Bonn 1914-1918
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    • Sachbücher
    • Belletristik
  • Textbeiträge
    • Das erste Kriegsjahr
    • Liebesgabenfahrten 1914
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      • -- Dokumente
    • Der Kriegswinter 1916/17
    • Die letzten Monate
  • Exkursionen
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Mittwoch, 11. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 11. November 1914Am gestrigen Martinsabend sah man auf den Straßen die Jugend mit bunten Papierlaternen einherziehen, es war das altgewohnte Bild und es war es doch nicht ganz. Der Krieg machte auch hier seinen Einfluß geltend. Statt der sonst üblichen Lieder hörte man Kriegs- und Soldatenlieder. Mit dem Gesang „ Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen“ zog so eine kleine Schar, Buben und Mädels, unter unseren Fenstern vorüber. Meistens schwieg aber überhaupt der Mund der Kleinen. Unbewusst empfanden auch sie, daß lautes Treiben jetzt nicht am Platze ist.

Feldpostbriefe dürfen wieder schwerer sein. Wie amtlich mitgeteilt wird, werden Feldpostbriefe im Gewicht von 250 bis 500 Gramm vom 15. bis einschließlich 21. November wieder zugelassen.

Gesellschaft für Literatur und Kunst. Die nächste Veranstaltung der Gesellschaft für Literatur und Kunst wird der Kriegsmusik gewidmet sein. Dr. G. Tischer aus Köln, dessen Vortrag im vergangenen Winter viel beachtet wurde, wird über dieses Thema in der zweiten Hälfte des Monats sprechen. Das Städtische Orchester hat die musikalischen Darbietungen übernommen.

Der Verkauf von Benzin und Benzol, soweit die Vorräte nicht von der Militärverwaltung beschlagnahmt sind, ist für den Bereich des 8. Armeekorps vom stellvertretenden Oberkommando des 8. Armeekorps freigegeben worden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 11. November 1914Sendet Kerzen als Liebesgaben! Von dem aus dem Felde heimgekehrten Geheimrat Garré erfahren wir, daß auf den westlichen Kampfplätzen in den Quartieren und in den Schützengräben ein empfindlicher Mangel an Beleuchtungsgegenständen herrscht. Es tut einem geradezu das Herz weh, wenn man in den Straßen Bonns die Kinder am Martinsabend mit den brennenden Lampen sehe, deren Kerzen weit besser unseren Offizieren und Soldaten ins Feld gesandt worden wären. Aerzte und Offiziere sind genötigt, sich oft in großer Zahl mit einer einzigen Kerze, die auf eine Weinflasche aufgesteckt wird, begnügen zu müssen. Die in den Schützengräben liegenden Offiziere und Mannschaften sehen den langen Winterabenden recht betrübt entgegen, da sie bei der immer früher hereinbrechenden Dunkelheit genötigt sind, ohne Licht ihre Pflicht erfüllen zu müssen. Wer in der Heimat glaubt, daß unsere im Felde befindlichen Leute ihre Abende in ähnlicher Beleuchtung wie zuhause verbringen könnten, irrt sich sehr. Unsere Armeeleitung sorgt wohl in jeder Hinsicht in der sorgfältigsten Weise für unsere Krieger, aber Beleuchtungsmittel werden nicht gestellt. Da in den vom Feinde verlassenen Orten auch für Geld keine Petroleumlampen und Kerzen zu haben sind, so ist man fast auschließlich auf Liebesgaben aus der Heimat angewiesen. In erster Linie müssen natürlich die Feldlazarette mit Kerzen versorgt werden, im weiteren aber auch unsere Offizierskorps und die Mannschaften. Wir sich vorstellt, welchen Einfluß das Verbringen der langen Abende in völliger Dunkelheit auf das Gemüt ausübt, der wird begreifen, daß einer der ersten Schritte, den Generalarzt Geheimrat Garré nach der Rückkehr in die Heimat unternahm, unsere Redaktion war, um die Oeffentlichkeit daz anzuregen, möglichst rasch Kerzen als Liebesgaben ins Feld zu senden. Wir kommen dieser Anregung hiermit sofort entgegen, möchten aber doch hierbei bemerken, daß bei der täglich bei uns eintreffenden reichen Poste von den Kriegsschauplätzen der Wunsch nach Tabak und Zigarren immer am lebhaftesten zum Ausdruck kommt, während Kerzen bisher kaum verlangt wurden.

Den Wirten ist vom Garnisonkommando verboten worden, nach 9 Uhr abends den Mannschaften unserer Garnison den Aufenthalt in ihren Lokalen zu gestatten, oder ihnen Speise und Getränke zu verabfolgen. Unteroffiziere ohne Portepee dürfen nicht länger wie 10 Uhr in den Schankstätten geduldet werden. Gegen Zuwiderhandlungen wird in schärfster Weise vorgegangen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 11. November 1914Für erblindete Soldaten, die infolge Verwundung ihr Augenlicht verloren haben und deren sich mehrere hier in der Augenklinik befinden, hat eine erblindete Dame in Godesberg unentgeltlichen Unterricht im Lesen und Schreiben der Blindenschrift zugesagt.

Die in Bonn festgenommenen Engländer im Alter von 17 bis 55 Jahren, die bisher im hiesigen Gefängnis untergebracht waren, sind gestern Vormittag nach Köln weitertransportiert worden. Von dort aus werden sie nach Ruhleben bei Berlin gebracht, wo sie interniert werden.

Handels- und Gewerbe-Verein, e. V. In der gestrigen Hauptversammlung im Stern erstattete der Vorsitzende Herr Hubert Bericht über die Vereinstätigkeit nach Ausbruch des Krieges. Der Verein hat dem Roten Kreuz und anderen Wohltätigkeitseinrichtungen große Beträge überwiesen, auch zur Kriegsanleihe gezeichnet. – Auf Antrag wurde beschlossen, Engländer, die im Verein die Mitgliederschaft erworben haben, aus der Mitgliederliste zu streichen. Die Anregung des Vereins, der Handelskammer und anderer hiesiger Vereinigungen, Gold im Interesse der Kriegslage gegen Papiergeld umzutauschen, ist von Erfolg gewesen. Wöchentlich wurden hier ungefähr für 30-40 000 Mark Gold bei der Reichsbank umgetauscht. Das Umtauschgeschäft wird weiter betrieben. (...)
    Zur Petroleumfrage wurde erwähnt, daß die in einem Teil der Presse gebrachten Meldungen, ein Petroleummangel sei nicht zu verzeichnen, nicht ganz zutreffend seien.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 11. November 1914Japanischer Orden zurückgegeben. Der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Rein, der Verfasser des grundlegenden Werkes über Japan, dem die Japaner wiederholt ihre Dankbarkeit bezeugt haben, hat den ihm verliehenen Kaiserlich japanischen Verdienstorden der Aufgehenden Sonne dritter Klasse dem Universitätskurator zur Rückgabe an die japanische Regierung durch den Herrn Kultusminister übergeben.

Der Kriegsmusik wird die nächste Veranstaltung der Gesellschaft für Literatur und Kunst gewidmet sein, die in der zweiten Hälfte des Monats in der Lese stattfindet. Dr. Gerhard Tischer aus Köln, dessen wertvoller Vortrag im vorigen Winter weitere Aufmerksamkeit erregte, wird sprechen. Das Städtische Orchester hat die musikalischen Darbietungen übernommen.

Verkauf von Beutepferden. Am Donnerstag, den 12. November, von morgens 10 Uhr ab und am Freitag, den 13. November d. J. ebenfalls von 10 Uhr ab findet ein Verkauf von etwa 280 Beutepferden durch die Landwirtschaftskammer unter Mitwirkung der Rheinischen Pferdezentrale auf dem Schlachthofe in Köln zu den bereits früher mitgeteilten Bedingungen statt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 11. November 1914Kriegszeitung. Herr Kaufmann Willy Seiwert aus Bonn, Münsterplatz, zur Zeit Kraftwagenführer beim Armee-Oberkommando, sendet uns ein Exemplar der Kriegszeitung, wie sie fast täglich für die Armee des Kronprinzen herausgegeben wird, da die Zeitungen aus der Heimat zu lange auf sich warten lassen. Wir haben die Zeitung im Schaufenster unserer Geschäftsstelle zum Aushang gebracht.

Für schwächliche und kränkliche Kinder unserer im Felde verwundeten oder gefallenen Krieger ist im Hause Schumannstraße 288 ein Erholungsheim gegründet worden. Das neue Heim soll diesen Kindern während und nach der Kriegszeit gegen geringes Entgelt eine Zufluchtsstätte sein, wenn die Mütter selbst nicht in der Lage sind, die Pflege und Aufsicht zu übernehmen. Ein Bonner Kinderarzt und eine Oberschwester haben die Aufsicht und Leitung. Zweifellos war ein solches Institut in Bonn notwendig. Wir hatten Kinderhorte und Bewahranstalten für gesunde Kinder, wir hatten aber kein Heim für die armen Kleinen, denen Schwächlichkeit und Krankheit schon die ersten Jahre ihres jungen Lebens zur Plage machen. Kinder mit steckenden Krankheiten müssen natürlich von der Aufnahme in das neue Heim ausgeschlossen sein.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 11. November 1914Die Abreise der 12 verhafteten Engländer aus Bonn erfolgte gestern morgen mit der Rheinuferbahn in Begleitung einiger Polizeibeamten. Die Verhafteten wurden zunächst bis Köln gebracht, von wo sie später nach Ruhleben befördert werden. Mehrere Angehörige hatten sich zum Abschied am Bahnhof der Rheinuferbahn eingefunden. Alles verlief in bester Ordnung.

Lengsdorf, 10. Nov. Aus der hiesigen Gemeinde sind nunmehr auch schon vier Familienväter den Heldentod fürs Vaterland gestorben. Heute wurden in der hiesigen Pfarrkirche die Exequien für den Landwehrmann Theodor Forschbach gehalten, welcher im Argonnenwald schwer verwundet wurde und am 3. November im Garnisonlazarett Metz starb. Gestern waren die Exequien in der Kirche hierselbst für den Landwehrmann Kaspar Schiffer, der in einem Gefecht bei F. verwundet worden und auch im Garnisonlazarett Metz am 30. Oktober gestorben ist. Schon gleich im Anfange des Krieges am 24. August fiel der Kanonier Nikolaus Weingärtner bei Sedan und am 27. August der Landwehrmann Theodor Lammerich ebenfalls bei Sedan auf dem Felde der Ehre. Auch für diese beiden wurden die Exequien in unserer Pfarrkirche gehalten.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Donnerstag, 12. November 1914

 

Schule und Krieg. Im Reichsanzeiger erläßt der Unterrichtsminister eine Bekanntmachung, worin er die ihm unterstellten höheren Lehranstalten auffordert, in einzelnen Unterrichtsstunden durch stetige Bezugnahme auf die Großtaten unseres Volkes und auf die gewaltigen Leistungen unseres tapferen Heeres in die Seele der Jugend den Samen der vaterländischen Begeisterung einzupflanzen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Das Garnisonskommando gibt bekannt: In militärischem Interesse wird für Bonn und Vororte den Besitzern bzw. Inhabern von Wirtschaften und Schanklokalen jeder Art verboten, nach 9 Uhr abends Mannschaften, nach 10 Uhr abends Unteroffiziere ohne Portepee den Aufenthalt in ihren Lokalen zu gestatten oder ihnen Speisen und Getränke zu verabfolgen. Beides ist nur gestattet, wenn diese Militärpersonen sich im Besitze einer vom Kompanie-pp.Chef ausgestellten Urlaubskarte befinden. Gegen Zuwiderhandlungen wird in schärfster Weise vorgegangen werden. Gleichzeitig wird auch das Verbot, an Verwundete alkoholische Getränke zu verabfolgen, in Erinnerung gebracht.

Der Verkauf von Beutepferden durch die Landwirtschaftkammer unter Mitwirkung der rheinischen Pferdezentrale findet nicht Donnerstag und Freitag, sondern Freitag, den 13. November und Samstag, den 14. November von vormittags 10 Uhr an auf dem Schlachthofe in Köln statt. Es gelangen zur Versteigerung ca. 280 Beutepferde. (...) Als Ankäufer sind nur Landwirte zugelassen, die sich als solche durch eine amtliche Bescheinigung ausweisen können und die sich schriftlich verpflichten, die Pferde nur im eigenen landwirtschaftlichen Betriebe zu verwenden. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Der Brudertag des Bonner Kutscher-Vereins, der in Friedenszeiten auf besondere Art gefeiert wird, verlief gestern angesichts der Kriegslage in stiller Weise. Morgens um 9 Uhr wurde ein feierliches Hochamt in der Münsterkirche für die lebenden und verstorbenen Mitglieder und unsere Soldaten im Felde abgehalten, dem die Mitglieder, Ehrenmitglieder und Gönner recht zahlreich beiwohnten. Nach der kirchlichen Feier wurde die Fahne durch die Fahnendeputation zum Vereinslokal gebracht, wo sich nachher unsere biederen Rosselenker zu einem Frühtrunk zusammenfanden.

Die Brennerei-Zeitung stellt in ihrer Nummer 1113 vom 6. November das Telegramm des Kronprinzen, der beim Herannahen der kalten Witterung einen Hilferuf an die Daheimgebliebenen erließ, seinen tapferen Truppen Rum und Arrak als Liebesgaben zuzuführen, in Gegensatz zu einer Kritik des stellvertretenden Kommandeurs vom 7. Armeekorps, der sagt: „Aber höher als der wohltätige Einfluß und das Behagen im Einzelfalle steht die Rücksicht auf die großen allgemeinen Interessen des Heeres und der Kriegsführung des Geistes und der Disziplin unserer Truppen, und da gibt es dem Alkohol gegenüber nur ein entschiedenes Nein.“

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Große Bonner Karnevals-Gesellschaft. Schultheiß und Schöppenrat beschlossen einstimmig, in Anbetracht der jetzigen ernsten Zeit von Veranstaltungen jeglicher karnevalistischer Festlichkeiten im Jahre 1915 abzusehen, dafür aber das vorhandene Gesellschaftsvermögen, bestehend in Kostümen usw., soweit es zu verwenden ist, dem Bonner Hilfs-Ausschuß zur Verfügung zu stellen.

Bonner Pfadfinderkorps. Am letzten Sonntag versammelten sich die drei Kompagnien des B. Pf.-K. am Fuße des Tombergs unweit Meckenheim. Es galt den Gründungstag der Hütte zu feiern, deren Bau auf Veranlassung und unter der Leitung des leider allzu früh verstorbenen Hauptfeldmeisters, Herrn Leutnant von Gottberg, begonnen und fast vollendet wurde. Im kleinen Kreise der geladenen Ehrengäste nahm Frau v. Gottberg an der Feier teil. Am Schluß der Rede, die Oberfeldmeister Eichbaum hielt, folgte die Enthüllung des äußeren Namenschildes „von Gottberg-Hütte“ und einer im Innern angebrachten Erinnerungstafel mit dem gemalten Bildnis des Verstorbenen. Nach Beendigung der kleinen, erhebenden Feier, schieden die Gäste, während die Pfadfinder teil zu Fuß, teils zu Rad nach Hause zurückkehrten.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Martinsabend. Im Sprechsaal des „General-Anzeigers“ ist mancherlei für und wider den Umzug der Kinder mit Lampions geschrieben worden. Durch Kriegswirren ist das Fest der Jugend in diesem Jahre sehr geschmälert worden, denn den Schülern und Schülerinnen der Volksschulen wurde das Umherziehen mit Fackeln verboten. Durch diese Maßregel sind namentlich viele ärmere Kinder um eine Freude gebracht worden, nach der sie sich schon lange gesehnt hatte. Wir wäre es, wenn einige wohltätige Damen den armen Schulkindern einen Ersatz für diesen Martinsabend böten? Wenn sie z.B. die bedürftigen Kinder an einem freien Nachmittag in einem großen Saal versammelten, sie dort bewirteten und ihnen schließlich dann auch Gelegenheit böten, einen Umzug mit Fackeln zu machen. Diese Veranstaltung würde namentlich in den Herzen der Kleinen, deren Vater im Felde steht, einen tiefen moralischen Eindruck für die Zukunft hinterlassen. Ein Kinderfreund.

Hohe Kartoffelpreise. Viel ist in der letzten Zeit über die hohen Kartoffelpreise geschrieben worden, ohne bis jetzt erreicht zu haben, daß der Preis heruntergegangen ist. Warum greift die Behörde nicht ein? Warum werden die Preise nicht festgesetzt, wie dies in zahlreichen Städten geschehen ist? Warum kauft die Stadt nicht selbst große Mengen, um sie an Minderbemittelte wieder abzugeben? Dabei wäre es ratsam, die Minderbemittelten durch den Steuerzettel festzustellen, um sicher zu sein, daß in erster Linie die Bedürftigen berücksichtigt werden. In machen Kreisen ist der Höchstpreis auf 2,50 Mk. festgesetzt, hier in Bonn scheint 4 Mark der niedrigste Preis zu sein. Es wäre endlich an der Zeit, energisch einzugreifen, um der ärmeren Klasse die Möglichkeit zu geben, sich wenigstens an Kartoffeln satt zu essen. Hier wäre auch ein breites Feld für Liebestätigkeit. Ein Familienvater, der nicht gerne Kartoffeln mit der Schale isst.

Pellkartoffeln werden in der ganzen Provinz Schlesien, auch in Posen und in Berlin zu Gemüse genossen. Auch in Tirol erhielten wir in einem sehr guten Gasthof zwei bis 3 mal Kartoffeln mit der Schal zu kaltem Fleisch, und alle Gäste, über 20 Personen, waren damit zufrieden. Man sollte die Dinge nicht allein von Bonn und Umgegend aus beurteilen. A.P.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Martinsabend. Am Abend des Vortages von St. Martin und am gestrigen Abend durchzog trotz der ernsten Kriegszeit unsere Jugend in größerer Zahl mit ihren Lämpchen die Straßen der Stadt. Es ist eben das Vorrecht der Jugend, daß sie den Ernst der Lage nicht so durchzukosten hat, wie der Erwachsene. Immerhin wurden auch sie der durch den krieg geschaffenen Stimmung gerecht. Das so schöne „Merteslied“ hörte man fast gar nicht, und wo man doch singen zu müssen glaubte, wurde mit einem patriotischen Liede eingesetzt. Auch für die Kinder ist es besser, wenn sie nicht allzusehr den Unterschied zwischen früher und jetzt durchkosten müssen, wie es verschiedentlich für das öffentliche Leben betont wurde.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 12. November 1914Holländische Goldsucher. Der Beueler Kriminalpolizei ist es gelungen, einen holländischen Heringshändler festzunehmen, der von den Leuten Goldgeld einzusammeln suchte, das er mit einem Aufgeld in Papiergeld umtauschen wollte.

Liebesgaben. Von den in der Lese, seiner Hauptsammelstelle, eingehenden Liebesgaben hat der Vaterländische Frauenverein, Stadtkreis Bonn, seit Beginn des Krieges bis Ende Oktober verausgabt: 141 Kissen, 1274 Bezüge, 681 Bettücher, 746 Handtücher, 2268 Hemden, 621 Unterhosen, 1289 Paar Socken, 370 Paar Bettschuhe, 265 Unterjacken, 721 Taschentücher und eine ganze Menge anderer Bedarfsgegenstände. Die Sachen werden in der Hauptsache den hiesigen Lazaretten zugeführt und helfen dort den dringendsten Bedürfnissen ab. Allen Gebern herzlichen Dank, aber auch all den Damen, die in der Lese eifrig tätig sind, die eingehenden Wäschestücke in Empfang zu nehmen, sie zu sortieren, auszubessern usw. Daß die Gebefreudigkeit der Bonner Bürgerschaft nicht nachlasse, ist wohl ein berechtigter Wunsch des Vereins: nur so wird er den stetig steigenden Anforderungen gerecht werden können!

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Freitag, 13. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Ausländische Goldaufkäufer treiben seit langer Zeit ihr Unwesen in unserer Gegend. In Beuel ist es kürzlich gelungen, einen solchen Goldhändler unschädlich zu machen. Ein holländischer Fischhändler, der durch die Straßen zog, versuchte gegen Aufgeld Goldgeld einzutauschen. Die Polizei bemerkte das Treiben des Burschen und machte ihn unschädlich.

Schwimm-Klub Salamander. Wie uns mitgeteilt wird, haben sich bis jetzt schon 46 Mitglieder des Schwimm-Klubs Salamander in den Dienst des Vaterlandes gestellt.

Automobil-Fuhrpark. Wie wir vernehmen, soll hier demnächst ein großer Automobil-Fuhrpark für Luxus- und Geschäftszwecke, verbunden mit Spedition, eröffnet werden. Es schweben Verhandlungen zum Ankauf des Gravenschen Grundstücks an der Bornheimerstraße. Die Reitbahnräume sind für einen solchen Betrieb wie geschaffen. Die Unternehmer sind Herren aus Wiesbaden und Frankfurt a.M.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Universität. Bis gestern hatten sich zusammen 769 Studierende neu immatrikulieren lassen. Obschon sich noch kein abschließendes Bild der Gesamtzahl der Studierenden und ihre Verteilung auf die einzelnen Fakultäten in diesem Wintersemester geben läßt, kann doch schon gesagt werden, daß der Andrang der Studierenden verhältnismäßig groß ist. Das liegt zum größten Teil daran, daß den Abiturienten der höheren Schulen das Notexamen gestattet wurde. Mehr als die Hälfte der alten Semester haben sich der Heeresverwaltung gestellt. Die Namen dieser Studierenden werden von der Universität in einem besonderen Verzeichnis geführt. Ebenso werden die Namen der Gefallenen – bis jetzt starben 33 Studierende der hiesigen Universität den Heldentod – auf einer besonderen Tafel verewigt.

Ehrenamtliche Schreibstuben für Feldpostsendungen. Die vom Publikum in den Zeitungen wiederholt beklagten Verzögerungen in der Ankunft der Feldpostsendungen bei den im Felde stehenden Heeresangehörigen sind zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß zahlreiche Feldpost-Sendungen unrichtig und undeutlich adressiert und mangelhaft verpackt sind. Daß solche Mängel das Interesse des Publikums und unserer Krieger schädigen, liegt auf der Hand. Allgemeine Hinweise auf diese Missstände in der Presse habne bisher nicht genügende Abhilfe gebracht. Darum werden von jetzt ab an 2 Abenden in der Woche, und zwar Dienstags und Freitags von 8-9 Uhr für die Altstadt Zimmer Nr. 2 der Fortbildungsschule und für die Vororte die Lehrerzimmer der Poppelsdorfer Schule an der Sternenburgstraße 23 als Schreibstuben eingerichtet, wo sachverständige Herren ehrenamtlich mit Rat und Tat bei der Erledigung der Feldpostsendungen zu helfen bereits sind. Das Publikum wird gebeten, von dieser Einrichtung ausgiebigen Gebrauch zu machen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Der Umtausch von Goldstücken gegen vollwertiges Papiergeld ist von bestem Erfolge gewesen. Nicht allein in Bonn, sondern auch in anderen Orten ist Gold in erheblichen Mengen umgetauscht worden, und insbesondere hat sich die Geistlichkeit der Mühe des Umtausches in dankenswerter Weise unterzogen. Die hiesige Handelskammer wird, wie bereits mitgeteilt, im Laufe dieser und der nächsten Woche Vertrauenspersonen wegen Ueberlassung von Goldgeld gegen Papiergeld rund gehen lassen.

Bonner Straßenbilder.
   Der alte Herr.
Jeden Morgen erscheint mit soldatischer Pünktlichkeit der alte gepflegte Herr mit dem weißseidenen Halstuch auf der ...straße, wo ein Schilderhäuschen seinen liebesgabenhungrigen Rachen dem Straßengänger entgegenstreckt. Der alte Herr entnimmt seinem Paletot eine Düte Zigarren, setzt eine in Brand und läßt den Rest der Zigarren in das Schilderhäuschen gleiten. Dampfend entfernt sich der alte Herr, den Schirm wie ein Gewehr geschultert. Gestern vermisste der alte Herr sein Feuerzeug. Ich bot ihm meine brennende Zigarre an. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm, daß ich ihn jeden Morgen pünktlich seinen Liebesgabengang antreten sehe. „Ja,“ erwiderte der alte Herr, „die da draußen im Felde entbehren eine gute Zigarre am meisten. Ich weiß das von 70 her. Wenn wir damals alle Wochen einmal eine Zigarre oder eine Pfeife Tabak bekamen, war das Kraut meistens so saumäßig schlecht, daß uns trotz des Rauchhungers der Appetit verging. Seitdem habe ich mir vorgenommen, wenn wieder einmal ein Krieg ausbrechen sollte, schickst du den Soldaten im Felde keine schlechteren Zigarren, als die du selbst rauchst. So denken leider nicht alle. Die meisten Spender gehen von dem Grundsatz aus, für unsere Soldaten ist jedes Unkraut gut genug.“ – Ich konnte dem alten Herrn nicht Unrecht geben.
    Im Straßenbahnwagen. An der Haltestelle steigen einige verwundete Soldaten ein, unter ihnen ein Gardist, der mühselig an seinem Stocke daherhumpelt. Es ist Regenwetter und der Straßenbahnwagen dicht besetzt. Wie auf Kommando stehen die Inhaber der Sitzplätze auf, um den Verwundeten Platz zu machen. Eine Dame, der ich vor kurzem bei besetztem Wagen meinen Sitzplatz überlassen, ohne daß sie auch nur Danke sagte, steht auf und bietet dem Gardisten mit freundlichstem Lächeln ihren Platz an. Der sträubt sich zuerst verlegen, nimmt aber schließlich den Platz. Dann öffnet die Dame ihre Ledertasche, entnimmt einem eleganten Etui einige Zigaretten und verteilt sie unter die Krieger. „Ein gut Ding, was sich bessert,“ denke ich.

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Bonner Wehrbund. Die Abteilung 5 „Poppelsdorf“ des Wehrbundes tritt am Sonntag bereits um 2 Uhr am Ende der Argelanderstraße am Fuße des Venusberges an. Es findet außer dem gemeinsamen Exerzieren auf dem Exerzierplatz eine Scharfschießübung für die einzelnen Gruppen der Abteilung statt. Das Freiwilligen-Exerzieren am Samstag fällt aus. Nachdem ein großer Teil der dem Wehrbund angeschlossenen Kameraden bereits zur Fahne eingezogen worden ist, ist es sehr wünschenswert, daß sich wieder neue Landsturmleute jeden Alters und Standes zum Eintritt in den Wehrbund melden. Die Anmeldungen für die Poppelsdorfer Abteilung können Montags und Donnerstags, abends um 9 Uhr, in dem Saal von Vlanden, Klemens-Auguststraße 50, beim Turnen oder Sonntags beim Exerzieren erfolgen.

Das interessante Schlafzimmer. Ein Sanitäter beschreibt seiner hier in Bonn lebenden Frau auf einer Feldpostkarte sein jetzige Quartier in Frankreich wie folgt: Es geht mir tadellos, wenn auch in der letzten Nacht ein bisschen naß geworden. Ich habe jetzt ein interessantes Schlafzimmer. Rechts neben mir liegt eine Kuh, links zwei Pferde, nach den Füßen zu ein paar Kisten mit Karnickelchen und hinter meinem Kopfende vier Schweine. Wir liegen hier zu fünf Mann und amüsieren uns über unser Quartier immerhin besser als draußen. Eine kleine Katze springt uns über den Leib und jagt uns die Fliegen fort. Derartige Quartiere kommen schon öfter vor; aber so interessant wie dieses, haben wir bis jetzt doch noch kein gehabt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Höchstpreise für Kartoffeln müßten von der Behörde auch für den Landkreis Bonn festgesetzt werden. Am Vorgebirge gibt es Leute, die so hartherzig sind, daß sie sich weigern, ihren Nachbaren nur einen Sack Kartoffeln abzugeben. Selbst wenn die Leute klagen: „Wir haben morgen keine Kartoffeln zu essen“, so hilft das nichts, es wird geantwortet: „Wir holen nichts aus dem Keller. Im Frühjahr kosten die Kartoffeln sechs bis sieben Mark.“
    Auch für Fleisch wäre eine Preisfestsetzung notwendig. Auf das Pfund Schweinefleisch werden gegen das Schlachtgewicht heute 40-50 Pfg. Aufschlag genommen, während doch 20 Pfg. mehr als genug ist, denn mit 25 Prozent Nutzen kann auch der Metzger auskommen.
    Ferner müßten für Spezereiwaren bescheidene Preisgrenzen bestimmt werden, damit nicht die armen Leute, auch die ihren Gatten nicht im Kriege haben, darunter zu leiden haben. Die Geschäfte saugen ihre Mitmenschen einfach aus, so daß sie sich die größten Beschränkungen auflegen müssen. Ferner müßten die Brotpreise amtlich festgesetzt werden, damit die Menschen am Leben bleiben und nicht durch die Teuerung in heimliche Not geraten. Müssen die Geschäfte sich denn allein bereichern während des Krieges? Die Behörden sollten das Allgemeinwohl sehen und sie können es nach dem Gesetz. Warum wendet man die Vorschriften nicht einfach an, damit die Geschäftsleute merken, daß es der Behörde ernst ist mit ihrem Wohlwollen für die Verbraucher. Wenn die Landwirtschaftskammer nur wollte, würde sie die Bauern schon dazu bringen, die Kartoffeln zu billigen Preisen zu liefern. Armen Arbeitern, Ladenmädchen und Dienstmädchen werden die Löhne gekürzt. Dabei duldet aber die Behörde, daß die Preise für die Lebensmittel täglich in die Höhe getrieben werden. Eine Frau vom Lande.

Kartoffelnot. Die von unseren Stadtvätern eingesetzte Prüfungskommission war höchst überflüssig: es steht fest, daß die Kartoffelernte vorzüglich war, wozu will amn also durch Erwägungen usw. die armen Leute, die Kartoffeln einkaufen wollen, hinziehen. Es ist nichtswürdig, wenn herzlose Produzenten und Händler die Notlage ausbeuten, um sich zu bereichern, wie es in der jetzigen schweren Zeit geschieht. (…) S.G.

Höchstpreise für Lebensmittel, insbesondere Kartoffel. Die Not der Zeit gebiete es, die Höchstpreise festzusetzen, um den Preistreibereien, wie sie gegenwärtig hier in Bonn in die Erscheinung treten, ein Ende zu bereiten. Die Bürgerschaft würde es dankbar begrüßen, wenn statt langwieriger Erwägungen und Beratungen die Frage der Höchstpreise durch einen schnellen Beschluß der Stadtverordneten gelöst würde. Was in anderen Städten möglich war, wird auch in Bonn zu erreichen sein. F.K.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Die Bonner „Verbands- und Erfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ auf dem Bahnhof Lille ist am Sonntag, den 8. d.M. in vollem Umfange dem Verkehr übergeben worden. Ihre Inanspruchnahme war von Anfang an eine außerordentlich rege. Zahlreiche Verwundete strömen zurzeit täglich aus den Schlachtfeldern um Lille dem Bahnhof zu und werden dort durch die bereitstehenden Lazarett- und Hilfslazarettzüge weiter befördert, nachdem sie, soweit angängig, durch die Bonner Stelle verpflegt und ärztlich behandelt worden sind.
    Die Sanitätsverwaltung hat infolge der starken Inanspruchnahme unserem ärztlichen Leiter, Herrn Prof. Dr. Leo, bereits 3 weitere Aerzte zugeteilt und die Ueberverweisung naoch weiterer Aerzte angeordnet. Die Verband- und Erfrischungsstelle ist im rechten Flügel des als Kopfbahnhof ausgebauten Bahnhofs Lille eingerichtet und hat sämtliche früher dem Gepäckverkehr dienenden Räumlichkeiten mit Beschlag belegt. Infolgedessen sind die Speise- und Verbandsräume in großen Hallen untergebracht. Die Herbeischaffung der Verpflegungsmaterialien ist insofern mit großen Schwierigkeiten verknüpft, als die Militärverwaltung nur in der Lage ist, einen Teil zu liefern, während der andere Teil „requiriert“ also durch ein ziemlich umständliches Verfahren beschafft werden muß.
   (...) Die von Bonn aus mitgefahrenen Leiter und das Personal sind in Hotels und Privatquartieren wohlbehalten untergebracht. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß Briefe der Angehörigen zur Vermeidung von Störungen unter folgender Adresse abzugeben sind: „Verband- und Erfrischungsstelle Bonn, Prinzessin Viktoria, durch die Militär-Eisenbahn-Direktion I Lille.“

Der Fürst zu Schaumburg-Lippe hat aus dem Felde an Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe folgendes Telegramm gerichtet:

 Prinzeß Adolf, Bonn, Rhein.
Deine Station „Prinzeß Viktoria“ gestern besichtigt. Alles großartig eingerichtet von den guten Bonner. Tausende werden ihnen zu Dank verpflichtet sein.
Gruß! Adolf

 Der Herr Oberpräsident Freiherr von Rheinbaben, dem in seiner Eigenschaft als Territorialdelegierter von der Ueberführung der Verband- und Erfrischungsstation nach Lille Mitteilung gemacht worden war, hat in einem Telegramm an den Oberbürgermeister seiner lebhaften Freude Ausdruck gegeben und den Oberbürgermeister ersucht, den beteiligten Bonner Kreisen seinen aufrichtigen Dank für die hochherzige Ausführung des Planes auszusprechen.

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Englische Dum-Dum-Geschosse. Zugleich mit dem englischen Dum-Dum-Geschoß, das mir im Schaufenster unserer Geschäftsstelle ausgestellt haben, ging uns ein Feldpostbrief von einem Bonner Sanitätshundführer zu, dem wir folgendes entnehmen:
   „Für die pünktliche Uebersendung Ihrer Zeitung sage ich Ihnen besten Dank. Ich erhalte jede Nummer bereits in 7-8 Tagen, also verhältnismäßig schnell.
   In dem Feldpostbrief finden Sie eine englische Gewehrpatrone, worüber ich Ihnen folgendes Interessante mitteile.
    Die Patrone habe ich aus einem, kurz vorher von den Engländern verlassenen Schützengraben mitgenommen, wo noch ganze Pakete davon lagen. Dieselbe war nicht in dem Zustande, wie Sie die Patrone jetzt erhalten, sondern die Spitze war vollständig ganz und glatt, also die Patrone, abgesehen von der Hülle, unseren deutschen Patronen sehr ähnlich. Ich nahm dieselbe ahnungslos zum Andenken mit.
   Nachher brachten wir mit unseren verwundeten Kameraden auch einen Engländer, nebst seinem Gewehr mit.
   Derselbe zeigte uns an dem Karabiner eine Vorrichtung, welche rechts neben dem Schloß sitzt, die alle englischen Gewehre haben sollen. (Ich habe nachher noch viele mit der Einrichtung gesehen). Die Vorrichtung hat Aehnlichkeit mit einer dicken kurzen Röhre mit scharfer Kante vorn.
   In dieser Röhre steckte er eine Patrone. Ein paar Drehungen, ein kurzer Ruck, die Spitze brach ab und schon ist das Dum-Dum-Geschoß fertig. Bei Besichtigung werden Sie finden, daß der Stahlmantel des Geschosses einen in zwei Teilen gegossenen Bleikern umhüllt. Der Stahlmantel ist dünn und bricht, wenn an den scharfen Kanten der Röhre gerieben, sehr leicht.Der unten liegende Bleikern liegt immerhin 3-5 Millimeter tiefer wie die stehen bleibende scharfe Kante des Stahlmantels. Das so zugerichtete Geschoß reißt furchtbare Wunden, wie wir fast täglich an unseren Verwundeten beobachten.
   In den Schützengräben stellen die Engländer sich ihre Dum-Dum-Geschosse auf diese Weise selber her, mit leichter Mühe 20-25 Stück in der Minute.
   Werden die Engländer jedoch gefangen, so entledigen sie sich dieser Geschosse und wir, bisher Ahnungslosen, fanden bei der Untersuchung nur glatte Patronen. Die beiliegende Patrone habe ich selbst in einem Augenblick in ein Dum-Dum-Geschoß verwandelt. Bei mehrfachen Versuchen mußte ich feststellen, daß nur Patronen, welche die Zahl 14 tragen, hierzu umgeändert werdne können. Patronen mit den Zahlen 11,12 und 13 können nicht zu Dum-Dum-Geschossen gemacht werden, was den Schluß zulässt, daß für das Jahr 1914, also für den jetzigen Krieg die Dum-Dum-Patronen vorbereitet sind. Den Kommentar zu der Handlungsweise der Engländer kann sich jeder selbst machen." (...)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Den abscheulichen Gerüchten, die auch in Bonn über das Verhalten unserer Kriegsfreiwilligen im Felde verbreitet wurden, sei die nachfolgende Schilderung eines Bonner Kriegsfreiwilligen entgegengehalten. Der wackere Soldat schrieb seinen Angehörigen unter anderem:
   Am 12. Oktober verließen wir unsere liebe, deutsche Heimat und stiegen nach 72stündiger Fahrt abends 8 Uhr in Feindesland aus. Wir mussten dann noch 20 Kilometer marschieren und kamen um 2 Uhr nachts in einem kleinen Dorfe an. Dort übernachteten wir in einer Scheune. Der folgende Tag war Ruhetag. Der nächste Marsch ging in eine 45 Kilometer entfernt liegende Stadt, in welcher wir schöne Quartiere fanden. Abends wurde uns gesagt: morgen geht’s ins Gefecht. – Wir hörten schon aus der Ferne Kanonendonner. Nachdem wir an demselben Abend noch gebeichtet hatten, marschierten wir am Morgen des 18. Oktober frohgemut gegen den Feind. Um 12 Uhr mittags begannen unsere Kanonen zu donnern auf die Stadt R. [Roeselare/Westflandern] Wir rückten weiter vor bis zu dem Dorf vor dieser Stadt. Aus den Fenstern der ersten Häuser reichten die Leute uns noch Aepfel, gleich darauf aber wurde auch schon auf uns geschossen. Ein Kamerad wurde in die Lunge getroffen und starb sofort. Das Haus, aus dem der Schuß kam, wurde untersucht und in demselben 20 Franktireurs festgenommen. Dann wurde das Haus in Flammen gesetzt. Kurz darauf bekamen wir von allen Seiten Feuer aus den Häusern, und zwar nur von Franktireurs. Wir griffen zu und in kaum einer halben Stunde stand das ganze Dorf in Flammen. Nun ging es gegen die Stadt. Dort entspann sich ein wütender Straßenkampf. Von vorne und hinten wurde auf uns geschossen. Da hieß es: „Seitengewehr pflanzt auf!“ und im Sturm ging es in die Stadt. Alles wurde niedergemacht. Leider hatten wir dabei einige Verluste zu beklagen, aber die wurden an den Franktireurs gerächt. Junge Mädchen von kaum 15 Jahren mussten erstochen werden, weil sie auf uns geschossen hatten. Ein Mann, welcher auf mich geschossen hatte ohne zu treffen, wurde von einem Kameraden mit dem Bajonett erstochen. Ein anderer Mann wurde in Anwesenheit seiner Frau und seiner drei kleinen Kinder von uns erschossen. Das ist gewiß furchtbar, aber: Not kennt kein Gebot.
   Nun gingen wir mit dem Bajonett in der Hand in die innere Stadt. Die Leichen lagen wie gesät auf den Straßen. Tausende Einwohner waren geflüchtet. Alte Leute und Kinder dankten uns weinend, daß wir sie am Leben gelassen hatten.
    Am anderen Morgen begann die große Schlacht am ...., welche ich sechs Tage mitgemacht habe. Die Artillerie beschoß sich andauernd und wir gingen immer weiter vor. Die feindlichen Maschinengewehre knatterten, aber die Geschosse gingen über uns hinweg und wir hatten wenig Verluste. Nach dreistündigem Kampf zog sich der Feind zurück und gegen 6 Uhr war wieder alles ruhig. Das Dorf, in dem wir dann Quartier für die Nacht zu finden hofften, war vom Feinde besetzt. Als wir noch 200 Meter von demselben waren, wurden wir überfallen und stark beschossen. Da wir nur zu zwei Kompagnien waren, konnten wir das Feuer nicht erwidern und zogen uns zurück. Ans Schlafen war nun nicht mehr zu denken. Wir lagen die ganze Nacht im Felde und erwarteten jeden Augenblick einen feindlichen Angriff. Aber alles blieb ruhig. Allmählich stieg grau der 20. herauf, unser blutigster Tag. Unser Bataillon kam zur Artilleriebedeckung. In aller Frühe begann ein schwerer Artilleriekampf. Ein Schrapnell schlug in unserer Nähe neben dem anderen ein; denn ein französischer Flieger hatte unsere Stellung erkundet und die zahlenmäßig überlegene feindliche Artillerie zielte gut. Wir suchten Schutz in einem Hause, aber kaum waren eine Viertelstunde darin, als uns heftiges Granatfeuer zwang, es zu verlassen. Gegen 3 Uhr kamen wir in Infanteriefeuer, wir waren aber so schwach geworden, daß wir nicht dagegen ankommen konnten. Alle 10 Schritte lag eine Leiche, näher am Feind lagen sie schon haufenweise: Deutsche, Franzosen, Engländer, Inder, Turkos und Zuaven. Von den 30 Mann, die von den unseren aus dieser Schlacht noch heil hervorgingen, blieben nach einem nochmaligen Granatfeuer nur noch 7 übrig. Wir 7 legten uns hinter eine Hecke bis es dunkel war und das Feuer schwieg. Da wir nach zweistündigem Suchen unseren Haupttrupp nicht fanden, blieben wir bis zum Morgen in einem leerstehenden hause und kehrten dann zur Truppe zurück. An Essen war in dieser langen Zeit nicht zu denken. Auch an den folgenden Tagen, dem 21., 22. und 23., wurden wir ständig von feindlicher Artillerie beschossen. Ein französischer Flieger hatte wiederum unsere Stellung ausgekundschaftet. Jeden Abend unternahmen wir einen Sturmangriff, der uns wieder Verluste beibrachte; allerdings auch dem Feind. Wir hatten schwer, ungeheuer schwer gegen den gut verschanzten Gegner zu kämpfen. Fast alle unsere Offiziere fielen. Am 24. verschanzten wir uns in Schützengräben und die Kugeln fegten über uns weg.“
    Der Schreiber des Briefes erzählt dann weiter, wie er verwundet wurde, wie er nach langer Bewusstlosigkeit ins Feldlazarett gebracht wurde, wie dann auch dieses Lazarett von den Franzosen bombardiert worden sei – 30 Verwundete wurden dabei getötet – und wie er schließlich im Lazarett in der französischen Stadt Ch. Ruhe gefunden habe. Aus diesem und aus anderen Briefen, die aus dem Felde eingetroffen sind, geht hervor, daß unsere Freiwilligen mit größter Tapferkeit, ja zum Teil mit wahrem Heldenmut gegen einen an Zahl viel stärkeren und äußerst gut verschanzten Feind kämpfen mussten. „Wer das Gegenteil behauptet“ – so sagt das stellvertretende Generalkommando des 7. Armeekorps – „ist, so scheint es, bei unseren Feinden in die Schule gegangen. Niemals ist ein so giftiger Sud von Lügen und Verleumdung gegen uns gebraut worden, als in diesen Tagen; daß auch Deutsche gedankenlos in diesem Sud herumrühren helfen, das hat gerade noch gefehlt!“

 

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Samstag, 14. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 14. November 1914Ausländerinnen als Spioninnen. Berliner Blätter weisen darauf hin, daß sich noch in zahlreichen deutschen Familien Engländerinnen und Französinnen als Erzieherinnen und Gesellschafterinnen befinden, zum Teil sogar in Offiziersfamilien. Die Tgl. Rundschau schreibt darüber: „Sie nehmen ungestört am deutschen Leben teil. Wie wenig auch bei ihnen die Gefahr der Spionage ausgeschlossen ist, hat ein dieser Tage zur Kenntnis der Behörden gebrachter Fall bewiesen, in dem eine deutsche Truppenbewegung dem Feind hinterbracht worden sollte. Die Erzieherin hatte das militärische Geheimnis aus einem in der Familie verlesenen Brief des im Feld stehenden Hausherrn erfahren.“ Es kann überhaupt nicht dringend genug angeraten werden, mit Mitteilungen aus Feldpostbriefen, die man von Angehörigen aus dem Felde erhält, vorsichtig zu sein. Es ist bewiesen, daß in Deutschland vom feindlichen Ausland eine weitverzweigte Spionageorganisation unterhalten wird, die sich besonders damit befaßt, aus den Feldpostbriefen wichtige Nachrichten zu erfahren und dann an unsere Feinde weiter zu geben. Es ist durchaus unangebracht, an Orten, wo sich auch unbekannte Zuhörer befinden, irgendwelche Nachrichten aus Feldpostbriefen mitzuteilen. Verschwiegenheit ist heute eine vaterländische Tugend. (...)

Die Freistudentenschaft veranstaltet am Montag, den 16. November, abends 8 ½ Uhr im Hotel zur Post einen Vortrag. Herr Privatdozent Dr. Verweyen wird reden über: „Der Krieg und die geistigen Werte.“ (...)Anzeige im General-Anzeiger vom 14. November 1914

Die englische Gesellschaft „Liebigs Fleischextrakt“ hat auf eine Weisung aus London sämtliche deutsche Angestellte entlassen. Die Werke liegen in Fray-Bentos, in Uruguay. Liebigs Fleischextrakt ist bekanntlich nicht mehr konkurrenzlos. Wer ihn also nicht will, kann zu einer anderen Marke greifen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 14. November 1914Das Schicksal eines Landwehrmannes, den man tot im Gebüsch fand, und der in seinen erstarrten Händen den Brief seiner Frau hielt, worin sie ihm mitteilt, daß nach seiner Rückkehr der kleine Junge wohl laufen könne, schildert nachstehendes Gedicht, das uns zum Abdruck übermittelt wurde:

Ganz nah schon ist er am Feind heran
Im Schützengraben der Landwehrmann,
Ist ganz vom Eifer des Gefechts erfüllt,
Und dennoch erstieg so plötzlich ein Bild
Aus pulvergeschwängertem Nebelflor
Vor seinem geistigen Auge empor.

Er sieht seine Lieben nun allein
Beim abendlichen Lampenschein.
Sein Weib, das sein Kind am Busen hält,
Sie beten wohl für den Vater im Feld.
Sie schrieb ihm gestern: „Der kleine Mann,
Ich glaub, wenn du kommst, daß er laufen kann."

Ach, wärs doch vorbei und ich wieder zu Haus,
Schon malt er sich sehnend den Willkomm aus.
Da plötzlich hört er ehern und barsch
Das strenge Kommando: Sprung auf, Marsch, marsch!
Und vorwärts stürzt er mit frohem Mut,
Die deutsche Sache, sie steht ja gut!

Die Schlacht ist gewonnen. Nach Tagen dann
Finden tot wir den Landwehrmann.
Ganz einsam lag er im Aehrenfeld,
In der starren Hand er den Brief noch hält.
Den Brief, er las ihn noch einmal
Als Trost in seiner Todesqual.

Er las noch mal: „Der kleine Mann,
Ich glaub, wenn Du kommst, daß er laufen kann."
Klein Heinrich, er läuft nun schon hin und her –
Der Vater – er kommt nimmermehr.

J.B.

Bonner und Beueler Kanoniere vom Reserve-Fußartillerie-Regiment Nr. 9, 7. Batterie, 2. Bataillon, die schon seit 14 Wochen im Felde liegen und bisher noch keine Liebesgaben erhalten haben, bitten, doch auch einmal ihrer zu gedenken. Sie schreiben, daß sie viel schneller und sicherer schießen, wenn sie mit Dampf hinter den Geschützen stehen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 14. November 1914Ein Verkauf von Arbeiten, die von unterstützungsbedürftigen Frauen durch Vermittlung des Katholischen Frauenbundes hergestellt wurden, findet heute nachmittag und morgen in der Heyermann’schen Schule , Clemenssstraße 3, statt.

Bönnsche Jungen auf der Goeben. Aus Konstantinopel, 1. Nov., schreibt uns der Segelmacher-Maat Gust. Ruprecht von S.M.S. Goeben:
   „Sie werden erstaunt sein, einen Brief von her zu erhalten. Wie Sie wissen, haben hier unsere guten Schiffe im Verlaufe der letzten Wochen sich wieder einmal ganz gehörig gewehrt und obendrein noch im Verein der türkischen Schiffe die Seefeste Sebastopol und andere Festungen beschossen. Das haben wir vor allen Dingen unserm rührigen Admiral zu verdanken, für den die ganze Besatzung wohl durchs Feuer geht und der uns zu allen Streichen bereit findet. Lacht uns doch selbst das Herz, wenn wir dem Russen eins auswischen können. Wie Sie sich nun denken können, ist man aber auch gespannt, zu lesen, was zu hause darüber gedacht und geschrieben wird. Wir erhalten hier wohl Zeitungen aus Wilhelmshaven und Hamburg, aber obschon hier mehrere Bonner an Bord sind, so ist doch die Stadt Bonn nicht mit einer einzigen Zeitung vertreten. Auch mit sonstigen Zeitungen und Zeitschriften sind wir hier sehr arm dran. Vielleicht hat einer Ihrer werten Leser ein offenes Herz und wird uns unsern Wunsch erfüllen. Ich bin gerne bereit, irgend welche Zeitungen und Zeitschriften aus Bonn für meine Kameraden in Empfang zu nehmen und den Empfang durch Ansichtskarten zu bestätigen, vorausgesetzt, daß der gütige Sender auch seine Adresse beifügt.“
   Wir haben dem Wunsche durch Ueberweisung unseres Blattes sofort entsprochen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 14. November 1914Katholischer Gesellenverein in Kriegeszeit. Wohl kein Verein in Bonn ist durch den Krieg so getroffen worden, wie der kath. Gesellenverein. Dann gerade seine Mitglieder stehen im wehrpflichtigen Alter. Der hiesige Gesellenverein zählte zu Beginn des Krieges etwa 350 Mitglieder; heute ist er auf ungefähr 100 zusammengeschrumpft. Von diesen erwartet noch eine ganze Reihe ihre Einberufung. Schon jetzt stehen aber mindestens 200 bis 230 Mitglieder im Feld. Bis heute sind bereits 12 Mitglieder auf dem Feld der Ehre gefallen, nämlich: Anton Walbrück, Josef Brunnenmeier, Emil Heinz, Heinrich Plenter (Ritter des Eisernen Kreuzes), Johann Mengden, Franz Schulte, Thomas Werres, Joh. Math. Asbach, Heinrich Koops, Buckreus, Mathias Heinemann, Josef Brieger. Dazu kommen noch über 25 Verwundete, die zu unserem Verein gehören. Mit den vielen Vereinsangehörigen im Felde ist der Verein in steter Verbindung geblieben und hat ihnen auch kleine Liebesgabenpakete zukommen lassen; für diesen Zweck wurde in den alle 14 Tage stattfindenden Versammlungen gesammelt. Daß die Erträgnisse dieser Sammlungen nicht groß waren, ist ja selbstverständlich, da ja auch die zurückgebliebenen Mitglieder von der Not der Kriegszeit sehr betroffen worden sind. Da nun unsere Mitglieder zum großen Teil aus weniger bemittelten Familien stammen, die zudem meist mehrere Söhne im Feld haben und sich in ihrer eigenen Not tüchtig plagen müssen, so ist es eine Ehrenpflicht für den Verein, in dieser schweren Zeit besonders für seine Mitglieder im Feld zu sorgen. Von den in Bonn ausgerüsteten Sendungen für die Angehörigen der hier in Garnison liegenden Regimenter kommt nur wenig den ehemaligen Gesellenvereinsmitgliedern zugute, da diese zum großen Teil aus allen Teilen Deutschlands und Oesterreichs stammen und sich darum in allen Armeekorps wiederfinden. Gewiß wird in Bonn jetzt viel gebettelt, aber sicher ist auch noch ein Groschen für die Mitglieder des Gesellenvereins übrig. Bald ist ja wieder Weihnachten und da möchten wir gerne unseren Mitgliedern im Feld, die für uns so viele Opfer bringen, auch eine kleine Weihnachtsfreude machen, damit sie durch solche Liebesbeweise neu gestärkt und ermutigt werden in den Bitternissen des Krieges. Manch rührender Dankesbrief ging der Vereinsleitung schon aus dem Felde zu, daneben aber auch noch manche dringende Bitte um weitere Unterstützung. Wir sind gewiß, daß wir keine Fehlbitte tun, wenn wir da unsere Mitbürger um Spenden auch für unsere Mitglieder angehen. Wir glauben dabei zumal auf unsere Handwerksmeister, die ja auch zum großen Teil Ehrenmitglieder unseres Vereins sind, bauen zu können. Einige Damen haben sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, unter unseren zahlreichen Ehrenmitgliedern eine Sammlung für diesen Zweck abzuhalten. Wir hoffen auf eine bereitwillige Unterstützung unserer vaterländischen Sache seitens unserer Ehrenmitglieder. Gaben für diesen Zweck werden auch jederzeit im Gesellenhause, Kölnstraße 17/19, entgegengenommen, aber auf Mitteilung hin auch abgeholt.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 14. November 1914Einen schönen Beweis patriotischer Gesinnung gab in der verflossenen Woche – so wird uns geschrieben - die Endenicher Jugend. Sie schenkte ihrem Herrn Pfarrer zu seinem Namenstage eine große Menge „Liebesgaben“. Unglaublich viele Teile und Teilchen waren da mit regem Fleiß zusammengetragen worden. Da kamen zuerst die Kleinsten der Kleinen, die Bewahrschulkinder. Wer zählt das alles, was sie ihrem Pfarrer schenkten. Und erst das, was die Mädchenklassen der Volksschule herbeitrugen! Es geht zu weit, das alles aufzuführen. „Liebesgaben“ statt der üblichen Blumen brachten auch die Vereine, die als Gratulanten bei dem hohen Herrn erschienen. Die Jungfrauen-Kongregation spendete 50 Mark zu diesem Zwecke.
    Welch reger Eifer überhaupt die Endenicher Jugend und Bürgerschaft für unsere im Felde stehenden Helden beseelt, davon legen Zeugnis ab all die nützlichen Sachen, welche Schülerinnen der Mädchenklassen zum größten Teil aus eigenen Mitteln anfertigten bezw. Herbeibrachten. Abgesehen von den vielen Zigarren, Zigaretten, Tabak usw. wurden in den Klassen hergestellt: 300 Paar Socken, 268 Paar Stauchen, 28 Paar Kniewärmer, 23 Mützen, 202 Kissen: 6 große Pakete sandten die Kinder ins Feld. Die Jungfrauen-Kongregation stellte bisher ebenfalls aus eigenen Mitteln her. 42 Paar Socken, 9 Paar Stauchen, 17 Paar Kniewärmer, 51 Mützen, 21 Leibbinden, 3 Paar Lazarettschuhe. Der „Wolltag“ hatte hier, von den vielen einzelnen Sachen abgesehen, kurz zusammengefasst, folgendes Resultat:
   69 Decken, 1300 Kleidungsstücke (Hemden, Unterjacken usw.), 78 Kissen, 100 Kragen bezw. Mäntel für die Landwehrmänner, 176 Stück Lazarettwäsche, 2 große Pakete mit vollständiger Ausrüstung für zwei Soldaten, sowie für die in Not geratene Bevölkerung im Osten und Westen 354 Kleidungsstücke für Frauen und Kinder.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 14. November 1914Das fehlte noch! Verwundete teilen uns mit, daß in Bonner Lazaretten eine hier Medizin studierende Russin den verwundeten, deutschen Soldaten ihre Hilfe angedeihen läßt. „Warum diese ausländische Dame sich unserer annimt“ – so schreiben die Verwundeten – „ist uns nicht ganz klar. Sicherlich nicht, um ihrer Sympathie für Deutschland und das deutsche Heer Ausdruck zu geben. Denn sie macht keinen Hehl aus ihrer Bewunderung für das französische Militär. Sie bekennt offen – und zwar nicht erst auf Fragen – daß sie die französischen Soldaten für intelligenter und für Menschen feineren Geschmacks und höherer Bildung hält, als die deutschen Soldaten. Ja, sie geht sogar soweit, Deutsche von makellosem Ruf als Vaterlandsverräter zu bezeichnen. So beschuldigte sie jüngst unseren verdienstvollen kühnen Flieger Helmuth Hirth deutschfeindlicher Spionage. Darauf von mehreren von uns zur Rede gestellt, machte sie leere Ausflüchte. Sie habe es von anderer Seite gehört, sie habe keine Beweise usw. Wie uns versichert wurde, hat sich die Dame, die übrigens auch in der Bonner Gesellschaft eine Rolle spielt, in den ersten Kriegswochen nur um die in Bonn untergebrachten verwundeten Franzosen bemüht. Erst später, als keine Franzosen mehr nach Bonn kamen, wurde sie unsere Pflegerin. Warum bleibt diese Russin nicht in ihrem eigenen erleuchteten Lande, oder warum geht sie nicht zu den von ihr so viel gepriesenen Franzosen, wenn sie sich wissenschaftliche Kenntnisse aneignen will? Beansprucht sie aber unser Gastrecht, dann mag sie eingedenk bleiben, daß sie sich bei uns als Dame von Bildung auch als Gast zu benehmen hat. Es empört uns Soldaten, diese doch nur in unserer Mitte geduldete Russin so verächtlich vom deutschen Militär und so lobend von den französischen Soldaten reden zu hören. Wir verbitten uns das. Oder müssen wir es uns gefallen lassen, daß wir im eigenen Lande, sogar in unseren heimatlichen Lazaretten von Angehörigen einer uns feindlich gesinnten Nation beleidigt werden. Das fehlte noch!“
    (Man sieht, sie sind doch alle von derselben Art. Den Engländern und Franzosen tun es an Maulheldentum auch die sonst sehr dickfälligen Russen nach, wenn es auch nur in der mehr stillen, nichtsdestoweniger aber recht ungezogenen Weise der oben geschilderten russischen Studentin geschieht. Red.)

Der Kath. Jugendverein St. Marien beschloß, für die in St. Joseph an der Höhe weilenden Verwundeten, morgen (Samstag) einen Unterhaltungsnachmittag zu veranstalten.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Sonntag, 15. November 1914

 

Anzeige der Firma Blömer im General-Anzeiger und in der Deutschen Reichs-Zeitung am 15. November 1914Unausgebildeter Landsturm und garnisonsdienstfähige Ersatz-Reservisten. Das stellvertretende Generalkommando des 8. Armeekorps gibt bekannt, daß demnächst bei sämtlichenLandsturm- und Landsturm-Infantrie-Ersatzbatallionen des 8. und 16. Armeekorps Rekrutendepots für jedes Bataillon aus unausgebildeten, nur garnisonsdienstfähigen Ersatz-Reservisten und aus unausgebildeten Landsturmmannschaften gebildet werden sollen. Dadurch wäre es besonders Arbeitslosen ermöglicht, zuerst berücksichtigt zu werden. Es empfiehlt sich für Arbeitslose, sich schnellstens dem Bezirkskommando zur Verfügung zu stellen.

Größere Nachtruhe wird von den Bonner Bürgern verlangt. In den Städten und Lokalen angeschlagene Plakate lauten: „Mitbürger! Unsere verwundeten tapferen Soldaten haben Ruhe dringend nötig. Aus Dankbarkeit wollen wir dafür sorgen, daß die Nachtruhe nicht gestört und am Tage unnötiger Lärm vermieden wird. Die Verwundeten sind in allen Stadtteilen untergebracht.“ So selbstverständlich es ist, daß jeder Anrecht auf eine ungestörte Nachtruhe hat, besonders aber jetzt die vielen Verwundeten hier in Bonn, so dringend nötig ist die obige Mahnung. Leider hört man auch in dieser ernsten Zeit noch bis in die Morgenstunden johlende Angetrunkene durch die Straßen ziehen. Diesen leuchtet offenbar der Ernst der Zeit noch nicht ein. Es ist dringend zu wünschen, daß gegen diese Ruhestörer ganz energisch vorgegangen wird.

Die Versteigerung von Häuten und Fellen wird auf Anordnung des Kriegsministers im Bereich des 8. Armeekorps verboten.

Die Stechmückenplage. Der Herr Regierungspräsident zu Köln macht wiederholt auf die Bekämpfung der Stechmücken aufmerksam. Für die Vernichtung der z.B. in Kellernüberwinternden Weibchen kommt das Absengen mit Spiritus- oder Lötlampen und, wo dieses als feuergefährlich nicht anwendbar ist, das Ausräuchern der betreffenden Räume in Frage. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Der Schulunterricht für Volks- und höhere Schulen beginnt vom Montag, 16. November an, morgens ½9 Uhr.

Liebesgaben. Die Zigaretten-Fabrik St. Fitos hat dem Roten Kreuz abermals 5.000 Stück Zigaretten für die im Felde stehenden Bonner Soldaten übermittelt.

Vom Kartoffelkrieg. Auf dem Markte in Koblenz wurde ein Wagen mit Kartoffeln durch die Behörde beschlagnahmt. Die Kartoffeln wurden wann durch einen städtischen Beamten verkauft und zwar immer nur 10 Pfund an einen Käufer für 33 Pfg. Daß zu dem Verkaufe ein großer Andrang stattfand und mehr Nachfrager als Kartoffeln vorhanden waren, ist leicht begreiflich. (...)

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. November 1914Umtausch von Goldmünzen. Dank der Hilfsbereitschaft der Bürger hatte der Umtausch von Goldmünzen in Bonn bis jetzt einen äußerst günstigen erfolg. Es sind schon ganz erhebliche Summen 10- und 20-Markstücke eingesammelt und gegen anderes Geld umgetauscht worden. Aber erst ein Teil, und nicht einmal der größte Teil der Stadt, ist bis heute durchgenommen. Die Sammler gehen noch täglich von Haus zu Haus. Jeder lege das vorrätige Goldgeld rechtzeitig bereit, damit den Sammlern nicht zu viel Aufenthalt entsteht.

3.000 Mark an Gold hat Herr Architekt Fritz Tasche bis jetzt allein im Bezirk Rosental gegen Papiergeld eingetauscht.

Dringend ist zu wünschen, daß sich das Publikum beim Bahnhofsdienst für die Verwundeten etwas mehr fernhält. Die Verwundeten und Kranken sind meist nach langer Fahrt der äußersten Schonung bedürftig und müssen Aufregungen und neugierigen Fragen entzogen bleiben.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Beuel, 12. Nov. Ein junger Mann aus Limperich, welcher ein großer Tierfreund ist und bei Ostende wacker gefochten, dabei erheblich verwundet wurde, und in Beuel im Lazarett liegt, erzählt eine Episode, wie er eine Kuh in Feindesland aus dem brennenden Stall gerettet. Ein Bauerngehöft war durch die Artillerie in brand geschossen. Entsetzlich erscholl das Angstgebrüll einer im Stalle an der Kette befestigten Kuh. Der Stall war bereits lichterloh am brennen. Da erbarmt sich unser wackerer Limpericher des armen Tieres, dringt todesmutig in den Stall und versucht die Kuh von der Kette zu lösen. Das unvernünftige Tier sträubt sich gewaltig dagegen und drückt sich schließlich ihren Retter fest wider die Wand. Derselbe sah sich dem Tode verfallen, da gegen solche Gewalt nichts auszurichten war und schrie um Hülfe. Da dringen sechs brave deutsche Soldaten in den Stall, um ihren Kameraden zu retten, und mit Gewalt lösten sie die Kette des Tieres und jagten es mit einigen Schlägen aus dem brennenden Stall. Die Kuh schmiß ihre gesamten Retter dabei über den Haufen und mit Riesensätzen sprang sie zum Stall heraus, hinterdrein unsere todesmutigen Soldaten, welche sich so schnell aus der Feuerlohe in Sicherheit brachten, froh das arme Tier vom Tode des „lebendig gebraten werden“, befreit zu haben. In demselben Dorfe drangen unsere Soldaten in ein brennendes haus, in welchem eine ganze Hecke, wohl an die 40 Kanarienvögelchen von ihrem geflohenen Herrn hülflos zurückgelassen waren. Die Soldaten öffneten den Käfig und ließen die Vögelchen fliegen, damit sie doch wenigstens nicht lebendig verbrannten.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Umgebung“)

 

Höchstpreise für Kartoffeln werden allgemein gefordert. Ob die augenblickliche Festsetzung Erfolg hat, ist sehr zu bezweifeln. Die Großbauern werden dann erst recht ihre eingelegten Vorräte zurückhalten. Wert hätte die amtliche Festlegung nur dann, wenn sie jetzt für den ganzen Winter bis einschl. mai erfolgen würde. – Die Landwirte bringen ihre Kartoffeln schon heraus, wenn ihnen die Aussicht genommen wird, bei Ausgang des Winters das doppelte oder dreifache des jetzigen Preises zu erzielen. Ein Beamter.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

Montag, 16. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Totenfeier für die gefallenen Krieger. Am nächsten Sonntag (Totensonntag) wird auf dem Nordfriedhof, nachmittags 3½ Uhr, eine Feier für die hier verstorbenen Krieger veranstaltet werden. Herr Pastor Lorenz wird die Totenrede halten.

In der Ortsgruppe Bonn des Kaufmännischen Verbandes für weibliche Angestellte (Berlin) spricht morgen abend 8½ Uhr im Nordische Hof die bekannte Rezitatorin und Lautensängerin Fräulein Tony Eick – Koblenz über „Heimat, Deutschtum und Arbeit“. Im Anschluß daran wird die Vortragende Lieder zur Laute singen. Der Eintritt ist frei.

Stadttheater. Das fröhliche Spiel „Als ich noch im Flügelkleide“ wurde gestern abend wieder von dem vollbesetzten Haus mit Beifall aufgenommen. Morgen soll das lustige Stück vorläufig zum letzten Male wiederholt werden. Für den nächsten Sonntag wird „Othello“ in neuer Einstudierung vorbereitet.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Das erste Schneetreiben trug gestern ein starker Nordwestwind über unsere Stadt und die Rheingegend. (…)

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Feldpostbriefe. Fast täglich erhält unsere Redaktion Briefe von Soldaten, die ihre Eindrücke und Erlebnisse im Felde schildern. Wenn wir auch nicht alle Briefe zum Abdruck bringen können, so wollen wir von Zeit zu Zeit Auszüge aus besonders interessanten Briefen veröffentlichen. Aus allen Briefen aber spricht derselbe gesundpatriotische Sinn, dieselbe Vaterlandsliebe, Kampfbegeisterung und Siegeszuversicht, die unser ganzes Heer erfüllt und der wir unsere bisherigen schönen Erfolge verdanken.
    Der Artillerist Toni Willems-Bonn schreibt über einen heruntergeschossenen feindlichen Flieger folgendes:
    „Es ist sechs Uhr morgens. Gerade sind wir aus einem leichten Schlummer erwacht, so hören wir auch schon das uns wohlbekannte Motorrasseln mehrerer französischer Flugzeuge. „Sieh mal zu, ob der „Bauernschreck“ nicht wieder dabei ist“, sagt unser Geschützführer. Der so benannte Flugapparat ist ein gepanzerter französischer Doppeldecker, bemannt mit zwei Offizieren und ausgerüstet mit einem Maschinegewehr. Der „Bauernschreck“ wirft mit Vorliebe Bomben und hat uns schon manchen Schaden zugefügt. Und schon segelt der „Bauernschreck“ wie ein Habicht ruhig über unserer Stellung. Heute scheint er liebenswürdig: er schmeißt keine Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Bomben und fährt wieder zur französischen Stellung zurück. Es ist heute ein herrlicher Herbstmorgen. Die Sonne lacht uns so zu, als wollte sie sagen: „Liebet euch untereinander“. In dieser Morgenstille freuen wir uns auf den Kaffee, den unsere Kameraden ¾ Stunden hinter der Front bei den Protzen holen. Grade, als wir den heißen Trank mit Behagen einschlürfen, bekommen wir auf einmal „Zucker“ in Form von Bomben aus Himmelshöhe. Der Bauerschreck ist wieder da. Das ärgert uns, besonders wegen des guten Morgenkaffees. Wir springen auf. Kauend richten wir unser Geschütz. Kauend schwören wir, daß dem Bauernschreck heute sein Schicksal werden soll, und fangen an zu „bumsen“. Beim fünften Schuß ereilt ihn ein Volltreffer, der direkt hinter dem Motor einschlägt. Das Flugzeug fängt Feuer, macht einige tolle Spiralen und stürzt senkrecht mit markerschütterndem Krach zur Erde, sich etwa 200 Meter hinter unserer Batteriestellung eingrabend. Ungeachtet der sausenden Infanteriegeschosse stürmen wir aus unserer gedeckten Stellung, schwenken die Mützen und schreien, nein brüllen mit einer solchen Begeisterung Hurra, daß die Franzosen meinen, wir machen einen Sturmangriff. Die Rothosen schießen wie toll auf uns los. Wirkung: negativ. Unser Offizier kommandiert: „In Deckung!“ Um unsere Haut in Sicherheit zu bringen, verschwinden wir schnell in unseren Geschützunterständen, umarmen uns und lachen vor Freude, daß uns die Augen naß werden. Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden, aber er schmeckt nun doppelt gut, denn wir haben die feste Ueberzeugung, daß noch recht viele feindliche Flieger dran glauben müssen. Inzwischen geht’s immer vorwärts „Mit Gott für König und Vaterland!“

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Nochmals Kartoffelpreise. Heute morgen hatte ich Gelegenheit, einen Landwirt zu beobachten, der mit einem Wagen voll Kartoffeln durch einige nicht gerade von den wohlhabendsten Bürgern bewohnte Straßen fuhr. Für den Zentner ganz kleiner Ausschußkartoffeln, die auch ihrer Qualität nach sonst nur als Viehfutter Verwendung finden, verlangte er 4.30 Mk., für andere Sorten 7 Mk., wobei er den Leuten sagte, später müsse mehr als das Doppelte bezahlt werden. Einsender dieser Zeilen ist kein Bonner Bürger und die Höhe der hiesigen Kartoffelpreise könnten ihm daher ganz gleichgültig sein. Aber der Vorgang war so empörend, daß er festgenagelt zu werden verdient. Das sind Wucherpreise, die gerade bei der ärmeren Bevölkerung Erbitterung erregen müssen. Ich weiß nicht, wie weit hier die Verwaltung eingreifen kann, aber zur besseren Beleuchtung des Vorfalles will ich nur eine Bemerkung, die ich hörte, hinzusetzen: „Unsere Ernährer sind im Krieg, und uns schützt man nicht vor Ueberforderungen.“ Derartige bittere Aeußerungen lassen sich bei einer armen Hausfrau, die den übertriebenen Preis für eine wohlschmeckende Kartoffel nicht mehr erschwingen kann, und statt dessen Schweinefutter für 4 Mark und 30 Pfennige der Zentner angeboten bekommt, recht wohl verstehen. E.J.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Ein nächtlicher Patrouillengang in Feindesland. Ein aktiver 68er schreibt an seine Angehörigen in Bonn:
    „… Am 28.10., nachmittags ½5 Uhr war es als wir, 6 Unteroffiziere und 30 Mann unter Führung eines Vizefeldwebels die Patrouille antraten. Wir hatten von unseren Kameraden herzlichst Abschied genommen und nahmen noch einen Wunsch unseres Bataillonskommandanten mit auf den Weg. Dann gings los. Wir überschritten einzeln unsere Schützengräben und sammelten uns in dem Dorfe P., welches 200 Meter vor unserer Linie liegt und durch unsere Artillerie vollständig in den Boden geschossen worden ist. Dort wurde die Einteilung unserer einzelnen Patrouillen bestimmt. Meine Patrouille, 2 Unteroffiziere, 8 Mann, hatte den Auftrag, die ca. 400 Meter vor uns liegenden Wäldchen zu erforschen, wie stark drin die Besatzung sei und wieviel Reserven event. dort wären. (…) Auf Händen und Füßen krochen wir über die Felder, das Gewehr am Riemen in dem Munde, jeder Strauch als Deckung benutzend, oft mußten wir ½ Stunde still liegen bleiben, um dunkle Wolken abzuwarten, da der Mond zu allem Unheil sehr hell schien. Jetzt waren wir noch 150 Meter von der feindlichen Linie entfernt. (…) Von einer vor uns liegenden Bodenwelle aus konnten wir die Wälder beobachten; ein langgestreckter Wald rechts von uns schien stark besetzt zu sein, denn wir sahen eine Menge Lichter und hörten 3 Feldküchen anfahren. Unserer Schätzung nach schien es über ein Bataillon zu sein. (…) Da wir zu schwach waren und zudem den Befehl hatten nicht zu schießen, zogen wir uns nach P. zurück. Auf dem Rückweg setzte starker Nebel ein, durch den wir glücklich ohne Schaden unseren Ort erreichten. (…) Nun gaben wir uns einige Stunden der Ruhe hin, da wir in dem Dorfe durch ein paar Unteroffiziersposten der unsrigen gedeckt waren. Dieser erste Patrouillengang dauerte im ganzen ca. 6 Stunden. Gegen ½5 Uhr morgens machten wir uns zum zweiten Gange zurecht. Diesmal gingen wir alle zusammen an einer anderen Stelle mehr rechts vor. Es galt einen feindlichen Unteroffiziersposten abzufangen. Dieser Posten stand ca. 800 Meter links der Straße. Wir schickten drei Mann auf der Straße vor, die den Posten unter Feuer nehmen sollten. Wir anderen gingen alle zusammen links der Chaussee in ausgeschwärmter Schützenlinie vor, um den Posten zu umzingeln. Die drei Mann feuerten verschiedentlich auf den Posten, der sich darauf zurückzog. Da es mittlerweile hell wurde, mußten wir uns selber zurückziehen, um ohne Verluste zurückzukommen. Im Dorfe sammelten wir uns und zum Glück hatte niemand von uns Schaden gelitten. Gegen 8 Uhr morgens trafen wir wieder bei unserer Kompagnie ein. Unser Zweck war, wenn auch nicht ganz, so doch zum Teil erfüllt, wußten wir doch, wie stark die feindliche Stellung vor uns war. Die beiden Patrouillengänge waren gefährlich, aber auch schön, es tat mir leid, daß wir unseren Zweck nicht ganz erfüllen konnten, hoffentlich erreichen wir das nächste mal mehr. Jetzt, wo ich dies schreibe, 1 Uhr mittag, tobt hier wieder heftiger Artilleriekampf. Na, hoffen wir, dem verbündeten Heere bald den Garaus machen zu können. Ihr seid wohl gerade beim essen und tatsächlich beneide ich Euch deswegen, denn ich bin gerade Zwieback am kauen. Schickt mir bitte etwas Chokolade …“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Helft den Notleidenden. Es wird so schön für die Kriegerfamilien gesorgt. Denkt aber auch bitte an die, welche durch den Krieg in Not geraten sind. Wir alleinstehenden Büglerinnnen und Näherinnen sind ganz ohne Beschäftigung. Jetzt sind die Herren im Felde und brauchen keine Stärkewäsche. Wovon soll nun ein Büglerin leben? Darum helft auch ihnen. M.K.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

Dienstag, 17. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Vorbereitung für den Kriegsdienst. Daß auch in unserer Jugend noch ein echt soldatischer Geist lebt, das hat der gestrige Sonntagnachmittag bewiesen. Ungeachtet des kalten Sturms und nassen Schneetreibens, bei dem der biedere Bürger sich hinter den warmen Ofen verkroch, konnte man auf den Exerzierplatz auf dem Venusberg von zwei Uhr ab ein lebhaftes militärisches Treiben verfolgen. Der Bonner Wehrbund hielt dort seine strammen Übungen ab. Während die eine Abteilung in Stärke einer Kompanie von drei Zügen sich in den verschiedensten Formationen bewegte und sich durch keinen noch so heftigen Stoß des wilden Windes aus der geschlossenen Ordnung bringen ließ, sah man eine andere Abteilung sich bei peitschendem Schnee- und Hagelwetter im Brückenbau üben, und hörte dazwischen immer wieder von den nahen Schießständen das scharfe Knallen einer sich im Scharfschießen übenden Abteilung. Die Poppelsdorfer Abteilung trat zum ersten Male mit einheitlichen Mützen an. An die verschiedenen Uebungen schloss sich noch ein längerer Dauermarsch durch den Kottenforst an, bis die Abteilungen erst bei voller Dunkelheit wieder in die Stadt zurückkehrten, gilt es doch für unsere weiteren Reserven, sich mit jeder Unbill des Wetters abfinden zu lernen, wenn auch für sie der Ernst des Krieges zur eisernen Notwendigkeit wird.

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Die freiwilligen Krankenträger. Der Ernst des Krieges hat alle Teile unseres Vaterlandes ergriffen, den einen leichter, den anderen schwerer, aber neben den ernsten Schattenseiten hat uns der Krieg manches schöne und erhabene Schauspiel gezeigt. Alle hat die Liebe zum Vaterland geeint, allen Zwietracht vergessen gemacht, nur ein Gedanke ist bestehen geblieben, das Vaterland zu schützen gegen den haß- und neiderfüllten Feind. Männer und Jünglinge, arm und reich, ohne Unterschied sind begeisterungsfreudig hinausgezogen in den Kampf, und die zurückbleiben mußten, wetteifern, jeder nach seinen Kräften, in der großen Aufgabe, denen zu helfen, die Blut und Leben zu opfern bereit sind, für Deutschlands Ehre, des Vaterlandes fernere Zukunft. (...) Auch in unserer Vaterstadt haben sich eine Anzahl unserer Mitbürger zu diesem Liebeswerk vereinigt und mustergültig organisiert, und daß diese Braven über ihrer freiwillig übernommenen, aufopfernden Pflicht doch auch noch ein warmes, mitfühlendes Herz unseren armen Verwundeten bewahrt haben, beleuchtet am besten die Tatsache, daß sie, obgleich einige von ihnen selbst die Not des Krieges hart empfinden, vor einigen Tagen noch einen namhaften Betrag unter sich gesammelt haben, um einem armen, schwerverwundeten Krieger, der fern von der Heimat hier liegt und sich in Sehnsucht nach Weib und Kind verzehrt, das vielleicht letzte Glück zu bescheren, seine Lieben noch einmal bei sich zu sehen. Nicht allein für die Kosten der weiten Reise haben sie gesorgt, sondern auch für Wohnung und Unterhalt für die Frau und Kinder während ihres Hierseins. Wahrlich eine schöne, edle Tat, Anerkennung denen, den sie gebührt. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Zum Bußtag. Die Bußtagsglocken 1914 haben einen eigenen Klang. Eine schwarz-rote Wolke stand dräuend am Horizont, als die Sonne die Aehrenfelder reifte. Unsere Hoffnung, daß die schwere Wolke vorüberziehen möchte, erfüllte sich nicht. Der langerwartete und langgefürchtete Krieg, der Weltkrieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen, brach aus, und Deutschland im Verein mit unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen griff zum Schwert.
   Mit gutem Gewissen zogen wir in den Krieg. Der Deutsche liebt den Frieden. Unser Kaiser hat ihn mehr als 25 Jahre selbst unter schweren politischen Verhältnissen gewahrt, aber unsere Neider störten unsere friedliche Arbeit, und nun ist der Schrecken des Krieges grauenhaft wach geworden.
   Gewiß, Deutschlands Söhne kämpfen für eine gerechte Sache, aber, fragen wir uns, sind wir für die Segnungen des Friedens unserem Gott dankbar gewesen? Sind wir in diesen langen Friedensjahren nicht allzu lau unseren religiösen Pflichten nachgekommen? Und haben wir unser Deutschtum wohl in dem Sinne gepflegt und gehegt, wie unsere Vorfahren?
   Die Bußglocken sollen uns aufrütteln aus unserer Lauheit und sollen uns wieder den Glauben an Gott stärken und kräftigen. Geschieht die, dann werden wir die schwere Zeit besser ertragen und werden der kommenden – hoffentlich baldigen Friedenszeit – würdig sein.

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Bönnscher Humor im Felde. Herr Beigeordneter Dr. Lühl, der als Hauptmann im Felde steht, schreibt uns:

Sehr geehrte Schriftleitung!
Da sich in meinem Regiment viele Leute aus Bonn und Umgebung befinden, wird es vielleicht für viele von Interesse sein, wenn ich an einem kleinen Beispiel zeige, welchen Humor sich unsere braven Landwehrmänner selbst in kritischen Verhältnissen zu bewahren wissen. Sollten wir da kürzlich in einem Dorfe – nebenbei in einem scheußlichen Schmutznest – Unterkunft beziehen. Kaum waren wir angelangt und hatten Halt gemacht, als die Franzosen begannen, das Dorf unter Granatfeuer zu nehmen. Da meinte einer von meinen Leuten: „Sinn die jeck? Senn die dann net, dat he Löck stonn?“ Und ein anderer erwiderte: „Die maache noch esu lang, beß dat se eenen duht geschosse hann!“ – Für die regelmäßige Zusendung des General-Anzeigers nochmals vielen Dank und freundlichen Gruß!                    
Lühl

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914„Unteroffizier-Kasino Villa Duft“. Eine Anzahl Bonner von der „Leichten Munitions-Kolonne, 2. Abtlg., Feld.-Art.-Reg. Nr. 23, 8. Armeekorps, 16. Div.“ danken aus dem Schützengraben für zwei prachtvolle Liebesgabenpakete, die ihnen auf ihre Bitte im „General-Anzeiger“ aus Bonn zugegangen sind. Sie konnten sich zunächst gar nicht erklären, woher die Pakete stammen, bis ihnen beim Oeffnen Aufklärung wurde. Zum Dank hat einer der Artilleristen eine naturgetreue Zeichnung ihrer selbsterbauten Blockhäuser eingesandt, die wir in unserem Schaufenster zum Aushang bringen. Die „Prachtbauten“, wie auch die handkolorierte Zeichnung machen ihren Schöpfern alle Ehre. Eine der beiden Blockhütten, die auch der gärtnerischen Anlagen nicht entbehren, trägt die Aufschrift: „Unteroffizier-Kasino Villa Duft“.

Liebesgaben. Die Firma H. Underberg-Albrecht in Rheinberg spendete als Liebesgabe 100.000 Fläschchen „Underberg-Boonekamp“.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Pellkartoffeln. Ich als alte Köchin muß Ihnen sagen, daß Kartoffeln mit der Schale sehr viel schmackhafter sind als geschälte, namentlich wenn die kleinen Kartoffeln, nachdem sie gequellt sind, fein knusprig gebraten werden. Zu gekochtem Gemüse ist es wahrlich Leckerbissen und man braucht auch nicht viel Fett dazu. Von kleinem Kind an habe ich mich darauf gefreut. Eine ältere Köchin aus Godesberg.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Vaterländische Reden und Vorträge. Morgen abend 8¼ Uhr spricht in der Aula des Städtischen Gymnasiums Herr Prof. Dr. Graff über die Wirkung moderner Kriegsgeschosse mit Lichtbildern. Der Vortrag wird am Samstag abend wiederholt.

An den Gräbern der in Bonner Lazaretten gestorbenen Soldaten auf dem Nordfriedhof findet am nächsten Sonntag nachmittag 3½ Uhr eine schlichte Gedenkfeier statt. Pastor Lorenz von der evangelischen Gemeinde wird eine Ansprache halten, ein Gesangverein trägt einige Chöre vor.

Aus einem Feldpostbriefe an die Deutsche Reichszeitung setzen wir die folgende Stelle hierhin, aus der hervorgeht, daß die Deutsche Reichszeitung auch im Felde eine liebe Freundin ist.

„Als alter Abonnent der Reichszeitung, konnte ich mich auch in Feindesland nicht von meinem Leibblatt trennen. Nach langen Warten komme ich jetzt aber, mehr oder minder pünktlich, wie es gerade der Feldpost einfällt, in den Besitz. Ich kann versichern, des abends bei Ankunft der Post, die erste Frage auch meiner Kameraden, unter denen sich auch mehrere aus der Umgebung von Bonn befinden, (die auch zu Hause eifrige Leser der Deutschen Reichszeitung waren) nach der Reichszeitung ist. Außer den Kriegereignissen werden von uns Bonnern auch die lokalen Nachrichten durchgenommen ...“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Mittwoch, 18. November 1914

Wegen des Buß- und Bettages erscheinen an diesem Tag keine Ausgaben des General-Anzeigers und der Deutschen Reichs-Zeitung.

 

Stadttheater. Zur Volksvorstellung ist in dieser Woche, nachdem bisher nur Klassiker zu Worte gekommen sind, das L’Arrongische Lustspiel „Dr. Klaus“ ausersehen worden. Es ist bekanntlich ein lustig-gemütvolles Volksstück im besten Sinne des Wortes. So darf man sich von dieser Volksvorstellung einen besonderen Genuß versprechen.

Hilfsstelle zur Ermittlung von Kriegsgefangenen. Aus der seinerzeit angeregten Aussprache über das Los der Kriegsgefangenen ist die Hilfsstelle zur Ermittlung von Kriegsgefangenen in Bonn hervorgegangen. Wie sehr ein Bedürfnis für diese kostenlose Einrichtung vorlag, beweist die starke Inanspruchnahme derselben aus allen Kreisen; enthalten doch die Listen bis heute über 400 Vermisste (vermutlich Gefangene), hauptsächlich aus rheinischen Regimentern. In der Aussprache am Montag wurden Mitteilungen über inzwischen ermittelte Gefangene und über deren Behandlung und Verpflegung in den französischen Lagern und Lazaretten gemacht. (...)

Kriegstrauung im Lazarett. Am vorigen Sonntag fand in einem hiesigen Lazarett eine seltene Hochzeitsfeier statt. Aus dem fernen Thüringer Lande war die Braut an das Krankenbett ihres schwer verwundeten Verlobten geeilt. (...) Schwer war das Krankenlager gewesen, aber jetzt war das schlimmste überstanden und er konnte sich mit seinem treuen Mädchen trauen lassen. Tief ergreifende Worte fand der Geistliche, der die beiden zum ewigen Bunde vereinte. Das ganze Lazarett, Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen und nicht zum wenigsten die verwundeten Kameraden nahmen an dem Glück der beiden herzlichen Anteil.

Verkehr nach Metz und Umgebung. (...) Reisende nach Metz und nach den nachfolgenden Orten werden nur noch zugelassen, wenn sie einen Erlaubnisschein des Polizeimeisters, Generalleutnant von Ingersleben besitzen. (...) Reisende ohne diesen Erlaubnisschein werden vor Metz rücksichtslos aus dem Zug entfernt. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Donnerstag, 19. November 1914

 

Kurse in der Säuglingspflege und -Ernährung. Am 1. Januar beginnt wieder in dem Säuglingsheim in der Beethovenstraße ein neuer Lehrgang in der Säuglings-Ernährung und-Pflege. Er wird von Privatdozent Dr. Cramer als Frauenarzt und von Dr. Kaupe als Kinderarzt geleitet. Wir verweisen auf die Anzeige in der heutigen Nummer.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 19. November 1914Deutschlands Brotversorgung ist nach einer amtlichen Aufklärung bis zur Einbringung der nächsten Ernte gesichert, wenn die alljährlich bisher verfütterte große Menge Brotgetreide zur menschlichen Ernährung verwendet und mit den vorhandenen Vorräten gehaushaltet wird. In allem Weizenbrot muß fortan Roggenmehl mitverwendet werden. Das Brot wird dadurch nicht mehr so weiß, aber ebenso schmackhaft und nahrhaft wie bisher. Dem Roggenbrot müssen 5 Hundertteile Kartoffelmehl zugesetzt werden. Es darf auch Brot mit größerem Kartoffelmehlzusatz gebacken werden, wenn es den Buchstaben K. trägt. Dieses Kriegsbrot sollte jeder fordern, auch möge man Kommißbrot essen, da das Roggenkorn im Kommißbrot am besten ausgenützt wird. Kein Brot darf mehr ins Schweinefutter wandern. Jeder erinnere den anderen daran, wie glücklich unsere Truppen auf vorgeschobenen Posten wären, wenn sie das Brot hätten, was im Inland oft vergeudet wird.

Höchstpreise für Kartoffeln. Auf die vom Oberbürgermeister Wallraf (Köln) an den Herrn Staatssekretär des Inneren gerichtete, in der letzten Stadtverordnetenversammlung erwähnte Depesche ist folgende Antwort eingegangen:

„Vorlage für Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln ist dem Bundesrate zugegangen.
Staatssekretär des Inneren J.B. Richter“

Zur Linderung der Kartoffelnot ist in Niederbreisig folgendes angeordnet worden: Bei sämtlichen Kartoffelbesitzern werden die Vorräte beschlagnahmt. Wer keine Kartoffeln hat, erhält vom Gemeindevorsteher einen Gutschein, für den ihm jeder Besitzer von Kartoffeln diese zum Preise von 3 Mk. für den Zentner verabfolgen muß.

Frostwetter ist bei hohem Barometerstand und leichten nordöstlichen Winden seit der Nacht zum Dienstag eingetreten. Das Thermometer sank in beiden Nächten im Hofgarten auf 3 Grad unter Null. Morgens herrscht dichter Nebel, der um die Mittagsstunde sich in lose Wolken verflüchtigt, die wohl hin und wieder die Sonne durchscheinen lassen. Abends und in der Nacht besonders ist der Himmel sternenklar. (...)

Der Bayernverein Bonn gab am Sonntag den hier zur Genesung weilenden bayrischen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften einen gemütlichen Nachmittag. Der Vorsitzende hielt eine Ansprache und brachte auf Kaiser Wilhelm und den bayrischen König ein Hoch aus. Auf eine Huldigungsdepesche an den letzteren ging folgende Antwort ein. „Herzlichen Dank für die Huldigung mit dem Wunsche um baldige und vollständige Genesung meiner Landsleute. Ludwig.“ Im Laufe des Nachmittags erfreuten die Damen Krüger, Bonck, Remagen die Verwundeten mit Deklamationen, Gesang und Musik. Außer Kaffee und Kuchen gab es echt bayrisches Bier, Weißwürste mit Kraut und Radieschen. Jeder Krieger erhielt ein Andenken in Gestalt eines seidenen Beutelchens mit den Bayern-Farben und Tabak, Zigarren, Zigaretten, Pfeifen usw. Den Dank der Verwundeten sprach zum Schluß Leutnant Blunth mit herzlichen Worten aus.

Anzeige im General-Anzeiger vom 19. November 1914Vaterländische Reden und Vorträge. (Elfter Abend.) Prof. Dr. Graff: „Die Wirkung moderner Kriegsgeschosse“. Redner war längere Zeit auf dem Kriegsschauplatz tätig und übt nach seiner Rückkehr in den hiesigen Lazaretten seine ärztliche Kunst zum Wohle unserer verwundeten Krieger aus. Zunächst zeigte er die verschiedenen Artilleriegeschosse im Original vor, so unser 8-Geschoß, das französische Geschoß, das etwas spitzer als das unsrige ist und das anstelle unseres Nickelmantels einen Kupfermantel hat. Das englische Geschoß weicht kaum von dem unsrigen ab, während das belgische Geschoß eine etwas stumpfere Spitze hat. Das Schrapnell enthält ungefähr 200 bis 500 Kugeln und wird auf bestimmte Entfernung in der Luft zum Platzen gebracht. Anders ist es bei der Granate, die mit einer starken Sprengfüllung versehen ist und die durch Aufschlagen auf der Erde platzt. Außerdem besitzen wir noch eine Granate, die in der Luft zum Explodieren gebracht wird. Als weitere Waffe kommen in diesem Kriege erstamlig Bomben mit starker Sprenfüllung in Betracht, die von Flugzeugen abgeworfen werden und ferner Fliegerpfeile, die unter Umständen gefährliche Verletzungen verursachen. Die Wirkungen des Geschosses im menschlichen Körper sind naturgemäß verschieden. Während einige Krieger kaum Schmerz beim Eindringen des Geschosses verspüren, werden wieder andere von einem Nervenschock befallen, der so stark sein kann, daß er unter Umständen den Tod herbeiführt. Von besonderem Interesse waren die Lichtbilder, die nach Röntgenaufnahmen hergestellt waren und aus denen man deutlich die verheerende Wirkung namentlich der Granaten- und Schrapnell-Sprengstücke und ferner der in diesen Feldzügen von unseren Feinden benutzten Dum-Dum-Geschosse ersah. Redner gab zu den einzelnen Bildern fachmännische Erläuterungen und betonte, daß nach den gemachten Erfahrungen leichtere Verletzungen häufiger vorkämen, als schwere. Für seine klaren eingehenden Ausführungen erntete der geschätzte Redner vielen Dank.

Den Bäckereien der Bürgermeisterei Villich ist durch die Ortbehörde mitgeteilt worden, daß vom 1. Dezember an das Backen kleiner Brötchen und der Herstellung größerer Backwaren aus unvermischtem Weizenmehl verboten ist.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Die Bonner Pfadfinder zur Kriegszeit.

Seither verstand man unter „Mädchen für Alles“, auf männliches Gebiet übertragen, unsere Feuerwehr. Bei der heutigen Umwertung aller Werte ist auch hierin eine bemerkenswerte Neuerung zu verzeichnen: Wußte man bisher in einem schwierigen Fall weder ein noch aus, so stürzte man flugs zum Feuermelder oder an den nächsten Fernsprech-Apparat und alarmierte die Feuerwehr, als die nie versagende Nothelferin.

In der Behauptung dieses Ehrentitels hat die Feuerwehr seit Ausbruch des Krieges in unse­rem Bonner Pfadfinderkorps eine Konkurrenz von ganz erstaunlicher Tüchtigkeit und Schlagfertigkeit erhalten. Alles, was nur irgendwie mit unseren braven Truppen daheim und drau­ßen in irgendwelchem Zusammenhang steht, wird heute von dem schier unbe­grenzten Betätigungsbereich unserer Pfadfinder umfaßt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 19. November 1914Die Sache machte sich eigentlich ganz von selbst. In den ersten Mobilmachungstagen fehl­te es beim Durchfahren der Truppen auf unserem Bahnhof an Hilfskräften, die zu den Militärzügen Erfrischungen heranschafften und sonstige willkommene Aufmerksamkeiten er­wiesen. Darum setzte man sich mit den Leitern des Bonner Pfadfinderkorps in Verbin­dung, und der erfreuliche Erfolg war der, daß von nun an die jungen Leute in ihrer schmu­cken Uni­form überall da stets zur Stelle waren, wo es des Eingreifens hülfreicher Hände bedurf­te. Sämtliche Besorgungen für die Militärlazarette, für den Hülfsausschuß, für die Armenverwaltung, für die Frauenvereine und natürlich auch die Militärverwaltung werden von den wackeren Jungens mit nie versagendem Eifer und einer beispiellosen Lust und Liebe zur Sache auf das Pünktlichste ausgeführt.

Von der bisherigen Tätigkeit unserer Pfadfinder kann man sich eine annähernde Vorstellung machen, wenn man erwägt, daß bis heute laut Kontrollbuch durch sie über 41/2 Tausend Aufträge zur Erledigung gelangt sind. In der ersten Zeit der Mobilmachung liefen an einem Tage manchmal bis zu 300 Aufträge ein. Da hieß es sich sputen. Hier schwang sich ein Junge aufs Rad, dort holte einer flink eine Handkarre hervor, um in irgend einem Stadtteil eine besonders gewichtige Spende abzuholen. Hier heißt es, Leute zusammen zu trom­meln, um Briefe und Zirkulare zu verteilen und so fort. Im Dienste der Wollsammlung konn­te man die Jungens mit ihren geschmückten Karren auf allen Straßen sehen. Die Einrich­tungsarbeiten für ganze Privatlazarette wurden von ihnen geleistet: Hier wurde ein Bett ab­geholt, das gestiftet worden war, dort Tische, Stühle, Oefen, kurz alles, was zur Einrichtung gehört. Wer irgend eine Spende zu geben hat, der meldet sich auf der Wache an und in kurzer Zeit ist der betreffende Gegenstand schon an seinem Bestimmungsort. Zum Sortie­ren von Feldpostbriefen wurden zahlreiche junge Kräfte mit Erfolg abgeordnet, und außer­dem wurden Adjutanten fürs Rote Kreuz gestellt.

Kurz, etwa 40 bis 50 junge Leute stehen Tag und Nacht für die einschlägigen Besorgungen zur Verfügung. Und wenn schließlich Not am Mann ist und es einmal ganz knüppeldick kommt, dann können innerhalb zweier Stunden 250 Mann mobil gemacht werden.

Auch hier gibt es keine Parteien mehr, der 12jährige ist ebenso dienstbeflissen wie sein um 6 oder sieben Jahre älterer Kollege, und der Volksschüler oder Lehrling sucht es im Punkte der Tüchtigkeit und des Eifers dem angehenden Primaner gleich zu tun, denn Jeder hat den „Cornetstab“ im Tornister.

Mit der ungeahnten Anhäufung der Aufträge erwiesen sich naturgemäß die ursprünglich zur Verfügung stehenden bescheidenen Verwaltungsräume als bei Weitem unzulänglich. Umso dankenswerter war es zu begrüßen, daß die Stadt dem Pfadfinderkorps in dem Hause Ecke Thomastraße und Bachstraße, das bekanntlich neben anderen Häusern dem Ausbau der Rheinuferbahn demnächst zum Opfer fallen wird, eine ganze Etage als Wachlokal zur Verfügung gestellt hat. Da hat der Oberfeldmeister sein Arbeitszimmer, nebenan ist ein großer Schlafsaal, worin die jungen Leute, die „Nachtschicht“ haben, auf Matratzen ruhen, bis sie zur Ausführung eines Auftrages gerufen werden. Der wachhabende Cornet nimmt in einem weiteren Raume die telephonisch oder mündlich übermittelten Aufträge entgegen, schreibt sie in doppelter Ausführung aus und sorgt für deren sofortigen Erledigung, sobald es sich um weniger wichtige Dinge handelt, und zwar unmittelbar durch die in einem vierten Zimmer sitzende Wachmannschaft, die sich ihrerseits die Wartezeit durch Lesen und der­gleichen vertreibt. Bei wichtigen Aufträgen entscheidet der Oberfeldmeister.

Zur Illustrierung des Umfanges und der Vielseitigkeit dieser Pfadfindertätigkeit – wurden sie doch nicht selten sogar als „Auskunftsbureau“ in Anspruch genommen, was doch einiger­maßen außerhalb ihres Faches liegt – seien nachstehend einige charakteristische Einzel­heiten angeführt:

Als die ersten Verwundeten hier eintrafen, war die Versorgung mit Lesestoff noch nicht so organisiert wie heute. Da sprangen die Pfadfinder hülfreich ein, fuhren auf eigene Faust mit ihren Handwagen von Haus zu Haus, sammelten Bücher und Zeitschriften, und das Resul­tat war: 42 Handkarren voll Lesestoff.

Plötzlich wird die Pfadfinderwache in der Nacht alarmiert: es müssen 80 Landsturmleute in der Bürgermeisterei Godesberg zusammengetrommelt werden. Ein anderes Mal gilt es, verwundete Krieger auf ihren Spaziergängen durch die Stadt zu begleiten.

Mit einem Wort, auf dieser Wachstube ist andauernd Leben in der Bude. Da erscheint ein „Feldgrauer“, der mit dem Auto aus Belgien hier angekommen ist und nach Euskirchen wei­terfahren will, jedoch weder Wegekarten noch einen ortskundigen Führer zur Verfügung hat. Fünf Minuten später sitzt ein Pfadfinder neben ihm, und weiter geht die Autofahrt.

Inzwischen schellts am Telephon: Eine Dame wünscht jemand, der Bücher bei ihr abholen soll, um diese zu einem Lazarett zu bringen. Gleich darauf klingelt es wieder: Der Ernte­bund wünscht eine Anzahl junger Leute, die einen Wagen Aepfel abladen und sie zum Ue­berwintern hübsch unterbringen sollen. Wieder etwas später wird ein halbes Dutzend „älte­re junge Leute“ für eine Wohltätigkeitsveranstaltung verlangt zur Kartenkontrolle, sowie zum Anweisen der Plätze…

So geht es weiter Tag und Nacht. Immer sind unsere Pfadfinder bei der Hand, im selbstlo­sesten Dienste zum Wohle unserer wackeren Vaterlandsverteidiger.

 (Bonner General-Anzeiger)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 19. November 1914Telegramme und telegraphische Postanweisungen dürfen weder von Kriegsgefangenen noch an sie abgesandt werden.

Die Ausübung der Fischerei durch Ausländer ist im Bereich des 8. Armeekorps verboten.

Kein Schweizer Käse mehr? England hat vom Schweizer Bundesstaat verlangt, daß die Schweiz an Deutschland keinen Käse mehr liefere. So berichtet die München-Augsburger Abendzeitung.
    Das wird keinen Deutschen betrüben. Haben wir keinen Schweizer Käse, so essen wir halt unserer guten deutschen Käse. Und wenn auch der einmal alle wird, verzehren wir unser Brot gerne ohne Käse.

Der „Beethoven-Chor“ Bonn brachte mit einer stattlichen Zahl von ca. 60 Sängerinnen u. Sängern den Verwundeten des Reserve-Lazaretts 4 (Augenklinik) eine Liederspende dar. Was der Chormeister Jos. Kölzer den Verwundeten mit seinem 10 Nummern umfassenden Programm bot, war wirklich danach angetan, diese zu erfreuen und aufzuheitern. Duette von Frl. Römer und Herrn Walter, sowie das Sopransolo von Frl. Römer fanden ungeteilten Beifall. Die Bitte, der Verein möchte doch bald wiederkommen, wurde von dem Vorsitzenden des Vereins in Aussicht gestellt. – Mit der Verteilung von Liebesgaben durch die Damen des Vereins fanden die Darbietungen ihren Abschluß.

In der Falle. Ein Herr, der am Dienstag mittag einen Brief in den Postkasten am Hauptpostamt legte, hatte seine Hand zu tief in die Oeffnung gesteckt. Als er sie zurückziehen wollte, blieb er in den metallenen Zähnen hängen und konnte sich nicht eher befreien, bis ein herbeigerufener Mechaniker ihm zu Hilfe kam. Solange war der unfreiwillig Gefesselte Gegenstand allgemeinen Gaudiums.

Die Versorgung unserer Kriegsinvaliden. Die Versorgung unserer Krieger, die in Folge ihrer Verletzungen im Felde ganz oder zum Teil erwerbsunfähig sind, hat durch Gesetz vom 31. Mai 1906 ihre Regelung gefunden. Die Höhe der Rente richtet sich nach dem Dienstgrade der Krieger und dem Ausmaße der Schädigung. Bei voller Erwerbsunfähigkeit erhalten sie als sogenannte Vollrente: Feldwebel 900 M., Sergeanten 720 M., Unteroffiziere 600 M. und Gemeine 540 M. im Jahre. Liegt nur eine Minderung der Erwerbsfähikeit vor, so wird ein der Minderung entsprechender Teil (10, 20 usw. Prozent) der Vollrente gewährt, mit der Einschränkung, daß ein Schaden von weniger als 10 Prozent, weil wirtschaftlich unbedeutend, einen Anspruch auf Rente nicht begründet.
  
Das Gesetz (§ 4) bestimmt ausdrücklich, daß bei der Beurteilung des Grades der Erwerbsunfähigkeit der von dem Verletzten vor der Militärzeit ausgeübte Beruf zu berücksichtigen ist und nur dann von der allgemeinen Erwerbsfähigkeit auszugehen ist, wenn der Verletzte einen besonderen Beruf nicht ausgeübt hat.
   Eine wesentliche Erhöhung kann die Rente durch die sogenannte Verstümmelungszulage erfahren. Wer als Gemeiner oder Unteroffizier durch Dienstbeschädigung eine Hand oder einen Fuß verliert, die Sprache oder das Gehör einbüßt, hat Anspruch auf eine Verstümmelungszulage von je 27. M. im Monat; bei Verlust des Augenlichtes beträgt die Verstümmelungszulage 54. M. monatlich. Auch bei sonstigen schweren Körperschädigungen ist die Zubilligung von Verstümmelungszulagen bis 54 M. zulässig. Bei mehrfachen Verstümmelungen können auch mehrere Zulagen beansprucht werden. (...)
Auch sonst sieht das Gesetz vom 31. Mai 1906 noch eine Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten vor. (Alterszulage, Beihilfe bei Entlassung aus dem Dienst wegen körperlicher Gebrechen, Anstellungsschein zur Erlangung einer Unterbeamtenstellung), die alle das Ziel verfolgen, die aus dem Militärdienst entspringenden wirtschaftlichen Schäden zu beseitigen oder doch mindestens nach Möglichkeit abzumildern. (...)

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Freitag, 20. November 1914

 

Universität. Durch Anschlag am Schwarzen Brett werden alle Militärpflichtigen, die im Besitze eines Berechtigungsscheines für Einjährig-Freiwillige sind und noch keinen endgültigen Bescheid über ihr Militärverhältnis haben, aufgefordert, sich Montag, den 23. November auf dem Militärbüro, Rathausgasse, zu melden.

Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914In einem Feldpostbrief aus dem Schützengraben im Westen, den man uns zur Verfügung stellt, heißt es: „Schon ... (Auslassungen im Original) Tage in den Schützengräben, stündlich Gefecht von Infanterie und Artillerie, trockenen Zwieback, dünnen Kaffee, hartes Lager und steten Regen, welcher den Lehm schleimig und zäh macht, und dabei immer noch Scherze, Frohsinn und Kampfeslust, das sind wir Deutschen. Uns kann man nicht unsere gute Stimmung verderben, besonders wenn wir, wie bisher, jeden Tag so ein paar vorwitzigen Zuaven und Engländern die Kerze ausblasen. Unsere Aufgabe um (...) besteht darin, den Feind nicht nach (...) durchbrechen zu lassen. Dann werden wir in ein paar Tagen den Herrschaften das Fell so gerben, daß diese schwarze, gelbe und weiße Gesellschaft von keinem europäischen Doktor mehr kuriert werden kann. Ich habe den Posten als Gefechtsordonanz und bin von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens in den vorderen Gräben. Langeweile habe ich nicht, denn wenn ich keinen Dienstgang habe, beobachte ich die nutzlose Knallerei des Gegners, welcher, wie mir scheint, nachts nur schießst, um sich wach zu halten während von unserer Linie nur in längeren Pausen mal ein Schuß fällt, aber unter Garantie hat der auch sein Ziel erreicht. Ob Artillerie oder Infanterie, das ist ganz gleich. (...) Durch unsere eiserne Mauer kommt dieses internationale Gesindel kaum noch durch, oder sie müssten selber von Stahl sein, was ich sehr bezweifle. Es sind schon viele Engländer vor Hunger über die Linie zu uns übergelaufen.“

Fischerei. Die Ausübung der Fischerei durch Ausländer wird im Bereich des stellvertretenden Generalkommandos des 8. Armeekorps verboten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Deutsche Flieger sind wiederholt durch Schüsse und Steinwürfe bedroht worden, weshalb der Oberbürgermeister das Publikum vor solchen Ausschreitungen warnt und auf die Strafbarkeit einer derartigen unbesonnenen Handlungsweise nachdrücklich hinweist.

Auch ein Kriegberichterstatter. Man schreibt uns. Als ich am Donnerstag nachmittag mit meiner Familie einen Spaziergang über den Venusberg machte, hörten wir in der Nähe des Kaiser-Wilhlem-Denkmals jemanden hinter uns über kriegerische Ereignisse reden. Der Stimme nach mußte es ein junger Mann sein, vielleicht ein Kriegsfreiwilliger, der seine Erlebnisse zum Besten gab. Wir unterbrachen unsere Unterhaltung und lauschten den Worten des jungen Kriegers. „Du mußt Dir das nicht so einfach vorstellen; acht Tage im Schützengraben liegen, ist keine Kleinigkeit. Da wird man abwechselnd naß und trocken, und in den Nächten ist es jetzt schon so kalt, daß man sich Eisbeine holt. Und, wenn die feindlichen Granaten einem um den Kopf fliegen, geht’s ssst, ssst, ssst! Dann heißt es Köppe ducken, sonst ist man verloren.“ An einer Wegekreuzung warteten wir, um den jungen Krieger, der so lebhaft seine Erfahrungen aus dem Felde wiedergeben konnte, an uns vorübergehen zu lassen. Wie erstaunten wir! Anstatt eines jugendlichen Kriegers sahen wir – einen etwa 10 bis 11 Jahre alten Gymnasiasten, der dem in seiner Begleitung befindlichen Dienstmädchen die Unannehmlichkeiten des Krieges auseinandersetzt.

Eine junge Deutsche, die vorige Woche aus England zurückgekehrt ist, schreibt u.a., daß die im August eingetretenen englischen Rekruten noch immer in Zivil umherlaufen. Etwa vier vom Hundert hätten eine Uniform. In ganz England werde riesig über die Deutschen gelogen. Die Angst vor deutschen Spionen und Luftschiffen sei ungeheuer. Die Polizei ging eine Zeit lang abends in jedes Haus und sagte: „Sobald Ihr einen Zeppelin hört, so geht in Eure Keller.“ Natürlich schlief dann niemand vor Angst. Auf den Straßen verkaufe man für einen Penny Eiserne Kreuze mit der Aufschrift „Altes Eisen“. Um deutsches Spielzeug nachzuahmen, habe man ein neues Haus gegründet. Ueberall herrscht eine Riesenangst, die Deutschen, oder wie man sagt die „Hunnen“ würden in England landen, dann sei es mit England aus. Dann komme es unter die eiserne Faust des deutschen Reiches.

Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914Bonner Straßenbilder. Ein Pechvogel. Einige Leichtverwundete sitzen im Hofgarten in der Herbstsonne, rauchen ihre Zigarre und erzählen vom Krieg. Ein junger, frischer Infanterist läßt die Bemerkung fallen, daß er bereits dreimal auf dem Kriegsschauplatz war. Darob Erstaunen und Fragen. Darauf erzählt der junge Krieger seinen aufhorchenden Kameraden folgendes: „Das erste Mal kam unsere Kompagnie mit dem Zug bis Lüttich. Von dort marschierten wir auf B. zu. Unterwegs begegnete uns eine Munitionskolonne. Ein Gespann ging durch und rannte uns in der Flanke. Der Wagen überrannte meinen Fuß, und ich erlitt eine Sehnenzerrung. Ich mußte zurück. In vier Wochen war der Schaden geheilt, und froh wollte ich mich zur Front begeben. Aber auch diesmal kam es nicht so weit. Zwei Stunden nach der Ankunft in S. bekamen wir vom feindlichen Vorposten auf der Straße von B. Flankenfeuer. Ich Unglücksrabe war natürlich der einzige, der etwas abbekam. Eine Kugel durchschlug meinen Oberschenkel. Also gings wieder zurück. Diesmal dauerte es einen Monat, ehe mein Bein heil war. Hoffentlich – ich war schon mißtrauisch geworden – kommst du an die Front, dachte ich, als ich mich jetzt zum dritten Male nach Belgien begab. Aber ich hatte nicht mit meinem Pech und mit den Franktireurs gerechnet, die uns in einem kleinen Dorf bei D. heimtückisch überfielen. Der Effekt war der, daß ich zum dritten Mal – mit welcher Wut könnt Ihr Euch denken – zurückmußte, diesmal mit einem Armschuß, der aber in 14 Tagen heil sein wird. Dann aber, setzte der Unglücksrabe frohen Mutes hinzu, hoffe ich endlich einmal an die Front zu kommen.
    Ein bärtiger Jäger spaziert langsam durch die kahlen Felder. Wir begegnen uns, und da ich meinen krummbeinigen Dackel aus den Augen verloren habe, frage ich den Jäger, ob er meinen Hund gesehen habe. Er zuckt die Schulter. Ich nehme an, daß er meine Frage nicht verstanden hat und wiederhole sie. Aber schon kommt mein Hund mit ?schenden Ohren herangesaust und springt schwänzelnd an dem Krieger empor. Der bückt sich lächend und streicht das glänzende Fell des Tieres. Ich biete dem Jäger eine Zigarre an und rede noch einiges daher. Dabei wundere ich mich, daß der Jäger, dessen Brust das Eiserne Kreuz schmückt, unverletzt und dabei so wortkarg ist. Ich frage ihn nach seinen Verletzungen, er aber zuckt immer wieder die Schulter. Ich werde nicht klug aus ihm. Da nimmt der große starke Mann ein Notizbuch aus seiner Tasche, kritzelt etwa in das Buch und gibt mir das herausgerissene Blatt. Ich lese: „Durch einen Schrapnellschuß Gehör und Sprache verloren“. ….

Ein Bonner Student, Herr Ferd. Lommel, der als freiwilliger Krankenpfleger im Felde steht, sendet uns folgendes Gedicht aus Montmédy, das er auf einsamer Wacht verfaßt hat:

Einsam in dunkler Nacht
Steh' ich auf stiller Wacht,
Drunten am Wiesenrand,
In Feindesland.

Hei wie der Wind sich regt
und durch die Lüfte fegt;
Wolken von Regen schwer
Treibt er einher.

„Nur lustig zu, nur zu",
Krächzt aus dem Wald Uhu,
Käuzchen von fern her schreit:
„Sei wohl bereit."

„Feinde in jedem Fall,
Feinde sind überall.
Und wenn der Feind dort naht,
Droht Dir Verrat."

Ich steh' wie festgebannt,
Auge und Ohr gespannt,
Doch die Gedanken zieh'n
Zur Heimat hin.

Schläfft wohl, mein Schätzelein,
Träumst von dem Buben Dein,
Der aus dem Vaterhaus
Jüngst zog hinaus.

Doch darum weine nicht,
Tat ja nur meine Pflicht,
Ist's nicht mein Heimatland,
Mein Vaterland?

Nicht halt ich Wiederkehr,
Wenn nicht mit Deutschlands Ehr;
Darum nur bete still:
„Wie Gott es will."

Ich steh' in Gottes Hand
Wie auch mein Vaterland;
Und er behüte dich
Als auch wie mich.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Stadttheater. Dem biederen alten Dr. Klaus, der in der gestrigen Volksvorstellung seine Wirkung auf Herz, Gemüt und Zwerchfell nicht verfehlte, folgt heute eine Nestroy’sche Posse: Lumpazi Vagabundus, welche der unverdienten Vergessenheit entrissen wurde, um mit Vermeidung der trivialen Tagespossen ein humorvolles Werk der Wiener Schule vorzuführen. Bei diesem Anlaß wird man gern auch mal wieder Gesang und Musik im Rahmen einer Theatervorstellung hören, um sich ganz der in den ernsten Tagen doppelt notwendigen Entspannung hinzugeben. Das städtische Orchester wirkt heute abend unter Sauers Leitung mit.

Populärwissenschaftliche Vorträge. Heute abend findet im Bonner Bürgerverein der zweite derselben statt, den der Dozent der freien Hochschule zu Berlin, Herr Dr. Koeppen über das Thema „Auf den Spuren unserer Armeen in Ost und West“ halten wird. (Mit Lichtbildern.) Der Zufall will es, daß dieser Vortrag gerade in dem Augenblicke eghalten wird, wo unsere ganze Aufmerksamkeit auf den Osten Deutschlands gelenkt ist. Der Redner führt uns unmittelbar auf den Kriegsschauplatz. Mit ihm weilen wir an den ernsten masurischen Seen, an der russischen Grenze, im Lager unserer Truppen. Land und Leute sind dem Redner gut bekannt, denn er hat diese Gegenden nicht nur oft bereist, sondern auch im Auftrage der Regierung dort kulturhistorisch hoch interessante photographische Aufnahmen gemacht. Weiter führt dieser Vortrag nach Belgien. Mit unseren Truppen ziehen wir in Lüttich ein, fahren nach Brügge, Gent, Mecheln, Brüssel und bewundern mit unseren Soldaten die uralte deutsche Kultur, denn diese Städte waren einst gut deutsch. Von Belgien führt der Weg nach dem alten Reims. Eine Fülle der prachtvollsten Bilder, von denen viele unmittelbar auf dem Kriegsschauplatze aufgenommen sind, begleiten den Vortrag.

Ein Warenhaus im Felde. Die Aktiengesellschaft Leonard Tietz hat auf Veranlassung der Heeresverwaltung in Chauny im Norden Frankreichs in der Nähe von St. Quentin eine „Zentralstelle“ für Lebensmittel, Wäsche und sonstige Gebrauchsgegenstände für unsere Soldaten eingerichtet. Das Lager dieser Zentrale wird von Köln aus durch einen Automobilverkehr in kurzen Zeitabständen immer wieder vervollständigt. Mit Errichtung dieses deutschen Warenhauses in Feindesland haben die ungebührlich hohen Preise, die die Angehörigen unseres Heers in Frankreich vielfach für Lebensmittel bezahlen müßten, aufgehört.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Von einem Mitglied der Bonner Sanitätskolonne in Lille erhielten wir folgenden Feldpostbrief.:
  
„Nach etwa 25stündiger Fahrt traf die Bonner Sanitätskolonne in Lille ein. Aus der ehemaligen Gepäckabfertigungshalle wurde innerhalb von 4 Tagen eine Verbandshalle und ein Erfrischungsraum eingerichtet. Die Verbandshalle ist 12 Meter breit und 15 Meter lang, die Erfrischungshalle 35 Meter lang und 12 Meter breit. Letztere hat zwei Abteilungen, eine für Offiziere, eine für Mannschaften. Die Räume mußten erst einer gründlichen Reinigung unterzogen werden, da sie als Pferdeställe benutzt worden waren. In kurzer Zeit waren die Hallen weiß gestrichen und alles zweckentsprechend und auf das Schönste eingerichtet. Eine solche Verbandsstation war ein dringendes Bedürfnis, da die bisherige provisorische Einrichtung den Anforderungen nicht gewachsen war. Am 10. Nov besichtigte Fürst Adolf zu Schaumburg-Lippe diese Einrichtung des Roten Kreuzes. Er sprach sich lobend über die so schnelle Herstellung der Halle und über die große Opferfreudigkeit der Bonner aus. Die Station trägt den Namen „Prinzessin Viktoria“. Möge sie dazu beitragen, die Not und die Schmerzen unserer Verwundeten zu lindern .... Gestern kamen 2000 Gefangene, Franzosen und Engländer hier durch. Die Bevölkerung warf den Gefangenen Brot, Schokolade, Wein, Eier zu, es war fast lebensgefährlich. Weiber und Kinder weinten laut, aber kein böses Wort gegen unsere Soldaten wurde laut. Man hörte sagen: „La guerre c’est und grand malheur.“ Die Engländer durften sofort die Pferdeställe reinigen, Schaufeln bekamen sie nicht, alles mit der Hand, es sah nett aus. Ferner durften sie sogar die Latrinen ausleeren, was die Leutchen natürlich sehr „gerne“ taten. Die gefangenen Franzosen standen hohnlachend dabei, denn sie können die Engländer nicht leiden. Sie sagten nur: „Vous avez und mauvais coeur“ ....

Vogelsteller üben wieder ihr unschönes Gewerbe aus. An den Abhängen des Kreuzbergs kann man besonders an Sonn- und Feiertagen häufig an fünf bis sechs Stellen derartige Leute sehen, die mit Leimruten und Schlingen den harmlosen Tierchen nachstellen. Hoffentlich sorgen die berufenen Polizeiorgane dafür, daß diesen sonderbaren Vogelfreunden ihr schädliches Handwerk gelegt wird.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Samstag, 21. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 21. November 1914„Kriegsbeute“. Das Kriegsministerium hat unterm 26. Oktober 1914 folgende Verfügung erlassen: Alle dem Feind abgenommenen oder von ihm auf dem Schlachtfelde zurückgelassenen Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände sowie ganz besonders auch die Waffen und die Munition gehören zur „Kriegsbeute“, deren Eigentum dem Deutschen Reich zusteht. Ihre sorgfältige Sammlung und Abführung an die Sammelstellen ist wichtig. Die unbefugte Aneignung ist unzulässig, die Versendung mit der Post, die bei Munition überdies zu schwerer Gefährdung der Transporte Anlaß geben kann, das persönliche Mitbringen solcher Stücke zum Verschenken oder zum Verkauf sowie die mutwillige Beschädigung von Beutestücken ist verboten.

Evangelische Gemeinde Beuel. Am Totenfest, Sonntag, den 22. November, nachmittags 3 Uhr, findet eine Gedächtnisfeier bei den Kriegsgräbern auf dem neuen Friedhof in Beuel statt.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 21. November 1914Stadtverordneten-Sitzung. Der Oberbürgermeister Spiritus eröffnete die Sitzung um 5 ½ Uhr. (...) „Dann möchte ich der Versammlung noch eine Anregung vorschlagen. Wir nähern uns der Weihnachtszeit. Da nun von den städtischen Arbeitern und Angestellten ein großer Teil im Felde steht, etwa 350, so glaube ich, es wäre ein guter Gedanke, wenn wir unseren lieben Bonnern, die sich im Dienste der Stadt befinden, zu Weihnachten eine kleine Freude bereiten. Die Freude soll darin bestehen, daß sie empfinden, daß wir an sie denken, indem wir ihnen ein kleines Liebeszeichen zukommen lassen. Ich habe nun gedacht, diese Sendung in einem Werte von 5 bis 6 Mark auszugestalten. Doch müssen die Sendungen schon bald besorgt werden, denn in nächster Woche sollen alle Weihnachtspäckchen abgesandt werden. Ich erlaube mir, Ihnen vorzuschlagen, jedem städtischen Arbeiter und Angestellten eine Weihnachtsgabe von 5 bis 6 Mark zukommen zu lassen.“ (...) Dieser Vorschlag wird einstimmig angenommen. (...).

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 21. November 1914In der gestrigen Stadtverordnetenversammlung wurde auf Anregung des Oberbürgermeisters Spiritus beschlossen, den im Felde stehenden städtischen Beamten, Angestellten und Arbeitern zu Weihnachten ein Weihnachtspaket mit Wollsachen, Zigarren und sonstigen nützlichen Dingen zukommen zu lassen. Ferner wurde nochmals die Frage der Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln erörtert und die Gründe dargetan, weshalb man nicht einer solchen Einführung von Höchstpreisen für kleinere Bezirke das Wort reden könne. Dagegen sollen Verhandlungen eingeleitet werden, ob ein städtischer Kartoffel-An- und Verkauf für unsere minderbemittelten Mitbürger eingerichtet werden soll. Die Verhandlungen wurden in geheimer Sitzung geführt.
   Der Geschäftsbericht und Bilanz der Bahnen Bonn-Siegburg und Bonn-Königswinter vom 1. April 1913 bis 31. März 1914 wurden nach kurzer Debatte, die eine Herabsetzung der Fahrpreise betraf, angenommen, ebenso derjenige der Bahn Bonn-Godesberg-Mehlem. Die Unterstützung der hiesigen privaten Lyzeen mit 25 Mark für jedes einheimische Kind wurde ohne Erörterung beschlossen, ebenfalls eine Aenderung der Satzung des Kuratoriums der städtischen höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend und die Verpachtung eines Grundstücks.
   Anzeige im General-Anzeiger vom 21. November 1914In geheimer Sitzung beschlossen die Stadtverordneten, den städtischen Kartoffel-An- und Verkauf in die Wege zu leiten. Außerdem wurden 5000 Mk. für den Kriegslazarettzug bewilligt.

Soldatenhumor im Felde. Ein Bonner schreibt einem Bonner Dachdeckermeister aus Tahure: „Sind Sie doch so gut und schicken Sie jemanden nach hier, um unser Dach zu reparieren. Es ist ein Strohdach, aber nicht wasserdicht. Wir haben uns entschlossen, Sie kommen zu lassen, damit das Durchregnen aufhört. Sie können sich ein paar stramme Franzosen mitnehmen, es sind gerade frische angekommen. Es grüßt herzlich Euer Franz Meyer. Gruß an alle Bönnsche Bekannten.“

Warme Decken für unsere Truppen. Immer wieder kommen Berichte, daß wollene Decken im Felde erwünscht und notwendig sind. Bei Neueinrichtungen und Umzügen werden vielfach ältere Decken, Vorhänge und Stoffe zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Diese Stoffe sind oft von bestem Material, jedoch unmodern, und wegen ihrer Farbe nie mehr zu verwenden. Aus solchen Stoffen und Vorhängen lassen sich sehr gut warme Decken herstellen. Jeder Polsterer und Tapezierer wird diese Umarbeitung vornehmen. Fast in allen Herrschaftshäusern gibt es solche Vorräte, die zwecklos dort liegen, für unsere Truppen aber von großem Wert sind.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 21. November 1914Wider die falsche Sparsamkeit. Bevor der Krieg ausbrach, beabsichtigte mancher Hausbesitzer, das schadhaft gewordene Dach seines Hauses ausbessern zu lassen, neue Blechrinnen zu legen usw. Dann kam der Krieg und der Hausbesitzer meinte sparsam zu handeln, als er diese Auslagen auf das „nächste Jahr“ verschob. Und es regnete und es fiel sogar schon einmal Schnee. Das Wasser drang durch das schadhafte Dach, zog in die Balken, tropfte in das Zimmer und das Holz faulte, der Mörtel wurde weich. Eines Tages wird sich eine Stelle aus der Zimmerdecke lösen und herabstürzen.
   Ist das Sparsamkeit?
   „Weil Krieg ist“, die notwendigsten Ausbesserungsarbeiten bis „nach dem Krieg“ zu verschieben, ist nicht nur keine Sparsamkeit, es ist falsche Wirtschaftsführung, die einmal schlimme Folgen haben kann.
   Auch andere Arbeiten, vorgesehene Anstriche von Hausfassaden, Ladenumbauten, Erweiterungsbauten, Zimmertapezieren usw. werden jetzt nicht ausgeführt, weil „Krieg ist“. Das Handwerk ist dadurch in eine schwere Notlage versetzt worden. Es ist unschwer vorauszusehen, daß nach dem Krieg die Konjunktur sich erheblich bessern wird. Die Nachfrage nach Material und Arbeitskräften wird außerordentlich stark sein und die Arbeiten werden wahrscheinlich lange Zeit verschoben werden müssen und dazu noch viel mehr Geld kosten als heute. Namentlich auf dem Lande liegen viele gewerbliche Kräfte brach, weil kurzsichtige Sparsamkeit viele Landwirte und sogar Gemeinden von der Erteilung von Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 21. November 1914Aufträgen abhält.
   Der furchtbare Existenzkampf unseres Vaterlandes verlangt gebieterisch eine vorausschauende, von dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit gegenüber dem Ganzen getragene Wirtschaftsführung. Nichts erschwert diese so sehr, als eine falsch verstandene Sparsamkeit.

Zwei Milliarden Gold Mark sind nach sachverständiger Schätzung jetzt noch „im Strumpf“ beim deutschen Volk versteckt. Wenn das Geld in den Gewölben der Reichsbank steckte, könnte diese dafür 6 Milliarden Banknoten und Schatzscheine ausgeben. Die patriotische Bedeutung der Abfuhr des Goldgeldes an das Reich liegt somit auf der Hand. Alle Post- und Staatskassen sind angewiesen, Gold auszuwechseln. Also ist die Mühe nicht groß. Im übrigen ist der Ankauf von Gold unter Zahlung von Aufgeld und die Ablieferung ans Ausland, wozu einzelne Versuche gemacht worden sind, neuerdings vom Reichsanwalt als Landesverrat mit Strafverfolgung bedroht worden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Sonntag, 22. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1914Wie und wo kann in Kriegszeiten im Haushalt gespart werden. Ueber diesen Gegenstand wird Herr Oekonomierat Kreuz am Donnerstag, den 26. November, in der Germaniahalle einen Vortrag halten.

Vollwaisen. Amtsrichter Dr. Landsberg versendet im Auftrage des Jugendschutzbüros Lennep folgenden Aufruf: „ Die Wacht am Rhein zog ins Feld. In der West- und Ostmark, in Nord- und Ostsee kämpft und blutet sie für uns alle. Ströme edlen deutschen Blutes müssen fließen, wenn der vielen Feinde Schwall zurückgedämmt werden soll von der teuren heimatlichen Flur. Wie können wir, die Daheimgebliebenen, den Gefallenen am besten für das für uns alle vergossene Herzblut danken? Wenn wir uns des Teuersten annehmen, das sie uns scheidend anvertrauten, ihrer Kinder, die Vollwaisen wurden! Wenn ein jeder, der es kann, die Erziehung eines dieser Kinder übernimmt, als sei es sein eigen, so werden alle untergebracht. Wir nehmen Meldungen solcher Daheimbleibenden, die ein Kind aufzunehmen bereit sind, schon jetzt entgegen.“

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1914Weihnachtspakete für unsere Bonner Krieger. Weihnachten naht heran. Viele Familienväter, Söhne und Brüder sind im Felde. Fern von der Heimat, Gefahren und der rauhen Winterzeit ausgesetzt, werden die Krieger an diesem Weihnachten besonders heiß der Heimat gedenken. So ist es nicht mehr als Pflicht, den Soldaten einen Weihnachtsgruß in Gestalt eines Weihnachtspaketes zukommen zu lassen. Um aber auch den bedürftigen Angehörigen unserer Kriegsteilnehmer eine derartige Weihnachtsspende zu ermöglichen, will der Freiwillige Hilfsausschuß für durchfahrende Truppen eine größere Zahl von Weihnachtspaketen bereitstellen und die Versendung an die Truppenteile übernehmen. Dabei soll ein Teil der überaus reichen Wollsammlung, die eingekommen ist, verwendet werden. (...)
  
An die wohlhabenderen Bürger aber ergeht die herzliche Bitte, das Weihnachtswerk durch Spenden von Geld und geeigneten Gaben (was die Soldaten so alles brauchen, ist jedem bekannt) zu unterstützen.
   Wir glauben, daß die Bitte des Hilfsausschusses keines Kommentars bedarf. Steure jeder, in dessen Kraft es steht, sein Scherflein bei, damit jeder Bonner Soldat seine echte rechte Weihnachtsfreude hat.

Einige Bonner Jungen bitten zur Erheiterung der Verwundeten um einige Mundharmonikas. Künstler vorhanden. Die freundlichen Spender werden gebeten, die Instrumente zu senden an M. Bergmann im Begleittrupp der 5. Armee, 8. Zug Montmedy, 5. Armee-Inspektion.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. November 1914Ausbeuter vaterländischer Opferwilligkeit. Die Reisenden einer Berliner Buchhandlung mit nationaler Firma suchen die zur Zeit große Opferwilligkeit des deutschen Volkes in solcher Weise auszubeuten: Sie erscheinen zu zweit in den Häusern und gerade bei solchen Personen, die für den Bücherkauf besonders zu haben sind, so bei den Angehörigen des Lehrerstandes. In ihrer Redegewandtheit erzählen sie, sie sammelten Beiträge für die Kriegsinvaliden. Der Beitrag betrage wöchentlich 30 Pfg. oder vierteljährlich 5 Mark. Es handele sich um eine gute Sache. Schon viele Unterschriften hätten sie daher erhalten. Den Beitragszahlern werde eine „Ehrengabe“ in Gestalt des Werkes „Kaiser Friedrich! Gedächtniswerk!“ geliefert. Auf die Frage, wie lange sich denn die Beitragszahler zu verpflichten hätten, antworteten sie ein oder einundeinhalb Jahr. Viele vertrauen ihren Angaben und unterschreiben auch einen Schein, den die Reisenden so gestaltet haben und verdeckt halten, daß die Unterschreibenden gar nicht den über ihrer Unterschrift stehenden Text lesen können.In Wirklichkeit handelt es sich bei der Sache um die Bestellung des obengenannten Werkes zum Preise von 60 Mark. Schildert man nun der Firma selbst den Hergang der Verhandlungen, so verteidigt sie noch ihre Reisenden und beharrt bei der Bestellung. Es ist dringend erforderlich, daß gegen derartige betrügerische Handlungsweise ganz energisch von den Behörden vorgegangen wird, wenn nicht die heute herrschende Opferfreudigkeit eine große Einbuße erleiden soll. Einschlägige Beschwerden wolle man sofort der nächsten Polizeibehörde oder der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindeltätigkeit in Lübeck oder der Rechtsauskunftstelle für Männe in Bonn, Franziskanerstraße 9 (Sprechstunden: Mittwochs und Freitags, abends 8 ½ bis 9 Uhr) melden.

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1914Eine Trauung im Lazarett. Den vorigen stürmisch-regnerischen Sonntagnachmittag benutzte ich, um einen mir bekannten Verwundeten zu besuchen, der in einem Bonner Reserve-Lazarett untergebracht war. „Heute haben wir ein besonderes Fest,“ raunte mir die treusorgende Pflegeschwester zu, „das müssen Sie sich mitansehen.“ Ich ging an eine kleineres Krankenzimmer heran, in dem zwei Schwerverwundete lagen. Beiden hatte eine feindliche Granate den rechten Oberschenkel abgerissen, aber glücklich und strahlend lagen beide da, nachdem jetzt das Schlimmste der schweren Wunderkrankung überstanden war. Der eine, ein braver Winzerssohn von der Mosel, feierte seinen Namenstag, der andere – seine Hochzeit. In tapferer Pflichterfüllung hatte er, ein Sergeant-Hoboist, schwerverletzte Kameraden aus der Gefechtslinie geholt, da zerschmetterte ihm ein feindliches Geschoß den ganzen Oberschenkel. Schwer war das Krankenlager gewesen; wie hatte sein Auge gestrahlt, als seine Braut aus dem fernen Thüringerland herbeigeeilt war und ihn auch jetzt ihrer Treue versicherte, wo er im Dienste seines Vaterlandes ein Krüppel geworden war. Was war das eine Sorge und ein Vorbereiten der Schwestern und Helferinnen gewesen, als der Hochzeitstermin festgestellt war! Als dann der Pfarrer kam, waren der andere schwerverletzte Kamerad mit dem abgerissenen Oberschenkel und ein zweiter, auch schwerverwundeter Krieger die Trauzeugen, und tief waren alle von den zu Herzen gehenden Worten des Geistlichen ergriffen. Am Nachmittag war die Hochzeitsfeier. Das Zimmerchen war blumengeschmückt, die Betten der beiden Krieger bekränzt. Die Schwestern und Pflegerinnen, die anderen Verwundeten und besuchenden Angehörigen umstanden die Betten der beiden. Da tritt der Militärarzt herein und beglückwünscht im Namen der Station die beiden, widmet ihnen warme Worte der Anerkennung für ihre Tapferkeit vor dem Feind und im – Operationssaal. Dann folgt die Überreichung der Geschenke. Aerzte, Schwestern, Pflegerinnen, die verwundeten Offiziere und vor allem die braven Kameraden hatten gewetteifert, um auch ihrerseits zu zeigen, daß jeder gern seinen Teil dazu beitragen wollte, Freude zu bereiten und Dank zu zeigen den Tapferen, die für ihr Vaterland geblutet. (K. Ztg.)

Totenzettel mit unpassenden Versen. Das Bischöfl. Generalvikariat Trier verordnete unter dem 5. November folgendes: Seit Ausbruch des Krieges ist es mehrfach in der Diözese vorgekommen, daß man an den Kopf des Totenzettels statt eines Schriftwortes einige selbstgemachte, mitunter der minderwertige, ja dogmatisch inkorrekte Verse gesetzt hat. Die Herren Pfarrer wollen in geeigneter Weise darauf hinwirken, daß an der alten schönen Sitte, die Todesanzeigen mit einem passenden Wort aus der hl. Schrift zu eröffnen, unverbrüchlich festgehalten wird.

Ein ehrlicher Kerl. Einer Bonner Malerin wurde dieser Tage von einem Schaffner der Koblenzer elektrischen Straßenbahn ihr verlorenes Geldtäschchen mit bedeutendem Geldinhalt zugestellt. Der Schaffner hatte das Täschchen vor dem Koblenzer Bahnhof gefunden und aus den Papieren, die es enthielt, die Bonnerin als Eigentümerin ermittelt. Der Mann erhielt die verdiente Belohnung.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1914Ein Wehrbundwort an die akademische, gymnasiale und gewerbliche Jugend.
   Der Idealismus rauscht mit seinen Sturmschwingen durch die Jugend, durch deutsche Ju­gend. Sie ist nie verstandeskühl und rechnerisch gewesen, das Markten und Feilschen war sie nie gewohnt, diese deutsche Jugend. Warme blonde Jungen, die sich auf Dichtersän­gen und Titanenideen eine eigene Weltwirklichkeit bauen. Gestern noch versteckten sie ihre germanischen Muskeln und Herzen unter weibischem Modetand, schwärmten für alles Bizarre und Exzentrische und ließen ihre reinen Blauaugen über lüsterne Zweideutig­keiten spielen. Der erste Sammelruf der Kriegstrompeten ließ den jungen Siegfried das Weiberge­wand geradeso abwerfen wie einst den jauchzenden Peleussohn [Achilles]. Deutsche Jungen, ob im Lehrlingsgeschurz oder im Stürmer, schwärmen und lodern, wollen Unge­wöhnliches und Großes, hungern nach Idealen. Und wo die Zeit keine Ideale bietet, da ge­hen sie mit dem tumpen Parsival auf die Suche und halten dem Erkorenen Treue, und wär's auch nur ein Narrenkleid und eine abgetriebene Märe. Aber manchmal ist die Zeit barmherziger. Da reckt sie sich wie ein Riese zu ihren weltgeschichtlichen Stunden. Da reißt sie selbst die engsten Krämer­seelen zu weiten Horizonten empor. Das ist das Bacchanal der deutschen Jugend. Da zeigt sie ihr ganzes Feuer und ihre ganze Tiefe. Da erwachsen unter der Glut einer einzigen Sonnenstunde zahllos und farbenleuchtend seine höchsten ethischen Zu­stände, in denen ein wurzelechter, kraftvoller Idealismus auch die natürliche Lebescheu überwindet, überwin­det nicht nur, sondern umwandelt in Todesrausch und Martyrersehn­sucht. Deutscher Ju­gendidealismus ist bitter ernst und so stark, daß er standhält vor den Enttäuschungen der rauhen, nüchternen Kaserne, der nassen, erkältenden Schützengrä­ben, der zusammenge­schossenen Krüppeln und eiternden Wunden. Deutscher Jugend­idealismus überwindet auch das und bleibt sich treu in ungeschwächtem, vielleicht vertiefte­rem Feuer. Die 17- und 18jährigen Leichen, die, denselben grauen Soldatenrock über das junge Gesicht gezogen, neben sturmerprobten, bärtigen Landwehrmännern zu hunderten in den Massengräbern lie­gen, die rasend fechtenden oder stillblutenden Knaben mit dem Ge­freitenknopfe oder dem eisernen Kreuz, die beweisen die Eigenart und die Ausdauer des deutschen Jugendidealis­mus. Sie sind lodernde Feuer, das die grauen Eisenmassen der Ar­meen warm, jung, rotglü­hend erzählt.
   Der erste Sammelruf ist verstummt. Die endlosen Züge mit Bataillonen und Regimentern sind vorüber. Der Rausch der ersten Augustwochen hat dem ruhigen Gleichmaß des Ge­wohnten Raum gegeben. Denn unablässige Verwundetentransporte, verstärkter Garnisons­dienst, Siegesdepesche und Verlustlisten, auch das sind Dinge, an die man sich gewöhnt. Und das Gewohnte regt nicht mehr auf, läßt das Herz nicht mehr bis ins Innerste erzittern. Was tut nicht die Zeit und der Raum! Die Zeit nimmt auch dem Größten seine unmittelbare Wirkung. Der Raum, der sich zwischen uns und die Schlachtfelder legt, verwandelt die Er­griffenheit in Interesse, manchmal vielleicht sogar dem Heroismus wieder in Spießbürger­tum.
   Ja, hätte jener erste ideale Ansturm, den das gellende Wort „Krieg um unser ganzes Sein!“ bis zum letzten Dorf entfesselte, nicht so blitzschnell den Schauplatz unvermeidlicher Lei­den von den Grenzen des Rheinlandes in das Herz von Frankreich und Belgien getragen, wäre der Plan der Verbündeten gelungen, Köln und Koblenz von französischen Heeren um­klammert, der deutsche Dom, den belgische Granaten zerschossen und das deutsche Eck in einen Trümmerhaufen verwandelt, wehte in Bonn statt der Lazarettflagge friedlicher Hei­mat die Standarte des französischen Hauptquartiers, ja dann würde der ersten Million der 18., 19jährigen bald die zweite Million der 16., 17jährigen folgen. So kennen wir unsere deutschen Jungen! Not, Blut und Gefahr schreckt sie nicht, sondern reißt sie auf. Aber sie müssen diese Not sehen, sich dieser Gefahr klar bewußt sein, sonst schlafen sie ein, wenn der erste Enthusiasmus vorüber gebraust ist und die Marschtritte der Abziehenden in der Ferne verklingen. Der Geschützdonner, der von Antwerpen und Verdun herüber dröhnt, ist nicht laut genug sie aufzuwecken. Um sie her ist ja alles friedlich! Die gewohnte Arbeit des Tages umgibt sie mit den gewohnten engen Gefühlen und kleinen Interessen. Für sie tobt der Krieg jetzt lediglich mehr in der Zeitung.
   Ist das wahr?
   Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1914Wie dann, wenn gegen Rußlands ewig frische Millionen unsere tapferen Linienregimenter verbluten, unsere eisernen Landwehrtruppen ermüdet sind! Wie dann, wenn an die Millio­nen, die unausgebildet und unerfahren mit lässiger Nonchalance, auch in der Heimat erst dem fernen Getümmel zuschauen, wenn an sie plötzlich die Reihe kommt, weitklaffende Lücken auszufüllen. Was macht unsere Armeen so unwiderstehlich. Was läßt uns mit so beispielloser Bravour und mit so beispiellosen Erfolgen auf sechs Kriegsschauplätzen den Lorbeer der Weltgeschichte pflücken! Unsere glänzende militärische Ausbildung!
   Eine zweijährige, in zahlreichen Uebungen erprobte und erneuerte Zucht zu eisener Diszi­plin und zu großartig sicherer Handhabung der Waffe. Aber diese Waffen, die so geschult sind, stehen jetzt sämtlich im Kampf. Die Millionen, die wartend hinter ihnen in der Heimat blieben, sind ungeschult. Wie dann, wenn vielleicht im kommenden Frühjahr die Hauptlast des Kampfes und der Ehre sich von den ermüdeten Schultern jeder Kerntruppen auf Mas­sen wälzen muß, die nach flüchtiger, kaum monate-, vielleicht wochenlanger Ausbildung den deutschen Waffenruhm wahren sollen?!
   Auch hier in Bonn war an die Jungmannschaft der 16- und 17jährigen und an die Warten­den der älteren Jahrgänge der Ruf ergangen, jene ernste Möglichkeit vorzubereiten, Sorge zu tragen, daß Vorkenntnisse und Fähigkeiten erworben werden, die das Heer jetzt nicht in langsamer Einübung so gründlich vermitteln kann wie zur Friedenszeit. Was sollen diese Wehrbunde denn? Nicht Soldatenspiel oder Jugendpflege, nein ernste, zukunftsernste Vor­arbeit, Soldatengeist und Soldatenkraft in die Reihen tragen, die vielleicht noch in diesen, vielleicht in einem andern Kriege die Waffe für die Heimat zu führen haben. In den ersten Wochen, da ward die Gefahr überschätzt, in der unser Vaterland schwebte. Heute wird sie unterschätzt.
   Die drei Minister erließen die Weisung zur Rekrutierung der Jugendlichen im Rahmen frei­williger Kompagnien. Wehrbunde bildeten sich allenthalben. Es sollte versucht werden, ob die große, notwendige Vorbildung der Jugendlichen auf freiwilliger Grundlage möglich sei. Es sollte versucht werden, ob die Million Kriegsfreiwilliger in ihrer beispielgebenden Wir­kung stark genug sei, eine andere Million freiwillig Uebender aufzurufen aus jenen Massen, denen entweder Alter, Militärtaug­lichkeit oder Einberufungsordre bis jetzt noch fehlte. Sollte es sich, was drastischer Idealismus verhüten möge, zeigen, daß der alte Ruf: Freiwillige an die Front! in dieser Beziehung ver­geblich gewesen ist, dann wird nichts anderes übrig bleiben, als eine zwangsweise Aushebung an die Stelle der ehrenvollen Freiwilligkeit treten zu las­sen.
   Noch allenthalben, wo es sich um die Sammlung der Jugend handelte, hat man die Erfah­rung gemacht, daß nur immer eine Auswahl der Besten es war, die dabei sein wollten. Kei­ne Jugendpflege-Bestrebung kann sich rühmen, mehr als einen geringen Prozentsatz um ihre Fahnen gesammelt zu haben. Wenn aber diese Fahne die schwarz-weiß-rote, so, wenn es mehr, wenn es die weiße, adlergeschmückte Kriegsflagge des Vaterlandes ist, die für ein Jahr, vielleicht auch für länger über die Häupter der deutschen Jugend erhoben wird, wäre es nicht eine Schmach, wenn auch da noch Söhne deutscher Eltern ihren Sonntag und ihren Freundesklub, ihren Bierbummel und ihre Zigarettenfreiheit, ihre Bequemlichkeit und ihren Ei­genenwillen höher stellen als die ehrenstolze Kokarde eines Volks in Waffen!
   Deutsche Studenten! Deutsche Gesellen! Deutsche Gymnasiasten! Deutsche Lehrlin­ge! Würdet ihr euch nicht schämen, wenn Bonns Wehrbundleitung dem Generalkommando berichten müßte: In dieser Stadt genügt die Freiwilligkeit nicht!
   Deutsche Eltern! Deutsche Lehrer! Deutsche Meister!
Legt ihr eurer Jugend eigennützige oder kleinherzige Fesseln an? Auch auf diesen Posten un­serer vaterländischen Pflicht: Bonna soll leben! Bonna hoch! Bonner Blut ist geflossen, jun­ges, feuriges, stolzes Blut in diesen Tagen. Die Kriegsfreiwilligen unserer Stadt haben die furcht­bare Feuertaufe erhalten. Sie haben sie gut bestanden. Die Namen von 17-, 18jähri­gen fül­len die Verlustlisten und die Ehrentafel des Eisernen Kreuzes! Jungmannschaft Bonn, stehe deinen Kameraden und Altersgenossen im Felde nicht zurück! Jene füllten die Feldkompa­gnien der Armee, fülle du wenigstens die Wehrbundkompagnien der Heimat! Sei ausdau­ernd, tapfer und opferbereit! Nicht wert ist der unserer Stadt, unseres Stromes, un­serer Berge, der in dieser großen Zeit, die Gott in Gnaden ihn hat erleben lassen, sich nicht schämt, ein kleiner Wicht zu bleiben.  Sch.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Titelseite)

Montag, 23. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 23. November 1914Am gestrigen Totensonntag stand wie am Allerheiligentage eine Gedächtnisfeier für die hier beerdigten Krieger statt. Viele Bonner Bürger und Frauen waren zum Nordfriedhof gepilgert. Im Scheine der Fackeln umstand eine große Menge die Gräber und lauschte der tiefergreifenden Worte des Herrn Pastors Lorenz. – Auch auf dem Beueler Friedhofe wurde der verstorbenen Krieger zu Ehren eine Gedenkfeier abgehalten. Herr Pastor Lahusen sprach zu der zahlreichen Gemeinde zu Herzen gehende und tröstende Worte.

In ein neues Lazarett sollen die Säle der Germaniahalle umgewandelt werden. Es werden 120 Betten aufgestellt.

In japanischer Gefangenschaft. Die Offiziere und Mannschaften, die den heldenhaften Verteidigungskampf gegen den japanischen Raubzug auf unsere blühende Kolonie Kiautschou in der Festung Tsingtau überlebt haben, sind als Gefangene nach Japan befördert worden. Unter den Offizieren befindet sich auch der Schwiegersohn von Kommerzienrat Soennecken, Vizekonsul Dr. Alfred Lüttgens vom Deutschen Konsulat in Schanghai.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 23. November 1914Das Rote Kreuz und die Juden. In den ersten Kriegswochen wurden verschiedentlich aus jüdischen Kreisen Beschwerden laut, welche über die kränkende Behandlung der Juden in den verschiedenen Organisationen des Roten Kreuzes berichteten. Das Israelische Familienblatt in Hamburg teilt nunmehr einen Erlaß des Generalleutnants von Pfuel, des Vorsitzenden des Zentralkomitees des preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz mit. Er ist für die einzelnen Abteilungen des Kontrollkomitees bestimmt. In demselben heißt es: Schon mehrfach sind Beschwerden laut geworden über eine kränkende Behandlung von Angehörigen des israelitischen Glaubens durch Mitglieder des Roten Kreuzes in Berlin. Diese Fälle haben sich nun zu bestimmten ernsten Anklagen verdichtet, die heute von maßgeblichen Vertretern der hiesigen israelitischen Gemeinde bei uns in glaubwürdigster Weise erhoben worden sind. Es handelt sich beispielsweise darum, daß Bittsteller bei Bejahung der Frage, ob sie Israeliten seien, den Bescheid erhielten, sie möchten sich an teils schon im Frieden vorhanden gewesene, teils erst für den Krieg geschaffene israelitische Anstalten und Vereine wenden. Diese Mitteilungen haben uns aufs peinlichste berührt. Das Rote Kreuz ist interkonfessionell, die in die Erscheinung getretenen Zeichen von Unduldsamkeit widersprechen vollkommen seinem Geist und ebenso der Allerhöchsten Willensmeinung unseres erhabenen Protektors, Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Jedenfalls tritt an alle unter dem Roten Kreuz tätigen Damen und Herren die dringende Pflicht heran, dafür Sorge zu tragen, daß bei ihrer Arbeit niemand in seinem religiösen Empfinden verletzt wird.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 23. November 1914Dem „Nationalen Vortragsabend“, der gestern abend in der „Lese“ stattfand, hätte man im Interesse des guten Zweckes, dem er dienen sollte, einen vollbesetzten Saal gewünscht. Woran es lag, bleibe dahingestellt – der Saal war gähnend leer. Herr Rezitator Carl Fritz trug lustige und ernste Kriegspoesie, Schnurren und Episoden vor, und das Publikum dankte ihm für jede Gabe durch herzlichen Beifall. Denn es sah seinen guten Willen und seine redliche Mühe um einen trotz und alledem guten, moralischen Erfolg dieses mißglückten Abends.

Ein Sonntagnachmittag im Volksheim. Man schreibt uns: Die Leitung des an der Thomastr. 1b, dicht am Rheinufer- und Staatsbahnhof befindlichen Volksheims hatte jüngst an einem Sonntagnachmittag 4 Uhr etwa vierzig in unserer Stadt weilende Verwundete eingeladen. Neben der leiblichen Erquickung mit dem, was das Heim an Kaffee, Gebäck und Obst im Saale des ersten Stockwerkes bietet, sollten auch Gesang und Dichtung, von anderen Kräften beigesteuert, unsere wackeren Vaterlandsverteidiger erfreuen. Und beides gelang den Veranstaltern in trefflicher Weise. Die behagliche, den kommenden Genüssen froh entgegensehende Stimmung war sofort gegeben, als die pünklichst eintreffenden Krieger inmitten des Vorstandes und andere geladener Gäste sich den von jungen Mädchen und Frauen dargereichten schwarzbraunen Trank mit wohlschmeckender Beigabe so munden ließen, daß erneute Auflagen die Güte dieses Teils der Bewirtung bald bekundeten. Manchmal verstummte die fröhliche Unterhaltung. Das war, wenn der Männergesangsverein Apollo meisterlich seine Lieder erklingen ließ, der in dankenswerter Weise sich in den Dienst dieses vaterländischen Zwecks gestellt hatte. Fräulein Dr. jur. Springer, die Tochter unseren früheren Stadtschulrats, sang Lieder zur Laute, heiteren und ernsteren Inhalts, mit ihrer zu Herzen gehenden vorzüglich geschulten Stimme, während der rheinische Dichter Hans Eichelbach einige Dichtungen vortrug, darunter auch in diesen Tagen erst entstandene. Alle diese Darbietungen fanden den reichlichsten Beifall der dankbaren Zuhörerschaft. Es war nach dem Urteil der Gäste ein prächtiges, zweistündiges Beisammensein, vielleicht umso höher einzuschätzen, weil es in dem kleinen hübschen Raum in einfacher, zur Nachahmung aneifernder Weise einen befriedigenden Verlauf und reichen Genuß zuwege gebracht hatte.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Dienstag, 24. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 24. November 1914Weihnachtsliebesgaben. Wir machen auf den Aufruf an die „Deutschen Frauen und Männer“ des Herrn Oberbürgermeister aufmerksam und hoffen, daß viele Bonner Frauen und Männer viel und gut geben, damit auch unsere tapferen Krieger, die in diesem Jahre Weihnachten im Felde verleben müssen, wissen, daß wir Zurückbleibenden stets ihrer gedenken. Gebt reichlich und gut.

Vaterländische Reden und Vorträge. Mittwoch abend 8¼ Uhr Herr Professor Dr. Ritschl in der Aula des Städtischen Gymnasiums über den „Krieg und das Christentum“.

Lichtbilder-Vortrag der Ortsgruppen des Deutschen Wehrvereins. Am Samstag, den 28. November, abends 8 Uhr wird Herr Redaktör Dr. phil Klutmann im Bonner Bürgerverein einen Vortrag halten: „Auf den Spuren der Marschlinie durch die Argonnen“. Wir verweisen auf die heutige Anzeige.

Ein Appell an die Landwirte. Die Landwirtschaftskammer für das Großherzogtum Hessen hat die Landwirte aufgefordert, möglichst alle für Verkaufszwecke verfügbaren Kartoffeln sofort zum Markt zu bringen und abzugeben. Die Landwirtschaft wolle und müsse zeigen, daß sie mit der Stadtbevölkerung einig bleiben wolle. – Vielleicht erläßt auch unsere rheinische Landwirtschaftskammer einmal eine ähnliche Kundgebung.

Die Ausfuhr von Eiern aus dem Festungsbereich Köln wird durch eine Verfügung des Guvernörs wieder erlaubt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 24. November 1914Höchstpreise für Speisekartoffeln festgesetzt. Aus Berlin, 23. Nov., meldet uns das Wolff-Bureau amtlich: Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung Höchstpreise für Speisekartoffeln festgelegt: die Preise gelten für den Kartoffelproduzenten. (...) Die Höchstpreise sind für Speisekartoffeln der besten Sorten (...) in West- und Süddeutschland 3,05 Mk. für den Zentner. (...) Die Festsetzung von Höchstpreisen für Futter- und Fabrikkartoffeln ist in Vorbereitung. Die Verordnung über die Höchstpreise für Speisekartoffeln tritt am 26. November 1914 in Kraft.

Die Verbandstation am Güterbahnhof soll verlegt werde und zwar in den Eisenbahngarten an der Quantiusstraße, wo mit dem Barackenbau bereits begonnen worden ist.

Die Einsender von Feldpostbriefen bitten wir, uns möglichst nur Abschriften des Originals unter Weglassung familiärer Angaben zu senden.
    Von Gedichten, die man uns einsendet, behalte man stets eine Abschrift zurück, damit sich die Rückfrage nach nicht gedruckten Manuskripten erübrigt.
   Ebenso verfahre man bei Sprechsaal-Artikeln.

Liebesgaben für die 160er. Die Bonner Kriegsfreiwilligen des 1. und 3. Bataillons, Inf.-Regt. Nr. 160, bitten auch ihrer zu gedenken, da bisher alle Liebesgaben dem 2. Bataillon zugute gekommen seien.

Anzeige im General-Anzeiger vom 24. November 1914Bonner Wehrbund. Das herrliche frostklare Wetter hatte am Sonntag nachmittag zahlreiche Spaziergänger auf den Exerzierplatz hinaufgelockt, um den frischen Exerzierübungen des Bonner Wehrbundes zuzuschauen. Auf den verschiedensten Teilen des Platzes sah man die einzelnen Abteilungen des Wehrbundes ihre Formationen entfalten und wieder zusammenziehen, bis eine Vereinigung der sämtlichen Abteilungen zur vollen Stärke einer Kompagnie zu Uebungen der Bewegung in größerer Masse führte. In einer feurigen Ansprache erinnerte dann Herr Professor Brinkmann an die ergreifende Episode aus dem Kriege 1870/71, bei der die Fahne der 61er unter so ehrenvollen Umständen verloren ging. Bei beginnender Dämmerung wurde noch eine Gelände-Uebung gemacht, die unter Verlust einiger Patrouillen für die siegreiche Partei mit einer vom Gegner nicht bemerkten Beschleichung und Erstürmung Ippendorfs endigte. Gegen 7 Uhr zogen die einzelnen Abteilungen des Wehrbundes mit frohem, frischem Gesang wieder in die Stadt ein.

Ein echter deutscher Junge. Man schreibt uns aus Godesberg: Am Donnerstag nachmittag beobachtete ich auf dem Bonner Bahnhof eine älteren Herrn, der eifrig auf einen jungen Pfadfinder einsprach. Unwillkürlich lauschte ich dem Gespräch und dabei hörte ich, wie der Herr sich beim dem Jungen bedankt. Allem Anschein nach hatte dieser das Gepäck des alten Herrn zur Bahn gebracht. Für diese Gefälligkeit überreichte der Herr dem jugendlichen Pfadfinder eine Tüte Anzeige im General-Anzeiger vom 24. November 1914Bonbons mit dem Bemerken, er solle sie sich gut schmecken lassen. Militärisch grüßend schob der Junge mit verlegenem Lächeln die Bonbons in ein Körbchen mit Liebesgaben, die für die durchfahrenden Soldaten bestimmt waren. Ein Paketchen Kakes, das der Herr ihm nunmehr reichte, um diese aber für sich zu behalten, wanderte ebenfalls in der Körbchen. „Aber das müssen Sie doch für sich behalten“, bemerkte der Herr. Doch treuherzig erwiderte der Junge: „Die Soldaten essen es auch gern.“ Er grüßt darauf militärisch und läuft zu dem einfahrenden Zug, um den Soldaten seine Liebesgaben auszuteilen. Das uneigennützige Handeln des Jungen rief bei den Zeugen des Vorfalles sichtliche Freude hervor.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 24. November 1914Kathol. Verein Bonn, e.V. Mit einer gut gelungenen partiotischen Abendunterhaltung haben wir im Kriegsjahr 1914 unser 51. Stiftungsfest recht zeitentsprechend gefeiert. Das feierliche Hochamt in der Stiftskirche, sowie die Generalversammlung erfreuten sich auch eines guten Besuches. Unter anderem wurde beschlossen, unseren Kleinen die Nikolausfreude auch in diesem Jahre nicht entgehen zu lassen. Gestern abend ½9 Uhr erfreute Herr Bürovorsteher Schnitzler uns durch einen sehr interessanten und belehrenden Vortrag: „Der Krieg und das Völkerrecht“.

Weihnachtspakete für unsere Truppen. Wir machen noch einmal darauf aufmerksam, daß in der Zeit vom 23. bis 30. November Weihnachtspakete für alle im Felde stehenden Heeresangehörigen, d.h. für alle zum Kriegsdienst eingezogenen Personen mit Ausnahme der sich in festen Standorten in der Heimat befindlichen, abgesandt werden können. Vermag der Absender das Armee-Reserve- oder Landwehr-Korps oder die Armee, denen der Paketempfänger angehört, nicht anzugeben, so kann das Paket bei der Post ohne solchen Zusatz ausgeliefert werden. Das Paketdepot wird dann durch die Post nachgetragen. Dies gilt insbesondere auch für mit Namen bezeichnete Verbände, für Kavalleriedivisionen und Landsturmformationen. An die in festen Standorten stehenden Truppen sind die Pakete jederzeit nach den allgemeinen Postvorschriften zulässig.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 24. November 1914Einen Aufruf zur Spendung von Weihnachtspaketen für unsere Krieger erläßt Oberbürgermeister Spiritus im Anzeigenteil dieser Nummer. Wir empfehlen den Aufruf besonderer Beachtung.

Auf St. Josef auf der Höhe hatten die dort untergebrachten Verwundeten einen recht gemütlichen Sonntag. Es ist den Veranstaltern der Abendunterhaltung gelungen, den, das Geschick des Krieges betroffenen Landsleuten einige stimmungsvolle Stunden zu bieten. Nicht nur, daß viele Verwundete der Veranstaltung beiwohnten, es hatten sich auch die Jungens von der Höhe und viele Freunde und Anhänger der guten Sache eingefunden. Ein reiches, 18 Nummern starkes Programm bot sehr viel des Guten. Die Gesangsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr ist sehr gut geschult, sie sang ihre Chöre mit prächtigem Stimmaterial wohlabgerundet und schön. Das Trompeterkorps der Freiw. Feuerwehr sorgte für eine ausgezeichnete Stimmung. Von den Solovorträgen erwähnen wir die ernsten und ergötzlichen Rezitationen des Herrn Spielleiters Ferchland und die ansprechenden Tenorsolis des Herrn Müller. Die Herren Klütsch und Wierling ließen humoristische Vorträge vom Stapel, welche sehr dazu beitrugen, die Gemütlichkeit zu heben. Es ist beabsichtigt, noch öfters derartige Veranstaltungen zu arrangieren.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Mittwoch, 25. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. November 1914Höchstpreise für Kartoffeln. Zu unserer gestrigen telegrafischen Mitteilung über die Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln durch den Bundesrat sei noch folgendes ergänzend mitgeteilt. Die Preise gelten für den Kartoffelproduzenten. (...) Die Preise für die besten Speisekartoffeln wie Daber, Imperator, Magnum Bonum und Uptodate sind um 25 Pfennig für den Zentner höher gesetzt als für die übrigen Speisekartoffeln . (...) Die Höchstpreise sind für die Speisekartoffeln der besten Sorte im Osten 2,75 Mk, in Mitteldeutschland 2,85 Mk, in Nordwestdeutschland 2,95 Mk, in West- und Süddeutschland 3,05 für den Zentner. (...) Die Verordnung über die Höchstpreise für Speisekartoffeln tritt zum 28. November 1914 in Kraft. (...)

Die Eroberung von Ippendorf hatte sich der Bonner Wehrbund am vergangenen Sonntag zur Aufgabe seiner Tätigkeit gesetzt. (...) Einige Wehrbundabteilungen zogen nach Ippendorf, das sie besetzten und gegen andere Abteilungen verteidigen sollten. Sämtliche Eingänge des Ortes wurden besetzt, Vorposten ausgeteilt und ihre Verbindung mit der Hauptmacht hergestellt. So gerüstet, harrte man auf die Annäherung des Gegners. Dieser hatte nach bewährter Taktik zwei Heerhaufen aus seiner Mannschaft gebildet. Während die schwächere Abteilung einen Scheinangriff ausführte, der die Verteidiger Ippendorfs veranlasste, ihre Hauptmacht an den bedrohten Punkt zu senden, erklomm der Führer der stürmenden Partei mit dem stärksten Teile seiner Mannschaft im Schutze des abendlichen Dunkels auf Wegen, die in keiner Generalstabskarte eingezeichnet sind, die Höhen von Ippendorf, warf den schwächeren Gegner zurück und eroberte den Ort. Nach erfochtenem Sieg vereinigten sich Freund und Feind und zogen im strammen Marschtritt mit fröhlichem Gesang zurück nach Bonn zum Kaiserdenkmal. Ein Hoch auf Kaiser und Reich erscholl und mit stramm ausgeführter Kehrtdrehung löste sich der Zug auf.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. November 1914Den Artikel: „Sie wollen keine deutsche Mode“ haben wohl viele gelesen. Zu begreifen ist es ja nicht, daß es jetzt in dieser schweren Zeit noch Frauen gibt, die sich so viel mit Aeußerlichkeiten beschäftigen, statt einfache Kleidung zu tragen und lieber die Zeit zu verwenden, um die armen Krieger mit praktischer und warmer Kleidung zu unterstützen. Auch wollen sie warten, bis wieder Pariser Modelle da sind! Unfassbar!! Hätten sie doch gesagt, wir wollen warten, bis nach dem Krieg die deutsche Mode wohl Fortschritte gemacht hat, und schöpferischer wirken kann, vielleicht vereint mit der Wiener Mode. (...) Daß Männer gegen diese Art Frauen etwas ausrichten, indem sie mit dem Geldbeutel streiken sollen, bezweifeln wir. Gegen solche Frauen können selbst Männer, die mit acht Feinden fertig werden, nichts ausrichten. Leider gibt es aber auch noch viele Männer, die selbst viel auf Aeußerlichkeiten geben und ihre Frauen noch dazu anspornen, möglichst auffällig und immer modern zu erscheinen. Da könnte man ja Abhilfe schaffen! Wir raten beiden, da sie doch stets für etwas Neues, Fremdländisches, Auffälliges und Eigenartiges Sinn haben, es doch mal mit der – „türkischen Mode“ zu versuchen (...) denn jetzt noch jemals wieder die Pariser Mode nachzuäffen, wäre würdelos und unverzeihlich. Zwei deutsche Mädels von der Roonstraße

(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. November 1914Weihnachtspakete für das Bonner Artillerie-Regiment . Bekanntlich erhält Bonn nach Vollendung der Kasernenneubauten eine Artillerie-Garnison, die bis jetzt auf dem Truppenübungsplatz Friedrichsfeld bei Wesel gestanden hat. Da die Soldaten von dort aus schwerlich mit Liebesgaben bedacht werden, so würde es wohl angezeigt sein, wenn Bonn sich bei seinen neuen Soldaten jetzt schon im Kriege gut einführen und sie in gleicher Weise bedenken würde, wie unsere Husaren und Infanteristen. Die Adresse ist: Feld-Artillerie-Regiment Nr. 83, 1. Abteilung, 15. Division, 8. Armeekorps.

Die Ortsgruppe Bonn des Flottenbundes deutscher Frauen hat gestern nachmittag im Bonner Bürgerverein ihre General-Versammlung abgehalten. Die Vorsitzende, Frau Geheimrat Schulze, begrüßte die stattliche Versammlung und erstattete den Jahresbericht, aus dem hervorgeht, daß sich die Ortsgruppe gut entwickelt hat. Die Hauptversammlung des Flottenbundes fand Ende Februar bis Anfang März in Hannover statt. Die Ortsgruppe Bonn war vertreten durch Frau Geheimrat Schulze, Frau Simon und die Schatzmeisterin Frau Oehlmann. Der Gedanke, ein eigenes Lazarett einzurichten, mußte der hohen Kosten wegen aufgegeben werden. Man beschloß daher, mit dem Flottenverein und dem Kaiserlichen Yachtklub gemeinschaftlich ein Lazarett einzurichten. Herr Krupp von Bohlen-Halbach stellte das Hotel „Seebade-Anstalt“ mit 120 Betten zur Verfügung. Die hiesige Ortsgruppe steuerte 2000 Mk. zur Unterhaltung dieses Lazaretts bei. Für die Marinesoldaten sind für 300 Mk. Hemden beschafft worden. Es fanden verschiedene gesellige Zusammenkünfte statt. U.a. wurden am 6. November in der Gronau etwa 153 Soldaten aus hiesigen Lazaretten bewirtet. Die Vorsitzende erinnerte schließlich an die Weihnachtsspenden für die Marine und bat um rege Zuweisung von Geschenken usw. Frau Oehlmann erstattete den Kassenbericht. Der Verein zählt 600 Mitglieder. Die Einnahmen betrugen rund 1700 Mk. Die Kasse ist geprüft und richtig befunden worden und es wurde Entlastung erteilt. – Nach der Versammlung fand ein gemütliches Zusammensein bei einer Tasse Kaffee und Kriegshandarbeit statt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. November 1914Brief eines Kessenichers.
Frankreich – bei Somme-Py 3. Nov. 1914.
Lieber Josef und Johann!
Diese Nacht bekam ich Eure Briefe vom 28.10., wofür ich Euch danke, da Ihr mir damit eine große Freude gemacht habt. In meinem Erdloch beim Kerzenschein habe ich sie noch gelesen. Ihr schreibt mir, daß Ihr auch shcon mal auf dem Venusberg in den Laufgräben spieltet. Ja, in solchen Gräben sind wir jetzt schon seit mehreren Wochen. Die schweren Granaten reißen Löcher, daß man einen großen Wagen mit Pferden hineinsetzen kann, ohne daß man noch was davon sieht. Rings um unseren Schützengraben sind solche Löcher, aber noch keine Granate ist direkt in den Graben geschlagen. Einige dicht davor und haben meterweit die ganze Deckung zusammengeworfen. Gerade so und noch schlimmer zerstört unsere Artillerie die Gräben der Franzosen, die dann aus denselben herausspringen und fortlaufen. Dieser Tage, es war am Sonntag morgen, in der Dunkelheit, hatten sich die Franzosen an uns herangeschlichen, um uns zu vertreiben und durchzubrechen. Es war ein großer Haufen, der dicht vor uns einen Graben ausgeworfen hatte und uns nun beschoß, ohne daß sie etwas sehen konnten. Plötzlich sahen wir die Kerle, als sie in unsern Graben wollten, und wir haben über 100 totgeschossen und noch 60 in ihrem eigenen Graben gefangen genommen. Von uns ist niemand verwundet worden. Wir merken, daß die Franzosen von ihren Offizieren getrieben werden, uns anzugreifen, und froh sind, wenn sie in Gefangenschaft geraten. Uns braucht niemand zu treiben, sondern wir sind froh, wenn wir vorwärts können, denn der Deutsche hat keine Angst. Wenn wir im Gefecht sind, so geht das genau wie auf dem Venusberg. Es wird schnell eine Schützenlinie gebildet, sobald der Feind in der Nähe ist, und wir schießen so ruhig, wie auf dem Venusberg. Keine Kugel darf umsonst sein.
Es freut mich, daß Ihr so fleißig für mich betet, denn Gott allein kann mich schützen. Euer Gebet wird mich schützen und helfen, daß ich wieder nach Hause komme. Das wird eine große Freude werden. Ich werde Euch dann vieles erzählen und auch etwas mitbringen.
Nun seid herzlich gegrüßt von Eurem Bruder Matthias. Grüßt mir Eltern und Geschwister.

Der Russenfänger.
Folgender Vorfall, der durch Feldpostbrief geschildert wird, verdient der Oeffentlichkeit bekannt zu werden: In einer eisigkalten Nacht schiebt sich die Artillerie mit ihren Feldgeschützen weiter an der russischen Grenze vor. Der Geschützführer vom vordersten Geschütz, ein Unteroffizier aus Kessenich, gewahrt in zwei abgelegenen großen Besitzungen Licht. Er läßt sein Geschütz seitwärts einfahren und schleicht sich, während die unendliche Geschützreihe ruhig weiter passiert, bis an die Gebäude heran. Scharenweise gewahrt er hier Russen, die sich wie toll anstellen, saufen, tanzen und singen. Vorsichtig, wie er herangeschlichen, entfernt er sich und kehrt unbemerkt zu seinem Gechütz zurück, das, nachdem er noch ein Stück weiter vorgefahren ist, gerichtet wird. Bald donnert aus seinem eisernen Schlund der erste, dann der zweite Schuß! Und jeder Schuß ein Volltreffer! – In wilder Panik stürmen die Russen heraus, und ca. 500 können gefangen genommen werden. Der Unteroffizier, dessen vier Brüder ebenfalls im Felde stehen, wurde für die Heldentat mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. November 1914Bayerische Landwehrmänner sind seit vorgestern abend in Bonn einquartiert, wetterfeste, kernige Gestalten mit gesunden, sonnverbrannten Gesichtern. Man hört jetzt in den Straßen öfter das urgemütliche „Bayerisch“, die Sprache der prachtvollen Anzengruberschen Bühnengestalten. Aber man erkennt die „geforchteten“ Bayern, ohne ihre Farben und Regimentsnummern zu wissen, auch schon an dem unvermeidlichen Dolch, den sie im Felde im Augenblicke der Not blitzschnell aus dem Stiefelschaft ziehen und furchtbar zu gebrauchen verstehen.

In Endenich befindet sich seit 10 Tagen ein Bataillon „Kölscher Landsturm“ in Bürgerquartieren. In den wenigen Tagen hat sich zwischen den Einwohnern und den Landsturmleuten ein recht herzliches Einvernehmen bemerkbar gemacht. Am besten zeigte sich dies, als der katholische Pfarrer von Endenich dieser Tage für die Landsturmleute eine Abendandacht hielt. Die ziemlich geräumige Kirche war bis zum letzten Plätzchen gefüllt, und bei manchem lösten die zu Herzen gehenden Worte des Pfarrers heimlich eine Träne aus. Es war ergreifend zu sehen, wie sich am Schluß der Andacht eine große Anzahl dieser Männer zur Kommunionbank drängte, um als geistige Waffe die Rosenkränze in Empfang zu nehmen, die in hochherziger Weise seitens des Pfarrers zur Verfügung gestellt waren. Auch die Einladung des Pfarrers, durch Beichte und Kommunion für alle Fälle gewappnet zu sein, fiel auf fruchtbaren Boden; weit über 100 Landsturmmänner gingen zu den Sakramenten. Im ganzen Bataillon hörte man nur eine Stimme der Anerkennung für den Pfarrer; dessen Freude an dem außerordentlich guten Besuch kann man wohl verstehen. Wer mit eigenen Augen die andächtige Menge sah und den erhebenden Moment miterleben durfte, als mit Orgelbegleitung aus hunderten Männerkehlen das Lied: Alles meinem Gott zu Ehren durch die heiligen Hallen brauste, der muß zu der Ueberzeugung kommen, daß es um unsere Sache gut steht und nicht fehlgehen kann, solange unser Kaiser solche Truppen hat.

Auch Brötchen müssen nun, wie alle weiße Bäckereiware, mindestens 10 Gewichtsteile Roggenmehl auf 90 Gewichtsteile Weizenmehl enthalten.

Soldatenbrot . Im Hinblick auf die Verordnung des Bundesrates über den Verkehr mit Brot vom 28. Okt. 1914 hat der Kriegsminister angeordnet, daß zur Erbackung des Soldatenbrotes, mit Ausnahme des für die im Feld stehenden Truppen bestimmten Brotes, Kartoffelmehl mit zu vewenden ist. Der Kartoffelgehalt soll betragen 3 von Hundert für das den Truppen und 20 von Hundert für das den Kriegsgefangenen zu verabreichende Brot.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Die Marktbeleuchtung in Bonn läßt morgens nicht nur vieles, sondern alles zu wünschen übrig. Die Gaslaternen erlöschen bereits so früh, daß es noch stockfinster ist. Sparsamkeit ist gewiß angebracht, aber es muß eine vernünftige Sparsamkeit sein. Für alle Teile der Stadt mag ein frühes Löschen der Gaslaternen vielleicht angebracht sein, nur nicht für die beiden Marktplätze. In Köln ist es anders. Man will uns Marktfrauen doch nicht zwingen, unsere Sachen nach Köln zu bringen. Das müssen wir schließlich aber, wenn der Markt morgens früh nicht beleuchtet wird. Wir bitten daher um Abhilfe. Mehrere Marktfrauen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

Donnerstag, 26. November 1914

 

Bei der letzten Aussprache über Gefangene und Vermißte wurden Mitteilungen über das Los der Gefangenen gemacht und Nachrichten von ermittelten bekannt gegeben. Aus den Mitteilungen ging hervor, daß die Behandlung unserer gefangenen Brüder in Frankreich sehr verschieden ist, ganz besonders in bezug auf schriftliche Mitteilungen in die Heimat. Während z.B. in einigen Orten die Gefangenen seit der Einlieferung nur einmal Nachricht gegeben haben, können in anderen Orten die Gefangenen unbeschränkt, oder doch in kurzen Zwischenräumen, schreiben. (...)

Benzin und Benzol ist seit langem wieder im Handel. Da noch immer Anfragen beim stellvertretenden Generalkommando einlaufen, machen wir erneut darauf aufmerksam (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1914Das Auslegen von Tageszeitungen und Witzblättern des feindlichen Auslandes an den dem Publikum allgemein zugänglichen Orten (Wirtschaften, Gasthäusern, Wartesälen, Zeitungsverkaufsstellen usw.) wird vom kommandierenden General des 8. Armeekorps vom 1. Dezember an untersagt. Zuwiderhandlungen werden auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.

Das Reisegepäck von Angehörigen feindlicher Staaten ist durch Verordnung des kommandierenden Generals des 8. Armeekorps beschlagnahmt worden. Das gilt auch für das schon bei Kriegsausbruch von den Eisenbahn-, Zoll- und Postbehörden zurückgehaltene oder bei Reedereien, Spediteuren oder Privatpersonen lagernde Reisegepäck. Die Aufbewahrer sind verpflichtet, das Vorhandensein solchen Gepäcks dem stellvertretenden General-Kommando des 8. Armeekorps anzuzeigen.

Eine Sammelstelle für Weihnachtsgaben an die im Felde stehenden Soldaten hat der Vaterländische Frauenverein für den Stadtkreis Bonn im Gebäude des Oberbergamts, Konviktstraße 2, eröffnet. Die Pakete enthalten je fünf Spenden. Sie werden vorschriftsmäßig verpackt und mit dem Namen der Spenderin Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1914versehen in Säcke genäht und Anfang nächster Woche nach Koblenz übergeführt, um durch die militärischen Behörden ins Feld befördert zu werden. Einigen Tausend Kriegern wird allein durch die Sammlung des Vaterländischen Frauenvereins, Stadtkreis Bonn, eine Weihnachtsfreude gemacht werden und die Krieger im Felde werden gewiß um die Weihnachtszeit dankend der Frauen und Mädchen von Bonn gedenken.

Rotwein für die Truppen. An dem ausgezeichneten Verlauf unserer Mobilmachung hat bekanntlich das Verbot alkoholischer Getränke auf den Bahnhöfen und während der Truppentransporte nach allgemeiner Meinung einen erheblichen Anteil, und bei den außerordentlichen Anstrengungen, die unseren Armeen in den Schlachten in den heißen August- und Septembertagen zugemutet werden mussten, hat es sich ebenfalls vortrefflich bewährt. Bei dem plötzlichen Eintritt nasskalter Witterung und den dadurch bei manchen Soldaten bedingten Darmstörungen war das Verlangen der Truppen nach alkoholischen Getränken, besonders Rum und Arrak, wegen der vorübergehenden Erwärmung der Haut und des subjektiven Wohlbefindens, das sie erregen, begreiflich. Sollte wegen der Witterung- oder Gesundheitsverhältnisse künftig auf alkoholische Getränke zurückgegriffen werden müssen, so wird in erster Linie die gelegentliche Ausgabe einer Weinportion, am besten Rotwein, an die Truppen erfolgen. Die Mäßigkeitsbestrebungen in der Armee werden im übrigen auch weiterhin nachdrücklich gefördert werden.

Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1914Im Lazarett der Beethovenhalle finden allsonntaglich Morgenkonzerte statt, die jedes Mal für die dort liegenden Verwundeten eine große Freude bilden. Die musikalischen Darbietungen werden gewöhnlich durch ein Bach’sches Präludium eingeleitet, das der städtische Kapellmeister Herr Heinrich Sauer auf der Orgel zum Vortrag bringt, ferner gelangen katholische und evangelische Choräle auf der Orgel zur Wiedergabe. Die Kranken hören sorgfältig gewählte Teile aus unseren Meisteropern, hin und wieder wird ihnen auch ein Geigensolo oder ein Gesangsolo von künstlerisch wertvollen Kräften dargeboten, und den Schluß dieser ergreifenden Morgenkonzerte bilden immer vaterländische Lieder, insbesondere wird in brausenden Akkorden „Deutschland, Deutschland über alles“ auf der Orgel zu Gehör gebracht, wobei die Verwundeten, soweit sie hierzu nach ihrem Zustande in der Lage sind, stets frohen Herzens mit einstimmen, ja sogar selbst die Franzosen, die zu Beginn des Krieges dort lagen, sangen in dem vaterländisch-erhebenden Chorus mit. Den beteiligten Künstlern, die sich allsonntaglich der Aufgabe widmen, durch ihre Kunst den Vewundeten eine Stunde der Erheiterung und musikalischen Erbauung zu bieten, gebührt herzlicher Dank, der ihnen von den Kranken auch stets in spontaner Weise durch lebhafte Beifalls-Aeußerungen zum Ausdruck gebracht wird.

Zur Warnung für Gerüchteverbreiter. Das Kriegsgericht zu Coblenz verurteilte den Mechaniker Darder aus Rümelingen, der unwahre Gerüchte über die Kriegslage verbreitet hatte, zu drei Monaten Gefängnis.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. November 1914Lustiges von unseren Bonner Kriegern im Felde. Unsere Bonner Soldaten sind am Martinsabend mit „Märtenslämpchen“ durch einen französischen Ort gezogen und haben so kräftig sie konnten „De hillige Zinte Märtens“ gesungen. Am folgenden Tage, dem 11. im 11. veranstalteten sie sogar eine regelrechte Karnevalssitzung mit einem eigens zu diesem Zweck gedichteten Prolog, Büttvorträgen und Ordensverleihung. Davon erzählt der folgende Feldpostbrief, der dem Präsident der „Bonner Großen Karnevalsgesellschaft“, Herrn Fritz Mauß, zugegangen ist:

.... In B. liegt z. Z. das Feld-Lazarett 1, welches hier eine Leichtverwundetensammelstelle eingerichtet hat. Am 10. November bei Anbruch der Dunkelheit sammelten sich die Mannschaften desselben mit den Mannschaften einer nahen Proviantkolonne zu einem Martinszuge. Voran ritt auf einem Schimmel im weißen Gewande, die Bischofsmütze auf dem Kopfe, der hl. Martinus, alsdann folgte die aus 6 Mann bestehende Kapelle, als Instrumente dienten: Pappdeckelrollen als Trompete, Kesseldeckel und Kaffeedeckel als dicke Trommel. Dahinter gingen etwa 200 feldgraue „Martinskinder“, die sich aus ausgehöhlten Knollen kunstvoll Martinslämpchen hergestellt hatten, hauptsächlich waren Franzosengesichter dargestellt. Unter den Klängen des alten, lieben Bonner Martinsliedes: Der heilige Zinter-Märtens dat wor ne jode Mann, er jov de Kinder e Kerzge und stoch et selver an usw. ging es durch die kleinen Straßen des Ortes. Die noch hiergebliebenen Einwohner schauten neugierig hinter den Gardinen her: was werden sie wohl gedacht haben ... Es ging hinaus auf das freie Feld, wo schon ein großer Haufen Brennmaterial aufgeschichtet war. Oben drauf stand eine ausgestopfte Puppe, die einen französischen Soldat darstellte. Als der Haufen unter den frohen Gesängen der Martinslieder in hellen Flammen stand, als der Franzmann sich nach vorne beugte und Feuer fing, ertönte aus dem Munde der umstehenden Krieger das französische Malheur – Maleur.
   Mit dem Gefühle, ein paar Stunden heimisches Leben genossen zu haben, trennte man sich, um sich wieder der ernsten Kriegsarbeit zu widmen.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. November 1914In anderen Lagern fanden sich, aus Bonner Jungens bestehende Krieger zusammen, um den 11. im 11. in gebührender Weise zu feiern, obwohl es uns an Damen und Alkohol fehlte. In einer kleinen Franzosenstube, welcher man die Bezeichung „Villa Sangeslust“ gegeben hatte, saßen der „Schöppenrat“ und seine Getreuen. Aus buntem Papier waren Narrenkappen angefertigt worden. Die Feier hatte eine reiche Abwechslung, in Büttreden, Vorträgen und gemeinschaftlichen Liedern. Jeder erhielt einen aus Pappdeckel geschnitzten Orden als Auszeichnung. Ganz besonders gefiel der Prolog von Kamerad S.P. Er lautet: „Hier liegen wir im schönen B. – Zum Heil dem deutschen Feldsoldat – Uns allen fehlt heut sehr der Brandy – Damit das Fest wird delikat. – Die rheinische Art nicht läßt sie sich verbergen – Drum töne heut vom Welschen Aisne Tal – Ein närrischer Sang zu rheinischen Landen – Ein Vivat hoch dem Prinzen Karneval. – Schwingt Brüder hell die Narrenkappe – Ihr von der Stube Sangeslust – Und schwartet ordentlich die Lappen – Als Lohn wird Euch geziert die Brust. – Und singt nur frisch wie Ihrs gelernt – Daheim am heiligen Strom – Für Singen und Sagen Euch gern gebeut – Prinz Karneval Generalpardon. – Hoch lebe die fröhliche, die rheinische Art – Hoch der rheinische Damenflor – Hoch lebe der köstliche kleine Rat – Hoch der närrische fidele Humor. - - - Bis zur gebotenen Stunde schwang der Schultheis, Kamerad M.S. , in würdiger Weise sein Zepter, und so hatten wir im Feindesland einige schöne Stunden Erinnerung an rheinische Sitten und Humor. A. K.

Auch in Rußland haben die Bonner an den Karneval gedacht. Einer schreibt:
... Am meisten freut es uns, daß wir noch den Elften im Elften erleben konnten. Manches Mal haben wir daran gezweifelt. Aber : et hätt noch immer joht jejange. Grüßen Sie die Herren der „Bonner Großen“ von mir. Auf ein frohes Wiedersehen in Bonn. Paul Massart.

Ein großes Konzert für die Verwundeten. Den zahlreichen Verwundeten, die in den Anstalten unsrer Stadt liebevolle Aufnahme gefunden haben, wird am nächsten Sonntag um 3 Uhr nachmittags im Saale des Bürgervereins ein auserlesener Musikgenuß bereitet durch den Männergesangverein „Apollo“ (Leitung Herr Fr. Eschweiler) unter gefälliger Mitwirkung von Frau Landrichter Dr. Kaufmann, Frau Elly Ney van Hoogsstraaten, Herrn von Hoogsstraaten, Herrn Kapellmeister H. Sauer und Herrn Privatdozent Dr. Verweyen. Der Saal ist ausschließlich den Verwundeten eingeräumt; während die Galerie für Mitglieder und Gönner der Veranstaltung zur Verfügung steht.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Freitag, 27. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. November 1914Nach Lille: Oberbürgermeister Spiritus, Beigeordneter Piehl und Dr. Krantz fuhren gestern nach Lille, um die Bonner Verbands- und Erfrischungsstelle „Prinzeß Viktoria“ aufzusuchen und die bisher getroffenen Anordnungen nachzuprüfen. Am Donnerstag vergangener Woche fuhren auch die ersten Schwestern, um dort in der Verbandshalle tätig zu sein. (...) Die Inanspruchnahme der Verbands- und Erfrischungsstelle ist nach wie vor ganz außerordentlich groß und ihre Tätigkeit infolgedessen sehr segensreich. An einigen Tagen sind über 12000 Soldaten verpflegt und 300 Verwundete frisch verbunden worden. Auch sind bereits zahlreiche chirurgische Eingriffe in dem an die Verbandshalle anstoßenden Operationszimmer gemacht worden. Seitens der Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe sind der Verbandsstelle ein Bild des Kaisers und ein Bild von ihr überwiesen worden, was große Freude bei allen Beteiligten hervorgerufen hat. (...) Wenn sich die Nachricht von einer stärkeren deutschen Offensive bewahrheitet, so wird in den nächsten Tagen wohl wiederum allerhand zu tun sein. Es wird nochmals dringend darum gebeten, für die Stelle doch Liebesgaben aller Art an der Sammelstelle der Diskonto-Gesellschaft abzuliefern. (...) Nur durch gemeinsame Arbeit vieler und durch gemeinsame Opferwilligkeit kann großes geschaffen werden.

An alle deutschen Mädchen richtet der Evangelische Verband zur Pflege der weiblichen Jugend, e.V. Berlin-Dahlem (...) die Aufforderung neben der Fürsorge für die im Felde stehenden Brüder auch der Schwestern zu gedenken, die infolge des Krieges aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Vor allem aus der Provinz Ostpreußen habe so viele Heim und Haus verlassen müssen, die nun in der Fremde Weihnacht feiern. Wenn ihnen die Weihnachtsglocken läuten, denken sie mit schweren Gedanken daran, daß sie nicht in der Heimat das Fest feiern können, daß sogar dort, wo ihnen der Christbaum brannte, nur Trümmer und verwüstetes Glück sind. Aber sie sollen, wenn auch fern ihrer Heimat, doch fühlen, daß sie getragen werden von der Treue ihrer deutschen Schwestern. Wir wollen ihnen ein trautes Weihnachten schaffen; deshalb bittet der Evangelische Verband zur Pflege der weiblichen Jugend Deutschlands, daß ihm für die ostpreußischen jungen Mädchen, die in vielen Heimen untergebracht sind, freundlichst Gaben dargereicht werden. Erwünscht sind Spenden an Geld, Wäsche- und Kleiderstoffen, aber es wären die Gaben besonders wertvoll, wenn sie begleitet wären von kleinen Beweisen schwesterlicher Treue in Grüßen aus allem deutschen Gauen.

Apollinariswasser. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat einen Erlaß an alle Eisenbahndirektionen gerichtet, wonach in den Bahnhofswirtschaften der weitere Verkauf von „Apollinariswasser“ zu verbieten ist. Dem Namen nach ist der Brunnen Eigentum einer deutschen Gesellschaft, in Wirklichkeit gehört er einem englischen Unternehmer.

Der Kartoffelverkauf durch die Stadt Bonn findet voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche statt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Höchstpreise für Petroleum. Es tritt neuerdings in der Presse die Forderung nach Festsetzung von Höchstpreisen für Petroleum hervor, weil aus einzelnen Orten Mitteilungen über eine teilweise erhebliche Erhöhung der Kleinhandelspreise kommen. Zu solchen Preissteigerungen liegt nach den Preissteigerungen im Großhandel kein Anlaß vor. Die Einfuhrfirmen haben seit Beginn des Krieges dem Großhandel das Erdöl im allgemeinen zu gleichen Durchschnittspreisen abgegeben, wie vor dem Kriege. Gemäß den vorhandenen Vorräten sind Einschränkungen in der Lieferung vorgenommen von ein Drittel bis ein Halb der früheren Mengen. Diese Maßregel war erforderlich, um die vorhandenen Bestände auch über eine Kriegszeit von längerer Dauer hinaus reichen zu lassen. Für alle Bezirke Deutschlands besteht nahezu ein gleicher Großhandelspreis, der der Lage des Petroleumhandels durchaus entspricht. Z u einer Festsetzung von Höchstpreisen für den Großhandel liegt somit zurzeit kein Anlaß vor. (...)

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. November 1914Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe besuchte vorgestern abermals das hiesige Mutterhaus vom Roten Kreuz in Begleitung der Hofdame Baronin von Blücher, und erfreute die Verwundeten des Lazaretts durch warmen Zuspruch und Spendung reicher Liebesgaben.

Behüte Dich deutsch! Vom Reichsverband deutscher Hutgeschäfte wird uns geschrieben: Die Abkehr von England macht sich auch in den deutschen Hutgeschäften bemerkbar. Während hier bis zum Ausbruch des Krieges englische Waren allgemein Trumpf waren, ist das Publikum nun endlich vernünftig geworden und verlangt in den Läden nicht mehr den bis dahin so vielbegehrten englischen Hut, dessen Vorzüge hauptsächlich in der Einbildung feiner Käufer lagen. Der Huthandel kann hiermit vollkommen zufrieden sein, denn die deutsche Hutfabrikation ist durchaus in der Lage, alle berechtigten Ansprüche zu befriedigen, besonders da ja auch noch die österreichische und italienische Einfuhr zur Verfügung steht. Vorübergehend – und herauf sei das Publikum besonders hingewiesen – wird sich allerdings eine Einschränkung in der Verschiedenartigkeit der Formen und Farben ergeben, und zwar weil die deutsche Wollindustrie vorläufig durch die Beschlagnahme der Wollvorräte in den Hutfabriken zum Stillstand gebracht ist, die Haarhutindustrie aber nur in vermindertem Umfange arbeitet.

Vereinslazarettzug K 1 – Bonn.
Diese Bezeichnung hat der Hilfslazarettzug erhalten, der von Mitgliedern und Gönnern der Universität Bonn sowie mit Unterstützung der Stadtverwaltung und vieler Mitbürger eingerichtet worden ist. Der Zug wird voraussichtlich im Laufe dieser Woche fertiggestellt sein.

   Er setzt sich, abgesehen von der Lokomotive, dem Packwagen und den beiden Heizwagen, zusammen aus 27 Wagen für die Verwundeten, von denen 24 mit aufgehängten Tragbahren (teilweise mit Matratzen) versehen sind. Ein Wagen ist nach dem System Mehne in Schwenningen eingerichtet, zwei besonders für Schwerverwundete bestimmte Wagen enthalten dieselbe Ausstattung wie der Kölner Lazarettzug (System van der Zypen). Der Zug enthält außerdem einen Arztwagen, in dem im Notfalle operiert werden kann, und der zugleich zum Aufenthalt für das höhere Personal dient. Schlafgelegenheit für das Personal bietet ein Schlafwagen, ein D-Wagen 1. und 2. Klasse und zwei nach dem Muster der Krankenwagen eingerichtete Wagen. Ferner ist ein Küchenwagen vorhanden mit drei großen Kesseln, einem Herd und dem sonstigen Zubehör, sowie zwei Vorratswagen. Im ganzen wird der Zug achtzig Achsen führen, die Höchstzahl, die für einen solchen Zug als zulässig erachtet wird.
   Das Personal setzt sich folgendermaßen zusammen:
   Transportführer: Prof. Dr. Alex. Pflüger.
   [Es folgt eine Auflistung der Funktionsträger]
   Die Krankenpfleger sind z.T. Akademiker und Mitglieder der Genossenschaft freiw. Krankenpfleger der Ortsgruppe Bonn, z.T. Bonner Bürger.
   1 Schreiber, 1 Diener, 1 Putzfrau und 1 Küchenmädchen. Ferner das Eisenbahnpersonal, im ganzen 60 Personen.
   Mit Einschluß des Zuschusses von 5.000 Mark, den die Stadtverwaltung für die Einkleidung des Sanitätspersonals bewilligt hat, sind bis jetzt im ganzen etwa 44 500 Mk. an barem Geld verfügbar. Dankend quittieren wir hiermit über die eingegangenen Geldbeträge
   [Es folgt eine lange Liste der Spenden]
   Die bis jetzt gesammelten Mittel gestatten, den Zug in genügender Weise auszurüsten, und es sind auch die nötigen Mittel vorhanden, um den Zug einige Wochen laufen zu lassen. Für den späteren Betrieb werden aber weitere Mittel benötigt, da erfahrungsgemäß die Abnützung an Material sehr hoch ist. Die Gehälter und der Unterhalt des Personals werden zwar von der Militärverwaltung zum größeren Teil getragen, aber es werden doch monatlich etwa 5000 Mk. Zuschuß nötig sein. Wir richten deshalb an die Bürgerschaft die Bitte, das Unternehmen auch weiterhin durch Zuwendungen an Geld und Liebesgaben zu unterstützen. Einzahlungen bitten wir auf der Deutschen Bank, Zweigstelle Bonn, beim Konto: Hilfslazarettzug Bonn zu machen.
   Im Auftrage des Ausschusses für den Vereinslazarettzug K 1 – Bonn: von Franqué, Frau Garré, Hoffmann, Jungbecker, Frau Krümmer, Landsberg, Spiritus, Steinmann.HilH

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 27. November 1914Stadttheater. Man schreibt uns: Dem Vorgange anderer Bühnen folgend, veranstaltet unsere Theaterleitung morgen einen sogenannten „Bunten Abend“. Die Buntheit, welche das Programm aufweist, läßt dem Humor einen weiten Spielraum, ohne auf das Niveau der Cabaretts und Varietés herabzusteigen. Drei heute verpönte Fremdworte, welche keine Vorbedeutung für den Bunten Abend sein sollen. Es soll vielmehr echt deutscher Humor bester Art den Ton angeben; die gebotene Kost soll gediegen, mannigfaltig und herzerfrischend sein. Wer solch deutsche Kost liebt, der wird beim Besuch auf seine Rechnung kommen. (…)

Eine wechselseitige Verständigung auf dem weiten Felde der Armenpflege und Wohltätigkeit regt die Städtische Verwaltung wie seit Jahren zur Weihnachtszeit heute wieder an.
  
Ein solches Zusammenwirken ist – so teilt uns Herr Oberbürgermeister Spiritus mit – bei der außerordentlichen Vielseitigkeit der Kriegswohlfahrtspflege und bei der allgemeinen vaterländischen Opferwilligkeit in diesem Jahre besonders notwendig, um an der rechten Stelle zu helfen und zu verhindern, daß Einzelne, die mit den zahlreichen Wohltätigkeits-Einrichtungen genau vertraut sind, an zwei und mehr Stellen beschenkt und dadurch die verfügbaren Mittel anderen vielleicht Bedürftigeren entzogen werden.
   Da sich bei den Weihnachtsbescheerungen ein Listenaustausch sehr bewährt hat, wird empfohlen, eine Liste derjenigen Personen, die zur Beschenkung in Aussicht genommen sind, bis zum 1. Dezember an die Städtische Auskunftsstelle für Wohltätigkeit, Franziskanerstraße 8 I einzureichen. In dieser Liste sind Vor- und Zunamen sowie die genaue Wohnung des Familienhauptes, und sofern es sich um Bescheerung von Kindern handelt, auch deren Vorname und ungefähres Alter einzutragen.
   Seitens der Städt. Auskunftsstelle werden die Listen verglichen und dem Einsender mit den erforderlichen Bemerkungen bis zum 10. Dezember zurückgesandt. Die freie Entschließung bleibt jedem völlig gewahrt. Insbesondere ist die Verständigung darüber, ob und welche der in mehreren Listen enthaltenen Familien zu streichen sind, jedem Wohltäter völlig überlassen.
   Nur wenn man Klarheit darüber hat, ob es sich um gewohnheitsmäßige Bittsteller handelt, nur wenn man weiß, ob diese noch an andern Stellen zur Bescheerung ins Auge gefaßt sind, kann man dem Missbrauch der Wohltätigkeit entgegentreten.
   Es wird daher dringend gebeten, von der Benutzung der Städtischen Auskunftsstelle für Wohltätigkeit, Franzikanerstraße 8 I namentlich in diesem Jahre den weitgehendsten Gebrauch zu machen.
   Nur aus gutem Herzen, ohne die Mühe einer ernstlichen Prüfung ausgeübte Wohltätigkeit schadet viel mehr wie sie nützt.

Ein Geisteskranker, der 45 Jahre alte Arbeiter Groß im Annagraben, wurde seit einigen Tagen von der Kriminalpolizei gesucht, um zwangsweise in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt gebracht zu werden. Als Groß gestern Vormittag auf dem Kaiser-Karl-Ring dem Kriminalbeamten Kristan begegnete, versuchte der Beamte in Güte, den Geisteskranken mitzunehmen. Groß wurde sofort sehr erregt und leistete heftigen Widerstand. Schließlich gab es einen Ringkampf zwischen den beiden. Sie wälzten sich am Boden und Groß versuchte, sich loszureißen. Als er sah, daß der Beamte stärker war als er, zog er einen Revolver und gab einen scharfen Schuß auf seinen Gegner ab, jedoch ohne diesen zu treffen. Durch den Schuß aufmerksam geworden, eilte ein städtischer Aufsichtsbeamter dem Kriminalbeamten zu Hilfe, und ihren vereinten Kräften gelang es dann, den Geisteskranken zu entwaffnen und in die Irrenanstalt zu bringen. – Groß ist schon öfter in einer Heilanstalt gewesen. Auch mit Brauweiler hat er schon nähere Bekanntschaft gemacht. Der Kriminalbeamte hat bei dem Zweikampf Verletzungen an beiden Knien und an einer Hand davongetragen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 27. November 1914Für Vaterland und Ehre. Unerwartet schnell ist über uns ein Krieg hereingebrochen, so schrecklich, so gewaltig, wie ihn die Welt noch nicht gesehen, wie ihn niemand für möglich gehalten hat. Die jahrelange Friedensarbeit, die uns zu Wohlstand, auf eine hohe Stufe der Kultur gebracht hat, ist jäh unterbrochen worden. Wir erleben diese Zeit wie in einem Traume, wir vermögen es kaum noch zu fassen, wie das alles gekommen ist und welche Folgen solch ein Krieg zeitigen wird. Da ist es unbedingt nötig für die Jugend wie für die Erwachsenen eine zusammenfassende Darstellung, eine Geschichte des Krieges, dessen Ursachen und Verlauf, wahrheitsgetreu nach amtlichen Quellen zu besitzen. Eine solche Geschichte bieten wir unseren Lesern unter dem Titel: „Für Vaterland und Ehre“. Das Werk berichtet aber nicht nur trocken, sondern bringt neben den Dokumenten eine große Anzahl von Berichten und Aufsätzen von bedeutenden Persönlichkeiten, von Kriegsteilnehmern zu Wasser und zu Lande. Gute Illustrationen erläutern den Text. Wort und Bild erzählen von den aufopfernden Taten unserer Wehrmacht. Ein solches Werk soll die weiteste Verbreitung finden, es darf in keinem deutschen Hause fehlen. Es versäume deshalb niemand, sich rechtzeitig in unsrer Expedition, unseren Filialen oder bei unseren Trägern mit Exemplaren zu versehen. Verlag der Deutschen Reichszeitung, Bonn.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Geschäftliches.“)

Samstag, 28. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. November 1914Viehzählung. Auf Beschluß des Bundesrats findet am 1. Dezember 1914 eine kleinere Viehzählung statt. Die Viehzählung erstreckt sich auf Pferde, Rindvieh, Schafe, Schweine und Ziegen. Die Angaben dürfen nur zu amtlichen statistischen Arbeiten, nicht aber zu anderen Zwecken, insbesondere auch nicht zu Steuerzwecken benutzt werden, worauf ausdrücklich aufmerksam gemacht wird. Ueber den Inhalt der Zählkarten ist das Amtsgeheimnis zu wahren. Bei der hervorragenden Wichtigkeit der Viehzählung gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit darf auf eine rege Teilnahme der Bevölkerung durch sorgfältiges Ausfüllen der Zählpapiere und bereitwilliges Entgegenkommen den Zählern gegenüber gerechnet werden.

Eine Niederträchtigkeit. Am Freitag vormittag wurde die Liebesgaben-Bombe, die vor dem Metropol-Theater auf dem Anzeige im General-Anzeiger vom 28. November 1914Markt steht, gewaltsam erbrochen. Die Liebesgaben waren für die hiesigen Lazarette bestimmt, und der Inhalt sollte heute, Samstag, wiederum den Lazaretten zur Verfügung gestellt werden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. November 1914Westflandern, im November. Bis hier zum eigentlichen Kriegsschauplatz sind die unwahren Berichte gekommen, daß die jungen Regimenter Kriegsfreiwillige usw. sich im Kampf nicht als Männer betragen hätten. Dies muß ganz entschieden in Abrede gestellt werden. Schreiber dieses ist seit Kriegsbeginn als freiwilliger Motorradfahrer beim Stabe eines Armeekorps tätig und mittlerweile mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. An den Kämpfen in Westflandern haben viele, besonders rheinische Regimenter von Kriegsfreiwilligen teilgenommen. Bewundernswürdig haben sie sich gegen einen hartnäckig sich verteidigenden Feind geschlagen und stürmten unter großen Verlusten Stellungen des Gegners, singend das Lied „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“. 14 Tage lang haben sie ohne Ablösung bei Regen und Sturm und knapper Verpflegung einem schrecklichen Artilleriefeuer standgehalten und gesiegt. So betragen sich deutsche Krieger, wenn es um die Ehre des Vaterlandes geht. Anders lautende Meldungen sind falsch. Assessor Dr. B.R. z.Zt. im Felde.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Feldpostbriefe.“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. November 1914Die Kastanienbäume in der Argelanderstraße. Bewohner der unteren Argelanderstraße stellten vor kurzem bei der städtischen Verwaltung den Antrag, aus der schönen Allee genannter Straße jeden zweiten Baum – also die Hälfte der Bäume – zu entfernen. Begründet wurde das Verlangen damit, daß die Bäume zu dicht gepflanzt worden und nun den Wohnungen Licht und Luft nähmen, sowie Häuser und Keller feucht machten. Bei einer Entfernung von 6 Metern kann doch keine Rede davon sein, daß sie den Wohnräumen Licht und Luft nehmen; auch breiten sich hinter den Gebäuden geräumige Gartenflächen aus. Daß Häuser und Keller durch die Allee feucht geworden, ist uns unbekannt. Sollte sich irgendwo in einem Keller Feuchtigkeit eingestellt haben, so dürfte diese wohl eher durch Anpflanzung großer Sträucher in den Vorgärten vor den Kellerfenstern als durch die Alleebäume verursacht sein. Durch Beseitigung jedes zweiten Baumes würde der Abstand eines Baumes von dem andern größer sein, als dies in der Poppelsdorfer und in der Baumschul-Allee der Fall ist. An die Stadtverwaltung richten wir die dringende Bitte, der Argelanderstraße die herrliche Allee unversehrt zu erhalten. Mehrere Bewohner der Argelanderstraße.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 28. November 1914Kameradentreue. Am Donnerstag nachmittag wurde in Bonn-Süd ein junger Krieger zu Grabe getragen. Zwei seiner Kameraden, die im Felde neben ihm gestanden haben und nun als Verwundete in Bonn weilen, gaben ihm das letzte Geleite, obwohl sie noch lange nicht wiederhergestellt sind und der größten Schonung bedürfen.

Bonner Wehrbund. Das gemeinsame Exerzieren aller Abteilungen des Wehrbundes wird morgen (Sonntag) nachmittag in Vertretung des Herrn Turninspektors Schröder Herr Dr. Brüggemann auf dem Venusberg leiten. Eine Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 28. November 1914Geländeübung soll diesesmal nicht stattfinden, weil abends um 9 Uhr von der Poppelsdorfer Abteilung in dem Gasthof von Vianden, Clemens-Auguststraße 30, eine gesellige Zusammenkunft veranstaltet wird, zu der alle Abteilungen des Wehrbundes und seine Freunde mit ihren Angehörigen eingeladen sind. Herr Privatdozent Dr. Ohmann wird dort einen Vortrag über „die Entwicklung des Feldzuges auf dem östlichen Kriegsschauplatz“ halten. Eine sachversständige Einführung in das Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 28. November 1914Verständnis der heutigen Lage auf diesem Schauplatz, der uns durch seine fremden Namen so schwer zugänglich ist, wird von allen mit besonderem Dank geschätzt werden.

Die Schuhmacherarbeiten werden teurer. Der Bonn-Poppelsdorfer Schuhmacherverein hat in seiner Vesammlung am Donnerstag Stellung genommen zu der enormen Erhöhung der Lederpreise. Die Teuerung ist durch die starke Nachfrage der Militärverwaltung nach fertigem Leder entstanden. Teilweise werden jetzt für Leder 100 – 150 Prozent mehr verlangt, als vor Ausbruch des Krieges. „Aus diesen erklärlichen Gründen“ – so teilt uns der Bonn-Poppelsdorfer Schuhmacherverein mit – „ist es uns nicht mehr möglich, die Arbeit zu den alten Preisen zu liefern. Die Mitglieder des obengenannten Vereins sehen sich gezwungen, im Interesse der Selbsterhaltung, die Preise für sämtliche vorkommenden Schuhmacherarbeiten entsprechend zu erhöhen.“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Sonntag, 29. November 1914

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 29. November 1914Wie und wo kann in der Kriegszeit im Haushalt gespart werden? Der Vortrag des Herrn Oekonomierats Kreuz findet Donnerstag, den 3. Dezember, abends 8½ Uhr, im Dreikaiser-Saal, Kölnstraße, statt.

Die Petroleumpreise. Vom Handelsminister wurde eine Verfügung über den Petroleumhandel erlassen. Darin werden die vielfach übertrieben hohen Petroleumpreise gerügt. Zu einer Preiserhöhung liegt nach Lage der derzeitigen Großhandelspreise kein Anlaß vor. (...) Es besteht für alle Bezirke Deutschlands bereits ein bestimmter Großhandelspreis, der den durchschnittlichen Preisstand vor dem Kriege im allgemeinen nicht überschritten hat. (...) Nach Lage der Sache empfiehlt es sich, den Kleinhandelspreis überall so festzusetzen, daß er den Großhandelspreis des Bezirks nicht um mehr als 4 Pfg. für das Liter übersteigt, wobei darauf zu achten sein würde, daß von den Behörden der Kleinhandelspreis für Erdöl nirgends über 25 Pfg. hinaus festgesetzt wird. (...) Jedenfalls wird es notwendig sein, daß der Kleinhändler beim Verkauf des Erdöls durchweg eine Kürzung der seinem Kunden sonst abgegebenen Menge eintreten läßt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 29. November 1914Eine Spende eigener Art, die an 1818 erinnert, war unter den vielen reichen Weihnachtsgaben für unsere im Felde stehenden Soldaten. Eine 70jährige Bonner Dame (Frl. Th.) hatte ihr schönes silbernes Haar gesammelt, sorgsam geordnet und verkauft. Sie erlöste daraus den hohen Betrag von 150 Mk. 100 Mk., davon übergab Frl. Th. Dem Vaterländischen Frauenverein Stadtkreis Bonn. 50 Mk. dem Männerverein vom Roten Kreuz mit der Bestimmung, unseren Helden draußen eine Weihnachtsfreude zu bereiten.

Anzeige im General-Anzeiger vom 29. November 1914Dank für Liebesgaben! Die Soldaten des 2. Ersatz-See-Batlsl, 2. Komp., Wilhelmshaven, von Bonn und Umgegend bitten uns, der Spenderin des Musik-Instruments aus Niederholtdorf herzlichen Dank abzustatten. Auch die Bonner Mannschaften der Marine-Luftschiff-Abteilung Hamburg und Cuxhaven sagen den Spendern der warmen Wollsachen besten Dank und versprechen in allen Lagen ihres Höheberufs treu ihrer zu gedenken. Aus Freude über die schönen Sachen wollen sie den Engländern eine Bombe mehr aufs Dach werfen.

Stadttheater. Die Abendveranstaltung des letzten Sonntags wird auf vielfaches Verlangen heute nachmittag wiederholt, um auch auswärtigen Theaterfreunden und Schülern (diesen bei besonders ermäßigten Preisen) Gelegenheit zu bieten, von der gerühmten Othello-Vorstellung zu profitieren. Abends folgt dann die humorsprühende Aufführung von Lumpazi vagabundus, bei welcher das gesamte Städt. Orchester mitwirkt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 29. November 1914„Auf dem Felde der Ehre“, der große Film, der in dramatisch fesselnder Weise schildert, wie der Krieg läuternd in das Schicksal eines Menschenlebens eingreift und große Gefühle mächtig aufflackern läßt, wird heute, morgen und Montag im Viktoria-Theater in der Gangolfstraße vorgeführt. Von den wenigen Kinodramen, die es verdienen, auch in diesen ernsten Wochen dem Publikum gezeigt zu werden, verdient der Film „Auf dem Felde der Ehre“ besondere Beachtung.

Populär-wissenschaftlicher Vortrag. Exzellenz Generalleutnant von Steinaecker-Berlin: Der Dienst hinter der Front.
     Steinaeckers Darlegungen beruhen auf gründlicher theoretischer und praktischer Sachkenntnis. Er kennt den ganzen, ungemein komplizierten Apparat, der hinter der Front die Verbindung zwischen Front und Vaterland aufrecht erhält, er ist selbst alter Soldat, er hat den Krieg von 1870/71 mit Bewußtsein erfaßt und eben kehrt er von einem wehrmächtigen Aufenthalt in Belgien zurück. Und nun sagte er uns in seiner fesselnden, ganz persönlichen Art, was er gesehen und erlebt hat und was er von diesen welterschütternden Ereignissen unserer Tage denkt. Man gewann durch diesen Vortrag einen Einblick in die kunstvolle Maschinerie, die in der Stunde der Mobilmachung in Gang gesetzt wurde und die dann in wenigen Wochen mit der Präzision eines Uhrwerks ablief. (...) sehr anschaulich schilderte der Redner die nimmerrastende Tätigkeit auf den Verbindungswegen zur Front. Zwei Ströme fluten hin und zurück. Der eine führt Tag und Nacht Mannschaften, Proviant und Munition zu der kämpfenden Armee, der andere bringt Verwundete, Kranke, Gefangene, unbrauchbar gewordenes Waffenmaterial usw. in die Heimat zurück. (...)
   Als wir in Belgien die belgischen Soldaten, die Franzosen und Engländer hinausgeworfen hatten, war unsere wichtigste Aufgabe, das Land für uns nutzbar zu machen, den Verkehr, Handel und Wandel wieder zu beleben. Exzellenz von Steinaecker schilderte die Erfolge dieser Bemühungen unter Exz. von Sandts glänzender Leitung, sprach von den furchtbaren Zerstörungen der Städte und Dörfer und verteidigte unsere als Barbaren geschmähten Soldaten gegen die bekannten lügnerischen Beschuldigungen in der feindlichen Presse. Für die vom Schicksal schwer heimgesuchte belgische Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 29. November 1914Bevölkerung, auch für den einzelnen Bürger, der in plötzlicher Aufwallung seines vlämischen Blutes zum Franktireur wird, hatte der Redner Worte des Verständnisses und des Mitgefühls. Glatt erlogen seien die Behauptungen, vielen deutschen Soldaten seien von Belgiern, sogar von Frauen und Kindern, die Augen ausgestochen worden. Nicht einem einzigen deutschen Soldaten sei das geschehen. Man habe, um das einwandfrei festzustellen, sogar das Grab eines unserer Krieger öffnen lassen. Unwahr ist auch, daß sich Geistliche in Belgien an dem Franktireurkampf gegen die Deutschen beteiligt hätten.
    Die Frauen ermahnte Exz. Steinaecker dringend, den Strickstrumpf nicht ruhen zu lassen. „Jede Woche gehen zwei Züge mit Wollsachen nach dem westlichen und östlichen Kriegsschauplatz. Wir brauchen noch sehr viel warmes Unterzeug, bis der Krieg zu Ende ist. Wenn unsere Frauen sorgen, daß unsere Soldaten darin keinen Mangel haben, dürfen sie an dem Enderfolg dieses gewaltigen Kampfes ein gerütteltes Maß für sich in Anspruch nehmen.“

Verkauf von belgischen Pferden. Am Mittwoch, den 2. Dezember und Donnerstag, den 3. Dezember 1914, vormittags von 10 Uhr ab, findet ein Verkauf von Beutepferden und belgischen Fohlen durch die Landwirtschaftskammer unter Mitwirkung der Rheinischen Pferdezentrale auf dem Schlachthofe in Köln statt. Es gelangen zur Versteigerung ca. 250 Beutepferde (3 Hengste, eine Anzahl Stuten und Gebrauchspferde, sowie einige Fohlen) und 28 belgische Fohlen, meist 1½ jährige Wallache, die von der Landwirtschaftskammer käuflich übernommen wurden.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 29. November 1914Liebesgaben werden entgegengenommen:

1. Centralstelle der Vaterländischen Vereinigungen Diakonie-Gesellschaft, Bonn Münsterplatz

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 29. November 19142. Für das Rote Kreuz in Bonn im Gesellschaftshaus der Lese, Coblenzer Straße.

3. In Beuel im Geschäftslokal des Schaaffhauenschen Bankvereins. (...)

9. Für das Inf.-Reg. Nr. 160 im Stabsgebäude der Ermekeilkaserne, Zimmer 89. Dienststunden vorm. 9-12. nachm. 3-6 Uhr. Erwünscht sind vor allem Wollsachen, Tabak und Zigarren.

10. Für das Königshusaren-Reg. Nr. 7 bei der Ersatz-Eskadron in der König Wilhelm-Kaserne, Rheindorfer Straße, Regimentsbureau; (...)

17. Die Auskunftsstelle für Verwundete in Bonner Lazaretten, Bahnhofstraße 40, ist geöffnet täglich von 10-13½ Uhr vorm. Und von 2 ½ - 7,30 Uhr nachm. Es werden auch schriftliche Auskünfte erteilt. Amtliche Verlustlisten liegen aus. (...)

24. Lesezimmer für Verwundete Markt 34 und Gangolfstraße 11.

25. Bücherannahme für unsere Krieger im Felde und in den Lazaretten im Borromäushause Wittelsbacherring 9.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Montag, 30. November 1914

 

Eine zu beherzigende Warnung. Das stellvertretende Generalkommando in Stuttgart erläßt folgende Bestimmung: „In den letzten Wochen haben zu wiederholten Malen in Stadt und Land mit Beziehung auf den gegenwärtigen Krieg völlig aus der Luft gegriffene, beunruhigende Gerüchte Verbreitung gefunden. Ich warne nachdrücklich vor der Ausstreuung oder Weiterverbreitung solcher Gerüchte und verfüge gemäß § 4 und 9 Ziffer b des Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4. Januar 1851 folgendes: Wer vorsätzlich oder fahrlässig mit Beziehung auf den gegenwärtigen Krieg falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, die geeignet sind, in der Bevölkerung Beunruhigung hervorzurufen, wird, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.“ Flaumacher gibt es leider nicht bloß im Bezirk des Generalkommandos Stuttgart. Sie mögen alle die vorstehende Warnung beherzigen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Vor einem Café an der Bahnhofstraße lärmte heute früh um 6 Uhr ein junger Vaterlandsverteidiger so lange, bis der Geschäftsführer des Cafés den jungen Soldaten, der offenbar etwas zu viel Alkohol genossen hatte, durch einen vorüberkommenden Unteroffizier festnehmen ließ.

Der Wehrbund hielt gestern abend im Saale von Vianden in Poppelsdorf eine gut besuchte Versammlung ab, die von Herrn Dr. Brüggemann mit einem Hinweis auf die Bedeutung des Wehrbundes eröffnet wurde, wobei er mit warmen Worten zum Beitritt aufforderte. Die Versammlung stimmte hierauf das Lied „Deutschland über alles“ an.
  
Privatdozent Dr. Ohmann hielt einen sehr klaren und lehrreichen Vortrag über die Kämpfe auf dem östlichen Kriegsschauplatz. Er wies darauf hin, daß man bei Betrachtung dieser Kämpfe immer daran denken müsse, daß die Deutschen einer großen russischen Uebermacht gegenübergestanden hätten, weil der Hauptschlag anfangs gegen Frankreich gerichtet war. (...) In Ostpreußen habe Hindenburg mit seiner Kautschuk-Taktik die Russen in die masurische Seenplatte hereingelockt und dort umzingelt. 250 000 bis 300 000 Russen wurden in dem Seengebiet gefangen oder vernichtet. Das war die ruhmvolle Schlacht bei Tannenberg, die ein erneutes Vordringen in Ostpreußen unmöglich machte. (...) Die ganze Schlachtfront der Deutschen und der verbündeten Oesterreicher habe eine Länge von annähernd 1000 Kilometer. Die Kämpfe seien noch im Gange, aber der Plan des russischen Generalstabs sei durchkreuzt und ein großer Sieg ähnlich wie bei Tannenberg sei in den nächsten Tagen zu erwarten.
   Zum Schluß wurde mit Begeisterung „Die Wacht am Rhein“ gesungen.

Die Ortskrankenkasse hielt gestern morgen eine Ausschußsitzung, die anfangs so schwach besucht war, daß es längere Zeit fraglich schien, ob sie überhaupt beschlußfähig werde. Der Vorsitzende, Herr Kall, erstattete einen Bericht, in dem er darauf hinwies, daß der vorgelegte Voranschlag für 1915 nicht genau maßgebend sein könne, aber die Erfahrungen der Kriegszeit seien berücksichtigt worden, und man hoffe, daß der Krieg im Frühjahr beendet sein werde. Von den Mitgliedern und aus der Mitte des Vorstandes seien manche Herren einberufen , das Vorstandsmitglied Herr Koops sei bereits gefallen. Die Versammlung erhob sich zu Ehren der bereits Gefallenen. Die Kriegsnotgesetze vom 5. August hätten eine Menge Einschränkungen verursacht. Die Leistungen seien auf die Regelleistungen herabgesetzt und die Beiträge auf 4 ½ Prozent erhöht worden. (...) Gleich nach Ausbruch des Krieges habe der Vorstand durch die Presse darauf hingewiesen, daß die zum Heeresdienste einberufenen Kassenmitglieder freiwillig in der Kasse verbleiben könnten, aber nur etwa 250 Personen hätten davon Gebrauch gemacht. Für die Unterstützung von 70 verwundeten Kriegern seien bisher 6570 Mark ausgegeben worden.
  
Die Mitgliederzahl der Kasse sei von 21 500 auf 15 600 gefallen, dann aber wieder auf 17 000 gestiegen. Die Aerzte hätten sich bereit erklärt, die Familien der im Felde stehenden und durch den Krieg arbeitslos gewordenen Mitglieder unentgeltlich zu behandeln. Sie bitten aber auf ihre Ueberlastung Rücksicht zu nehmen.

Das Schlußturnen des Turnlehrerinnen-Kursus nahm gestern nachmittag in der Turnhalle der Hundsgasse unter dem Vorsitz des Herrn Schulrat Ewerding einen anregenden Verlauf. In der schönen Doppelhalle entfaltete sich bald ein recht frischer Turnbetrieb. Die Teilnehmerinnen, ungefähr 70 Damen in flotter Turnkleidung, nahmen zunächst Aufstellung zu gemeinsamen Freiübungen. Hierbei interessierte besonders ein exakt ausgeführtes Keulenschwingen. Es folgten im schnellen Wechsel gelungene Uebungen an Klettertauen, am Barren, Reck, Pferd und Kasten. Den Schluß bildete ein reizender Reigen: ein finnländischer Webertanz zu den Klängen einer Zupfgeige und dem sich stets wiederholenden Kehrreim: „So weben wir die Leinwand, so weben wir fleißigen Weberinnen schnell unsere weiße Leinwand.“ Der graziöse Reigen gefiel allgemein. Die gesamten, unter Leitung des Turn-Inspektors Schröder stehenden Darbietungen zeugten von einer allseitigen turnerischen Ausbildung. Sie fanden den ungeteilten Beifall der zahlreich erschienen Zuschauer.

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Morgenkonzert in der Beethovenhalle.
Es ist eine weibliche Feder, die uns mit gutem Blick und liebevollem Herzen für unsere Krieger folgende Schilderung von dem gestrigen Morgenkonzert in der Beethovenhalle gibt:
   Sonntagstimmung scheint über der Halle zu liegen, wohl noch leiser als sonst gehen die Pflegerinnen zwischen den Betten umher, hier noch eine Decke, dort noch ein Kissen zurechtlegend. Einem der Krieger, die hier treue Pflege gefunden haben, wird ein Stuhl hinter den Rücken gelegt, dann kommen die Kissen, und befriedigt setzt der Verwundete sich zurück, nun sitzend der Genüsse wartend, die ihm und seinen Kameraden den Sonntag einleiten sollen.
   Genüsse, hier, an der Stätte der Schmerzen? Ja, man darf es wohl ruhig so nennen, was hier von der Liebe und der Kunst guter Menschen denen gebracht wird, die ihr Blut zu unserm Schutz und Heil draußen vergossen haben. Und sie selbst nennen es wohl auch so, wenn ich die Stimmung, die durch die weite Halle wehte, richtig aufgefaßt habe. Feierlich ernst wirkt der Schmuck der Halle: Palmen und Lorbeerbäume und deutsche und österreichische Fahnen, die zusammenwirkend den Charakter des Lazarettmäßigen verwischen.
   Einzelne Patienten wandern langsam auf und ab, andere haben einen richtigen Skatklub gegründet, mit Kiebitzen und allem Zubehör, nur die große Flasche auf dem Tisch – frisches Wasser – wirkt ein bißchen fremd.
   Die im Bett Liegenden lesen; ein gutes Buch, ein lieber Brief hilft ihnen über die Leere der Stunden hinweg. Hier und da schweift ein erwartender Blick nach der Orgel – endlich ertönen leise, feierliche Klänge. Händels Messias, unsere Beethovenorgel, Heinrich Sauer und die wundervolle Akustik der Halle – das mußte ja gut werden, selbst dann, wenn der selbstlose Künstler seinem Instrument und seiner Kraft Zügel anlegen muß, weil „donnernde Akkorde“ sich auf die selbst unter der Orgel aufgestellten Betten unwillkommen fortpflanzen würden. Vom Messias ein Ueberklingen in Choräle, die jedem der unten liegenden und sitzenden Kranken Erinnern an die Sonntagmorgen vor dem Krieg wachrufen, ein schüchterner, kaum sich hervorragender Dank.
   Nach kleiner Pause steht ein Kamerad all der Verwundeten neben dem Organisten. Es ist dessen Bruder. Alle Schrecken des Feldzuges sind auch an ihm vorübergebraust, sein Arm ist zerschossen, schon kehrt Gesundheit zu ihm zurück und erfüllt ihm mit Dank gegen das gütige Schicksal, das es ihm schon wieder möglich macht, seiner geliebten Kunst zu leben. Alles drängt ihn, diesem Dank Ausdruck zu geben, und hier findet er den rechten Platz, das am Herzen zu tun und er findet auch den rechten Ton: „In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“. Wie tief die künstlerisch gebotene Gabe zu Herzen geht, sehen wir an einem der Kranken. Anscheinend teilnahmslos lag er bis jetzt, nun kommt ein Ausdruck des Lauschens in sein Gesicht, ein Erinnern. Er deckt die Augen mit der Hand. Wann und wo mag „Sarastro“ ihm zuletzt gesungen haben? Reicherer Beifall folgt dem Lied und den sich anschließenden Klängen aus den „Meistersingern“, und jetzt ist der Kontakt zwischen den Künstlern und den Hörern hergestellt.
   Wünsche werden laut, bereitwillig ertönt Löwes wundervoller „Prinz Eugen“, der begeistert aufgenommen wird. „Deutschland über alles“ und „Die Wacht am Rhein“ geben den Kranken Gelegenheit, ihrem übervollen Herzen Luft zu machen.
   Inzwischen sind die beiden Künstler zur Mittelgallerie zum Flügel gegangen, und wieder begleitet Direktor Sauer seinen Bruder zu dem volkstümlichen Lied der Waffenschmied: „Auch ich war ein Jüngling im lockigen Haar“. Da treffen wohl die Gedanken und Wünsche des Künstlers mit denen seiner dankbaren Zuhörer zusammen: „Wenn Redlichkeit käme als Waffenschmied ... das wär eine köstliche Zeit“. Zum Schluß ein schneller Abschied von den Kranken – selbst einige Mitglieder des unentwegten „Skatklubs“ kommen dazu heran – und schon ertönt das verheißungsvolle Klirren der Bestecke und der Duft der hereingetragenen Suppe kündet den Beginn des Mittagmahls.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Ein endlos langer Trauerzug bewegte sich gestern nachmittag zum Kessenicher Friedhof. Der Landsturmmann Wilberts aus Kessenich, der am Donnerstag , als er am Brühler Schloßteich Posten stand, von einem Zug überfahren wurde und bald danach starb, wurde zur letzten Ruhe geleitet. Viele hundert Leidtragende folgten dem Trauerwagen, darunter viele Kameraden des Herrn Wilberts, Mannschaften des Landsturmbataillons Bonn, eine Schulkindergruppe und viele, viele Männer und Frauen. Die außergewöhnlich starke Beteiligung bewies, welche Sympathie der so jäh ums Leben gekommene – er ist Vater von 5 Kindern – bei der Bürgerschaft genoß.

Das Säuglings- und Kinderheim auf Hohen-Eich, in Bonn-Endenich, das zu Beginn des Krieges gegen Mitte August von der Familie Rud. Küpper sen. mit Unterstützung weiter Kreise ins Leben gerufen wurde, hat sich nunmehr einer mehrmonatlichen segensreichen Wirksamkeit zu erfreuen.
  
Unter der Leitung der rührigen Säuglingsschwester Margarethe, in ständiger Mitarbeit ihrer Schwester Else und einer Anzahl junger Damen wurden im Laufe der Wochen im ganzen ca. 60 Kinder bedürftiger, im Felde stehender Krieger aus Bonn und Umgegend, bis vor kurzem gänzlich kostenfrei, vollständig gepflegt. In letzter Zeit ist man dazu übergegangen, mit Hilfe der Armenverwaltung die Verhältnisse der betreffenden Familien genauer zu prüfen und da, wo dieselben es zuließen, eine kleine Gegenleistung von etwa 6-10 Mark monatlich für das Heim zu fordern. In diesem letzteren Falle war gleich zu erkennen, welche Frauen bereit waren, im Interesse ihrer Kinder ein Opfer zu bringen und welche es vorzogen, dieselben wieder regellos auf die Straße zu schicken, um selbst besser leben zu können!
   Das Heim war in den ersten Wochen seines Bestehens mit durchschnittlich 20, später mit 30 Kindern vom Säuglingsalter bis zum Alter von vier Jahren belegt. Eine gründliche, rationelle Pflege führte bei den Kindern in den weitaus meisten Fällen, zur Freude der Pflegerinnen dahin, daß aus teils verwahrlosten, schlecht genährten und rachitisch erkrankten, unter ärztlicher Oberleitung frische, gesunde, rotwangige und – wohlerzogene Kinderchen wurden, von denen heute der größere Teil herumspringt, schwatzt, singt und spielt. Aus den schwachen Geschöpfchen, die, als sie ins Heim eingeliefert wurden, von ihren Beinchen keinen oder nur sehr schwachen Gebrauch machen konnten, wurden frische, gesunde Kinder. Bei den Säuglingen ergab die Kontrolle durch die Wage recht schöne Erfolge: in einem Falle, wo Kunst und Erfahrung nicht helfen wollten, half die freundliche Frau Nachbarin zu durchschlagendem Erfolg! Zunahme wöchentlich 100 bis 200 Gramm. Das kleine Karlchen, um dessen Erhaltung man sich schon schwer sorgte, war gerettet und bekam in wenig Wochen runde Backen!
   Was nun die Unterhaltungskosten des Heims anlangt, wird folgendes alle Freunde der Sache interessieren. Einrichtungsgegenstände, Betten mit Zubehör, Kinderwagen, Geschirre jeder Art wurden von der Bürgerschaft ausreichend zur Verfügung gestellt. (...)

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

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