Freitag, 21. Mai 1915
Variété-Theater „Sonne“. In der „Sonne“ ist jetzt wieder R. Krauß – Segommer eingekehrt, der sich bei seinem zweimaligen Auftreten als ein wahrer Universalkünstler der Variétébühne erweist und sein Publikum mit Deklamationen, lustigen Zauberkunststücken und in der zweiten Nummer „Zeppelin kommt“ als erstaunlich guter Bauchredner und Verwandlungsschauspieler vortrefflich zu unterhalten versteht. Hans Lederer ist hier schon bekannt und beliebt genug, daß es genügt seinen Namen zu erwähnen, um das Programm zu empfehlen. Er bringt eine Reihe neuer und schlagkräftiger Kuplets, die er wieder sehr wirkungsvoll vorträgt. Weiter nennt man die Tänzerin Thea Seranti, die Sängerin Olga Heyn und vor allem die Xylophonvirtuosin Else Ramacher, die über eine unglaubliche Technik des Xylophonspielens verfügt und aus dem spröden Instrument z.B. in der Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“ ganz eigenartige und fein abgestufte Klangwirkungen herausholt.
Erpressung. Vor dem Kriegsgericht in Köln hatte sich ein 40jähriger Geschäftsmann aus Bonn wegen versuchter Erpressung zu verantworten. Der Mann ist geschieden und suchte durch die Zeitung eine neue Frau. Er wurde so mit einer geschiedenen Frau in Köln bekannt und verlobte sich mit ihr. Die Verlobung wurde nach halbjähriger Dauer von der Frau aufgehoben. Nunmehr verlangte der abgesetzte Bräutigam von ihr die Vergütung der infolge des Brautstandes ihm erwachsenen Auslagen, widrigenfalls er die Frau in ihrem Bekanntenkreise am Wohnort ihres vormaligen Gatten „bekanntmachen“ werde. Die Frau zahlte auf diese Drohbriefe hin ihrem ehemaligen Verehrer 100 M. und stellte ihm zudem für später ein Schweigegeld von 500 M. in Aussicht. Die Staatsanwaltschaft bekam von der Angelegenheit Kenntnis. Die Folge war die Anklage wegen Erpressung. Nach dem Urteilsspruch hat der Angeklagte sich der vollendeten Erpressung schuldig gemacht und wurde, weil er einschlägig schon einmal bestraft ist, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die übliche Blumenverteilung an Schulkinder hat vorgestern nachmittag in den einzelnen Schulen des Stadtbezirks stattgefunden. Nicht weniger als 2000 Blumentöpfe waren vom Gartenbauverein zur Verfügung gestellt worden, die den Schulkindern in Pflege gegeben wurden.
Zum Verkauf von Brot. Der Oberbürgermeister macht in der heutigen Nummer unseres Blattes bekannt, daß mit Rücksicht auf die bevorstehenden Pfingstfeiertage den Bäckereien und Brotfabriken im Stadtbezirk Bonn gestattet wird, bereits am Samstag den 22. ds. Mts. Brot für die Woche vom 23. bis 29. Mai zu verkaufen. Die verkauften Brotmengen sind für Sonntag den 23. Mai einzutragen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Verbot des Photographierens usw. Nach einer Bekanntmachung des Gouverneurs ist das Photographieren, Zeichnen, Malen oder sonstige Abbilden der Rheinbrücken, Befestigungs- und Eisenbahnanlagen, der Luftschiffhallen, Luftschiffe und Flugzeuge, der Truppentransporte, der Geschütze und aller anderen militärischen Ausrüstungsstücke verboten. Zuwiderhandlungen werden auf Grund des § 9 Ziffer b des Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4.6.1851, falls die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 22. Mai 1915
Rückgang der Kartoffelpreise. Das reichliche Angebot von Kartoffeln, das zu verzeichnen ist, bringt erfreulicherweise einen weiteren Rückgang der Kartoffelpreise, der sich hoffentlich auch bald bemerkbar macht.
Kräftiges Vorgehen gegen fremdsprachliche Firmenschilder. An die Provinzregierungen Preußens ist eine neue Verfügung ergangen, worin diese angewiesen werden, nunmehr nachdrücklich auf die Beseitigung der fremdländischen Inschriften an Firmenschildern usw. einzuwirken. – Bei dieser Gelegenheit werden vielleicht auch die Eisenbahnbehörden angewiesen, daß auf größeren Bahnhöfen die auf französisch und englisch abgefaßten Schilderinschriften: „Vor Taschendieben wird gewarnt“ beseitigt werden. Die Kgl. Eisenbahndirektion Berlin hat sich bereits entschlossen, die fremdsprachlichen Schilder entfernen zu lassen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Undurchdringlicher Nebel lagerte heute früh über dem Rheintal, wodurch die Schiffahrt in den Morgenstunden stark behindert wurde.
Angsteinkäufe in Zucker. Neuerdings werden von den Hausfrauen große Mengen Zucker aufgekauft, da man besorgt ist, es könnte in nächster Zeit eine Knappheit in der Zuckerversorgung auftreten. Eine übereilte und übermäßige Versorgung mit Zucker ist indessen völlig unnötig, da wir 15 Prozent mehr Zucker zu unserer Verfügung haben als in Friedenszeiten. Wenn trotzdem an einzelnen Orten der Preis für Zucker etwas gestiegen ist, so hat das seinen Grund darin, daß infolge des Arbeitermangels die Zuckerraffinerien nicht immer genügend Zucker für den Konsum herstellen können. Auch der Wassermangel spielt oft eine große Rolle bei der Versorgung der Städte. Die Hauptursache aber bilden die Angsteinkäufe unserer Hausfrauen, durch die große Mengen Zucker aus dem Markt gezogen werden. Einen Vorteil von ihren Einkäufen hat niemand, dagegen sind die Nachteile für die Allgemeinheit bedeutend.
Zur Bekämpfung des Zigarettenrauchens der Jugend haben die Polizeiverwaltungen zum Teil ihren Organen Anweisung gegeben, gegen Kinder im schulpflichtigen Alter einzuschreiten, wenn sie auf Straßen und Plätzen beim Rauchen angetroffen werden. Feuerzeug und Rauchmaterial sind ihnen abzunehmen und der Anzeige beizufügen. In der Anzeige ist die Schule, die der Täter besucht, anzugeben. Unter schulpflichtigem Alter versteht man das Alter bis zu 14 Jahren. Noch viel weiter ist das Gesundheitsamt in Lübeck gegangen. Es hat Personen unter 16 Jahren überhaupt verboten, Tabak, Zigarren oder Zigaretten zu rauchen. Es ist ferner verboten, Personen unter 16 Jahren Tabakspfeifen, Tabak, Zigarren oder Zigaretten zu verkaufen oder im Gewerbebetrieb abzugeben.
Pfingsten 1915
„Pfingstglocken läuten am Rheinesstrand,
PFingstglocken läuten in Feindesland;
Sie klingen und singen im Kriegerherz,
Er denket der Heimat, doch ohne Schmerz;
Er weiß, daß dort, wo die Lieben sind,
Bei Vater und Mutter, bei Frau und Kind,
Nur dieser feste Glauben lebt,
Daß „Deutschland nimmer untergeht!"
Drum klinget weiter, ihr Glocken der Freude,
läutet immer zu, verkündet heute
Den Völkern am Rhein, den Lieben zu Haus,
Daß „Deutschland hält noch weiter aus!"
Pfingstglocken läutet, klingt immer fort
Im Vaterland, von Ort zu Ort!"
Josef Heidelmann, Georgstr. 15 (z. Zt. im Felde)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Des Kaisers Dank für die Huldigung aus Anlaß der Jahrhundertfeier.
Bei dem Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz ist folgendes Telegramm eingelaufen:
„Seine Majestät der Kaiser und König ermächtigen Eure Exzellenz, dem Verein Alt-Bonn und der Bürgerschaft Bonns durch den dortigen Oberbürgermeister Allerhöchstihren herzlichen Dank für das erneute Gelöbnis der Treue auszusprechen und Allerhöchstihren landesväterlichen Gruß zu entbieten.
von Valentini.“
Holzschuhe für Schulkinder. Einer Anregung durch die Schule folgend, tragen seit einigen Tagen viele Kinder Holzschuhe. Der Vorschlag ist auch durch die Reichszeitung mehrere Male an die Eltern ergangen. Nicht nur für die Wenigerbemittelten, auch für die geldlich Bessergestellten sind die Preise für Lederschuhe und ein Paar Sohlen nachgerade unerschwinglich geworden.
Gegen das „Kaufmannsdeutsch“ und die fremdsprachlichen Aufschriften in Geschäftsräumen wendet sich auch die Bonner Handelskammer in einem Rundschreiben: „Jeder Deutsche sollte sich bereit finden, die Ueberbleibsel aus früherer Zeit mit beseitigen zu helfen, und namentlich der deutsche Kaufmann dürfte berufen seine, hier vorbildlich zu wirken und auch dem Auslande gegenüber zu zeigen, daß er sich auch in seiner ganzen Sprache als Deutscher fühlt. Unsere Muttersprache ist so reich und wohlgebildet, daß es nur selten an einem treffenden Ausdruck für den zu bezeichnenden Begriff fehlen wird. Jedes deutsche Wort hat vor einem fremden den Vorzug, daß es von jedermann verstanden wird. Sachkundigen Rat im Bedarfsfalle gibt das Buch „Kaufmannsdeutsch“ von Engels und Eitzen oder die von dem Bonner Zweigverein des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins für Kaufleute herausgegebene Verdeutschungstafel, die zum Preise von 25 Pfg. durch die Handelskammer bezogen werden kann.“
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Sonntag, 23. Mai 1915
Universität. Die neue Ehrentafel der im Dienste des Vaterlandes gefallenen Universitätsangehörigen zählt die Namen von zwei Dozenten (Dr. Haniel und Dr. Sassen), einem Assistenten (Dr. Kreutzwald) und 113 Studierenden auf. Der Rektor bringt diese Ehrentafel voll Trauer und Stolz zugleich am Schwarzen Brett zur Kenntnis und bittet, ergänzende Mitteilungen dem Universitätssekretariat bekannt geben zu wollen.
Brötchen aus Kriegsweizenmehl mit Zusätzen von je 5 v. H. Roggenmehl und Kartoffeln und mit Wasser (nicht Milch) verarbeitet wird es, wie in vielen anderen Orten, voraussichtlich auch in Bonn demnächst geben. Der Ausschuß der hiesigen Bäckerinnung wird Dienstag im Einverständnis mit der hiesigen Behörde die Angelegenheit besprechen, sein Beschluß müßte dann allerdings vom Regierungspräsidenten genehmigt werden. Diese Brötchen, sog. Knüppelchen, werden 100 Gramm wiegen und das Stück 8 Pfg. kosten.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Mit Rücksicht auf den Pfingstbesuch wird nochmals auf die Polizeiverordnung des Militär-Polizei-Meisters für den Befehlsbereich der Festung Cöln vom 28.4.15 betr. das Meldewesen hingewiesen, wonach alle Personen unverzüglich, spätestens binnen 12 Stunden nach Beziehen der Wohnung zur persönlichen Anmeldung verpflichtet sind, auch die nur vorübergehend (besuchsweise) hier Wohnung nehmen. Diese Verpflichtung tritt ein, gleichviel ob Wohnung in Gasthäusern, Pensionen oder Privathäusern genommen wird. Bei Zuwiderhandlung trifft sowohl die Personen, die sich nicht rechtzeitig anmelden, als auch die Wohnungs- und Unterkunftsgeber für jeden Einzelfall eine Geldstrafe von 30 Mark, an deren Stelle bei Zahlungsunfähigkeit eine Haftstrafe von 10 Tagen tritt. Die Anmeldung kann zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Polizei-Hauptwache erfolgen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Siegesfeiern in den Schulen. Ueber Siegesfeiern in den Schulen hat der Oberpräsident der Rheinprovinz eine Verfügung an die Regierungspräsidenten der Provinz gerichtet. Im Einvernehmen mit dem Provinzialschulkollegium wird darin angeordnet, daß die Entscheidung über das Aussetzen des Schulunterrichts bei Eintreffen bedeutsamer Siegesnachrichten durch die Landräte, in Städten durch die Oberbürgermeister erfolgt. Die Schulleiter sind allgemein angewiesen worden, dem Ersuchen um Aussetzen des Schulunterrichts unversäumt Folge zu leisten. Für Schulen, die den Regierungen unterstellt sind, haben diese das Weitere veranlaßt, während das Provinzial-Schulkollegium die Direktoren der höheren Lehranstalten mit entsprechender Anweisung versehen hat.
Die Fischzucht im Kriege. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Bei der Volksernährung im Kriege spielen die Fische eine große Rolle. Fast in allen Vorträgen, die in Stadt und Land über Kriegskost gehalten werden, und in allen Kriegskochbüchern wird auf Fischgerichte hingewiesen. In der Tat ist auch Fischfleisch ein gesundes und bekömmliches Nahrungsmittel. Aber es ist nicht überall wohlfeil. Der Grund hierfür liegt darin, daß die Fischzucht nicht überall rationell betrieben wird. Ja, es gibt sogar wasserreiche Gegenden, wo die Fischzucht ganz außer Acht gelassen und hauptsächlich Raubfischerei betrieben wird. Dem sollte unter allen Umständen vorgebeugt werden. Wo es irgend angeht, müssen die Teiche und Gräben mit guten Fischen besetzt und die Fischgerechtigkeiten geregelt werden. Wo eine geordnete Fischzucht vorhanden, sollte sie gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit mit Sorgfalt betrieben werden. Jeder Fischzüchter muß sich daran erinnern, daß auch er seinen Teil zur Sicherstellung der Volksernährung im Kriege betragen kann und soll.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 24. Mai 1915
Am Pfingstmontag erschienen in Bonn keine Zeitungen.
Dienstag, 25. Mai 1915
Die Pfingsttage liegen nun hinter uns. Schönere, köstlichere Tage hat uns die Sonne noch selten geschenkt als diese Pfingsttage des Jahres, das uns mitten im furchtbarsten Krieg findet, den je ein Land um sein Schicksal zu führen hatte. Und just zur Zeit des Pfingstfestes kommt die Kunde von dem endgültig vollzogenen Verrat und der Kriegserklärung des langjährigen sogenannten Freundes und Bundesgenossen. Draußen überall frisches, junges Grün, ein Keimen und Sprossen, blühende Bäume und allenthalben die Hoffnung und das Versprechen auf reichen Erntesegen. Jedes Fleckchen unserer deutschen Erde mit liebevoller Hand, mit behutsamer Sorgfalt bestellt. Wie ein Garten dehnt sich das weite Land unter dem seidig blauen Himmel. Wer hinauswandert, der findet draußen die Ruhe und den Frieden der Seele und der erlebt auch von neuem, was es heißt, eine Heimat haben und seine deutsche Erde lieben und verteidigen.
Der Ausflugsverkehr war an den beiden Feiertagen auch sehr stark. Vielleicht weniger lärmend, weniger turbulent als in früheren Jahren. Der Fremdenbesuch, vor allem die Kraftwagen mit den französischen, englischen und holländischen Gästen, die sonst um die Pfingstzeit den Rhein gern aufsuchten, fehlten diesmal. Unser Pfingstfest hat damit gewiß nichts verloren. Der Besuch aus den großen Städten der Umgegend war sogar besonders lebhaft. Unsere Bahnen hatten in diesen Pfingsttagen eine beiweiten größere Arbeit zu bewältigen als im vergangenen Jahre. Alle Züge, rheinauf- und rheinabwärts, waren überfüllt. Auch die Dampfer waren bis zum letzten Plätzchen besetzt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Selten schöne Pfingsttage gab uns das heurige Kriegsjahr. Ungetrübter klarer Himmel, eine brennende Sonne und ein wehendes Lüftchen, das die aufkommende Hitze angenehm milderte. Trotz der Kriegszeit war der Reiseverkehr stärker als im Vorjahre. Die Eisenbahndirektion hatte eine Anzahl Vorzüge eingelegt, trotzdem waren die Züge sämtlich derart überfüllt, daß in den Durchgängen die Reisenden Kopf an Kopf standen. Die Rheindampfer und unsere Vorortbahnen waren an beiden Tagen ebenfalls von Ausflüglern dicht besetzt. Auch hier in Bonn war der Fremdenverkehr außerordentlich groß.
Dieses riesige nach Draußenstreben, gewiß eine Entlastung des gedrückten Gemütes in dieser schweren Zeit, führte dazu, daß vielfach an den bekannten Sammelpunkten des Ausflugsverkehrs „ausverkauft“ war. Hier und in der Umgebung war an beiden Feiertagen in den Gasthöfen nur schwer anzukommen; und vielfach sind die Betten noch für die ganze Woche belegt.
Nicht aller Menschen Geschmack ist es, gerade zur Hauptreisezeit ihren Ausflug zu machen, sich drücken zu lassen auf Bahn und Schiff und nach Essen und Trinken jagen zu müssen. So bleiben viele die Pfingsttage daheim. Auch denen lachte die Pfingstsonne in ihrem Heim, in den Wäldern, die in so dichtem und nahem Kranze unsere Stadt umziehen, in den üppig grünen Anlagen Bonns und in den so wohlgeführten Wald- und Gartenwirtschaften. In der Gronau, auf der Kasselsruhe, im Kottenforst, an der Sieg erholten und erfreuten sich Tausende und Abertausende an den einzig schönen Pfingsttagen des Kriegsjahres 1915.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Futterreichtum. Man schreibt uns vom Lande: Es ist ein derartiger Futterreichtum vorhanden, daß an vielen Orten das über einen Meter hohe, saftige Gras einfach gar nicht gemäht, noch sonst für Futterzwecke benutzt wird, da man den Viehbestand so verringert hat, daß Futter in Hülle und Fülle vorhanden ist.
Vereinslazarettzug K. 1 Bonn. Der Bonner Lazarettzug ist, nach einigen Tagen des Wartens auf einem belgischen Güterbahnhof, für einige Fahrten der vierten Armee überwiesen worden, und hat am Samstag 250 Verwundete aus den Kämpfen bei Ypern in Gent und Thourout [Torhout] eingeladen, und in Köln, Linz und Vallendar ausgeladen. Augenblicklich steht der Zug zu sofortiger Abfahrt bereit in Andernach, wo das Personal einquartiert ist. Auch die nächste Fahrt wird wahrscheinlich nach Gent gehen.
Mit Beginn der wärmeren Jahreszeit werden die beiden Heizwagen ausgeschaltet. An ihre Stelle tritt ein 27. Krankenwagen und ein Kühlwagen.
Da die Heeresleitung nur einen sehr geringen Verpflegungssatz gewährt, sind Lebensmittel aller Art als Liebesgaben dringend erwünscht, besonders Schinken, Dauerwurst, Käse, Erbsen, Bohnen, Linsen, Kartoffeln, Gemüse- und Obstkonserven, ferner Zigarren, Zigaretten, Wein, Mineralwasser oder Geld zum Ankauf. Von weiteren Liebesgaben an Wäsche und wollenen Decken möge man vorläufig absehen, da alles reichlich vorhanden ist.
Einzahlungen für den Lazarettzug bittet man auf der Bonner Zweigstelle der Deutschen Bank zu machen. Liebesgaben werden Bahnhofstraße 10 angenommen. (...)
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 26. Mai 1915
Ihre Königliche Hoheit Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe hat Pfingsten ihre Schwester, die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, auf Schloß Friedrichshof im Taunus besucht. Die Frau Prinzessin wird voraussichtlich heute abend wieder in Bonn eintreffen.
Vorsicht beim Verkauf von Ansichtskarten deutscher Städte. Auf dem Umweg über das neutrale Ausland ist von feindlicher Seite wiederholt der Versuch gemacht worden, Ansichten deutscher Städte, namentlich Süd- und Westdeutschlands durch Buchhändler usw. aufzukaufen. Gewünscht werden besonders solche Bilder (Ansichtskarten), die für die Stadt und deren Umgebung durch besonders auffallendes Gepräge kennzeichnend sind, wie Kirchen, Burgen. Ruinen und andere in die Augen fallenden Bauwerke. Offenbar sind die Bilder dazu bestimmt, feindlichen Fliegern die Orientierung zu erleichtern. Es muß daher dringend davor gewarnt werden, diesen Ansuchen Folge zu geben, Auch wird es sich empfehlen, bei der Versendung von Ansichtskarten nach dem Ausland entsprechende Vorsicht zu beobachten.
Zwei neue Ansichtskarten aus Bonn sind im Verlage der Kunsthandlung M. Plaß erschienen. Die eine zeigt die Bilder des Alten Zolls und der Infanteriekaserne und dazwischen ein Schattenbild vorgehender Infanterie, die zweite die Rheinbrücke und die König-Wilhelm-Kaserne, dazu ein Bildnis des Kaisers und eine kleine galoppierende Husarenpatruille. Beide Karten sind mit deutschen Fahnen sowie Lorbeer- und Eichenzweigen zeitgemäß geschmückt und im ganzen sauber und geschmackvoll ausgeführt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Einspruch gegen weitere Massenschlachtungen. Man schreibt uns: Mit Wirkung vom 8. Mai ist bekanntlich die Bundesratsverordnung vom 25. Januar betreffend die Sicherstellung von Fleischvorräten außer Kraft getreten und die Verpflichtung der Gemeinden zur Ansammlung von Fleischdauerwaren wieder aufgehoben worden. Auch ist die Einstellung der für Preußen eingeleiteten Umlegung von Schweinen auf die Kommunalverbände für die Zentral-Einkaufsgenossenschaft angeordnet worden. Der Deutsche Fleischerverband hat deshalb gegen die Absicht der Zentral-Einkaufsgenossenschaft, zur Erledigung bisher nicht erfüllter Gemeindeaufträge noch Massenschlachtungen von Schweinen vorzunehmen, Einspruch beim Reichsamt des Inneren erhoben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Kriegspokalspiel. Am Pfingstsonntage fand auf dem Sportplatze an der Richard-Wagnerstraße ein Fußballwettspiel zwischen Bonner Fußball-Verein I und Siegburger Sportverein statt. Die Frage war bald gelöst, denn schon nach fünf Minuten Spieldauer führte Bonn mit 2:0 Toren. Bei Halbzeit stand das Spiel 4:1 und zum Schluß 5:2 zu Gunsten Bonns. Das Spiel wurde trotz des warmen Wetters flink und energisch durchgeführt und war auch in Anbetracht der „kriegsstarken“ Mannschaften sehr abwechslungsreich. Sportfreunde hat der Krieg hier in Bonn nur noch wenige hinterlassen.
Beim Spielen fiel gestern ein etwa 4 Jahre alter Knabe in den Rhein. Er wurde von einem vorbeikommenden Manne gerettet.
Der Füllstrich der Biergläser. Der Inhaber einer größeren Gartenwirtschaft erhielt mehrere tausend neuer Biergläser und war in dem guten Glauben vorschriftsmäßiger Lieferung. Indessen fand sich bei der polizeilichen Nachschau eine ganze Anzahl von Gläsern mit falsch angebrachten Füllstrich. Dies hatte nicht nur die polizeiliche Einziehung der betreffenden Gläser, sondern auch eine Bestrafung des Wirtes zur Folge. Er beantragte gerichtliche Entscheidung und behauptete, es sei ihm als Wirt gar nicht möglich, die Richtigkeit des Füllstriches bei mehreren tausend Gläsern nachzuprüfen. Die Verantwortung habe allein der Lieferant zu tragen, dem die Richtigkeit ausdrücklich zur Bedingung gemacht worden sei. Strafkammer und Kammergericht ließen jedoch die Entschuldigung nicht gelten. Die Verantwortung in strafrechtlicher Beziehung trage allein der Wirt,
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Wie kann man noch gegen den Aushungerungsplan der Engländer arbeiten?
Diese Frage kurz beantwortet: man schont die landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Dieses wird aber sehr wenig beachtet. Betrachte man sich einmal die Spaziergänger in Gottes freier Natur. Es wird da neben den Wegen hergegangen, sogar in und durch die Felder, ohne dabei zu denken, welcher Schaden angerichtet wird. Gewöhnlich heißt es dann, der Bauer hat doch genug; ein bißchen macht doch nichts aus. Dabei vergißt man, daß jede zertretene Frucht der allgemeinen Volksernährung abgeht. Mit dem Wegwerfen von Streichhölzern sei man ebenfalls vorsichtig, weil im Sommer sich vieles leicht entzündet. Ferner gibt es sogenannte Kornblumentage. Dieses ist an und für sich sehr hübsch. Die Blumen müßten aber künstlich hergestellt werden. Würden die Kornblumen auf den Wegen gepflanzt, so wäre es ja gut, aber dabei bleibt es nicht. Man läuft vielfach in die Getreidefelder hinein. Ganze Familien sind oft in den Feldern vertreten. In der Regel Sonntags in aller Frühe, weil man dann an keinen Flurhüter denkt. Ein Flurhüterkann ja auch nicht Tag und Nacht anwesend sein, dann müßten schon mehrere für den Posten eingestellt werden.
Was nun für Getreidefelder gilt, kommt auch für andere Felder und Wiesen in Betracht. Da möchte ich auch noch an Fronleichnam und sonstige Feste erinnern. Man erweist dem Herrgott keinen Gefallen damit, wenn man Blumen streut, durch welche andern Schaden zugefügt wurde.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Donnerstag, 27. Mai 1915
Ertrunken ist am Sonntag abend auf der Fahrt zwischen Bonn und Wesseling ein 15jähriger Schiffsjunge des „Albertus Magnus“. Der Junge war gegen das Verbot über die Reling geklettert, um mit einem Eimer Wasser zu schöpfen, dabei stürzte er in den Strom und ertrank.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Schnakenplage. In diesem Jahre treten die Schnaken sehr stark auf und haben manchem Pfingstausflügler arg mitgespielt. Namentlich im Kottenforst machen sich augenblicklich diese kleine, aber recht lästigen Tierchen bemerkbar. Sie stürzen sich auf die ahnungslose Menschheit, um heimtückisch ihre Stacheln einzubohren. Salmiakgeist ist ein gutes Mittel gegen diese Plagegeister, aber auch dieses Mittel hilft nicht immer, wenn man den Stich erst merkt, wenn sich das lästige Jucken bereits bemerkbar macht. Vorheriges Einreiben mit einer scharfriechenden Flüssigkeit ist zu empfehlen. Aber ohne ein Fläschchen Salmiakgeist soll man in dieser Zeit überhaupt keine Waldwanderungen antreten. Vor allem aber muß man diejenigen Stellen nicht zum Lagerplatz aussuchen, an denen sich kleine Sümpfe oder Weiher befinden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Drei sonderbare Erzählungen gingen in den letzten Wochen von Mund zu Mund. Danach wurde von einem Knaben bzw. einer Frau bzw. einem Schäfer schon vor einem Jahr vorhergesagt, daß „in diesem Sommer“ der Krieg kommen werde, und auf weiteres Drängen hätten sie sich dann auch über einen Friedensschluß geäußert, der nach der Vorhersage des Knaben im März, nach der der Frau am 27. April, nach der des hellseherischen Schäfers aber im Mai kommen sollte. Alle drei Erzählungen schlossen mit der Beteuerung der Betreffenden: Dies wird sich ereignen, so wahr ich selbst vorher sterben werde, und dann mit der Bekräftigung: der Knabe, die Frau, der Schäfer – ist dann auch wirklich Ende Januar bzw. Februar bzw. März gestorben. Diese Erzählungen zeigen, wie in angstvoll aufgeregten Zeiten, wie der jetzigen, sich die Volksdichtung betätigt, und wie grausam und berechnend sie in allen drei Fällen das Seltsam-Schauerliche jeder einzelnen Weissagung steigert.
Nur hüte man sich, solchen Phantasiegebilden, die sich in veränderter Form sicher wiederholen werden, Glauben zu schenken.
Die jungen Vögel der ersten Brut haben das Nest verlassen. Unbeholfen flattern sie singend und zwitschernd von Ast zu Ast. Verschiedene, immer die Nesthäkchen der einzelnen Bruten, sind noch wenig flügge, erst in ein paar Tagen können sie ordentlich fliegen, wenn sie nicht von Menschen oder Tieren gefangen werden oder sonst zugrunde gehen. Die Vogeleltern sind von früh bis spät beschäftigt, ihren Jungen Futter herbeizuschaffen. Infolge ihrer Unbeholfenheit in der Flugkunst sind die Jungen vorläufig noch sehr zutraulich, aber wehe wenn sich ihnen Menschen oder gar Katzen oder sonstiges Getier nähern sollten. Die Alten, welche ihre Vogelkinder fortwährend im Auge behalten, erheben dann ein fürchterliches Angst- oder Warnungsgeschrei und umfliegen in allernächster Nähe die Betreffenden, bis er sich entfernt hat oder bis das junge Vögelchen davongeflogen ist.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 28. Mai 1915
Rheinische Lehrer im Krieg. Nach der letzten Aufstellung der „Westdeutschen Lehrerzeitung“ sind bis jetzt aus dem Rheinland 451 Lehrer gefallen, verwundet sind 324 und das Eiserne Kreuz haben 512 erworben.
Das Guvernement der Festung Köln verordnet für den Festungsbereich: Es ist verboten, daß Privatpersonen, ohne schriftliche Genehmigung der zuständigen Polizeibehörde, Waren, gewerbliche Leistungen oder Darbietungen (auch theatralische oder musikalische) mit dem Hinweis anbieten oder ankündigen, daß der Ertrag ganz oder zum Teil zum Besten einer für Kriegszwecke geschaffenen Wohltätigkeits-Einrichtung bestimmt ist. Zuwiderhandlungen werden aufgrund des § 9 des Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851 mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Strafe bestimmen.
Die Kartoffelpreise beginnen zu sinken, das verspürt man mit Genugtuung auch schon in unserer Stadt. Aller Voraussicht nach werden die Preise noch weiter sinken. Aus Leutesdorf wird uns z. B. berichtet: Dieser Tage wurde hier ein Waggon Kartoffeln zum Verkauf ausgesetzt, der Zentner zu 5 M. Da sich aber wenig Absatz zeigte, wurde der Preis später auf 3 M. herabgesetzt. – Wären die jetzt noch vorhandenen Vorräte rechtzeitig auf den Markt gebracht worden, anstatt da sie nun vielleicht gar keine Abnehmer mehr finden und verkommen, dann wäre eine solche Preistreiberei, wie sie in den Wintermonaten entstanden war, überhaupt nicht eingetreten. Es ist dringend zu wünschen, daß die Kartoffeln der neuen Ernte zu angemessenen Preisen in die Hände der Verbraucher gelangen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Siegeszuversicht. Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: Während eines Gespräches, das ich Pfingstsonntag auf dem Bahnhof zu Euskirchen mit der Begleitmannschaft eines Pferdetransportes hatte, erhielt ich auf meine Frage: „Nun, was sagen Sie dazu, daß jetzt Italien auch noch anfängt?“ von einem Soldaten die Antwort: „Ach, da machen wir ein paar Ueberstunden, dann schaffen wir das auch noch!“
Städtischer Verkauf von Lebensmitteln. Der Preis der städtischen Kartoffeln ist auf 5 Mark für den Zentner herabgesetzt worden. Der Reisverkauf, welcher bisher jeden Dienstag stattfand, ist für die Sommermonate eingestellt worden. Da der Andrang zum Fleischverkauf immer stärker wird, findet von nächster Woche ab, außer Samstags nachmittags, auch Dienstags vormittags von 9 – 12 Uhr Verkauf von Schinken, Speck und Dauerwurst zu den bisherigen Preisen statt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Fürstlich Schaumburg-Lippische Kriegsauszeichnung haben wegen ihrer Verdienste um die Bonner Verbands- und Erfrischungsstelle Prinzessin Viktoria in Lille verliehen erhalten: Beigeordneter Richard Piehl, Oberstabsarzt Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Hans Leo, Rechtsanwalt Johannes Henry, Bankdirektor Carl Weber und Bureaudirektor Jakob Dietz in Bonn.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 29. Mai 1915
Der Deutsche Wehrmannsbund für Schießen mit Militärwaffen erläßt folgenden Aufruf, in dem es heißt: „Jeder Wehrfähige erfülle seine Pflicht gegen das bedrohte Vaterland und stärke seine Wehrkraft durch Ausbildung im Schießen. Gelegenheit dazu bietet der Deutsche Wehrmannsbund. Er bezweckt die Hebung der Wehrkraft durch Ausbildung und Uebung im Schießen mit Militärwaffen. Unterstützt wird dieses patriotische Bestreben des Wehrmannbundes durch Beitritt als Mitglied, durch Gründung von Unterverbänden, durch Stiftung von Waffen und Barmitteln für seine Zwecke. Anfragen, Beitrittserklärungen, Spenden usw. sind zu richten an die Geschäftsstelle des Deutschen Wehrmannbundes, Berlin, Schloß Schönholz.
Über ernste sittliche Frauenpflichten zur Kriegszeit wird Freitag nächster Woche im Ausschuß für hauswirtschaftliche Kriegshilfe Frau Dr. Wegscheider-Ziegler sprechen. Zu dem Vortrag, der im Dreikaisersaal stattfindet und abends 8½ beginnt, ist der Eintritt frei.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Eine allgemeine Wallfahrt der katholischen Männer und Jünglinge Bonns zur Erflehung eines siegreichen Friedens findet Sonntag nachmittag 3 Uhr zum Kreuzberg statt. Die Prozession geht vom Martinsplatz vor der Münsterkirche aus. Die Beteiligung verspricht außerordentlich groß zu werden, da sich außer den Angehörigen der verschiedenen Pfarreien eine Anzahl Vereine sowie Soldaten und Verwundete an dieser Bittprozession beteiligen. Auch ein Musikkorps wird die Wallfahrer begleiten.
Verkauf von Waffen. Wie das Generalkommando des 8. Armeekorps entschieden hat, ist der Verkauf von Waffen mit Munition und Degen an Offiziere und obere Militärbeamte ohne weiteres gestattet. Für die übrigen Militärpersonen bleibt es bei dem bisherigen Verfahren. Die Waffenhändler haben über den Verkauf der Waffen genau Buch zu führen.
Unfall. Ein Metzgereiauto stieß heute morgen 7 Uhr an der Ecke Reuterstraße – Bonnertalweg mit einem Radfahrer zusammen. Der Radfahrer wurde schwerverletzt in ein benachbartes Haus gebracht.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Café Königshof. Die Direktion des Königshofes teilt uns mit, daß sie, dem Wunsche ihrer Caféhausbesucher entsprechend, von heute ab Café und Terrasse bis abends 11 Uhr geöffnet hält.
Gegen ansteckende Krankheiten. Um den Gefahren der Entstehung und Ausbreitung ansteckender Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen, soll nach höheren Orts erlassenen Anordnungen die öffentliche Sanitätspolizei in den Sommermonaten besondere Vorkehrungen treffen. Vorgefundene sanitäre Mißstände sollen unverzüglich abgestellt werden.
Sanitätshunde. Bei der hiesigen Meldestelle hat wieder ein neuer Ausbildungskursus begonnen. In nächster Zeit werden mehrere Ersatzhunde für im Felde unbrauchbar gewordene Hunde erforderlich. Hundebesitzer, die ihre Hunde – auch Hündinnen – zur Ausbildung als Sanitätshund zur Verfügung stellen wollen, werden gebeten, diese bei dem Leiter der Meldestelle, Herrn Polizei-Kommissar Flaccus, Kirsch-Allee 23 wohnhaft, anzumelden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Sonntag, 30. Mai 1915
Bonner Wehrbund. An den beiden Pfingsttagen unternahmen 38 Mitglieder des Bonner Wehrbundes unter Führung von Geheimrat Brinkmann eine gemeinsame Wanderung in die Eifel. Der Marsch begann in Brück an der Ahr und führte am ersten Tage bis Kelberg. Auf der Hohen Acht wurde Mittagsrast gehalten, auf der Nürburg gemeinsam der Kaffee eingenommen. Gegen 7 Uhr rückte die Jungmannschaft mit festem Tritt unter dem Gesang vaterländischer Lieder in Kelberg ein und vor das Pfarrhaus, in dessen Scheune Herr Pfarrer Eisvogel in liebenswürdiger Weise kriegsmäßiges Quartier dargeboten hatte. Am anderen Morgen nach dem Gottesdienst und dem von Herrn Pfarrer und Herrn Dr. med. Zimmer gütigst gespendeten Kaffee verabschiedete sich der Wehrbund mit dankbarem Heilruf von dem gastlichen Pfarrhause und zog durch das Liesertal nach Daun. Auf dem Mäuseberge an einer frischen Quelle wurde gerastet, aus den Vorräten des Rucksackes zu Mittag gegessen, von vielen auch die Gelegenheit zu erquickendem Bade im Gemündener Maar benutzt. Dann ging es zu den beiden anderen Maaren und nach Daun zurück, von wo nach gemeinsamen Kaffee um 6 Uhr die Rückfahrt angetreten wurde. Mit kräftigem Hurra auf Kaiser und Reich trennte man sich um 11 Uhr vor dem Bonner Bahnhof. – Wacker haben die Teilnehmer die Strapazen des Marsches bei großer Hitze und auf meist wenig bequemen Wegen überwunden, wacker haben sie auch treue Kameradschaft unter
einander gehalten. So wird ihnen allen die Wanderung mit ihren gemeinsamen Erlebnissen und den herrlichen Eindrücken hoher Naturschönheiten dauernd eine köstliche Erinnerung bleiben. Am Samstag trat der Wehrbund zu einer Abendübung an der Nordschule an.
Die Brotkarten in Kur- und Badeorten. Die Reisezeit hat begonnen, und es wird mancher sich darüber Kopfzerbrechen gemacht haben, wie es an dem Orte, den er als seinen Erholungsaufenthalt wählt, mit der Brotkarte wird. Die Frage ist nunmehr durch einen Erlaß des Ministers des Innern geregelt worden. Kur- und Badegäste erhalten Brotkarten nur gegen Vorzeigung eines Brotkartenabmeldescheins, der vor der Abreise im Wohnort auszustellen ist und auf dem angegeben ist, daß der Abreisende für sich und seine Begleitung für die Dauer der Abwesenheit vom Wohnort keine Brotkarten erhalten hat. Wer also an seinem Erholungsort keine Weitläufigkeiten mit der Brotkarte haben will, versäume nicht vor der Abreise, sich einen Brotkartenabmeldeschein ausstellen zu lassen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Bubenstreich. Auf den um 7.42 Uhr hier abends abgehenden Personenzug wurde am Freitag in unmittelbarer Nähe des Wasserturmes und Bahnwärterhäuschens am Marflacherweg in Godesberg von schulpflichtigen Knaben mit Steinen geworfen. Ein Wurf durchdrang das Glasfenster auf der Lokomotive und brachte dem Lokomotivführer eine erhebliche Verletzung am Auge bei. Die polizeiliche Untersuchung wurde sofort veranlaßt.
Ein alter Dieb wurde gestern von der Strafkammer zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte in Kessenich einen Hobel und zwei der Kirche gehörige Tücher, sowie in Poppelsdorf zwei Enten gestohlen. Ferner hatte er versucht, in Poppelsdorf eine Ziege zu stehlen. Dem Tier hatte er bereits einen Stich in den Hals beigebracht, sodaß es am anderen Morgen tot im Stalle aufgefunden wurde.
Wegen Vergehens gegen die Bäckereiverordnung des Bundesrats wurde ein Bäcker aus Godesberg, der mehr Mehl verbacken hatte, als ihm zugestanden war, zu 60 Mk. Geldstrafe verurteilt. In zwei Sachen erfolgte Vertagung. Die eine Angeklagte hatte Keks verkauft. Sie behauptete, dieser Keks hätte genau der für Bonn erlassenen Bäckereiverordnung entsprochen. Eine zweite Angeklagte behauptete, sie habe sich bei der Einreichung ihrer Bestandnachweisung geirrt, indem sie die Zahl der Säcke Mehl statt der Zentner angegeben habe.
Eine Denkmünze aus Kriegsgeschoßmaterial erhielt der Schüler des hiesigen Königlichen Gymnasiums Karl Barthels. Er hatte seine umfangreiche Sammlung von Medaillen und ausländischen Münzen und sein reichhaltiges Briefmarkenalbum dem Zentralkomitee des preußischen Roten Kreuzes in Berlin zur Verfügung gestellt.
Warnung vor überstürzten Zuckereinkäufen. Man schreibt uns: An die Hausfrauen ist schon wiederholt die Warnung ergangen, nicht größere Mengen Zucker einzukaufen, als sie im Augenblick benötigen. In Händlerkreisen wird sehr darüber geklagt, daß Hausfrauen, die früher ein halbes Pfund oder höchstens ein ganzes Pfund Zucker gekauft haben, heute 5, 10 und mehr Pfund fordern. Die Hausfrauen befürchten, daß es demnächst überhaupt keinen Zucker mehr gebe, oder daß unerschwingliche Preise dafür gezahlt werden müßten. Diese Befürchtungen sind grundlos. Die augenblickliche Zuckerknappheit ist in erster Linie auf die Angsteinkäufe der Hausfrauen zurückzuführen; dann aber auch können die Zuckerfabriken dadurch, daß ihnen von der Regierung nur ein bestimmtes Quantum an Rohmaterial geliefert wird, nicht allen übermäßigen Auftragen gerecht werden. Dazu kommt noch der augenblickliche Arbeitermangel, der Mangel an Wagen zum Verladen usw. Von Preistreibereien kann dadurch wirksam entgegengetreten werden, daß jeder heute nur die Menge einkauft, die er benötigt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Viehfutter am Wegrand. Man schreibt uns: „In reichen Gegenden des Westens der Monarchie findet sich an den Wegrändern oft eine üppige Vegetation, die vollkommen unbenutzt bleibt. Ist dies der Fall, so hat der Landmann noch Schaden davon. Die ungenutzten Wegränder sind nämlich eine Heimstätte des Unkrauts. Von hier aus wird der Unkrautsamen vom Wind auf die Felder getragen, wodurch nicht selten das Wachstum der Kulturpflanzen schwer behindert wird. Schon aus diesem Grunde ist ein mehrmaliges Abweiden oder Abmähen der Wegränder dringend zu empfehlen. Der hierfür zu entrichtende Zins kann sehr gering bemessen werden. Unbedingt nötig ist dabei freilich, daß demjenigen, der das Nutzungsrecht erhält, die Nutzung auch zur Pflicht gemacht wird.“ H. P. Wamser.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 31. Mai 1915
Über mutwillige Beschädigungen der Telegraphenanlagen wird besonders in neuerer Zeit wieder geklagt. Hauptsächlich werden durch Kinder zahlreiche Porzellan-Doppelglocken mutwillig zertrümmert und dadurch die öffentlichen und militärischen Interessen gefährdet. Für die Ermittelung der Täter von vorsätzlichen oder fahrlässigen Beschädigungen gewähren die Ober-Postdirektionen Belohnungen bis zu 15 Mark.
Pilze. Die heutigen schwierigen Zeiten erfordern es, alle der Volksernährung gebotenen Mittel voll auszunutzen. In Deutschland gibt es über 200 Pilzarten, von denen über ein Viertel gute Speisepilze sind. Nur sieben Arten sind giftig. Der größte Teil dieses Nahrungs- und Genußmittels, dessen Jahresernte einen Wert von vielen Millionen Mark hat, geht nun in Deutschland verloren. Tausende von Zentnern des schmackhaften und nahrhaften „Pilzfleisches“ kommen jährlich unnütz um. (...) Jedenfalls wäre es sehr erwünscht, wenn die Kriegsnöte mit dazu beitragen möchten, das Interesse für die Schwämme zu wecken und die unglaubliche Unkenntnis auf diesem Gebiete zu beseitigen. Die deutsche Volksernährung würde dadurch um einen wesentlichen Faktor bereichert werden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die Wallfahrt zum Kreuzberg ging gestern gegen Vormittag unter ungemein starker Beteiligung vor sich. Es nahmen daran teil die katholischen Jugendvereinigungen der Stadt, der katholische Arbeiterverein Kessenich, der katholische Gesellenverein und der Katholische Verein, der Kath. kaufmännische Verein, das Zentralkomitee der Katholiken Bonns, der katholische Arbeitervereine sowie die Junggesellensodalität und die Männerkongregation der Münsterpfarre. Außerdem bemerkte man in dem riesigen Wallfahrtszuge eine große Zahl von verwundeten Soldaten aus den Bonner Lazaretten, sowie zahlreiche Männer aus den verschiedenen Pfarreien. (...)
Die Wallfahrt, die der Erflehung eines erfolgreichen Friedens für unser deutsches Volk und Vaterland galt, bot durch die Stärke der Beteiligung aus allen Schichten unserer Bürgerschaft ein erhebendes Bild der gottgläubigen kirchlichen katholischen Gemeinschaft unserer lieben Vaterstadt.
Hoch oben auf dem Kreuzberg, der die Scharen der Wallfahrer kaum zu fassen vermochte, fand ein Bittgottesdienst in der freien Gottesnatur statt, wo Pater Dosetheus von der heiligen Stiege der Kreuzbergkirche aus über die religiösen Pflichten des katholischen Mannes in der Jetztzeit eine packende, tief zu Herzen dringende Ansprache hielt, die bei allen Teilnehmern unverwischlich im Gedächtnis haften dürfte.
Der geistliche Redner gedachte des Lenkers aller Schlachten, in dessen Hand die Geschicke aller Völker ruhen, und um dessen gütigen Beistand in dem großen Ringen zu bitten, echte Christenpflicht sei. Auch der furchtbaren Folgen dieses Weltkrieges, der armen zurückgebliebenen Witwen und Waisen der auf dem Felde der Ehre gefallenen Kämpfer gedachte P. Dosetheus, bei dessen Worten wohl kaum ein Auge trocken blieb.
Ganz eigenartig berührte es, daß während der Ansprache vor der tausendköpfigen gläubiggen Menge, die dichtgedrängt auf dem im Frühlingskleide prangenden Kreuzberg vereinigt war, die Vögel im Gezweig friedvoll ihre Lieder sangen, während die Herzen der Gläubigen von dem Ernst der kriegerischen Ereignisse, die der Redner vor ihrem geistigen Auge entrollte, tief erfüllt waren.
Möge der Geist, der diese Wallfahrt erfüllte, in unserem Volke lebendig bleiben und unserem geliebten Vaterlande auch tatsächlich der Friede beschieden sein, der gestern von dieser vielköpfigen Schar gläubiger Katholiken auf der Kuppe des Kreuzberges heiß und inbrünstig erfleht worden ist.
Zur neuen Kartoffelernte. Infolge des günstigen Wetters verspricht die diesjährige Kartoffelernte ganz besonders reich zu werden. Die Frühkartoffeln sind teilweise schon an der Blüte und in den nächsten zwei Wochen dürften die ersten neuen Kartoffeln auf den Markt kommen. Es liegt im Interesse vieler, den Bedarf an alten Kartoffeln nur noch pfundweise einzukaufen, da der Preis der neuen Kartoffeln wohl kaum denjenigen der alten übersteigen wird. Auch sonst diene für ängstliche Gemüter zur Beruhigung, daß keine Nahrungsmangel eintreten kann, da für dieses Jahr in allem eine gute Ernte bevorsteht, wie wir sie seit langen Jahren nicht gehabt haben.
Das Ende des zeitweiligen Zuckermangels. In Berlin wird amtlich gemeldet: Der Bundesrat hat in der vorgestrigen Sitzung für die Zeit nach dem 31. Mai 1915 weitere fünfzehn Hundertteile des Kontingents der Rohzuckerfabriken zum steuerpflichtigen Inlandsverbrauch freigegeben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Zum Fremdwörterunwesen. Die Zeitungen und Zeitschriften bringen jetzt wieder haufenweise das Wort Saison. Es ist die Modesaison und die Badesaison angebrochen. Was ist denn Saison? Offenbar soll mit diesem häßlichen Fremdwort zweierlei ausgedrückt werden: ein begrenzter Zeitabschnitt, also eine Frist, und ein Etwas, das diesen Zeitabschnitt vor allen anderen heraushebt, also etwas Hohes. Wäre demnach Saison nicht recht gut mit Hochfrist wiederzugeben? Die Hochfrist der Sommermode, die Hochfrist der Badezeit lautet zudem gar nicht übel. P. A.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)