Samstag, 12. Juni 1915

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. Juni 1915Landwirtschaftliche Akademie. Lehrerinnen der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde werden zufolge einer ministeriellen Entscheidung an der landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf als ordentliche Hörerinnen unter denselben Bedingungen wie die männlichen Hörer zugelassen. Ueber ihre Zulassung zur Prüfung als Landwirtschaftslehrer wird indessen von Fall zu Fall entschieden.

Patronenhülsen und Geschossstücke abliefern. Der kommandierende General des 8. Armeekorps erläßt folgende Bekanntmachung: Patriotische Pflicht eines jeden Staatsbürgers ist es, alle in seinem Gewahrsam gelangten Gegenstände der Bewaffnung und Ausrüstung, welche von dem eigenen Heere zurückgelassen worden sind oder zur Kriegsbeute gehören, sofort der nächsten Militär- oder Polizeibehörde abzuliefern. Die Verpflichtung erstreckt sich insbesondere auch auf verbrauchte Munitionsteile jeder Art. Wer sich widerrechtlich Beute – oder Fundstücke aneignet, gleichviel auf welche Art – sei es auch durch Schenkung oder Kauf – setzt sich unnachsichtiger strafrechtrechtlicher Verfolgung aus. Es kann daher auch nicht gebilligt werden, daß Munitionsteile – wie u. a. kupferne Führungsbänder von Artilleriegeschossen – zu Erinnerungszeichen – Armbänder usw. umgearbeitet werden. Unter Bezugnahme auf die Bekanntmachung vom 17.12.1914 – IV a 8654/7107 – wird daher erneut vor Aneignung von Beute- und Fundstücken jeder Art dringend gewarnt. An alle, welche derartige Gegenstände eigenmächtig in Verwahrung halten, ergeht die Aufforderung, sie unverzüglich bei der nächsten Polizeibehörde abzuliefern.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

   

Ein Gewitter löste gestern das andere ab. Dabei gingen wieder gewaltige Regenmassen nieder, die Straßen überschwemmten, die Kanäle verstopften und die Keller unter Wasser setzten. Der Regenmesser zeigte 24,4 mm Niederschläge. Stellenweise war der Regen mit Hagel vermischt.

Mit den Schutzimpfungen gegen Cholera und Typhus sind bei unseren im Felde stehenden Truppen gute Erfolge erzielt worden. Es scheint daher wünschenswert, auch der Zivilbevölkerung die Möglichkeit zu geben, solche Impfungen durch praktische Aerzte an sich ausführen zu lassen. Die Impfstoffe sind im Kgl. Institut für Infektionskrankheiten „Robert Koch“ vorrätig.

Die öffentliche Anpreisung von Wahrsagern, Phrenologen und ähnlichen Personen wird durch die Verfügung des Königlichen Gouvernements der Festung Köln untersagt. Auch das Einrücken von Anzeigen in die Zeitungen und das Aushängen von Schildern ist verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 12. Juni 1915Die Bonner Liedertafel hat am Dienstag abend ihre diesjährige Generalversammlung abgehalten. Vor Eintritt in die Tagesordnung würdigte der Präsident Herr Bankdirektor Weber mit trefflichen Worten die gegenwärtige ernste Zeit in Verbindung mit dem Vereinsleben der Liedertafel. Nach dem Jahresbericht des Schriftführers Schmitz zählt die Liedertafel gegenwärtig 660 Mitglieder, darunter 260 aktive. Zu den Fahnen einberufen sind rund 150 Sänger. Von ihnen starben bisher 3 den Heldentod. Von den Inaktiven sind 2 auf dem Feld der Ehre gefallen. Trotz der großen Zahl Einberufener haben die zurückgebliebenen Sänger von Anfang des Krieges an fast jeden Sonntag in Lazaretten zur Aufmunterung der Verwundeten gesungen. Auch in der Folge soll das geschehen. Von größeren Konzertunternehmungen mußte im verflossenen Berichtsjahre mit Rücksicht auf die Kriegslage Abstand genommen werden, ebenso wie von der für den Monat August 1914 geplanten und gänzlich vorbereiteten Sängerreise nach Süddeutschland. (...) Weiter wurde beschlossen, in nächster Zeit in den Gartenanlagen der Lesegesellschaft ein Konzert zu veranstalten, zu welchem die sämtlichen in Bonn befindlichen Verwundeten eingeladen werden. Zu diesem Konzerte sollen auch die Familien der aktiven und inaktiven Mitglieder freien Zutritt haben.

Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern früh in einem Hause in der Thomastraße. Die 34 Jahre alte Frau Heinrich Moll aus Bonn-Endenich sollte bei einer Familie im ersten Stockwerk des Hauses Wascharbeiten verrichten. Als sie von einem Fenster der im ersten Stock befindlichen Waschküche aus auf einem anstoßenden Glasdach eine Wurzelbürste holen wollte, stürzte die Frau durch das Dach in den zementierten Hof und blieb mit schweren Kopfverletzungen tot liegen. Frau Moll hinterlässt vier Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren. Ihr Mann ist zum Heeresdienst eingezogen und befindet sich in Diedenhofen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. Juni 1915Etwas mehr Ruhe vor unseren Krankenhäusern ist dringend zu fordern. Besonders die Stunde nach Mitternacht ist entsetzlich für die Schmerzgequälten, die auf irgendeinem Schlachtfelde ein Glied oder ganzen Körperteil verloren oder von einer Kugel oder einem Granatsplitter zu Tode getroffen worden sind – für uns. Schon in normalen Zeiten sollte ein Krankenhaus soviel wie möglich dem lauten Lärm des Lebens entrückt bleiben. Nur wer es selbst erfahren, kann allerdings beurteilen, wie jede laute Aeußerung sorglos heiteren, gesunden Lebens den Leidenden quält. Oh ihr, die ihr nie gelitten, ihr kennt den Jammer der Kranken nicht! Könnt euch nicht vorstellen, was es heißt sich in Schmerzen winden zu müssen, wenn draußen das Leben jauchzt, dem jede Fiber entgegenzittert! Gedenket der qualvoll Stöhnenden hinter den ernsten, stillen Krankenhausmauern, wenn ihr vorübergeht, bezähmt eure Lust, singt nicht, lacht nicht, dämpft, wenn möglich, selbst den Schall eurer Tritte. Hinter den Krankenhausmauern ist Elend und große Not. Und die da drinnen verstehen nicht, daß ihr lachen und lustig sein könnt bei all dem Jammer und Schmerz in der Welt. Besonders jetzt. Kranke selbst haben mir geklagt, daß der Lärm der Straße ihre Ruhe stört, das Gegröhle nahezu unerträglich und die kaum Eingeschlummerten nur zu oft jäh aufschreckt. Besonders die Insassen des Militärkrankenhauses an der Theaterstraße leiden unsäglich unter der Rücksichtslosigkeit nächtlicher Straßenpassanten. Eine bessere Aufsicht der Nachtpolizei wäre hier wohl angebracht. Jedem ruhestörenden Lärm in der Nacht muß unbedingt vorgebeugt werden, wollen wir, daß die armen Verwundeten in diesem Hause nicht noch mehr zu leiden haben. Gerade an dieser Stelle ist jeder Laut besonders stark. Jedes Wort, jedes Lachen und sicher jedes laute Rufen schallt und widerhallt an allen Enden. Abhilfe, soweit wie möglich, ist unbedingt zu treffen. Die Polizei, die durchweg auf Ruhe und Ordnung hält und peinlich darauf achtet, daß der tagsüber Angestrengte und Ermüdete in seiner Nachtruhe nicht gestört wird, hält hoffentlich nunmehr auch gerade hier peinlich Wache. Denn es tut wirklich not. Jka.

(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)