Samstag, 26. Mai 1917
Vereinslazarettzug K. 1 Bonn. Der Lazarettzug ist neulich auf dem Bahnhof Hoyerswerda (Oberlausitz) von einem rangierenden Güterzug angefahren worden. Es wurden der Magazin-, Küchen- und Vorratswagen mehr oder weniger stark beschädigt, aber vom Personal niemand verletzt. Die Aufräumungsarbeiten sind schon vollendet, und da die Militärverwaltung für raschen Ersatz der beschädigten Wagen Sorgen tragen will, so dürfte der Zug in wenigen Tagen wieder fahrtbereit sein.
Pfingstverkehr. Die Lokomotiven und Wagen werden augenblicklich für die Bedürfnisse der kämpfenden Heere, der Volksernährung und der Kriegswirtschaft gebraucht. […] Wer nicht unbedingt reisen muß, der verzichte auf Benutzung der Eisenbahn. Das Vaterland verlangt das.
Man braucht trotz dieser ernsten Mahnung jedoch nicht auf einen Pfingstausflug zu verzichten, nur soll dazu nicht die Staatsbahn benutzt werden. Die Rheinschiffe, die elektrischen Vorortbahnen, die Vorgebirgsbahn und auch die schmalspurige Brölthalbahn dienen weniger den Bedürfnissen des Heeres und der Volksernährung, sie sind sogar auf einen starken Ausflugsverkehr vorbereitet. Vor allem die Brölthalbahn, die von Beuel (am Rheinufer) abfährt, bietet die beste Gelegenheit zu Tagesausflügen in die anmutigen Pleisbach, Bröl- und Hanfbachtäler.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Zur Entlastung der Eisenbahn während der Pfingstfeiertage wird der Verkehr nach den durch elektrische Bahnverbindungen zu erreichenden Orten vom 26. Mai ds. Js. nachm. 5 Uhr bis zum 28. Mai nachm. 5 Uhr gesperrt.
Fahrkarten nach den folgenden Bestimmungsstationen werden mithin in dieser Zeit nicht ausgegeben: Von Bonn, von Godesberg und von Mehlem untereinander und nach den Stationen an der Strecke Bonn – Köln (Bahnhöfe Köln einschließlich.)
Der Monatskarten-, Arbeiter- und Militärverkehr wird von dieser Maßnahme nicht betroffen.
Bis einschließlich 29. ds. Mts. dürfen Bahnsteigkarten nicht verabreicht werden.
Die Verwendung von Studenten als Volksschullehrer hat der Unterrichtsminister jetzt zugelassen. Voraussetzung soll sein, daß diese Studenten von dem Leiter der betreffenden Schule ausreichend angeleitet werden können.
Der Bonner Wochenmarkt war gestern gut beschickt. Grüngemüse, wie Rübstiel, Schneidgemüse und Spinat, war in großen Mengen vorhanden. Ebenfalls war hiesiger und Mainzer Spargel reichlich zu haben. Die Zufuhr in Rhabarber hat in den letzten Tagen etwas nachgelassen. Hiesiger Kopfsalat kostete 15 bis 20 Pfg. das Stück. In holländischen Marktprodukten war gestern keine Zufuhr. Für die Waren, für die keine Höchstpreise festgesetzt sind, blieben die Preise im allgemeinen unverändert. Der Verkauf war durchweg flott, besonders in Spargel, Salat und Grüngemüse.
Auch der Großmarkt auf dem Stiftsplatz hatte in fast allen Marktprodukten wieder große Zufuhren, besonders in Rübstiel, Schneidgemüse, Kopfsalat und Spinat. Hiesiger Spargel und Rhabarber war nicht besonders viel vorhanden. Kopfsalat wurde hier im großen mit 12 bis 18 Pfg. das Stück bezahlt. Der Verkauf war im allgemeinen sehr flott und der Markt um 7.30 Uhr früh schon wieder fast vollständig geräumt.
Der städtische Verkauf auf dem Wochenmarkt erfreute sich wieder eines recht regen Zuspruchs, besonders in Fischen, Gemüse und Spargel, worin auch reichliche Vorräte vorhanden waren. […]
Strafkammer zu Bonn. Als ein verwerfliches Treiben bezeichnete der Vorsitzende der Strafkammer die Handlungsweise der 18jährigen Tochter des Bäckermeisters Schm. aus Beuel, die Brot ohne Brotkarte verkauft und sich durch Fälschung von Mehlbezugsscheinen in den Besitz von 16 Zentnern Mehl gesetzt hatte. Die Angeklagte, die im väterlichen Geschäft tätig ist, hatte wiederholt an russich-polnische Arbeiter Brot ohne Marken abgegeben. Hierdurch kam ihr Vater in Rückstand mit seinem Mehl. Das Mädchen versuchte deshalb einen Ausgleich zu schaffen und änderte die von der Behörde ausgestellten Bezugsscheine für Mehl auf höhere Mengen um. Auf diese Weise kam der Vater unberechtigt in den Besitz von 16 Zentnern Mehl. Vor der Strafkammer gab die Angeklagte die Tat unumwunden zu. Das Gericht war der Ansicht, daß derartige Fälle streng bestraft werden müssen und erkannte auf eine Geldstrafe von 750 Mark und eine Gefängnisstrafe von einem Monat.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Nachrichten des städtischen Lebensmittelamtes.
Fleisch. Am Pfingstsamstage werden auf die Zusatzfleischkarten Rind- und Kalbfleisch sowie Blut- und Leberwurst zu den bisherigen Preisen verausgabt. […]
Fett. In der kommenden Woche werden 30 Gramm Butter und 30 Gramm Margarine ausgegeben.
Kartoffeln. In der kommenden Woche werden noch auf die Kartoffelkarte 5 Pfund Kartoffeln und auf die Zusatzkartoffelkarte weitere 3 Pfund abgegeben. Da aber in der Kartoffelzufuhr in den letzten Tagen keine Besserung eingetreten ist, werden voraussichtlich vom 4. Juni ab nur 4 Pfund Kartoffeln verteilt werden. Diese Herabsetzung ist erforderlich, damit wir unter allen Umständen bis zur neuen Ernte durchhalten. […]
Eier. Auf jede für diese Woche bestimmte Eierkarte gelangen 2 Eier zu Abgabe. Der Verkauf beginnt Freitagmorgen.
Bekleidungsamt. Bezugsscheine auf Handtücher, die von Privatbetrieben für ihre Büroangestellten beantragt werden, dürfen nicht mehr ausgestellt werden. Angestellte der Fabrik-, Gewerbe- und Handelsbetriebe müssen sich die im Dienste erforderlichen Handtücher aus ihren eigenen Beständen mitbringen. […] Mehrere Personen haben sich auf den Namen ihrer Dienstboten ohne deren Wissen Bezugsscheine ausstellen lassen. Diese Handlungsweise ist strafbar. […]
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Sonntag, 27. Mai 1917
Gemüsepflanzen, Bohnenstangen und Erbsenreiser werden vom städtischen Lebensmittelamt abgegeben. Wir verweisen auf die heutige Anzeige.
Der Blumenschmuck unserer öffentlichen Anlagen, der in Friedensjahren Einheimische und Fremde entzückte und auch in den beiden ersten Kriegsjahren noch in größerem Umfange beibehalten werden konnte, muß heuer hinter andere, dringendere Aufgaben zurückgestellt werden. An Stelle zahlreicher Blumenbeete haben wir in diesem Sommer nur grüne Rasenflächen, andere Beete sind einfacher wie früher gehalten, damit ihre Unterhaltung weniger Arbeitskraft erfordert. Trotz aller Schwierigkeiten hat aber auch in diesem Jahre die Stadtgärtnerei den Platz am Eingange der Poppelsdorfer Allee rechtzeitig zu Pfingsten mit Blumen bepflanzen lassen, in dem schmalen Beete, das sich in gefälligen Windungen um die ganze Anlage hinzieht, wird Phlox von Begonien und Ageratum eingefaßt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
U-Boot-Spende. Die Erinnerung an den 1. Juni 1916, an dem unsere junge Flotte der englischen eine schwere Schlappe beibrachte, läßt aller Deutschen Herzen höher schlagen.
Zur rechten Zeit darum rufen der Reichskanzler, Generalfeldmarschall von Hindenburg, Admiral von Capelle und der Präsident des Reichstags Dr. Kaempf das deutsche Volk zu einer U-Boot-Spende auf.
Der 1., 2. und 3. Juni ds. Js. sollen Opfertage größten Stils sein. Die Bonner Volksspende macht die schon 3 mal bewährte Zettelsammlung mit Hilfe der Volksschüler. Ehrenamtlich tätige Damen werden eine Büchsensammlung vornehmen. In den Lichtspieltheatern wird in jeder Vorstellung ein U-Boot-Film abgekurbelt.
Kriegsnotgeld. Der Oberbürgermeister macht in der heutigen Nummer unseres Blattes bekannt, daß in den Kreisen Bonn-Stadt, Bonn-Land und im Siegkreis einheitliches Kriegsnotgeld zur Ausgabe gelangt und zwar 50 Pfennigscheine und 10 und 5 Pfennigstücke aus Metall.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Unterhaltungsabende in Lazaretten. Einer gegebenen Anregung zufolge faßte der Ausschuß des Soldatenheims im Gesellenhause vor einiger Zeit den Entschluß, auch den nicht gehfähigen und bettlägerigen Verwundeten in den einzelnen hiesigen Lazaretten Unterhaltungsabende zu geben, damit sie, die am schwersten geprüft sind, durch eine gute fröhliche Unterhaltung wenigstens für einige Stunden aufgeheitert würden. Nachdem die zuständigen Behörden ihre Einwilligung zu diesem Plane erteilt und unter Leitung des allzeit überaus rührigen Ausschußmitgliedes Herrn L. Schröder die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, begannen kurz vor Ostern die Unterhaltungsabende in den Lazaretten. Bis Pfingsten sind nun solche Abende in folgenden 13 Lazaretten abgehalten worden: Augenklinik (2 Mal), Medizinische Klinik, Chirurgische Klinik, Friedrich-Wilhelm-Stift, Barmherzige Brüder, Marienhospital, Johanneshospital, Josefshospital Beuel, Franziskushospital, Herzsche Anstalt, Albertinum, Leoninum, Josefshöhe. Bei jeder Veranstaltung hatten Mitglieder des Ausschusses, die sich in die Arbeit teilten, die Leitung. Die Unterhaltungen bestanden durchweg in musikalischen, gesanglichen und deklamatorischen Darbietungen, in einem Falle, wo eine provisorische Bühne vorhanden war, auch in einer kleinen Theateraufführung. Es wurde darauf gesehen, daß die Vortragsfolge möglichst abwechslungsreich war, um dadurch allen etwas zu bieten. Die nötigen Kräfte hatten sich jederzeit gerne dem Ausschuß für diese Zwecke zur Verfügung gestellt; es waren alles Kräfte, die auch schon im Soldatenheim selbst erfolgreich mitgewirkt hatten. Den Lazaretten wurde jedesmal rechtzeitig eine Vortragsfolge zur Bekanntmachung zugesandt. Die Teilnahme seitens der Verwundeten war sehr stark und die Freude der Soldaten über diese Einrichtung groß.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Arndteiche. In den letzten Tagen wird wieder alles Mögliche geschrieben, um die Nagelung der Arndteiche zu fördern und die 100.000 Mark vollzumachen, die doch mindestens erforderlich sind, um das der Stadt Bonn würdige Kriegswahrzeichen auch finanziell in gutem Andenken zu bewahren. Vereine und Gesellschaften fast ausnahmslos, viele Familien, Firmeninhaber haben sich mit Stiftungen von Plaketten und Nägeln beteiligt, manche sogar mehrere Male. Die Schulen sind animiert worden u. a. m., aber trotz alledem will es mir nicht recht einleuchten, weshalb die „höheren Zehntausend“ in so geringer Zahl auf dem Kriegswahrzeichen vertreten sind. Man hätte glauben sollen, bei Inangriffnahme der Nagelung seien in einigen Wochen 100.000 Mark zusammengekommen. Bonn mit all seinen Millionären!!! Aber hier hat auch, wie sonstwo der Mittelstand hauptsächlich die Nagelung besorgt, nur Wenige aus dem vornehmen Süden zeigten eine rühmliche Ausnahme. Nun möchte ich einen Vorschlag machen. Wie wäre es mit einer Festvorstellung in unserem Theater durch die Kölner Oper, deren völlige Einnahme der Arndteiche zufließen müßte. In unserer großen Nachbarstadt Köln sind derartige Veranstaltungen für den „Kölschen Boor“ fast wöchentlich. Da gibt es natürlich auch Kammermusik- und sonstige Künstlerabende, deren Reinerlös diesem Zwecke zugeführt wird. Die Meistersinger sind erst neulich als Festvorstellung mit ersten Kräften gegeben worden. Diese kerndeutsche Oper, die ständig in Köln auf der Rolle ist, wird auch hier ziehen. An gutem Willen der Solisten, die bei uns stets gut aufgenommen sind, wird es nicht fehlen. Ist das Orchester nicht zu haben, so lasse man unseren städt. Musikdirektor Sauer nur sorgen, er wird auch die Vorstellung glanzvoll herausbringen und einige 1000 Mark sind uns sicher. Also frisch heran ans Werk, bringe eine Festvorstellung verehrte Arndteiche und du wirst glänzend belohnt werden! Ein Urbönnscher.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Montag, 28. Mai 1917
Am Pfingstmontag erschienen in Bonn keine Zeitungen.
Dienstag, 29. Mai 1917
Kriegspfingsten am Rhein. Es war äußerlich ein Bild des Friedens, dieses dritte Kriegspfingsten am Rhein. Wer nicht in den Herzen las, wer nur das Bild in sich aufnahm, wie es unsere Gartenstadt in ihrer bezwingenden Maienschönheit mit den Promenadekonzerten in der Poppelsdorfer Allee darbot – belebt von festlich gekleideten Menschen, erfüllt von der frühlingsfrohen Jugend in hellen Gewändern, der konnte für kurze Stunden vergessen, daß nur die treue, todesmutige Wacht unserer Lieben in Feldgrau und unserer Tapferen zur See es uns daheim ermöglichten, den Geist des Festes in unseren von fruchtbringendem Boden gesegneten Rheinlanden friedlich in uns aufzunehmen. Aber wer schon schärfer die festesfrohen Menschen beobachtete, der sah, daß nicht allzu selten die farbenfroh schimmernden Gewänder der Frauen, Mädchen und Kinder dem ernsten Schwarz des Trauerkleides Raum geben mußten. Und wer gar eingedenk blieb, daß unsere Rhein- und weinfrohe Gartenstadt, die um Pfingsten auch heuer Eingangs- und Ausgangspforte tausender lenzesfreudiger Menschenkinder aus der weiteren Umgebung und vom Niederrhein ward, die zu Schiff die Herrlichkeiten unserer Rheinlandschaft zu genießen strebten, jetzt auch als Lazarettstadt Verwundete und Kranke aus dem Felde in großer Zahl beherbergt, dem lachte die Pfingstsonne trotz ihres gütigen heiteren Antlitzes nicht ungetrübt. Tröstlich war uns dieses dritte Pfingsten im Kriege insofern, als es uns beim Wandern durch Fluren und Felder zeigte, daß der Geist des Festes auch draußen in der Natur lebendig ist, daß er das Hoffen unserer Feinde auf Ernährungsschwierigkeiten zunichte machen wird. Und die Stimmung der Menschen, die sich in der blühenden sprossenden Natur ergingen, sie war nicht niedergebeugt. Wohl zeigte sich mancher nicht mehr so wohlbeleibt wie in der Zeit der Nahrungsfülle des Friedens. Aber auch jetzt, wo nach Auffassung unserer Feinde die Schwierigkeiten in der Ernährung vor der neuen Ernte ihren Höhepunkt erreichen sollen, ist nichts zu bemerken von ernster Besorgnis. Von den unzähligen Pfingstausflüglern, die an den Festtagen zu Fuß, mit der „Elektrischen“ oder zu Schiff die alten lieben Rheinorte, insbesondere unser Siebengebirge aufsuchten, war wohl keiner, der die Einwirkung der Nahrungsrationierung nicht an sich verspürte. Aber trotzdem war die Wanderlust so rege wie zu Friedenszeiten. Hätten doch unsere angelsächsischen Vettern, die früher so gern an den Rhein kamen, dieses Pfingsten 1917 bei uns einmal beobachten können; sie würden an dem Bilde, das sich ihnen ungeschminkt darbot, erkennen können, da wir an Zähigkeit und vaterländischem Zielbewußtsein ihnen über sind. Auch dieses Pfingsten am Rhein hätte ihnen gesagt, diese Deutschen und insbesondere diese Rheinländer sind nicht unterzukriegen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Ehre, Hochachtung und Dank schulden wir alle denen, die mitgeholfen haben, den Feind von unseren Grenzen fern zu halten: In erster Linie unseren braven Truppen draußen im Felde, dann aber auch all denen, die zu Hause mitgewirkt haben, unsere Erfolge auf dem Schlachtfeld möglich zu machen. Unter ihnen gibt es eine Klasse von Personen, die ganz besonders einmal der allgemeinen Wertschätzung empfohlen werden soll und zwar deshalb, weil gerade sie in der Tat sehr oft das Gegenteil dessen von ihren Mitmenschen erfährt, was sie verdient. Es sind jene Arbeiter und Arbeiterinnen, die durch ihre Arbeit mit Pikrinsäure in den Pulverfabriken eine unschöne Hauptfärbung erdulden müssen. Sind sie doch in gewissem Sinne unseren verwundeten Helden gleich zu achten. Auch sie bringen einen Teil ihrer Persönlichkeit dem Vaterland zum Opfer und müssen von uns als Muster echter Selbstverleugnung geachtet werden. Ihr Aeußeres muß uns als ein Ehrenzeichen für wertvolle Kriegsarbeit gelten. Schimpf und Schande daher über die, welche darin Anlaß finden zu kränkenden Bemerkungen! Suchen wir vielmehr diesen Personen durch kleine Aufmerksamkeiten im Verkehr, auf der Straße, in den Bahnen oder sonst, wo wir mit ihnen zusammentreffen – es gibt der Gelegenheiten für dankbare Menschen genug – zu beweisen, daß wir Verständnis haben für ihren vaterländischen Opfergeist.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mein lieber Junge!
Bravo! Der Fremde, der nach Bonn kommt und die Benagelung der Arndt-Eiche, wie sie sich bis jetzt darstellt, sieht, muß einen nicht gerade erfreulichen Eindruck von der Opferwilligkeit der Bonner Bevölkerung erhalten. Noch keine 100.000 Mark in eine Stadt mit so leistungsfähigen Steuerzahlern, einer Stadt, die zu den „reichen“ Städten Deutschlands gerechnet wird! Der sel. Ernst Moritz Arndt, wenn er in der Walpurgisnacht von seinem Sockel hinuntergestiegen wäre und in seinem lieben Bonn Umschau gehalten hätte, hätte sicher ein ungehaltenes Gesicht gemacht, und ein kräftiges Wörtlein losgelassen, eines von denen, die man nicht hinter den Spiegel steckt. Von den 184 Adlerfedern sind noch etwa 110, weit über die Hälfte, nicht verkauft, ganze zwei der Schuppen tragen erst Namen, usw. usw., überall, wo man hinblickt, Lücken, mehr Lücken als Füllung. Also ans Werk. Ich möchte Dir und Deinen Kameraden Folgendes vorschlagen: Teilt Euch die Stadt nach Straßen ein und sucht für jede Straße oder auch mehrere kleine Straßen zusammen einen Betrag zusammenzubringen, der für die Stiftung einer Adlerfeder oder Schuppe oder eines Eichenblattes, oder einer Reihe von Nägeln mit Buchstaben, die aneinander gereiht den Namen der Straße ergeben, ausreicht. Damit wäre die Beteiligung der gesamten Bürgerschaft zum sichtbaren Ausdruck gebracht. Der Bonner Straßennamen sind genug, um eine Anzahl leerer Schilder auszufüllen. Also ans Werk! Ein alter Junge.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Mittwoch, 30. Mai 1917
U-Boot-Spende.
Wieder wendet sich das Vaterland an seine Bürger und fordert sie auf, zu einer neuen Spende beizusteuern. Haben wir durch den herrlichen Erfolg der Kriegsgefangenenspende das Los unserer unglücklichen Brüder lindern können, haben wir durch die Spende für die Soldatenheime und Marineheime unseren ruhebedürftigen Kämpfern ein Stückchen Heimat geschenkt und haben wir durch die Kaisergeburtstagspende 1916 unsere Hilfsbereitschaft im Orte gestärkt, so gilt es heute in der U-Boot-Spende einen Dank abzustatten, der so in aller Herzen geschrieben ist, daß wir kaum Worte brauchen werden, um dafür zu werben, gilt es doch unseren U-Booten, die jetzt ganze Arbeit machen gegen unseren gefährlichsten Feind: England. Für ganze Wochen allein hinaus im kleinen Boot ins weite Meer, ganz auf sich selber, auf ihre eigene Wachsamkeit und Kopf und Herz ihres jungen Führers gestellt, meist unter Wasser im engsten Raum, wo nur treueste Kameradschaft das Aushalten ermöglicht, immer gegenwärtig, den Tod fürs Vaterland in den Wogen zu finden; oder auf unseren schwarzen Husaren des Meeres, den Torpedobooten, Streifen kühnster Art gegen Englands schwer befestigte Küsten vorzunehmen und so dem erbittersten Feinde, der seit vielen Jahren uns einzukreisen versucht, der gegen das ganze deutsche Volk den Hungerkrieg erklärt hat, endlich auf einen deutschen Frieden vorzubereiten. So reißen unsere Seehelden ein Stück nach dem anderen von Englands meerbeherrschender Macht, einen Fetzen nach dem anderen von dem schier undurchdringlichen Lügennetz, mit dem England die Welt umsponnen. Darum gibt jeder, was er kann, und legt sich gerne eine kleine Entbehrung auf, um die Dankesgabe umso größer werden zu lassen.
Wie bei den anderen Spenden verteilt die Bonner Volksspende in allen Familien Aufrufe mit anhängendem Zeichenschein. Die Bonner Volksschüler haben es sich nicht nehmen lassen, sich wieder freudig in den Dienst der guten Sache zu stellen, und werden am 1. Juni die Zettel verteilen und am 2. Juni die Zeichenscheine wieder abholen. Die Einnehmer der Bonner Volksspende werden dann die gezeichneten Beiträge auf ihren Dienstwegen abholen. Auch die Stadthauptkasse und die Banken nehmen gerne Spenden an und führen sie der Hauptsammelstelle hier in Bonn zu, dem Konto: „U-Boot-Spende bei der Rheinisch-Westfälischen Diskonto-Gesellschaft in Bonn“.
Eine Ortskohlenstelle ist jetzt in Bonn, wie der Oberbürgermeister bekannt macht, eingerichtet worden.
Die Tür- und Fenstergriffe aus Messing und Bronze werden, wie eine Abordnung Berliner Hausbesitzervereine in der zuständigen Abteilung des Kriegsministeriums mitgeteilt hat, in etwa drei bis vier Monaten beschlagnahmt werden. Den Hausbesitzern soll dann so viel wie möglich entgegengekommen werden. Es ist beabsichtigt, für ganz Deutschland einheitliche, schwarze Ersatz-Türklinken und Fenstergriffe seitens der staatlichen Organe nicht nur zu liefern, sondern auch gleich nach dem Entfernen der bisherigen sachgemäß anzubringen. Andererseits soll es aber auch in dem Belieben der Hausbesitzer stehen, sich nach eigenem Ermessen und Geschmack anderweitig mit Ersatz bedienen zu lassen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Der Notgroschen, den die Stadt Bonne zusammen mit dem Landkreis Bonn und dem Siegkreis verausgabt, ist jetzt in den Verkehr gebracht worden. Das Stück hat ein gefälliges Aussehen und ähnelt unseren 10-Pfg.-Stücken aus Nickel. Jedoch hat es einen helleren Glanz und ist leichter als diese. Das Geldstück ist aus Eisen hergestellt und ist stark verzinkt. Die Schauseite trägt die Aufschrift „10 Pfennig 1917“, umgeben von Eichenzweigen. Auf der Rückseite steht der Vermerk: „Unter Gewähr der Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land und des Siegkreises 1917“. Da in den nächsten Tagen auch die Metall-Fünf-Pfennigstücke und die 50-Pfennig-Scheine zur Ausgabe gelangen, wird die Kleingeldnot wohl endgültig behoben sein.
Ein Sieg der Sammelbüchse. Fräulein Mathilde Wirth, die seit Kriegsausbruch unermüdlich mit der Sammelbüchse unseres Roten Kreuzes tätig ist, kann mit großer Befriedigung auf den gestrigen Tag zurückblicken. An diesem Tage hat die Sammlung von Fräulein Wirth zu Gunsten des Roten Kreuzes die Summe von 15.000 Mark erreicht. Dieser ganz ungewöhnliche Erfolg mit der Sammelbüchse konnte nur durch den zähen Eifer der Sammlerin und ihre Treue für das Liebeswerk des Roten Kreuzes erzielt werden. Die 72jährige Dame hat in der Kriegszeit bis heute bei jeder Witterung ihrer freiwillig übernommenen Pflicht obgelegen und ist durch ihre Ausdauer für die ehrenamtliche Sammeltätigkeit vorbildlich geworden. Da sich die Summe von 15.000 Mark durchweg aus kleinen und kleinsten Beträgen zusammensetzt, und nicht nur die Sammeltätigkeit selbst, sondern auch die Abrechnung über die einzelnen Tagesergebnisse mit vielerlei Arbeit verknüpft ist, so darf man erwarten, daß das verdienstvolle ehrenamtliche Wirken von Fräulein Wirth dadurch Anerkennung findet, daß man ihrer Tätigkeit auch weiterhin mit wohlwollendem Verständnis begegnet.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Jeder Zentner Getreide ernährt 280 Menschen täglich!-
Landwirte, helft uns siegen! Liefert Getreide ab! Die Lage duldet keinen Aufschub! Wir brauchen jedes Korn, auf daß der Feinde Hungerplan zerschellt. Trotz Bestellzeit müsst Ihr liefern!
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mein Kriegswahrzeichen ist in der letzten Zeit der Gegenstand einer Reihe von Zeitungsartikeln gewesen. Ich danke hiermit allen lieben Mitbürgern, welche mir wohlmeinende Ratschläge gegeben haben, um das Werk zu vollenden und zu krönen.
Dem „Familienvater“, dem die Sammlungen zu viel geworden sind, möchte ich aber in Liebe kurz antworten.
1. Ich wende mich nur an die Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in der Lage sind, eine Gabe zu spenden.
2. Gegen den Zweck, für den ich sammle, läßt sich wohl auch nicht das Geringste einwenden.
3. Daß ich immer wieder meine Bitte erneuere, und zwar gerade zur jetzigen Zeit, hat doch ebenfalls seine volle Berechtigung.
Unsere tapferen Krieger erneuern ja auch immer wieder ihre Beweise von Mut und Opferfreudigkeit, und gerade in diesen Tagen des Monates Mai vollziehen sich schwerste Kämpfe, welche die Weltgeschichte gesehen. Wenn da mit übermenschlicher Kraft unsere Helden den Feind von unserer Heimat fernhalten, kann es denn wohl eine Zeit geben, in der ich mit größter Berechtigung um Gaben heische, wie jetzt. Darum bitte ich meine alten und neuen Freunde, alle Bürger unserer Stadt, die dazu in der Lage sind, mir ein Scherflein für meine Arndt-Eiche zu geben.
Auch Kriegsanleihe und andere Wertpapiere, Gold- und Schmucksachen nehme ich gerne entgegen.
Euer dankbarer Mitbürger E. M. Arndt, in Eisen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Donnerstag, 31. Mai 1917
Ausgebesserte Kleidung. Die Reichsbekleidungsstelle schreibt in ihren „Mitteilungen“: Es ist heute vaterländische Pflicht, unseren Bestand an Kleidern und Wäsche möglichst lange zu tragen und Neuanschaffungen, wenn irgend möglich, zu vermeiden. Um nun unsere Kleider gebrauchsfähig zu erhalten, ist es notwendig, sobald sich Schäden an ihnen bemerkbar machen, diese durch Flicken zu ergänzen. Um sich hierzu nun das nötige Material zu beschaffen, darf man nicht etwa auf den Gedanken verfallen, in ein Geschäft zu gehen, um sich neue Stoffe zu kaufen. Damit wäre dem Gedanke der Streckung unserer Vorräte natürlich nicht gedient. Wohl aber wird jede Hausfrau sicherlich in einem verschwiegenen Fach ihres Wirtschaftsschrankes genug Ueberbleibsel vergangener Tage finden, die durchaus geeignet sein dürften, schadhaft gewordene Kleidung in Stand zu setzen. Im Gegensatz zu der Gepflogenheit in Friedenszeiten, in denen es für unpraktisch galt, fertige Stücke zu zerschneiden, um andere damit auszubessern, sind wir heute gezwungen, zu diesem Aushilfsmittel zu greifen. Wer unter seinen Vorräten z. B. weiße Unterröcke liegen hat, besitzt in ihnen ein vorzügliches Material, das er zum Flicken verwenden kann. Denn in Folge der herrschenden Seifenknappheit, erscheint das Tragen von weißen Unterröcken im Augenblick nicht empfehlenswert. Die Zeitumstände verlangen gebieterisch von uns, im Großen wie im Kleinen umzulernen. Die Anschauungen haben sich völlig gewandelt, und niemand braucht sich daher zu schämen, in einem geflickten Kleid oder Anzug einherzugehen, wenn er nur in Bezug auf Sauberkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Das Achselzucken gewisser Kreise, die auch im Krieg auf äußerlichen Modekultus nicht verzichten wollen, braucht ihn nicht zu bekümmern. Es sind Außenstehende, die vom Geiste unserer Zeit nichts verspüren.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Ernteaussichten. Man schreibt uns vom Lande, 30. Mai. Die neue Brotfrucht verspricht einen guten Ertrag. Die Roggenähren zeigen bereits prächtige Blüten. Die Regel ist zwei Wochen Blütenzeit, zwei Wochen Kronenentwicklung und zwei Wochen Reifezeit. Somit hätten wir schon Mitte Juli etwas Korn. Die Aussichten für das Spätobst sind weniger günstig, wie man bei der überreichen Blütenfülle in der denkbar günstigsten Blütezeit hätte erwarten sollen. Birnen, Pflaumen und Süßkirschen haben die meisten Früchtchen als nicht befruchtet abgeworfen und so kann nur stellenweise von einer guten Ernte die Rede sein. Besser steht es mit dem Fruchtansatz der Sauerkirschen und besonders der Nordkirschen. Am besten haben noch die Apfelbäume abgeschnitten, die bei reicher Blüte auch einen guten Fruchtansatz aufzuweisen haben. Der Stand der Kartoffeln ist durchweg recht befriedigend.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Butterverkauf. Der Abschnitt Butter der Speisefettkarte berechtigt bis auf Weiteres den Inhaber zum Bezuge von 30 Gramm Butter. Der Preis für diese Butter ist auf 3,40 Mark für das Pfund festgesetzt.
Maßregeln zum Schutz der Stachelbeerernte. Von vielen Gartenbesitzern wird zur Zeit darüber Klage geführt, daß kleine, grüne Raupen in großer Zahl die Blätter der Stachelbeerbüsche vollkommen abfressen und dadurch die weitere Ausbildung von Früchten verhindern. Die Schädlinge sind die grünen, schwarzköpfigen, schwarzpunktierten Afterraupen der gelben Stachelbeerblattwespe. Ein einfaches, wirksames Mittel dagegen ist das Thomasmehl, mit dem man am frühen Morgen die taufeuchten Sträucher von unten her kräftig bewirft. Man kann jedoch die Raupen auch man frühen Morgen auf unter die Sträucher gelegtes Packpapier abklopfen und dann vernichten, ein Verfahren, welches besonders in den kleinen Hausgärten zur Rettung der Stachelbeerernte verwendet werden kann.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)