Dienstag, 21. Juli 1914
Am gestrigen Geburtstage Sr. Durchlaucht des Prinzen Adolf zu Schaumburg Lippe waren die öffentlichen Gebäude unserer Stadt beflaggt. Es gingen zahlreiche Glückwünsche von hier nach Norderney.
Beim Vornamen. Weshalb werden in zahlreichen Geschäften die weiblichen Angestellten beim Vornamen gerufen, während dies beim männlichen Personal selbstverständlich nicht der Fall ist? Es wird niemandem einfallen, einen Verkäufer oder einen Buchhalter „Herr Karl!", „Herr Xaver!" zu rufen, aber selbst hochbejahrte weibliche Angestellte werden in sehr vielen Geschäften „Fräulein Anna!", „Fräulein Clara!" usw. genannt. Es ist zweifellos, daß dieser seltsame Unterschied, der da zwischen weiblichem und männlichem Personal gemacht wird, zu den zahlreichen Ursachen gehört, die den Verkäuferinnen-Beruf bei den Töchtern aus besseren Familien vielfach in Misskredit gebracht haben, denn das Rufen beim Vornamen hat etwas herabwürdigendes und dabei auch etwas vertraulich intimes. ...
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Der König der Ausbrecher , Harry Morton, von dem bekannt geworden war, daß er, an Händen und Füßen gefesselt, von einem Motorboot in den Rhein springen und sich unter Wasser seiner Fesseln entledigen werde, hatte gestern nachmittag eine riesige Menschenmenge an den Rhein gelockt. Mittlerweile war aber auch bekannt geworden, daß die Polizei eine derartige Schaustellung untersagen werde. Tatsächlich bemerkte man unter den vielen Zuschauern eine Anzahl Polizei- und Kriminalbeamte, die gewillt waren, den „Ausbrecher-König“, falls er trotz des Verbots den „Todessprung“ wagen sollte, dingfest zu machen. Mittlerweile aber war Harry Morton, der „König der Ausbrecher“ längst heimlicherweise auf einem Boot bis Königswinter gefahren und kam nun kurz nach 5 Uhr an Bord eines Motorbootes in langsamer Fahrt auf Bonn zu. „Wird er in den Rhein springen oder nicht?“ Das war die Frage. Das Publikum stellte sich auf die Fußspitzen, auf die Bänke, Gitter und Landungsbrücken. Kurz vor der Köln-Düsseldorfer Landesbrücke schwang sich Morton im Badekostüm behende auf das Oberdeck und sprang gefesselt ins Wasser. Im Augenblick hatte er sich seiner Fesseln entledigt, schüttelte wie ein Pudel das Wasser ab und ließ sich unter dem Beifall des Publikums noch mehrere Male fesseln. Auch dann gelang es ihm in kurzer Zeit, unter Wasser freizukommen. Das Publikum, das für derartige Schaustellungen gern und dankbar zu haben ist, ließ es an Beifall nicht fehlen. Kurze Zeit darauf sah man Harry Morton, den „Ausbrecher-König“, überlegen lächelnd, im Straßenanzug durch Rheinpromenade schlendern und nach Gebühr „bewundern“ lassen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Ein Studenten-Umzug. Die katholische Studenten-Verbindung „Bavaria“ veranstaltete heute morgen anläßlich ihres 70jährigen Stiftungsfestes einen großen Umzug durch die Straßen der Stadt. An der Spitze des Zuges ritt das Trompetenkorps des hiesigen Husarenregiments in historischen Uniformen mit den Farben der Bavaria. Hoch zu Roß folgten die Chargierten mit dem blau-weiß-hellblauen Banner. Dann folgten in unabsehbarem Zuge Wagen, geschmückt mit den Farben der Verbindung. In ihnen hatten die Alten-Herren, Inaktive, Aktive und Vertreter auswärtiger Kartellverbindungen je zu zweien Platz genommen. Blumengeschmückte Dogcarts, von Bavarenfüchsen selbst gelenkt, beschlossen die Wagenreihe.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Vorabendausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Rekruten-Fürsorge. Sonntag morgen 11 Uhr traten in dem Exerzierschuppen der hiesigen Infanteriekaserne 242 Rekruten an, um teilzunehmen an der Erlernung der ersten militärischen Uebungen. Erfreulicherweise hatten sich wiederum 20 Mann mehr eingefunden als das letztemal, auch einige Einj.-Freiwillige und mehrere Rekruten der benachbarten Ortschaften waren erschienen.
Die jungen Rekruten wurden in mehrere Abteilungen eingeteilt und dann erlernten sie Freiübungen: Rollen der Hände, der Füße, des Kopfes, der Arme usw.; es folgten Körperübungen mit ausgestreckten Armen, Bewegungen in Kolonnen: Abschwenken und Marschieren in Gruppen, wobei das Hauptgewicht auf ungezwungene, körperliche Haltung gelegt wurde. Nach dieser Übung sammelte der Vorsitzende, Herr Klutmann, das „Ganze“ und richtete einige Worte an die Rekruten. Redner forderte die jungen Leute auf, alle ihre Kameraden zur Rekrutenfürsorge einzuladen.
Am Dienstag, den 28. Juli abends 8 ½ Uhr ist Versammlung in der Germaniahalle und Vortrag über das Thema: Notwendigkeit der Dienstpflicht und der Wehrpflicht; den Sonntag nach dem Vortrag sind Bewegungsübungen im Gelände auf dem Venusberg, Rückmarsch mit der Regimentsmusik zum Kaiserdenkmal, dortselbst Ansprache und Kaiserhoch.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Morgenausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 22. Juli 1914
Für die Zeit der großen Schulferien, d.h. vom 5. August bis einschließlich 9. September d.J., werden auf den Stationen des Direktionsbezirkes Köln für die Dauer der Ferien gültige, sogenannte Ferien-Stamm- und Nebenkarten 1. – 3. Klasse unter den für die gewöhnlichen Monats- und Nebenkarten geltenden Bedingungen ausgegeben.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Zu einem großen Menschenauflauf kam es in der Nacht von Sonntag auf Montag auf dem Friedrichplatz. Mitglieder eines Vereins vom Vorgebirge erwarteten die Vorgebirgsbahn und vertrieben sich mittlerweile die Zeit mit Musik und Gesang. Als ein Polizeibeamter um Ruhe ersuchte, wurde er von einigen Mitgliedern in höhnischer und beleidigender Weise angegriffen. Erst als noch einige Beamte hinzukamen, gelang es, die Namen der Hauptruhestörer festzustellen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Donnerstag, 23. Juli 1914
Auf der Titelseite der Bonner Zeitung wird die Frage gestellt: „Droht der Weltkrieg?". Aber immer noch ist für den Kommentator eine „friedliche Beilegung der bevorstehenden österreichisch-serbischen Auseinandersetzung [...] die wahrscheinlichste." Vom 20. bis 23. Juli hielten sich der französische Präsident Poincaré und sein Ministerpräsident Viviani in Petersburg auf und sicherten dem Zaren die französische Bündnistreue zu. Die Bonner Presse berichtete ausführlich über diesen Staatsbesuch.
Universität: Die Feier des Gedächtnisses an den Stifter der Universität, König Friedrich Wilhelm III. findet, wie alle Jahre, am 3. August vormittags 11 Uhr in der Aula statt. ... Die Korporationen werden ersucht, wegen Raummangels sich nur durch je einen Chargierten mit Fahne vertreten zu lassen.
Eine Schwimmübung der Bonner Husaren findet am Montag morgen um 8 Uhr bei Mondorf statt. Der Rhein wird in seiner ganzen Breite von den Pferden, die von in Booten sitzenden Husaren am Zügel geführt werden, durchschwommen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")

Noch gut abgelaufen. Auf der Brückenstraße kam gestern abend ein jugendlicher Radfahrer, der ein etwa 10jähriges Mädchen mit aufs Rad genommen hatte, auf den Schienen der Straßenbahn zu Fall. Während der junge Mann in weitem Bogen weggeschleudert wurde, blieb das Mädchen, zwischen dem Rade eingeklemmt, auf den Schienen liegen. Dem Führer eines Straßenbahnwagens gelang es im letzten Augenblick, den Wagen kurz vor der Unfallstelle zum Halten zu bringen. Mehrere Zeugen des Vorfalles schrien vor Bestürzung laut auf, da sie das Ueberfahrenwerden des Mädchens für unvermeidlich hielten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Freitag, 24. Juli 1914
Am 23. Juli hatte Österreich-Ungarn ein auf 24 Stunden befristetes Ultimatum an Serbien gestellt. Darin wurde die Bekämpfung jeder gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda sowie die gerichtliche Untersuchung des Attentats unter Beteiligung österreichischer Beamter gefordert. Die Bonner Presse hält sich mit der Einschätzung der durch das Ultimatum grundlegend veränderten Situation zurück. Die Reichszeitung berichtet allerdings, Berliner Regierungskreise gingen davon aus, „daß Oesterreich wohl mit Serbien allein seine Sache regeln werde, falls eine zweite Macht Oesterreich in den Rücken fallen werde oder auf Oesterreich einen Druck ausüben sollte, Deutschland mit seiner ganzen Macht und bis zu den äußersten Konsequenzen hinter seinen Verbündeten stehen werde."
Desinfektion durch Plätteisen: Es dürfte unsere Hausfrauen interessieren, daß neuerdings in einem bakteriologischen Laboratorium Versuche angestellt wurden, welche ergeben haben, daß das Plätten der Wäsche in sehr hohem Maße desinfiziert. Zur Abtötung der krankheitserregenden Bakterien genügen meist schon Temperaturen von 140 Grad. Ein Gasplätteisen hat aber eine Temperatur, die zwischen 200 und 400 Grad schwankt. Indem nun das heiße Plätteisen über die Wäsche fährt, finden die etwa noch durch den Waschprozeß nicht getöteten Bakterien den Tod. ...
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
In den Schmuckanlagen am Hohenzollernplatz stehen die Magnolien zum zweiten Mal in diesem Jahr in voller Blüte.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Mittwoch, 25. Juli 1914
Schutz der Nerven. Die Tägl. Rundsch. schreibt: Es besteht die Absicht, im Zusammenhang mit der gesetzlichen Regelung des Betriebes von Singspielhallen auch die Möglichkeit eines Einschreitens der preußischen Behörden gegen die Belästigungen der Nachbarschaft durch Musikautomaten und Orchesterkonzerte zu schaffen. ...
Die Bonner Liedertafel veranstaltet Sonntag, 2. August, in der Beethovenhalle ein Konzert, in dem das Programm der am 15. August beginnenden Konzertreise des Vereins nach Süddeutschland aufgeführt werden wird.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Bonn hält am Sonntag nachmittag auf dem Adolfplatz ihre diesjährige große Uebung ab. Schon in früher Morgenstunde wird von Kolonnenmitgliedern ein Notlazarett für 14 Verwundete errichtet. Zu der Uebung ist auch die Wesselinger Sanitätskolonne mit herangezogen, und man wird sich ein Bild machen können, wie schon in Friedenszeiten für etwaige Verwundete gesorgt wird.
Fahrraddiebstähle und kein Ende. Die Fälle, daß unbewacht stehende Fahrräder gestohlen werden, mehren sich. Den Bemühungen unserer Kriminalpolizei ist es in der letzten Zeit verschiedentlich geglückt, Fahrraddiebe festzunehmen. Gestern wurde wiederum ein junger Arbeiter von einem Kriminalbeamten darüber abgefaßt, wie er sich am Bonnertalweg ein Fahrrad aneignen wollte. Ferner wurde ein 26jähriger Aushilfskellner festgenommen, der im Verdacht steht, ebenfalls ein Fahrrad gestohlen zu haben. Den Herren Dieben wird es – wie man täglich auf der Post und sonstigen öffentlichen Gebäuden beobachten kann – allzu leicht gemacht. Die Fahrräder bleiben sorglos ohne Sicherung auf der Straße stehen, und es dauert mitunter geraume Zeit, ehe die Eigentümer ihr Rad wieder an sich nehmen. Im Interesse der Radbesitzer liegt es, wenn sie ihre Räder besser beobachten oder aber mit einer Sicherung versehen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Sonntag, 26. Juli 1914
Am Tag zuvor hatte Russland Serbien seine Unterstützung zugesagt. Die serbische Regierung hatte darauf hin als Antwort auf das österreichische Ultimatum erklärt, es sehe durch dessen Forderungen seine Souveränitätsrechte verletzt, und hatte die Teilmobilmachung ausgerufen. Österreich-Ungarn hatte darauf mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und ebenfalls mit Teilmobilmachung reagiert.
Am Wochenende fanden in vielen deutschen Städten patriotische Kundgebungen, aber auch von Sozialdemokraten organisierte Friedensdemonstrationen statt. Das deutsche Kaiserpaar brach seine Sommerreise ab und kehrte nach Berlin zurück.
Die Bonner Zeitung kommentierte auf der Titelseite: „Wenn Serbien die österreichischen Forderungen ablehnt, steht der Krieg unmittelbar bevor. Die Mächte werden versuchen, diesen Krieg zu lokalisieren."
Von der Universität: In der juristischen Fakultät promovieren am 1. August Fräulein Gerta Zündorf aus Bonn und Referendar Bruno Bockmühl aus Barmen zu Doktoren beider Rechte.
Moderne Heizwasserbeschaffung: Dank der Aufklärung ärztlicher Kreise wird der Hygiene des täglichen Lebens von den weitesten Bevölkerungsschichten immer mehr Beachtung geschenkt. Schon früher war es ein geflügeltes Wort, daß der Kulturstand eines Volkes nach seinem Verbrauch an Seife gekennzeichnet werden kann, und in der Tat ist nichts so geeignet, die Gesundheit zu erhalten und zu festigen und Krankheiten zu verhüten, als große Sauberkeit des Körpers, der Kleidung und der Wohnräume. Die bequeme und möglichst billige Beschaffung heißen Wassers dürfte besonders geeignet sein, diese Bestrebungen zu unterstützen. ...
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Eine große Radauszene spielte sich vor kurzem nach einem Tanzvergnügen in Endenich ab. In einem Hause der Frongasse war von jungen Leuten eine Fensterscheibe zertrümmert worden. Als der Besitzer die jungen Leute zur Rede stellte, fielen einige über ihn her und verprügelten ihn. Fünf Personen wurden zur Anzeige gebracht. Drei von ihnen wurden am Samstag vom Schöffengericht wegen Körperverletzung und ruhestörenden Lärms zu einer Geldstrafe von je 15 Mark verurteilt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Montag, 27. Juli 1914
Noch bevor am 28. Juli die offizielle Kriegserklärung Österreichs an Serbien erfolgt, ist der Krieg für die Bonner Presse schon ein Faktum. Die Reichszeitung titelt „Der Krieg zwischen Oesterreich und Serbien", der General-Anzeiger lapidar „Krieg" und die Bonner Zeitung etwas zurückhaltender „An der Schwelle des Krieges".
Wie man in Bonn die österreichisch-serbischen Meldungen aufnahm. Der österreichisch-serbische Konflikt, der die Welt in Aufregung hält, hat auch in unserer Stadt große Spannung hervorgerufen, die durch die letzten Nachrichten noch gesteigert wurde. Ohne Zweifel, man stand vor wichtigen Ereignissen, deren Tragweite man ahnen, aber noch nicht voraussehen konnte. Von 6 Uhr abends ab (dem Zeitpunkt des Eintreffens der Antwortnote an Österreich) sammelte sich das Publikum vor unserer Geschäftsstelle an der Bahnhofstraße. Die Menschenmenge vergrößerte sich zusehends. Mit fieberhafter Spannung erwartete man das Eintreffen weiterer Nachrichten. Das Telephon rasselte ununterbrochen. Zeitweise klingelte es auf vier Leitungen zu gleicher Zeit. Nicht allein aus Bonn kamen Anrufe, sondern aus unserm ganzen Verbreitungsbezirk und darüber hinaus. Inzwischen wurde das erste Extrablatt herausgegeben. Danach hatte es den Anschein, als ob Serbien den österreichischen Forderungen nachkommen würde. Das Extrablatt wurde verhältnismäßig kühl entgegengenommen. Nach den Mienen und Äußerungen des Publikums schien es sogar, als ob man etwas enttäuscht sei und etwas ganz anderes erwartet habe. Inzwischen aber hatte uns der Draht ganz andere Nachrichten übermittelt. Danach hatte Serbien eine ungenügende Antwort auf die österreichische Note erteilt, die diplomatischen Beziehungen waren abgebrochen und die Mobilisierung bekannt gemacht worden.
Das Publikum hatte sich in immer größerer Menge vor unserer Geschäftsstelle angesammelt. Damen und Herren, die unsere Expedition aufsuchen wollten, hatten Mühe, durchzukommen. Die fieberhafte Spannung wuchs, als bekannt wurde, daß ein zweites Extrablatt gedruckt werde. Als dann die ersten schmalen Extrablätter zur Austeilung kamen, war das Gedränge beängstigend. Die obere Bahnhofstraße war trotz des grauen Regenhimmels dicht mit Menschen besetzt, die die Extrablätter hastig an sich nahmen. Begeisterte Hochrufe erschollen. Es war, als ob die plötzliche – wenn auch verhängnisvollere – Wendung der Dinge sympathischer und befriedigender aufgenommen werde. „So ist’s recht, so muß es kommen, endlich mal Klarheit!“ So schwirrten die Meinungen durcheinander. Nicht allein von jüngeren Leuten, sondern auch von gereiften Männern aus allen Kreisen wurde dieser Meinung Ausdruck gegeben. Es gab natürlich auch Leute, die den Kopf schüttelten und von schwerer Zeit redeten. Dazwischen wurde „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen und Hochrufe ausgebracht. Um die Extrablätter schneller zur Verteilung zu bringen, wurden die Blätter packweise vom ersten Stockwerk unserer Geschäftsstelle herab geworfen.
Der Straßenverkehr war überaus lebhaft. Überall bildeten sich Gruppen, die, unser Extrablatt in der Hand, eifrig diskutierten. In den Wirtschaften war bis spät in die Nacht hinein reges Leben. Die Ereignisse mussten besprochen werden, ans Nachhausegehen dachte so leicht keiner. Auf dem Kaiserplatz veranstalteten Studenten vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal eine patriotische Kundgebung. Unsere Telephonleitungen wurden bis spät in die Nacht hinein in Anspruch genommen.
Aus allem aber hörte man die herzliche Brüderschaft, die Sympathie, die uns mit Österreich verbindet und das „Einigsein“ mit seinen Schritten wohltuend heraus.
In den Kreisen der Bürgerschaft äußerte sich am gestrigen Sonntag nach der Kenntnisnahme unserer Sonderausgaben eine Stimmung, wie sie sich ähnlich 1870 bei der Kriegserklärung gegen Frankreich kundgab. Der alte von Loe, der nachmalige Generalfeldmarschall, der 1870 unseren Königshusaren ein tapferes Vorbild war, erzählte in seinen Erinnerungsblättern mit besonderer Vorliebe von jenen ernst-erhebenden Bonner Tagen vor dem 70er Feldzug, wo unsere akademische Jugend sich mit heller Begeisterung freiwillig den Regimentern einreihte und mit den jungen Gelehrten darin wetteiferte, die von den Lehrstühlen und aus den Kliniken eilten, um der Sache des Vaterlandes ihre Kräfte zu leihen. Und auch in der übrigen Bürgerschaft Bonns lohte damals die Begeisterung hoch auf, als nach der denkwürdigen Szene zu Ems die Kriegswürfel gefallen waren und aus allen Ständen und Berufen die waffenfähigen Söhne zu den Fahnen eilten. Noch ist es heute nicht so weit, noch haben die Kanonen nicht gesprochen. Aber was sich beispielsweise gestern in der Poppelsdorfer Allee abspielte, wo die Menge nach den Klängen des Trompeterkorps, eben der alten „Lehm ops“, die „Wacht am Rhein“, das Preußenlied und die österreichische Nationalhymne sang, war ein würdiger Auftakt für die Stimmung, die uns erfüllen muß, wenn wir uns als Bonner unserer Väter würdig zeigen wollen.
Nicht minder erhebend wirkte es, als eine große Schar von Studenten vor das Haus des Universitätsrektors Geheimrat Schulte und vor die Villa unseres Herrn Oberbürgermeisters Spiritus zog, um hier ebenso wie vor dem Kaiser Wilhelm-Denkmal und dem Arndt-Denkmal und auf dem Markte Kundgebungen zu veranstalten, die von einer patriotischen Begeisterung unserer Jugend Zeugnis ablegten. Auch in den öffentlichen Lokalen zeigte sich eine österreich-freundliche, bundesbrüderliche Stimmung.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Vaterländische Kundgebungen fanden am Samstag und am Sonntag wie in anderen Städten auch in Bonn statt. Samstag abend zogen nach dem Bekanntwerden der Nachricht, daß Serbien die österreichische Note ungenügend beantwortet habe, Gruppen durch die Straßen und sangen die deutsche und österreichische Nationalhymne sowie die Wacht am Rhein. Eine Anzahl von Studenten zog vor das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, andere zogen vor die Wohnung des Universitätsrektors, Geheimrat Schulte, der eine kurze Ansprache an die Studenten hielt. Auch bei dem gestrigen Promenadenkonzert in der Poppelsdorfer Allee kam es zu begeisterten patriotischen Kundgebungen.
Städtisches Gymnasium: Der Literarische Verein am Städtischen Gymnasium veranstaltetMittwoch Nachmittag ½ 7 in der Aula einen Unterhaltungsabend.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Die Kriegsnachrichten halten ganz Bonn seit Samstag abend in Aufregung und Spannung. In der Nacht zum Sonntag wurden die Straßen nicht leer, die größeren Gasthäuser waren bis zum Morgen geöffnet und von nichts anderem wurde gesprochen, als von den Nachrichten aus Wien und Budapest, die die Extrablätter der Zeitungen verbreitet hatten. Vor dem Hause der Deutschen Reichszeitung warteten am Samstag abend bis spät in die Nacht und den gestrigen ganzen Tag eine nach Hunderten zählende Menschenmenge auf die neuesten Depeschen. An vielen Stellen kam in patriotischen Liedern die allgemeine Sympathie für Oesterreich zum Ausdruck. In der Sonntagnacht wurde in den Gasthäusern und auf der Straße die deutsche und österreichische Nationalhymne und „Die Wacht am Rhein“ gesungen. Eine große Anzahl Studenten zog zum Kaiser-Denkmal und zum alten Zoll. Einer der Studenten hielt am Kaiser-Denkmal eine Rede, die in ein Hoch auf den deutschen und den österreichischen Kaiser ausklang, auf dem alten Zoll sangen die Studenten das Arndt’sche Freiheitslied: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Später zogen sie auch vor die Wohnung des Universitätsrektors. Auf die Ansprache eines Studenten erwiderte der Rektor mit einer kurzen Rede.
Auch bei dem Promenadenkonzert, das jeden Sonntag in der Poppelsdorfer Allee von einer Militärkapelle ausgeführt wird, kam es gestern mittag zu begeisterten patriotischen Kundgebungen. Als die Musik zum Schlusse „Heil Dir im Siegerkranz“ spielte, sangen viele Hundert mit und als die Nationalhymne geendet, brach die Menge spontan, wie aus einem Munde in eine dreifaches Hoch auf den Kaiser aus.
In Siegburg mußte die Pionierkapelle, die im „Herrengarten“ ein Konzert gegeben hatte, auf Wunsch der Zuhörer zum Marktplatz ziehen. Hunderte folgten ihr in langem Zuge und sangen zu den Klängen der Musik die österreichische Nationalhymne „Gotte erhalte Franz den Kaiser“ und „Die Wacht am Rhein“.
Auch in der vergangenen Nacht war es in den Straßen Bonns lebhafter als sonst. Gewitterschwüle liegt in der Luft, jeder spürt, daß ein großes Ereignis der Weltgeschichte seinen Anfang genommen hat.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, d. 28. Juli
Angesichts der zunehmenden internationalen Spannungen kündigt der Bonner General-Anzeiger an, ab sofort neben der mittags erscheinenden Hauptausgabe bereits morgens um etwa 9 Uhr ein Extrablatt für den Straßenverkauf herauszugeben, um das Nachrichtenbedürfnis der Bevölkerung zu befriedigen.
In Erwartung der Kriegsdepeschen. Fast jede Minute läuteten auch heute noch die Telephone unserer Redaktion. Privatleute, Geschäfte, Cafés, alles will wissen, wie sich die Lage gestaltet hat. Die Kriegsgefahr bildet überall das ausschließliche Unterhaltungsthema. Ueberall nervöse Aufregung, die sich auslösen muß, wenn stundenlange Ungewißheit den Menschen in Atem hält. Vor den Schaufenstern unserer Geschäftsstelle, auf den Plätzen und Straßen stehen die Passanten mit den neuen Ausgaben der Zeitungen in der Hand und das große Ereignis und seine möglichen Folgen für Deutschland lebhaft besprechend.
Ein schönes militärisches Schauspiel. Drei kriegsstarke Schwadronen der Bonner Königshusaren überschwammen heute morgen mit ihren Pferden bei Mondorf den Rhein. – Daß die gegenwärtige kriegsdrohende Zeit das Interesse an militärischen Uebungen gemehrt und vertieft hat, ward dadurch besonders ersichtlich, daß hunderte von Menschen sich eingefunden hatten, den interessanten Vorgängen zuzuschauen. (…) Die Uebung, die fast den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, verlief sehr gut, ohne jeglichen Zwischenfall – nicht gerechnet, daß einige Reiter beim Aufsitzen vom Nachen aus mit dem Wasser in nähere Berührung kamen, zum Gaudium der Kameraden und Zuschauer. Es war eine Freude, dem kriegerisch anmutenden Treiben zuzusehen, dem sachgemäßen, zielbewußsten Handeln und Zufassen der Soldaten, dem mutigen Schwimmen der Pferde, die trotz aller Wellen ruhig und sicher neben den Kähnen dem Ufer zustrebten. Und so hat diese Uebung der Husaren wieder den militärischen Ausspruch bewiesen, daß es für die Soldaten nur Hindernisse gibt, damit sie überwunden werden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Vorabendausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Etwa 80 österreichisch-ungarische Staatsangehörige, die in Bonn und in den Nachbarorten wohnten, sind gestern dem Aufrufe des Generalkonsuls folgend, in ihre Heimat abgereist, um sich der Militärbehörde zu stellen.
Zur Beruhigung der Bürger, welche durch Guthaben bei der städtischen Sparkasse beteiligt sind, diene der Hinweis darauf, daß die Sparkassengelder als Privateigentum nach staats- und völkerrechtlichen Grundsätzen vor dem Zugriff jeder Staatsgewalt im Krieg und Frieden geschützt sind, somit dauernd die größte Sicherheit bieten. Selbstverständlich würde auch im Falle einer Mobilmachung der Betrieb der Sparkasse aufrechterhalten bleiben.
Diese Bekanntmachung des Oberbürgermeisters von Köln verdient auch in Bonn veröffentlicht zu werden; denn es ist gestern ein wahrer Ansturm auf die Bonner städtische Sparkasse unternommen worden. Wenn es wirklich zu einem Kriege käme, an dem sich auch Deutschland beteiligen müßte (was aber nach der Lage der Dinge so gut wie ausgeschlossen ist), werden Geld und Wertsachen auf der städtischen Sparkasse sicherer aufbewahrt, als zu Hause.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Morgenausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Ippendorf, 27. Juli. Am Sonntag wurde im Lokale des Herrn Wilhelm Hülsmann ein Spielverein zur Förderung des Fußballs und der Leichtathletik gegründet. Dem Verein traten 18 Mitglieder bei.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Morgenausgabe, Rubrik „Aus der Umgegend“)
Der Gestellungsbefehl der österreichischen Armee, der in den Tageszeitungen bekannt gegeben wurde, hat zur Folge gehabt, daß von Bonn aus im Laufe des gestrigen Tages etwa 130 österreichische Reservisten über Köln nach Österreich befördert wurden. ...
Falsches Gerücht. In der vergangenen Nacht war in Bonn und der weiteren Umgebung das Gerücht verbreitet, daß der deutsche Botschafter in Paris Frhr. von Schoen, ermordet worden sei. Große Menschenansammlungen fanden deshalb vor unserem Geschäftslokal statt und fortgesetzt erfolgten telephonische Anfragen. Als wir auf Grund genauer Feststellungen bei den Telegraphenbureaus durch Anschlag am Fenster kundgaben, daß es sich um ein unbegründetes Gerücht handle, wurde dies begreiflicherweise mit stürmischen Jubel begrüßt, und sichtlich beruhigt zerstreute sich das Publikum.
An der Rheinbrücke wurde gestern gegen Abend von einem Kriminalbeamten ein Automobil angehalten, in dem sich drei Herren befanden. Der Beamte ließ sich die Ausweispapiere der Insassen vorzeigen und fuhr zusammen mit den Herren nach der Polizeiwache. Wie es heißt, soll es sich um Herren aus Frankreich gehandelt haben, die bei der Fahrt von Beuel nach Bonn photographische Aufnahmen von der Rheinbrücke gemacht haben. Ob es sich um einen Fall von Spionage handelt, konnten wir auf unsere Anfrage bei der Polizei nicht ermitteln.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Konservative Vereinigung: Zu einer erhebenden nationalen Feier gestaltete sich das als Sommerfest geplante Fest der Konservativen Vereinigung, das Sonntag bei sehr zahlreicher Beteiligung in der Beethovenhalle stattfand. ... Dann nahm der geschäftsführende Vorsitzende, Landrichter a.D. Dr. Kaufmann das Wort zu einer Begrüßungsansprache. Er erinnerte an die ernste politische Lage. Ein Weltkrieg, bei dem ungeheure wirtschaftliche und ideelle Werte auf dem Spiel stehen, bedrohe uns. Die Entscheidung hänge von Russland ab, wenn es den Krieg wolle, werde Deutschland seinem Bundesbruder in unerschütterlicher Treue zur Seite stehen. Der Krieg, wenn er kommt, werde ein gerechter Krieg sein, denn es gelte, die germanische Art in Europa zu verteidigen. ... Gott schütze uns, damit der Rhein, den das Haus Hohenzollern jetzt 100 Jahre freigehalten habe, auch fernerhin deutsch bleibe.
Eine Mahnung zur Besonnenheit erlässt der Kölner Oberbürgermeister als Vorsitzender des Sparkassenvorstandes. Zur Beruhigung der bei der Städtischen Sparkasse durch Guthaben beteiligten Bürgerschaft diene der Hinweis darauf, daß die Sparkassengelder als Privateigentum nach staats- und völkerrechtlichen Grundsätzen vor dem Zugriff jeder Staatsgewalt in Krieg und Frieden geschützt sind, somit dauernd die größte Sicherheit bieten. Selbstverständlich würde auch im Falle einer Mobilmachung der Betrieb der Sparkasse aufrecht erhalten bleiben. Um einem etwaigen unüberlegten Andrang des Publikums auf Auszahlung des Guthabens vorzubeugen, wird für alle Rückforderungen von mehr als 1000 Mark die Innehaltung der satzungsmäßigen Kündigungsfrist bis auf weiteres beansprucht werden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“
Mittwoch, 29. Juli 1914
Am Tag zuvor, am 28. Juli, hatte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärt.
In der Sternstraße wurde heute morgen ein Mann, der in die Lektüre eines Extrablattes über den österreichisch-serbischen Krieg vertieft war, von der elektrischen Straßenbahn angefahren und zu Boden geworfen. Auf ein Haar wären ihm die Räder über beide Beine gegangen.
Im Kriegsfalle sind Geld und Wertsachen bei der Sparkasse sicherer aufgehoben, als zu Hause, haben wir heute morgen schon betont, weil ängstliche Gemüter gestern ihre ganzen Spareinlagen aus Besorgnis, sie würden beim Ausbruch eines Krieges vom Staat beschlagnahmt, von der städtischen Sparkasse abgehoben haben. Von genau unterrichteter Seite erhalten wir dazu noch folgende Zuschrift:
Es ist wirklich albern, sich wegen der Sparguthaben selbst zu Kriegszeiten irgendwelche Gedanken zu machen. Nirgendwo sind die Spargelder besser aufgehoben und geschützt als gerade auf den Sparkassen. (…) Weitverbreitet ist die irrige Annahme, daß dem Staate im Falle eines Krieges das Recht zustehe, die in Sparkassen ruhenden privaten Gelder mit Beschlag zu belegen. Demgegenüber sei betont, daß diese Gelder auf Grund gesetzlicher Bestimmung, an die auch der Staat gebunden ist, unantastbar sind. Auch vor dem Feinde ist das Geld sicher; denn der vornehmliche Grundsatz des Völkerrechtes ist der, daß Privateigentum unverletzlich ist. (…) Allen Sparern kann daher nur empfohlen werden, das Geld ruhig auf der Sparkasse zu lassen, zumal für im Hause aufbewahrtes Geld große Gefahr des Verlustes besteht. Diebe und Feuer gefährden es, während es in den Sparkassengewölben sicher ruht und Zinsen bringt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Vorabendausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mahnung zur Besonnenheit. Fast die gesamte deutsche Presse richtet an die Geschäftswelt und an die Kapitalisten den Appell, unbedingt Ruhe und kühlen Kopf zu bewahren und sich von übereilten Schritten zurückzuhalten, sowohl hinsichtlich der Effektenkäufe als auch der Depotabhebungen.
Telegrammverkehr. Wegen großer Anhäufung der Telegramme nach Oesterreich-Ungarn, den Balkanstaaten und Russland erleiden die Telegramme dorthin Verzögerungen.
Das Bonner Pfadfinderkorps wird nächsten Sonntag im großen Saale des Bonner Bürgervereins das wunderhübsche Lustspiel K. Gutzkows „Zopf und Schwert“ zur Aufführung bringen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“
Anzeige aus der Bonner Zeitung 29. Juli 1914
Aufgeregte Stimmung herrschte gestern wieder in der ganzen Bevölkerung. Das Ausbleiben von positiven Nachrichten über den Stand der Dinge, allerlei wilde Gerüchte über Ermordung deutscher Diplomaten, deutsche Mobilisierung usw. ließen niemand zur Ruhe kommen. Hauptsächlich vor dem Geschäftslokale des General-Anzeigers staute sich besonders in den Abendstunden eine gewaltige Menschenmasse. Von der Ecke
Martingasse bis zum Bahnhof war ein Verkehr namentlich in den Abendstunden kaum zu bewerkstelligen. Selbst als die Redaktion die letzte Depesche gegen 12 Uhr herausgab und ausdrücklich erklärte, weitere Nachrichten seien jetzt nicht mehr zu erwarten, wollten nur wenige von einem Nachhausegehen etwas. Die Depesche wurde von einigen stimmbegabten Leuten vorgelesen und mit etwas gedämpften Hurra begrüßt. Sie enthielt nämlich eine etwas beruhigende Mitteilung über die russische Mobilisierung. Es ist charakteristisch für die zur Zeit herrschende Volksstimmung, daß man lieber von Krieg gehört hätte. Ein altes Mütterchen, das in den ersten Reihen stand und wohl einen Sohn bei den Fahnen oder im Aufgebot wußte, hatte sich in die erste Reihe gedrängt. Sie wollte die ganze Nacht dableiben, auch wenn keine weiteren Nachrichten kämen, schlafen könne sie ja doch nicht!
Die Studentenschaft veranstaltete im Laufe des Tages einen Demonstrationszug zum Rektor der Universität. In den Cafés und Restaurants herrschte bis in die späte Nacht lebhaftes Treiben. Patriotische Lieder wurden gesungen und Hochrufe auf Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef ausgebracht.
Vorsichtsmaßregeln. Die Ahrbrücke zwischen Sinzig und Remagen wird zurzeit von Eisenbahnbeamten mit Karabinern bewacht. Ebenfalls sind Posten an den Bahnübergängen aufgestellt. Durchkommende Automobile werden visitiert.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Gassenpolitiker
Auch Bonn hat, wie die anderen großen Städten (sic), in diesen Tagen seine Gassenpolitiker. Nicht nur im Kaffee und im Bierhaus.; auch in der Gasse wird politisiert. Deutschnationale Ladenjünglinge und deutschvereinliche Studenten produzieren ‚Patriotismus’ mit Kehlen und Lippen auf Straßen und Plätzen. Bis tief in die Nacht dauert der Radau. Sinnlos brüllen sie durcheinander: wer will des Stromes Hüter sein, ich bin ein Preuße, Deutschland über alles. Die Herrschen, die sich hier mit großem Unverstand als die Hüter des Stromes ausschreien und mit der Lungenkraft eines Jahrmarktausrufers der ganzen Welt bekannt geben wollen, daß sie Preußen sind und daß ihnen Deutschland über alles geht, haben natürlich keine Ahnung, was ein Krieg bedeutet, den sie mit frevlem Leichtsinn herbeizuwünschen scheinen. Vermutlich würde ein großer Teil sich zu Muttern zurückwünschen, wenn die Flinten wirklich einmal losgingen und sie im Kugelregen ständen, wenn Garanten unter ihnen platzten und zerfetzte Gliedmaßen umherfliegen und Gehirne ihnen ins Gesicht spritzen; wenn rings die Greuel der Verwüstung sich häuften und am Boden elend die Verstümmelten sich wälzten und schrien. Das ist Krieg, meine jungen Herren! (...)
Die ganze Welt weiß schon, daß wir uns nichts bieten lassen wollen, wir brauchen es nicht erst hinaus zu schreien. Die Polizei sollte im allgemeinen Interesse Demonstrationen, wie sie gegenwärtig in der Dunkelheit auf Straßen und Plätzen verübt werden, untersagen und, wenn fruchtlos, wie jede andere Ruhestörung behandeln. Leider aber hat hier die Polizei bisher versagt. Einer ihrer Beamten hat sich sogar an einem Abend emporheben und auf Schultern tragen lassen und Ansprachen an die Kehlen- und Lippen"patrioten" gehalten. Es soll hier nicht untersucht werden, ob der Polizeibeamte zu einem derartigen Hervortreten berechtigt war. Doch muß hervorgehoben werden, daß derartige Zungenübungen nicht im Interesse des Friedens liegen. Jeder hier zufällig anwesende Ausländer muß eine merkwürdige Meinung von unsern jungen Leuten und unserer Polizei erhalten. Das Gemeingefährliche der unangebrachten Demonstrationen hat man in Berlin auch bereits eingesehen. Gegen die Umzüge ist ein direktes Verbot erlassen worden, was man hoffentlich hier nicht unbeachtet läßt.
Der Straßenlärm wird allerdings durch die marktschreierische Aufmachung unserer beiden Annoncenblätter geradezu gefördert. Beide überbieten einander in ihrem papierenen „Patriotismus". Der General-Anzeiger erzählt täglich, was sich vor ihrer Geschäftsstelle abspielt. Montag stellte sie tiefsinnige Betrachtungen an über die Begeisterung, die damals, nach der französischen Kriegserklärung, hier in Bonn herrschte, und der jetzigen, die nach den ersten Nachrichten über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien ausbrach. Nach der Schilderung des Hauptannoncenblattes für Bonn und Umgegend herrschte unter den Vielen, die seine Geschäftsstelle umlagerte, eine geradezu perverse Neugier. Die ersten Nachrichten, die eine friedliche Beilegung des Zwistes erwarten ließ, sollen die Wartenden enttäuscht haben, während die späteren Meldungen mit großer Befriedigung aufgenommen worden sein sollen. Die Aeußerungen des Publikums vor dem General-Anzeiger lassen, wie erzählt wird, allerdings die Deutung zu, es freue sich über den Ausbruch der Feindseligkeiten, die so ungeheuer schwere Folgen für ganz Europa haben können. Aber diese gedankenlosen Gaffer repräsentieren nicht die Bonner Bevölkerung, die in ihrer überwiegenden Mehrheit den Ernst des Augenblicks würdigt und die kindischen Demonstrationen der Urteilsunfähigen vor den Zeitungen und in den Gassen bedauern muß. Das sollten die Redaktionen unserer weitverbreiteten Annoncenblätter ernstlich beachten und alles vermeiden, was der ungesunden, eklen, geradezu gefährlichen Sensationslust der Gassen- und Kaffee- und Bierhauspolitiker Vorschub leistet.
(Volksmund, aus einem mit „Urban“ gezeichneten Artikel)
Donnerstag, 30. Juli 1914
Am 29. Juli hatte Russland die Teilmobilmachung ausgerufen. Die Bonner Zeitung meldet auf Seite 1: „Die drohende Kriegsgefahr macht sich besonders auch in den Sommerfrischen und Badeorten bemerkbar. Viele Gäste verkürzen ihren Aufenthalt draußen und reisen ab." Die Reichszeitung beruhigt ihre Leserschaft mit der Feststellung: „Alle Staaten scheinen endlich einzusehen, daß ein europäischer Krieg Dreiverband gegen Dreibund die grauenhaftesten Folgen haben würde und daß der Ruhm, den der Sieger vielleicht dabei davontragen würde, in absolut keinem Verhältnisse zu den Opfern stehen würde, welche der Krieg seinem eigenen Lande auferlegt."
Der General-Anzeiger kündigt einen erweiterten Nachrichtendienst an, solange die politische Krise anhalte. Die auswärtigen Korrespondenten seien angewiesen, „zweimal abends eine Information über die diplomatische Lage und die wichtigsten Ereignisse auf dem Drahtwege zu übermitteln". Die Bürger könnten so auch noch am Abend informiert werden. Eine kurze „letzte Depesche“ werde vor 23 Uhr an der Geschäftsstelle in der Bahnhofstraße ausgegeben.
Ruhig Blut! Diese Mahnung scheint mit Rücksicht auf die Vorgänge, die jeder gestern abend und in der letzten Nacht zu beobachten Gelegenheit hatte, angebracht zu sein. Wer ohne Voreingenommenheit den Gang der Verhältnisse verfolgt und dabei objektiv bleibt, hat keinen Grund, die Ruhe zu verlieren. Vaterländische Begeisterung ist gewiß sehr lobenswert, aber sie darf einer rechtfertigenden Grundlage nicht entbehren und muß sich vor allen Dingen in den richtigen Grenzen halten. Was aber in der letzten Nacht, zum größten Teil von halbwüchsigen Burschen, die einen über den Durst getrunken hatten, in einigen Straßen in der Nähe des Bahnhofes alles an Radau veranstaltet wurde, kann nimmermehr für sich den Namen „patriotische Begeisterung“ in Anspruch nehmen, sondern ist ein Auswuchs, der nicht entschieden genug bekämpft werden kann. Es ist zu bedauern, daß ein Teil jener Stimmungen, aus denen derartige Auswüchse entstehen, auf Nachrichten zurückzuführen sind, die sensationssüchtige Blätter verbreiten, Nachrichten, die bald von anderer Stelle widerrufen werden. Es empfiehlt sich gerade in solchen Zeiten, sich an die Meldungen der Blätter zu halten, die man als besonnen kennen gelernt hat und denen die Ruhe ein unerlässliches Gut geworden ist, die sie den klaren Blick nicht verlieren läßt. Sodann greife man auch nicht jedes Gerücht auf, das oft auch boshafter Weise in Umlauf gesetzt wird, und erzähle es als bare Münze weiter. Ruhiges Blut tut in solchen Zeiten mehr not als alles andere.
Die internationale Bahnstrecke auf der linken Seite des Rheines wird seit einigen Tagen an den Unterführungen und Uebergängen durch Posten bewacht. Kraftwagen und Fuhrwerke, die verdächtig sind, werden untersucht.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Vorabendausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Zu Ruhe und Besonnenheit ermahnt die Ortsgruppen Bonn des Hansabundes die Bürgerschaft. Jeder möge in seinem Kreise dahin wirken, daß die politische Lage mit der Ruhe und Besonnenheit betrachtet werde, die mit Rücksicht auf die wirtschaftliche und militärische Bereitschaft Deutschlands auch beim Eintreten schwerer Ereignisse am Platze sei. Insbesondere macht die Ortgruppe darauf aufmerksam, daß das unnötige Abheben von Spargeldern die Lage nur verschärfen würde. Übereilte finanzielle Maßnahmen können weder dem Interesse der Gesamtheit, noch dem einzelnen dienen.
Die Eröffnung der Jagd ist vom Bezirksausschuß in Köln wie folgt festgesetzt worden: für Birk-, Hasel-, Fasanenhähne und –hennen für den 30. September 1914, für Rebhühner, Wachteln und schottische Moorhühner für die Kreise Bergheim, Bonn Stadt und Land, Euskirchen, Köln Stadt und Land, Rheinbach, Sieg und Köln-Mühlheim auf den 25. August 1914. ... Die Schonzeit für Rehkälber wird auf das ganze Jahr 1914 ausgedehnt, ....
Anzeige in der Bonner Zeitung vom 30. Juli 1914Im Rheinhotel Dreesen in Godesberg findet am heutigen Donnerstag abend ein großes Sommerfest mit Konzert, Tanz und bei günstigem Wetter italienischer Nacht auf dem Rhein statt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Militärische Vorsichtsmaßnahmen. Unserer gestrigen Meldung tragen wir noch nach, daß auch die Bonner Rheinbrücke und die Viktoriabrücke seit gestern abend militärisch besetzt sind. Nicht allein im oberen und mittleren Rheingebiet, sondern auch im Saargebiet werden seit gestern alle Eisenbahnwege und Brücken scharf bewacht. Vornehmlich richtet sich das Augenmerk der militärischen Behörden auf die zahlreichen Eisenbahn-Tunnels, die auf der Strecke Aachen-Trier gebaut sind; sie werden besonders scharf bewacht.
Den ganzen Tag über kamen gestern Militär-Sonderzüge hier durch, die die Truppen von den einzelnen Uebungsplätzen nach ihren Stammorten zurückbrachten. Es handelt sich jedoch hierbei nicht um eine ungewöhnliche Maßnahme. Beim Passieren unserer Stadt brachen die Soldaten jedesmal in Hurrarufe aus, die von dem zahlreichen Publikum, das sich auf der Bahnhofstraße angesammelt hatte, erwidert wurden.
Krieg und Jugend. Welche Vorstellungen sich die Jugend vom Kriegführen macht, zeigt nachstehende ergötzliche Szene: Eine Anzahl Jungen, alle „bis an die Zähne bewaffnet“, betrat zum Spiel den „Kriegsschauplatz“: Tannenbusch. Hier teilten sie sich in zwei Kolonnen: „Österreicher“ und „Serben“. Nachdem sie sich auf einen gewissen Abstand von einander getrennt, nahmen sie Kampfstellung ein. Auf einen Pfiff begann der Vormarsch der „Truppen“. Vorsichtig, hinter Bäumen Deckung suchend, dann wieder platt auf dem Boden liegend und auf allen Vieren kriechend, so kam der „Feind“ einander näher. Allgemeine Spannung lag auf den Gesichtern. Da, auf einen Wink des Anführers springt die Truppe plötzlich auf und mit Hurra und gezücktem Säbel geht es auf den Gegner. Letzterer sah sich überrumpelt, geriet ins Wanken und floh bis auf den Anführer, welcher sich tapfer verteidigte. Aber er war der Uebermacht nicht gewachsen und bald lag er als Gefangener am Boden. „Dat gilt net“, protestierte er laut und schimpfte weidlich auf seine Untergebenen, die davongelaufen waren und sich nach und nach wieder einfanden. „Ihr seid doch Serbe, ihr könnt doch net gewenne“, sagte der gefangene Hauptmann – es waren nämlich die „Österreicher“, die in die Flucht geschlagen waren – „datt wär me doch zo domm; et wird noch emol von vüre angefange, die Schofsköpp han net opgepaßt.“ Die siegreichen „Serben“ wollten das natürlich nicht gelten lassen, aber in der Hoffnung, nochmals einen Sieg zu erringen, waren sie mit dem „Von-vüre-anfangen“ schließlich einverstanden. Diesmal kam es jedoch anders. Die „Serben“ bekamen Haue und mit viel Geschrei und Hurra konnten die „Österreicher“ ihren Sieg proklamieren. Nun war man zufrieden, denn so war die Sache in Ordnung.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Alles in die Garnisonen! Daß die in die Heimat beurlaubten Truppen gestern telegraphisch in ihre Garnisonen gerufen worden sind, bericheten wir schon in der Vorabend-Ausgabe. Auch die Regimenter, die in Elsenborn, Wesel und in der Senne jetzt größere Uebungen hatten, mußten die Uebungen abbrechen und in ihre Standorte einrücken. Gestern nachmittag fuhren mehrere Militär-Sonderzüge mit Koblenzer und Trierer Artillerie- und Infanteriemannschaften rheinaufwärts an Bonn vorbei. Die polizeiliche Bewachung der Unterführungen und Uebergänge der linksrheinischen Staatseisenbahn hat den Zweck, möglicherweise beabsichtitgte Störungen des Eisenbahnkörpers zu verhüten. Auch die Viktoriabrücke wird bewacht.
In der vergangenen Nacht zog eine große Menschenmenge unter Vorantritt des B.M.G.V. „Apollo“, patriotische Lieder singend, durch die Hauptstraßen der Stadt. Kurz nach Mitternacht versammelten sie sich vor dem Kaiserdenkmal. Der „Apollo“ trug mehrere vaterländische Lieder vor, der Vorsitzende des Vereins hielt eine Ansprache, die mit einem Hoch auf die drei verbündeten Fürsten schloß, die Menge sang dann „Heil Dir im Siegerkranz“, „Die Wacht am Rhein“ und „Deutschland über alles“. Die patriotischen Motive solcher Kundgebungen sollen anerkannt werden. Wir sind aber der Meinung, daß man angesichts des ungeheuren, folgenschweren Ernstes der politischen Lage mehr im Interesse des Vaterlandes handelt, wenn man Kundgebungen für den Frieden, statt Kriegsdemonstrationen veranstaltet. Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Ztg.“ schreibt in ihrer gestrigen Abend-Ausgabe: „Die kaiserliche Regierung teilt den Wunsch (Rußlands) auf Erhaltung friedlicher Beziehung und hofft, daß das deutsche Volk dies durch eine maßvolle Haltung unterstützt.“ Man entspricht also nicht dem Wunsche der Regierung, wenn man die Massen in Straßenkundgebungen für den Krieg begeistert.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Morgenausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 31. Juli 1914
Am 30. Juli hatte Russland mit der Generalmobilmachung begonnen. In der Bonner Presse erwartet man nun die Mobilisierung des deutschen Heeres. Die Bonner Zeitung titelt „Auf des Messers Schneide", die Reichszeitung „Die Entscheidung steht unmittelbar bevor".
Die Rheinbrücke wird seit gestern abend 11 Uhr militärisch bewacht. Mannschaften des Infanterie-Bataillons stehen an beiden Seiten der Brücke mit scharfgeladenen Gewehren und begleiten jedes Fuhrwerk bis auf die andere Rheinseite. Die Brenner der Gaslaternen sind abgenommen worden, sodaß die Brücke nachts unbeleuchtet ist. Auf der Fahrbahn zwischen den Zahlhäuschen hat man schwere, eiserne Doppel-Tore angebracht, die jetzt zwar noch nicht geschlossen werden. Niemand darf auf der Brücke stehen bleiben.
Auf dem Dach des städtischen Gymnasiums steht eine starke Beobachtungsmannschaft, die mit Fernrohren bewaffnet, Ausschau über die Umgebung hält, wahrscheinlich um zu alarmieren, wenn ein feindliches Flugzeug in Sicht kommen sollte.
Die Kriegsunruhen haben eine panikartige Flucht der Kurgäste in den Bädern, sowie in den Sommerfrischen zur Folge. In Königswinter, das (wie wir berichteten) in diesem Sommer eine Rekord-Saison hatte, stehen Pensionen leer. Auch Honnef, Rhöndorf, Godesberg, nicht zuletzt Bonn selbst, hat unter der gespannten auswärtigen Lage sehr zu leiden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Vorabendausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Das Bonner Straßenbild, das schon in den letzten Tagen der politischen Krise sehr viel lebhafter bewegt war als sonst, hatte gestern alle Anzeichen einer starken allgemeinen Erregung. Kein Wunder. Als in den ersten Morgenstunden bekannt wurde, daß militärische Maßnahmen zur Bewachung der Rheinbrücke getroffen seien, mußte auch dem gemächlichsten Phlegmatiker der blutig schwere Ernst und die nahe Gefahr dieser Tage klar werden. Die Leute strömten in großen Mengen zur Brückenstraße, um das ungewohnte Bild der militärisch besetzten Rheinbrücke zu sehen. Überall fanden sich Gruppen zusammen und immer wieder wurde die politische Lage besprochen. Die Erregung stieg aufs Höchste, als kurz nach 6 Uhr durch die Extrablätter bekannt wurde, daß Russland seine Mobilmachung vervollständige. Was wird nun geschehen? Diese Frage stand in vielen Gesichtern zu lesen. Eine Frage an die Zukunft, die vielleicht schon in der nächsten Stunde in eine harte und schwere Gewißheit verwandelt sein könnte. Und eine bange Frage für alle, die sich über den Ernst dieses Tages nicht leichtfertig hinwegtäuschen. Vielen hilft der gute Humor und das leichte Blut des Rheinländers über das Schwere und Bange dieses Tages hinweg. Im Allgemeinen aber ist die Stimmung ernst. Ernst, aber gewiß nicht niedergeschlagen, und Gott sei Dank so froh, wie man sein darf, wenn man mit gutem Gewissen und festem Vertrauen zu seiner eigenen Kraft einer schweren Entscheidung entgegengeht.
Eine erhebende patriotische Kundgebung fand in der Nacht zum gestrigen Donnerstagum die zwölfte Stunde auf dem Kaiserplatz statt. Vom Dreikaisersaal aus, wo er zur Probe und zu einem kleinen Feste versammelt war, zog der Bonner Männer-Gesangverein Apollo in geschlossenem Zuge und unter Absingen patriotischer Lieder nach dem Kaiserdenkmal. Auf dem Weg über Remigiusstraße, Münsterplatz, Post- und Bahnhofstraße schlossen sich Hunderte von Passanten dem Zuge an, sodaß eine mehrere tausendköpfige Menge das Kaiserdenkmal umgab. Nach einem Gesangsvortrag des Apollo hielt dessen Vorsitzender, Landrichter Dr. Kaufmann, eine Ansprache. Er wies darauf hin, daß unser österreichisch-ungarisches Brudervolk im gerechten Kampfe stehe gegen einen frechen Störenfried, daß in diesem Kampfe Oesterreich auch deutsche Interessen, ja die Interessen der Zivilisation vertrete, .... In den Nöten der jetzigen schweren Weltlage blicke das deutsche Volk vol Liebe und Vertrauen auf seinen Kaiser, der der sicherste Hort des Friedens, aber zugleich auch der beste und berufenste Wahrer der Ehre und Würde des Reiches sei. ... Nach dem Absingen der Nationalhymne und der Wacht am Rhein ging die Versammlung in gehobener nationaler Stimmung auseinander. ... Es ist aber auch gut, wenn man draußen erfährt, wie das deutsche Volk trotz allem entschlossen ist, Blut und Leben für die Ehre Deutschlands einzusetzen.
Sie mögen sich schämen! Am Mittwoch in später Abendstunde stimmten in einer hiesigen Wirtschaft einige junge Leute, die den gebildeten Ständen angehörten, des süßen Weines voll, die Marseillaise an. Es waren keine Ausländer, es waren Deutsche die das taten! Der Stellvertreter des Wirtes schritt sofort ein und untersagte den jungen Leuten ihr unsagbar klägliches Beginnen. Sie mögen sich schämen!
Stadthalle: Das heutige, Freitag, Nachmittag in der Stadthalle stattfindende städtische Abonnementskonzert wird ausgeführt von der Musikkapelle der Bonner Königshusaren unter Leitung des Obermusikmeisters Bielefeld.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Die Rheinbrücke, die, wie bereits gestern kurz berichtet, seit Mittwoch abend 11 Uhr bewacht wird, war gestern den ganzen Tag über von dichten Menschenmengen umlagert. Gestern morgen wurden an der Bonner und der Beueler Seite schwere eiserne Abschlußtore angebracht und die telephonische Verbindung zwischen der Rheinbrücke und dem nahebei gelegenen Gebäude des städtischen Gymnasiums hergestellt, in dem die Ablösungsmannschaften untergebracht sind. Die Verproviantierung der Soldaten geschieht durch fahrbare Küchen. Eine eiserne Kette, die durch vier Mann gehalten wird, sperrt den größten Teil der Fahrbahn ab. Sämtliche Personenfuhrwerke werden einer scharfen Kontrolle unterzogen; die Insassen müssen vor der Brücke das Gefährt verlassen, während ein Soldat es besteigt und bis an das jenseitige Ufer mitfährt. Die Fahrgäste müssen den Weg über die Brücke zu Fuß zurücklegen. Die über die Brücke fahrenden Wagen der elektrischen Straßenbahnen wurden gestern gleich nach Abfahrt geschlossen. Niemand durfte sich auf dem Vorder- und Hinterperron aufhalten. Stehenbleiben auf der Brücke ist verboten. Die Brücke bleibt nachts jetzt bis auf ein Signallicht für durchfahrende Schiffe unbeleuchtet. Die Brennkörper der Straßenlaternen sind abgeschraubt. Von dieser Verordnung schienen drei Frauen, die sich gestern morgen auf der Brücke begegneten, nichts zu wissen. Sie unterhielten sich angelegentlichst über die Lage und blieben dabei mitten auf dem Fußgängerbankett stehen. Ein Offizier machten einen Wachhabenden auf die eifrig diskutierenden Frauen aufmerksam, u. als der Soldat ihnen in militärischem Ton „Weitergehen, nicht stehen bleiben“ zuflüsterte, stoben die Drei mit einem Aufschrei erschreckt auseinander. Eine Lachsalve begleitete die Frauen, die mit hochroten Köpfen das Weite suchten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Es ist in Berlin ein Ultimatum beschlossen worden, so heißt es in den aufgeregten Gruppen, die ein gestern abend massenhaft verbreitetes Extrablatt einer hiesigen Zeitung studiert hatten. Der Inhalt desselben lautet:
„Berlin 30. Juli. Noch ist die Entscheidung nicht gefallen (das weiß jedes Kind, D.R.) aber es ist begründete Annahme (!) vorhanden, daß keine 24 Stunden ins Land gehen werden, bis daß man weiß, ob Frieden ober Krieg. Der Störenfried ist einzig und allein Rußland. Es scheint (!), daß der Zar sich von der panslawistischen Klicke hat fortreißen lassen. Jedenfalls schreitet die russische Mobilisierung vorwärts (das weiß jeder schon seit gestern. D. Red.) Man nimmt an (!), daß in dem heute in Berlin stattgefundenen Staatsrat eine Art Ultimatum an Rußland beschlossen worden ist. In Paris herrscht wenig Kriegsstimmung, eher eine ängstliche Aufgeregtheit. England scheint (!) sachte von Rußland abzurücken.“
„Begründete Annahme“, „Es scheint“, „Man nimmt an“, „England scheint“. Wenn man mit solchen „es scheint“ und “man nimmt an“ sein Renommé als „gut unterrichtet“ begründen will, wäre es besser, daß dieses in einer Weise geschähe, die unserem Mittelstand und unsern Arbeitern nicht einen so enormen Schaden zufügte. Handwerker und Geschäftsleute erhalten nämlich auf Grund dieser Alarmnachrichten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt und dem Arbeiter borgt man keinen Pfennig mehr. Wenn man nun einmal den Drang in sich verspürt, „Es scheint“-Extrablätter herauszugeben, so wäre es besser, daß man denselben in gegenteiligem Sinne, der übrigens der Wahrheit bedeutend näher kommen würde, verwertete. Eine solche „Es scheint“-Nachricht wäre nämlich die, daß Rußland, da es Serbien nicht helfen will, durch seine Mobilmachungen einen Druck auf Oesterreich versucht, damit dieses den Bogen gegen Serbien nicht zu straff spannt.
Eine Folge der Alarmnachrichten. Als ein ganz neuer eigenartiger Sport wird zur Zeit versucht, den Wirten und Ladenbesitzern die kleinsten Beträge von 10-15 Pfennig mit einem 50-Markschein zu zahlen, um Silbergeld heraus zu erhalten. Bei vielen Geschäftsleuten ist durch diese Zahlungsart der Vorrat an kleinerem Geld ganz erschöpft, so daß sie dem Patrioten, der so wenig Vertrauen in Deutschlands Zahlungsfähigkeit setzt, die Zigarre oder das Glas Bier schenken müssen. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß auch das silberne 5-Markstück nur einen Silberwert von 2 Mark besitzt und daß für unser Papiergeld die Deckung in Gold bei der Reichsbank besteht.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Morgenausgabe, Rubrik „Bonner Nachrichten“)