum 24. Oktober 1918 beträgt unser Gesamtverlust
1,611,104 an Toten,
3,683,143 an Verwundeten,
   772,522 an Vermißten;
6,066,769 insgesamt
(Nach Abzug der Gefangenen verbleiben tatsächlich noch 151,248 Vermißte, von denen die meisten tot sein dürften. Die Gesamtzahl der Toten wird unter Hinzurechnung der noch nicht berücksichtigten Verlustlisten auf rund 2 Millionen geschätzt.)

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Universität. Folgende Bekanntmachung ist an verschiedenen schwarzen Brettern der Universität zu lesen: Auf meine Anfrage an die Waffenstillstandskommission, ob auch diejenigen in Bonn immatrikulierten Studierenden, die ihren Wohnsitz im Sinne des Rechts nicht im linksrheinischen Gebiet haben, als „Einwohner“ im Sinne des Abschnitts 6 der Waffenstillstandsbedingungen gelten, und damit ungefährdet in Bonn bleiben können, habe ich soeben folgende Antwort erhalten: „Telegramm: Rektor Zitelmann Bonn. „Alle dort immatrikulierten Studenten können ruhig dort bleiben. Staatssekretär Erzberger.“ Der Rektor Zitelmann.“

„Was ist nur vorgegangen in der Heimat? Wir haben seit Wochen keine Zeitungen mehr gelesen!“ Diese Frage kann man des Oefteren von unseren tapferen heimkehrenden Frontsoldaten hören. Ueberreicht daher den nach Aufklärung suchenden Kriegern die von Euch gelesene Deutsche Reichs-Zeitung, nicht nur solche von heute und gestern, sondern auch die in den letzten Wochen erschienenen, damit sie über die Vorgänge im Vaterland der Wahrheit gemäß unterrichtet werden.

Die Uniform als Zivilrock. Wegen Mangels an Zivilkleidern werden die Mannschaften ersucht, Militäranzüge weiter zu tragen. Der militärische Stand fällt fort, wenn die militärischen Abzeichen abgenommen und die Knöpfe durch Zivilknöpfe ersetzt werden. Vollends ist aber der Charakter der Uniform genommen, wenn ein anderer Kragen aufgesetzt wird. Das versteht jeder Schneider und er kann in dieser Richtung auch die besten Ratschläge geben. Auf alle Fälle ist bei dem Mangel an Zivilkleidern nicht darauf zu rechnen, daß nun sofort alle aus dem Heeresdienst Entlassenen einen Zivilanzug erhalten. Das kann sich bei der Schnelligkeit, mit der die Demobilisierung eingeleitet werden muß, erst allmählich vollziehen. Das möge man bedenken und nicht mit allzu unmöglichen Forderungen an die städtische Verwaltung oder andere Dienststellen herantreten. Nur eine völlig geordnete Abgabe kann jedem zu seinem Recht verhelfen. In erster Linie sorge aber jeder aus dem Heeresdienst Entlassene, daß er auch die richtigen Entlaßpapiere besitzt, denn sonst kann es ihm blühen, daß er von den Besatzungstruppen interniert wird, weil er sein Ausscheiden aus dem Heeresdienst nicht nachweisen kann.
  
Der Einquartierungsausschuß macht wiederholt darauf aufmerksam, daß die Einquartierung ohne Verpflegung erfolgt. Der sich etwa auf Quartierzetteln gedruckt oder handschriftlich vorfindende Vermerk „mit Verpflegung“ ist ungültig.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Dienstag, 26. November 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1918Fremdtruppen am Rhein. Inmitten der sich überstürzenden Nachrichten über die Entwicklung unserer inneren und äußeren Angelegenheiten, die so oft einander widersprechen und sich gegenseitig ausschalten, steht für uns Rheinländer nun das eine fest, daß wir im Laufe der nächsten Woche die Besetzung mit Fremdtruppen erhalten werden. Das dies eine Sache ist, die jeden berührt, zeigt auch ein Schreiben, das der Staatssekretär Erzberger als Vorsitzender der Deutschen Waffenstillstandskommission an Professor Kamp, den Herausgeber der Zeitschrift für Volksernährung, unter dem 22. November gerichtet hat. Ihm waren Vorschläge über die Beköstigung der Fremdtruppen unterbreitet worden. Er hat darauf erwidert, daß er die Zuschrift mit bestem Dank erhalten habe, die Anregung für das übrige Besetzungsgebiet von Interesse sei und dort weiter verfolgt werden soll. Für Anregungen solcher Art sei er stets dankbar, umso mehr, da die gesamte Bevölkerung mitarbeiten müsse, damit die kommende schwere Zeit überhaupt erträglich gemacht werde.

Die Schaufensterbeleuchtung mit Gas- oder elektrischem Licht ist des Kohlenmangels wegen bis auf weiteres verboten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

    

Reklamierte Heeresangehörige, die sich im linksrheinischen Gebiet aufhalten und noch nicht ordnungsgemäß entlassen sind, haben sich unverzüglich beim nächsten Bezirkskommando oder, wo solches nicht mehr vorhanden, bei der nächsten militärischen Dienststelle unter Vorlegung ihrer ordnungsgemäßen Reklamationspapiere zwecks Entlassung aus dem Heeresdienste zu melden. Andernfalls laufen sie Gefahr, von den Ententetruppen gefangen genommen zu werden.
Heeresgruppe Gallwitz

Schleunige Ablieferung von Waffen und Munition. Das Kommando der Bürgerwehr schreibt uns:
Bekanntlich hat der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat kürzlich eine Verfügung erlassen, nach der sämtliche Besitzer von Militärwaffen und Munition verpflichtet sind, diese bis zum 20. d. Mts. abzuliefern. Jedem Bonner Bürger wird empfohlen, sich einmal zu überlegen, welche Folgen Zuwiderhandlungen gegen diese Verfügung bei Eintreffen der feindlichen Besatzung haben könnten. Trotz alles dessen, was seit Kriegsausbruch unser Denken gefangen genommen hat, wird jedem noch in frischer Erinnerung sein, wie die bewaffnete Zivilbevölkerung Belgiens sich bei dem Einmarsch unserer Truppen am Kampfe beteiligt hat. Diese Vorkommnisse werden auch dem Führer der feindlichen Besatzungstruppen, die wir in unserer Mitte dulden müssen, zu denken geben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß Hausdurchsuchungen nach Waffen und Munition angeordnet werden. Wer dabei im Besitze von Militärwaffen und Munition getroffen wird, schwebt in größter Gefahr für Freiheit und Leben und gefährdet darüber hinaus auch die gesamte Bürgerschaft, Das eigenste Interesse sollte daher jeden, der solche Waffen und Munition besitzt, zur pünktlichen Abgabe anhalten, falls nicht schon sein Pflichtgefühl ihn dazu zwingt. Wirke jeder in diesem Sinne auf seine Mitbürger ein, damit uns allen größeres Unheil erspart bleibt!

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

    

Sitzung des Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrates der Stadt Bonn vom 25. November.
Vorsitzender: Herr Schmitz.
Der Sicherheitsausschuß hat, wie Beigeordneter Bottler berichtete, am Samstag mit dem Regiment Nr. 59 über die Verteilung der Wachen zwischen Regiment und der Bürgerwehr Vereinbarungen getroffen.
   Ein Mitglied des A.-B.S.-Rates beantragt, die Polizeistunden für Wirtschaften auf 10 Uhr und das Verbot des Betretens der Straßen auf 11 Uhr festzulegen. Beigeordneter Bottler berichtete, daß der Sicherheitsausschuß für die bisher geltenden Zeitfestsetzungen sei. Der Vorsitzende bemerkte, der Vorstand habe die Absicht gehabt, eine Verlängerung zu beantragen. Der Vorstand werde sich wegen der Angelegenheit nochmals mit dem Sicherheitsausschuß ins Benehmen setzen.
[...]
Ein Mitglied des Arbeiterausschusses beklagte sich über das Vorgehen der Offiziere der 18. Armee dem Transportausschuß gegenüber. Es sei ihnen gedroht worden, daß die am Bahnhof tätigen Mitglieder des Transportausschusses verhaftet würden, wenn sie sich nicht fügten, die Tische seien umgestoßen worden. Eine Reihe von Fahrscheinen sei abhanden gekommen. Gegen ein derartiges Vorgehen der Offiziere müsse eingeschritten werden.
   Geheimrat Schultze vom Einquartierungsausschuß teilte mit, daß die 216. Infanterie-Division die Bewachung der öffentlichen Gebäude übernommen habe. Für Einquartierungszwecke sollen der Bürgerschaft noch 2500 Papierstrohsäcke leihweise überlassen werden.
   Die Gesundheitskommission teilte die Bitte der Militärverwatung mit, das Viktoriabad wieder zu eröffnen und den Soldaten zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung zu stellen. Die erforderlichen Kohlen werde die Militärverwaltung liefern. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, soll das Viktoriabad für Soldaten geöffnet werden.
   Die Frage der Bezüge der Ausschussmitglieder ist dahingehend geregelt worden, daß soldatische Mitglieder täglich 6,50 Mark, nichtsoldatische Mitglieder bis zu 11 Mark erhalten. Bei höheren Forderungen soll von Fall zu Fall entschieden werden.
   Der Vorsitzende legt folgende Entschließung als Antrag des Vorstandes vor:
   Der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat der Stadt Bonn stellt sich auf den Boden der neuen Regierung in ihrem Bestreben, Ruhe und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Als unbedingte Notwendigkeit wird die baldige Einberufung der Nationalversammlung gefordert.
   Der A.-B.-S.-Rat stimmte zu.
Herr Sarnes bemerkte, daß der Aufzug von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett und mit Stahlhelm seht unangenehm gewirkt habe. Außer den Ausschreitungen in der Nacht zum 9. November sei nichts mehr vorgekommen, so daß man sich einen derartigen Aufzug sparen könne. Die Militärmusik habe am Denkmal auf dem Kaiserplatz Heil Dir im Siegerkranz gespielt. In der heutigen Zeit sei dies nicht angebracht. Seine Partei sei mit allen Mitteln an der Arbeit, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. In Siegburg habe man große Versammlungen mit Besucherzahlen von 5000 Mann abgehalten, um eine Flut von Arbeitslosen von der Stadt Bonn abzuhalten. Die Maßnahmen des Generals Hutier seien geeignet, ein derartiges Bestreben durch die aufreizenden Gegensätze zu durchkreuzen. Die Bajonette und Pickelhauben müssen unbedingt verschwinden, sie sind eine Herausforderung des ganzen Bürgertums.
[...]
Ein soldatisches Mitglied teilte mit, daß er sich in Köln über die Existenzberechtigung der Soldatenräte nach Abzug der Garnisonen erkundigt habe, es sei ihm die Auskunft gegeben worden, daß die Soldatenräte weiter bestehen bleiben. Der Vorsitzende bemerkte, die Frage werde geprüft. Wenn die Besatzung überall wie in Straßburg verfahre, werde sich die Sache ja bald von selbst entscheiden.
[...]
Nächste Sitzung: Dienstag vormittag.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Mittwoch, 27. November 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. November 1918Alle Wehrpflichtigen, die vor dem 1. August 1914 ihren Wohnsitz nicht im linksrheinischen Gebiet hatten, müssen, wie das stellvertretende Generalkommando und der Soldatenrat der 8 Armee bekannt machen, das bis zu 10. Dezember 1918 verlassen haben, da sie sich sonst der Gefahr der Internierung aussetzen.

Streupflicht der Anlieger an den Durchmarschstraßen. Die Straßen sind jetzt infolge der Novemberwitterung frühmorgens sehr glatt und es ist unabweisbare Pflicht der Anlieger, den Durchmarsch der Truppen durch Bestreuen der Straßen mit Asche oder anderem abstumpfenden Material zu erleichtern. Jeder bedenke, daß es seine vaterländische Pflicht ist, auch an seinem Teil dazu beizutragen, daß der uns durch unsere Feinde mit aller Härte aufgezwungene Rückmarsch ordnungsmäßig verläuft, damit nicht noch viele Deutsche gezwungen werden, in Feindeshand zuguterletzt ins Gefängnis zu kommen.

Die Beethovenhalle, die seit Kriegsbeginn als Lazarett gedient hat, wird zurzeit geräumt. Am letzten Samstag hatten die Schwestern des Lazaretts noch einmal eine schlichte Weihnachtsfeier für die Verwundeten veranstaltet, die Kosten dafür waren schon früher durch einen „bunten Abend“ und durch Spenden aufgebracht worden. Der Chefarzt des Reservelazaretts III, Geheimrat Schmidt, nahm in seiner herzlichen Ansprache Abschied von den noch etwa 80 Verwundeten und dankte den Schwestern für ihre unermüdliche, treue Fürsorge. Pfarrer Dr. Richter gedachte der über vierjährigen aufopfernden Tätigkeit der Aerzte. Beide Redner dankten zum Abschied den tapferen Kameraden für alles, was sie in vierjährigen Kämpfen und Opfern für das Vaterland getan, und wünschten ihnen baldige Gesundung und Heimkehr. Im kommenden Frieden sollte wieder aufgebaut, was zerstört und verloren se; denn Deutschland könne nicht untergehen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat. In der gestrigen Sitzung rief die Mitteilung, daß die Militärbehörde den vom ABS-Rat eingesetzten Transportausschuß ohne vorheriges Einvernehmen mit dem Rat aufgelöst hat, großen Unwillen bei einigen Mitgliedern hervor. Die Mitglieder Niedermair und Schmock erhoben gegen dieses eigenmächtige Vorgehen des Offizierkorps der 18. Armee energischen Einspruch. Sie forderten die Wiedereinsetzung des Transportausschusses, damit wenigsten der Zivilbevölkerung die nötigen Reiseausweise beschafft werden könnten. Es ginge nicht an, das ein mit den Verhältnissen nicht vertrauter Schalterbeamter oder eine Beamtin die Reiseerlaubnis geben oder verweigern könne. Wie Herr M. Schmitz mitteilte, sei der Major, der die Auflösung des Transportausschusses angeordnet habe, der Meinung gewesen, dem ABS-Rat damit einen Gefallenen zu tun. [...] Man könne ja auch froh sein, daß der militärische Reiseverkehr jetzt durch das Militär geregelt werde. Am besten treffe man wegen des Reiseverkehrs für die Zivilbevölkerung Abmachungen mit dem Bahnhofsvorstand. [...] Die Zivilpersonen müßten sich die Reiserlaubnis erst vom zuständigen Polizeikommissar bescheinigen lassen und aufgrund dieser Bescheinigung soll dann die Erlaubnis am Bahnhof erteilt werden. Die Versammlung erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden. [...]Wegen des in der vorigen Sitzung erwähnten Aufrufs des Oberbefehlshabers Hutier sei eine Einigung mit der Militärbehörde erzielt worden. Am Schluß des Aufrufs wird der Satz hinzugefügt: „Die Tätigkeit des ABS-Rats der Stadt Bonn im bisherigen Umfange und soweit sie nicht in die militärischen Kommandogewalt eingreift, wird durch die vorstehenden Bestimmungen nicht berührt.“ Hierdurch sei der ABS-Rat von der Militärbehörde anerkannt worden. [...]

Dolmetscher gesucht. Die städtische Verwaltung sucht Herren, die die französische oder englische Sprache vollkommen beherrschen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Kundgebung der Bonner Polizei-Beamten in der Versammlung der städtischen Beamten und Angestellten der Stadt Bonn am 22. November 1918. Die Umwälzung im Deutschen Reich hat besonders die Polizei in Mitleidenschaft gezogen. An der großen Abneigung, die gegen die Polizei allgemein in der Forderung der Entwaffnung derselben zum Ausdruck kommt, tragen weniger die einzelnen Polizei-Beamten, als die ganze Einrichtung die Schuld. Der alte Polizeistaat ist nunmehr zusammengebrochen und ein neuer Staat nach freiheitlichen Richtlinien ist im Werden begriffen. Die jetzt beginnende Neuordnung auf demokratischer Grundlage stellt deshalb gerade der Polizei hohe und wichtige Aufgaben. Es ist die Pflicht eines jeden Polizei-Beamten, hierbei mitzuhelfen, weil die Polizei auch im neuen Staatsleben zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung nicht entbehrt werden kann. Wenn das neue Staatsgebäude, zu dem jetzt der Grundstein gelegt worden ist, ein festes, dauerndes Gefüge erhalten soll, so wird gerade die Polizei ein Eckpfeiler werden müssen, der allen späteren Stürmen Trotz bietet. Es heißt jetzt auch die Polizei auf diese neuen Verhältnisse einzustellen. Sie darf in dem neuen Hause nicht mehr als ein notwendiges Uebel und als eine vom Publikum gefürchtete Einrichtung gelten, sondern sie muß als die zuverlässigste Stütze des gesamten Staatsordnung, frei von jeder Bevormundung und Bürokratie, getragen von dem Vertrauen der Bürgerschaft ein Beschützer und Berater für jeden Bürger sein. [...]

Kriegsnotgeld. Die Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land und der Siegkreis geben unter ihrer Gewähr weiteres in diesen Kreisen gültiges Kriegsnotgeld in Scheinen zu 50 und 25 Pfg. aus. Diese Scheine haben auf der Vorderseite auf farbigem Untergrund das Bonner Wappen und in Mittel- und Eckschildern die Wertangabe; die farbige Rückseite enthält die Bonner Rheinbrücke und zu beiden Seiten derselben die Wertangabe. Die 50 Pfg.-Scheine sind grün, die 25 Pfg.-Scheine blau.

Vom Rhein. Ein ungewöhnlich kleiner Wasserstand ist gegenwärtig zu verzeichnen. So klein wie jetzt ist der Rhein lange nicht gewesen; im allgemeinen herrscht um diese Jahreszeit gutes Fahrwasser. Bei dem klaren, mit Nachtfrost verbundenem Wetter ist mit weiterem Rückgang zu rechnen. Die tiefgehenden Schiffe können schon längst nicht die volle Last nehmen, und vielfach sind zu tief beladene Fahrzeuge vor Anker gegangen. [...]

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Donnerstag, 28. November 1918

  

Truppendurchzug. Von heute ab werden die großen geschlossenen Verbände der 18. Armee durch Bonn über den Rhein ziehen. Es wird nun, nachdem in den letzten Tagen verhältnismäßig wenig Kraftwagen, Fahrzeuge usw. hier durchgekommen sind, in den nächsten acht Tagen einen militärischen Hochbetrieb in Bonn geben. Die von heute ab durchmarschierenden Truppen sind die eigentlichen Fronttruppen, die all den vielen Durchbruchversuchen der Feinde immer wieder standgehalten und dadurch unser schönes Rheinland davor behütet haben, Kriegsschauplatz zu werden. Der Dank dafür mag auch in Bonn zum Ausdruck kommen: durch freundliche Aufnahme der hier einquartierten und herzliche Begrüßung der durchziehenden Truppen.

Die Polizeistunde für das Betreten der Straßen ist auf 11 Uhr, die für Wirtschaften und Vergnügungsstätten auf 10 Uhr ausgedehnt worden.

Englische Besatzungstruppen für Bonn. Die frühere Meldung, daß Engländer die Festung Köln (und damit auch das im Festungsbereich liegende Bonn) besetzen würden, wird bestätigt durch eine Meldung der Nouvelle Correspondance. Danach teilte General March mit, daß die amerikanische Armee Koblenz gegen den 1. Dezember erreichen und diesen Brückenkopf zu diesem Zeitpunkt besetzen werde. Die Engländer würden Köln und die Franzosen Mainz besetzen.
    Staatssekretär Erzberger, der Vorsitzende der deutschen Waffenstillstandskommission, macht bekannt: im linksrheinischen Gebiet laufen unzählige Gerüchte um über die Stärke und Art der künftigen Besatzungstruppen. Alle diese Nachrichten sind falsch, da der Oberbefehlshaber der Alliierten noch keinerlei Entscheidung in dieser für das linke Rheinufer bedeutsamen Frage getroffen hat. Sobald bestimmte Nachrichten vorliegen, werden sie alsbald veröffentlicht werden, wie auch über die Regelung des Personenverkehrs nach den besetzten Gebieten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Die Lebensmittelvorschriften bleiben bestehen. Der Staatssekretär des Kriegsernährungsamts tritt der vielfach verbreiteten Ansicht entgegen, daß mit dem Eintritt der neuen Regierungsform die bisherigen Lebensmittelvorschriften außer Kraft getreten seien. Er weist demgegenüber darauf hin, daß gerade im gegenwärtigen Augenblick de Einhaltung der Vorschriften über Abgabe von Nahrungsmittel nur gegen Karte, Verfütterungsverbote usw. mit verschärfter Genauigkeit durchgeführt werden müssen, wenn eine Stockung der Lebensmittelversorgung in den wichtigsten Verbrauchsgebieten vermieden werden soll. Es stehe noch in keiner Weise fest, wann die von den Ententeländern in Aussicht genommenen Lebensmittel eintreffen und zur Verteilung kommen würden.

Ein Ahnungsloser. Ein Feldgrauer von der Front trank gestern am Schanktisch eines Lokals an der Bahnhofstraße ein Glas Bier und ließ sich eine Zigarre geben. Harmlos gab er dem Wirt einen Fünfzigpfennigschein. „Was soll ich damit?“, fragte dieser. „Ein Glas Bier macht 35, eine Zigarre 1 Mark.“ Der Soldat stutzte, zahlte dann aber schweigend und ging seiner Wege. Er war der Heimat fremd geworden.

Den Fronttruppen zum Willkomm.
Da es nicht möglich ist, allen durch Bonn kommenden Truppenteilen einzeln den Gruß der Stadt zu entbieten, hat der Oberbürgermeister namens der Bürgerschaft die nachstehende schriftliche Begrüßung an die 8. Armee gerichtet, die nach Vervielfältigung durch Vermittlung der militärischen Kommandostellen jedem Truppenteil zugeht.
An die durch Bonn rückenden Fronttruppen der 18. Armee.
In den nächsten Tagen überschreiten die Divisionen der 18. Armee bei Bonn den Rhein. Die Bürgerschaft der Stadt entbietet den tapferen Kriegern herzlichen Gruß und begeistertes Willkommen. Heißer Dank des Vaterlandes ihnen, die im Jahre langen Kampfe Leben und Gesundheit für die Heimat einsetzten. Unvergessen bleibt deutscher Mut und deutsche Treue in Not und Tod. Schwer lastet auf uns der Druck der Zeit. Doch den Glauben an Deutschlands Zukunft kann ein heldenhaftes Heer und ein aufrechtes Bürgertum nie verlieren!
Der Oberbürgermeister.
Spiritus.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Notbrücken für den Rheinübergang der Truppen sind bezw. werden geschlagen bei Mondorf, bei Niederdollendorf, bei Mehlem, bei Brohl und bei Neuwied. Der Oberpräsident der Rheinprovinz als Chef der Rheinstrombauverwaltung macht bekannt: Während des Brückenbaus werden etwa 3 Kilometer oberhalb jeder Brücke Wahrschauer aufgestellt und außerdem 1000 Meter ober- und 500 Meter unterhalb Wachtpontons festgelegt. Die Schiffsführer haben auf den Zuruf und die Flaggenzeichen der Wahrschauer genau zu achten und den Weisungen der Mannschaften des Wachtpontons Folge zu geben. Eine auf den Wachpontons aufgezogene blauweiße Flagge gilt als Zeichen, daß die Brückenstelle nicht durchfahren werden darf. Das Schwenken einer roten Flagge gibt an, daß die Talfahrt frei ist, einer weißen Flagge, daß die Bergfahrt frei ist. Die Durchfahrt durch die Oeffnungen der Brücken darf erst erfolgen, wenn auf der Brücke die für die Durchfahrt durch Rheinbrücken in der Rheinschiffahrts-Polizeiverordnung vorgeschriebenen Flaggenzeichen gegeben werden. Die Oeffnungszeiten der Brücken werden noch bekannt gegeben werden. [...]

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Die maßgebenden Stellen unseres Bonner Apparates werden gebeten, nachstehende Ausführungen einer geneigten Ueberprüfung unterziehen und Abhilfe schaffen zu wollen.
1. In der Infanterie-Kaserne der Argelanderstraße liegen unzählige Werte militärischer Ausrüstungsgegenstände frei herum und werden tagtäglich von der Bonner Jugend in Gegenwart der Soldaten fortgeschleift. Spaten, Pickelhacken. Patronentaschen, Seitengewehre, ja selbst scharfe Patronen sind im Besitze der Jugend! Auf dem Kasernenhof fahren Lastautos über letztere, sodaß häufig genug auf diese Weise höchstgefährliche Entladungen vorkommen. Erstens der Gefahr und zweitens der Werte wegen müßte hier sofort eingeschritten werden. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich die Frage aufwerfen: Was bezweckt die regelmäßige Schießerei in dieser Gegend? Selbst abends nach 9 und 10 Uhr fallen oft scharfe Schüsse, die häufig dann vom Venusberg aus anscheinend beantwortet werden. Was kann ein einziger Schuß, der auch aus jugendlichem Leichtsinn abgegeben wird, für die Stadt Bonn bedeuten, ist in 14 Tagen die Besatzung da? Man erinnere sich gewisser Vorgänge in Belgien und ziehe die Konsequenzen – ab sofort und rücksichtslos!
2. Dringlichst genug kann nicht empfohlen werden, für die Instandsetzung aller Straßenlampen jetzt schon zu sorgen. Je nachdem man uns mit einer Besatzungsart beehrt, müßten die Straßenbeleuchtungen zum Schutze der Zivilbevölkerung beitragen. Andererseits läßt sich bei eintretender Dunkelheit der Verkehr – auch für Frauen – nicht einstellen, auch nicht, wenn der Feind da ist.
3. Jetzt schon müßte m. E. auf das energischste eingeschritten werden gegen den Unfug, Kinder und – ja, ich nenne es absichtlich in einem – Mülleimer nach eingetretener Dunkelheit auf der Straße zu dulden. Deshalb warne ich Beide in einem, weil man nicht mehr sagen kann, welcher Unfug hier der größere ist. Unerwachsene suchen in der Dunkelheit wahrlich nichts gutes mehr auf der Straße und müßten von der Bürgerwehr einfach durchweg zur Anzeige gebracht werden. In einigen Tagen hörte die Belästigung Erwachsener auf! Und jeder, der seinen Mitbürger durch Stehenlassen des Mülleimers gefährdet, müßte durch entsprechend hohe Strafe dazu gebracht werden, sich jetzt schon mit dem Gedanken vertraut zu machen, was es für ihn und die betr. Straße bedeuten kann, geschieht durch die Nachlässigkeit eines Bonners einem der Herren der Besatzung ein Leid.
[...] Sch.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

Freitag, 29. November 1918

  

Ausstellung von Verwundeten-Arbeiten. Am 2., 3. und 4 Dezember wird in Bonn zum letzten Mal eine Ausstellung nebst Verkauf von Arbeiten unserer Verwundeten stattfinden, und zwar im Saal der Cohenschen Buchhandlung, am Hof 30, 1. Stock, Die Bonner Bürgerschaft, die den bisherigen Ausstellungen stets lebhafte werktätige Teilnahme entgegenbrachte, wird ihr Interesse auch dieses Mal hoffentlich betätigen, namentlich da wieder eine reiche Auswahl von hübschen und praktischen Sachen für den Weihnachtstisch vorhanden ist. Der Erlös soll diesmal, da er zur Neuanschaffung von Rohstoffen nicht mehr nötig ist, nach Abzug der Unkosten einem Kriegsbeschädigtenheim oder ähnlichen Einrichtung für unsere tapferen Feldgrauen, die ihre Gesundheit für uns hingaben, zur Verfügung gestellt werden, mit der besonderen Anweisung, den Insassen dafür hin und wieder eine besondere Freude zu bereiten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

  

Die Wehrpflichtigen im besetzten Gebiet.
Die Bekanntmachung in der Presse vom 27. November 1918, daß alle Wehrpflichtigen, die vor dem 1. August 1914 ihren Wohnsitz nicht im linksrheinischen Gebiet hatten, und diesen Wohnsitz verlassen müßten, um nicht interniert zu werden, ist weder vom stellv Generalkommando 8. A.-K. noch vom Soldatenrat Koblenz erlassen worden. Das Ministerium des Inneren teilt vielmehr unterm 22. November 1918 mit, daß wehrpflichtige deutsche Arbeiter und Beamte in den zu räumenden Gebieten des Rheins nicht zurückzuziehen sind. Arbeitskräfte haben auf ihren Arbeitsstellen zu bleiben. [...]

Arbeiter- und Bürgerrat. Wie der Vorsitzende Dr. Krantz in der gestrigen Sitzung mitteilte, ist der Soldatenrat aus dem ABS.-Rat ausgeschieden, da die militärischen Formationen aufgelöst sind und deshalb eine Vertretung dafür nicht mehr erforderlich ist. Hauptmann Strübb [in den anderen Zeitungen: Strich] wird in der Folge als Vertreter der militärischen Vertrauensleute an den Sitzungen teilnehmen. Der Rat wird nunmehr unter dem Namen „Arbeiter- und Bürgerrat“ tagen. Er wird nach wie vor die militärischen Interessen der entlassenen Mannschaften aufs beste vertreten. An die Ausschussmitglieder wurden neue Armbinden in den Farben schwarz-rot-gold ausgegeben.
    Oberbürgermeister Spiritus verlas einen schriftlichen Gruß der Stadt Bonn an die durchziehenden Fronttruppen, der an anderer Stelle unseres Blattes zum Abdruck gelangt. Der Vorsitzende teilte mit, daß ein Vertreter des Kriegsministers gestern hier war, um Erkundungen darüber einzuziehen, ob der Durchzug der Truppen glatt vonstatten ginge und wie die Stimmung der Bevölkerung sei. Mit der Auskunft, die ihm der Vorsitzende geben konnte, war der militärische Berater sehr befriedigt.
[...]
Wie der Vorsitzende mitteilte, hat ihm der Kapellmeister der 59er die Erklärung abgegeben, daß entgegen der Behauptung eines Mitglieds des Arbeiterrats seine Kapelle auf dem Kaiserplatz am vorigen Samstag „Heil dir im Siegerkranz“ nicht gespielt habe.
    Auf die Anfrage, welche Besatzung hierher nach Bonn komme, bemerkte der Vorsitzende, daß nach den neueren Mitteilungen wahrscheinlich Engländer kommen würden; Bestimmtes könne man natürlich noch nicht sagen. Wer aber auch komme, die Hauptsache sei, daß die Bevölkerung sittlichen Ernst und Nationalstolz bewahre. Namentlich die Weiblichkeit müsse gewarnt werden. Man solle keine feindliche Haltung äußern, aber Nachlaufen brauche man ihnen nicht. Er schlage vor, daß nach dem Rezept der Belgier allen weiblichen Personen, die mit dem Feind kokettieren, der Kopf kahl geschoren werde. Der Vorschlag rief große Heiterkeit hervor. (Wir empfehlen eine vollständige Rasur. Die Schriftl.)
   Es wurde nochmals darauf hingewiesen, die vier Bonner Kasernen so bald wie möglich für die Besatzung instand zu setzen, da es sonst wie in Trier gehen könne, wo die feindlichen Soldaten einfach bei Bürgern Quartier bezogen hätten.
   Bezüglich der Verpflegung der Truppen berichtete Baurat Piehl, daß die Verpflegung der Soldaten gut geregelt sei. Man habe auch Vorkehrungen getroffen, daß die Nahrungsmittelversorgung der Bürgerschaft nicht unter der Fahrtbehinderung, die durch die Truppendurchzüge hervorgerufen werde, zu leiden habe. In der Milchversorgung seien aber kleine Störungen nicht zu vermeiden. In der Frage der Versorgung der Soldaten mit Entlassungs-Anzügen bemerkte Baurat Piehl, daß das Städtische Bekleidungsamt augenblicklich nicht in der Lage sei, Zivilkleidung zu liefern. Für jetzt müsse jeder sehen, bei Verwandten oder Bekannten Zivilkleidungsstücke zu erhalten, da die Franzosen in anderen Städten die abgeänderten Uniformen nicht als Zivilkleidung anerkannt hätten. [...]
    Herr Schmock fand es an der Zeit, daß man jetzt, da der Krieg doch sozusagen zu Ende sei, ganz energisch gegen den Wucher und den Schleichhandel vorgehe, damit endlich wieder ein ehrliches Geschäftsgebaren Platz greife.
[...]
Die nächste Sitzung findet am Samstag statt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Deutsche Demokratische Partei. Eine stark besuchte Mitgliederversammlung der Fortschrittlichen Volkspartei und der demokratischen Vereinigung beschloß gestern abend die sofortige Gründung der Deutschen Demokratischen Partei in Bonn, da keine Stunde zu verlieren sei, wenn man die neue Partei vor dem Eintreffen der feindlichen Besatzung noch unter Dach und Fach bringen wolle. Es wurde ein geschäftsführender Auschuß unter dem Vorsitz von Dr. Brüggemann gewählt zur Werbung weiterer Mitglieder, zur Vorbereitung einer großen Werbeversammlung und der ersten Hauptversammlung.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Samstag, 30. November 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1918Der Durchzug der 18. Armee hat bisher noch nicht den Umfang angenommen, den man nach den umfangreichen Vorkehrungen – Sperrung der vier Marschwege für den privaten Fuhrwerksverkehr, Einstellung des Straßenbahnbetriebs – erwarten durfte. Den ganzen Tag fuhren schwere und leichtere Kraftwagen, Fuhrwerke, Geschütze usw. über die Brücke, im ganzen sind es aber wohl nicht mehr als auch Ende voriger Woche schon. Von Fußtruppen sind erst einige Regimenter durchgezogen. Die Rheinbrücke brauchte für den Fußgängerverkehr der Zivilbevölkerung noch nicht gesperrt zu werden, das für diesen Fall fahrbereit liegenden Fährschiff Hochstaden brauchte daher bislang nicht zu verkehren.

Einquartierungsausschuß. Die Ausgabe von Strohsäcken zu Einquartierungszwecken wird von heute an eingestellt. Bei allem Bestreben, die Belegung von Bürgerhäusern mit Einquartierungen in gerechter Weise durchzuführen, können Unstimmigkeiten, die den Eindruck ungerechter Verteilung erwecken, nicht vermieden werden. Die Bürgerschaft wird gebeten, diesbezügliche Beschwerden mit Rücksicht auf die ungeheure Arbeitslast des Einquartierungsgeschäftes tunlichst zu unterdrücken.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Für die heimkehrenden Truppen bat durch einen kurzen Aufruf in der Zeitung um eine Liebesgabe der Hilfsausschuß für Truppen. Am selben Abend spendete der Bonner Bürgerverein für diesen Zweck 300 Mk.; eine Sammlung am langen Tisch ergab 207,75 Mk. und einige weitere Zeichnungen beliefen sich auf 300 Mk., sodaß dem Hilfsausschuß sofort 807,75 Mk überweisen werden konten.

Bonner Straßenbilder vom Durchzug der Truppen.
Es ist ein buntes Bild, was unsere Straßen jetzt belebt.
Es bietet Fröhliches und Trübes sich dem Auge dar;
Der Menschenstrom wog durcheinander, jeder strebt
Zu schauen möglichst viel von unserer Kriegerschar.
Da kommen sie in langen Reihen anmarschiert,
Die Mütze schön geschmückt, ein Sträußlein an der Brust
Und das Marschieren geht noch gerade wie geschmiert,
Sodaß es anzuseh’n ist eine Lust.
Wir freuen uns für jeden, der da kehrt zurück,
Daß Gott bewahrte ihn in dieses Krieges Schrecken.
Es streift voll Wehmut alle unser Blick,
Wie schön, wenn wir was Liebes auch entdecken.
Wenn die Kapelle spielend zieht an uns vorüber,
Vergessen wir auf kurze Zeit das Schwere, was uns drückt.
Der Bönnschen Jugend ist es auch bei weitem lieber,
Wenn solchen Ohrenschmaus zu hören ihnen glückt.
Das ist ein Fest jetzt für die Kinderwelt,
Genoß doch nie sie solche seltene Freuden
Jetzt wird von ihnen alles auf den Kopf gestellt,
Voll Trauer denken sie schon an der Krieger Scheiden.
Stolz wie die Spanier reiten Buben auf dem Pferde,
Wie sie sich brüsten, ist gar drollig anzuseh’n;
Und als Besitzer fühlen sie sich von der ganzen Erde
Sie finden diese Zeit ja gar zu schön.
Soldaten zieh’n vorbei mit fröhlichem Gesang,
Gottlob, daß sie verlernten nicht das Singen;
Wir lauschen noch, wie sie die Straße geh’n entlang,
Doch schon wird aufgenommen man von anderen Dingen.
Bagagewagen in unendlich großer Menge,
Mit Tannenbäumen, Bändern schön geziert.
Sie fahren sicher und vorsichtig durch’s Gedränge,
Die Kinder oben drauf lustig und ungeniert.
Ein großer brauner Hund, der mit im Krieg gewesen,
Sitzt auf dem Vordersitz dicht hinter seinem Herrn;
Man kann’s aus treuen Hundeaugen lesen,
Bei dem Gebieter war sogar im Krieg er gern.
Ein kleiner Knabe, der zehn Pfenn’ge nennt sein eigen,
Geht zu der Blumenhändlerin mit flinkem Schritt,
Er will den Kriegern auch die Dankbarkeit erzeigen,
Drum nähm’ für sein Vermögen er gern Blumen mit. -
Für dieses Geld spricht sie, kann ich nicht Blumen geben,
Die sind zu teuer jetzt, wie kannst Du denken das?
Und er hätt’ Blumen ja gehabt gern für sein Leben,
Für seine Feldgrau’n und das Auge wird ihm naß.
Die Blumenfee sagt: Ist’s für die, so sollst Du haben
Ein ganzes Sträußchen, das du kannst verteilen;
Für sie sind ja nicht gut genug die schönsten Gaben,
Wie konnte unser Junge nun zu seinen Feldgrau’n eilen.
Und alle Kinder möchten uns’re Krieger schmücken,
Ihr kleines Ärmchen reicht oft kaum zu ihm empor;
Der Kriegsmann muß sich oft gehörig bücken,
Wenn eine kleine Hand ihr Sträußlein hält ihm vor.
Ein Offizier hat unter’m Mantel warm geborgen,
Ein winzig kleines Hündchen, treu in seinen Armen;
Von diesem Ausguck schaut die ganze Welt es an ganz ohne Sorgen.
Das ist Barbarentum, was auch mit Tieren hat Erbarmen!
Die jungen Mädchen schlagen züchtig ihre Augen nieder,
Wenn an so vielen Herr’n der Welt sie geh’n vorbei.
Doch ist zu interessant es, und sie gucken wieder,
Es ist nicht schlimm, nur eine kleine Spielerei! –
So sind umgeben wir von ungezählte Bildern,
Die uns erstaunen oft, betrüben und ergötzen;
Wenn man versuchen wollte alles dies zu schildern,
Man könnt’ es nicht auf tausend Bogen setzen!
So zieht ihr Tapfern nun zur teuren Heimat hin.
Der Dank begleitet euch bis in die weit’sten Fernen;
Für euch, die ihr bewahret euren treuen Sinn,
Lebt unser Gott noch über lichten Sternen. –
                                                                 Kjeidsen

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1918Die Sozialdemokratische Partei Bonn veranstaltet heute abend 7.30 Uhr eine große Frauenveranstaltung. Ueber die Menschenrechte der Frau spricht Frau Röhl aus Köln.

Die Zentrumspartei (Freie deutsche Volkspartei) wird am Sonntag den 1. Dez., morgens 11 Uhr, im großen Saale des Bonner Bürgervereins eine große Volksversammlung abhalten. Es werden reden: Reichstagsabgeordneter Chrysant, Lehrer Schultheis und Arbeitersekretär Klüber über das Thema: Was uns nottut.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Wäre es jetzt nicht gerade am Platze, daß die Chefs, Firmen und Behörden sich sozusagen auf ihre Pflicht besinnen und Platz schafften für die heimkehrenden Frontsoldaten, indem sie die Damen, die doch bloß durch das Einrücken der Männer ins Feld, in die Betriebe und Kontors hereinkamen, baldigst entließen. Durch die Damen wird bloß tatkräftigen und arbeitsfreudigen Feldgrauen der Verdienst genommen. Ist das der letzte Dank der Frauenwelt, daß Männer betteln gehen sollen? Also hinter die Kochtöpfe, in den Haushalt! Nehmt Euch einen Mann und verheiratet Euch, Ihr Damen! Im Ehestand dient Ihr am besten einer guten Sache. Ein Feldgrauer im Namen Vieler.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

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