Montag, 19. November 1917

     

Nähgarn. Die Reichsbekleidungsstelle teilt mit, daß ihr die Bewirtschaftung des Nähgarns vom 1. Januar 1918 ab übertrgen worden ist. In welcher Art diese Bewirtschaftung erfolgen soll, wird in Bälde mitgeteilt werden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

     

Anzeige im General-Anzeiger vom 19. November 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 19. November 1917Etwa 30 deutsche Austauschgefangene trafen gestern mittag gegen 1 Uhr mit der Staatsbahn hier ein und wurden mit Musik nach der Kaserne verbracht. Die Soldaten, die sämtlich eine Armbinde mit rotem Kranz trugen und den Waffenrock reich mit Blumen geschmückt hatten, wurden von der großen Menschenmenge, die sich am Bahnhof eingefunden hatte, stürmisch begrüßt.

Groß-Bonn. Der Kölner Humorist und Liederdichter Willi Ostermann ist auch für die zweite Monatshälfte verpflichtet worden und versteht es wiederum ausgezeichnet, das Publikum mit seinen kölschen Liedern und Krätzchen aufs beste zu unterhalten. Recht unterhaltend sind auch die Darbietungen des musikalischen Clowns Promulus, der nicht nur allen Musikinstrumenten, sondern auch Gegenständen, die sonst im Haushalt Verwendung finden, die schönsten Töne zu entlocken weiß. Sogar auf seinem dressierten Schimmel und auf einer „weiblichen Handgranate“, einem ausgewachsenen Stubenbesen, schwingt er den Fiedelbogen. Vorzügliches leisten auch die drei Geschwister Genti am dreifachen Trapez und Abs der Jüngere als Turner. Eine schöne Bereicherung findet die Vorstellung durch das Verwandlungsduett Elmer – Sylt. Während einer dieser beiden Künstler die Sopranpartien singt, verfügt die Liedersängerin Hedwig Mora über eine prächtige Baritonstimme. Sänger-Ersatz!

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Die Feldpostpaketsperre. In der Zeit vom 9. bis zum 25. Dezember dieses Jahres findet keine Annahme von Privatpaketen an Heeresangehörige nach dem Felde statt. Rechtzeitige Anlieferung der Weihnachtspakete ist unbedingt erforderlich. Pakete für Truppenteile in Siebenbürgen, Italien und auf dem Balkan müssen am 1. Dezember bei dem zuständigen Sammelpaketamt sein. […]

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Sonntag, 18. November 1917

 

Kundenliste für Fleischbezug. Die Freie Bonner Fleischer-Innung bittet die Einwohnerschaft, bei der Eintragung in die Kundenliste nicht nur sämtliche Fleischkarten bis zum 20. März 1918, sondern auch den Umschlag zu den Lebensmittelkarten mitzubringen, da dies zur ordnungsmäßigen Ausstellung der Kundenlisten unbedingt erforderlich ist und keine Eintragung ohne Umschlag geschehen kann und darf.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 18. November 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 18. November 1917Die Strafkammer verhandelte am Freitag gegen den 61jährigen Arbeiter Wilhelm Leh. aus Beuel, welcher angeklagt war, daß er erdichtete und entstellte Tatsachen behauptet habe, die geeignet gewesen seien, die dortige Ortsbehörde in ungerechtfertigter Weise herabzusetzen und verdächtig zu machen. Angeklagter Leh. hatte in einer am 30. Juni im Gasthof „Rheinlust“ einberufenen Versammlung zur Gründung eines örtlichen Kriegskonsumentenausschusses bei der allgemeinen Besprechung der dortigen Ernährungsverhältnisse die schlechte und ihm ungerecht erschienene Austeilung der Kartoffeln in Beuel gerügt, die nach seiner Beobachtung den Anschein gehabt habe, als hätten die reichen und besser gestellten Leute im Oktober auch die besseren Kartoffeln erhalten, während mit der dann im November angekommenen schlechteren Sorte die ärmeren und weniger gutsituierten Leute sich hätten zufrieden geben müssen. Er erblicke darin ein Unrecht und wisse auch einen Falll, daß einem Beamten weit über das zulässige Maß Kartoffeln im Herbst 1916 geliefert worden wären. Auf Grund dieser Aussprache hatte Herr Bürgermeister Breuer gegen Leh. Strafantrag gestellt wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung. Der Angeklagte machte geltend, daß ihm hierbei jedwede Absicht der üblen Nachrede und Herabsetzung ferngelegen und er auf Grund der vom Versammlungsleiter geforderten freien Aussprache über die örtlichen Ernährungsverhältnisse sich zu diesen Angaben verpflichtet gehalten habe. Daß seine gemachte Aeußerung in der Bürgerschaft von Beuel allgemein für wahr und richtig gehalten worden seien, dafür hätte der allseitige Beifall der Versammlungsteilnehmer ihm Gewißheit gegeben. Unter den angeführten Beispielen, daß einem Beamten eine ungebührlich große Kartoffelmenge angefahren worden sei, darunter verstehe er den Kreissekretär. Es sei doch ganz auffallend, daß gegen den Sprecher Gr. aus Beuel, welcher in dieser Versammlung in gleicher Weise Ausstellungen vorgebracht und unter anderem behauptet habe, daß aus dem Nahrungsdepot ganze Körbe voll Oel weggeschleppt worden seien, nicht eine Anklage erhoben worden wäre. Der als Zeuge vernommene Bürgermeister Breuer gibt zu, daß die im Oktober und November bezogenen Kartoffelanfuhren von ungleicher Güte könnten gewesen sein. Er habe das Zufahren an die Häuser straßenweise angeordnet. Von einer Begünstigung irgendwelcher Art sei ihm nichts bekannt. Zeuge Kreissekretär R. gibt zu, daß ihm damals vom Kreise aus für seine Familie von 7 Personen 23 Zentner Kartoffeln zugewiesen worden seien. – Die Staatsanwaltschaft stellte selbst in Abrede, daß den bisher unbescholtenen Angeklagten die böswillige Absicht, einer behördlichen Herabsetzung wider besseres Wissen geleitet habe könne; in wohlverständlichem Zorn über den herrschenden Ernährungszustand habe er wie viele Leute seinem Unmute mal Ausdruck gegeben, allerdings ohne sich bis ins einzelste zu vergewissern, ob sich auch alles so verhielte. Er beantragte daher gegen ihn eine Geldstrafe von 30 Mark. Die Verteidigung wies darauf hin, daß hier in diesem Falle eine Kritik der behördlichen Ausführung in der Natur der Sache gelegen und der Angeklagte „in Wahrung berechtigter Interessen“ gehandelt habe. Dieser letzteren Ausführung schloß sich das Gericht an und erkannte demgemäß auf Freisprechung.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Katholischer Meisterverein. In der Mitgliederversammlung am verflossenen Mittwoch hielt der Präses des Vereins Herr Kaplan Rütters einen Vortrag über die Notwendigkeit zur Gründung eines katholischen Lehrlingsheims für Bonn. Dem Handwerk werde wohl, so führte der Redner aus, bei dem Mangel an Lehrlingen, besonders in Städten mit Kriegsindustrie nichts anderes übrig bleiben, als sich den Nachwuchs auf dem Lande und ländlichen Bezirken zu sichern. Dann müsse aber bei den großen sittlichen Gefahren gerade in den Städten für die auswärtigen Lehrlinge eine intensivere Fürsorge ausgeübt werden. Dazu scheine nur ein konfessionelles Lehrlingsheim geeignet, bei dem es sich wesentlich um erzieherische Aufgaben handele. Träger eines konfessionellen Lehrlingsheims könne nur eine konfessionelle Organisation von Meistern sein, so daß zur Lösung der vorstehenden Aufgaben kath. Meistervereine nötig seien. In finanzieller Hinsicht sei die Lehrlingsheimfrage am leichtesten und mit geringem Risiko zu lösen, wenn das Lehrlingsheim im kath. Gesellenhause untergebracht werde. Ueber die Art und Weise der Unterbringung von kath. Lehrlingen im Gesellenhause und den zukünftigen Ausbau des Lehrlingsheims machte der Redner noch nähere Ausführungen. Nach einer sehr anregend verlaufenen Aussprache wurde einstimmig beschlossen, daß im Anschluß an das kath. Gesellenhaus ein kath. Lehrlingsheim für Bonn errichtet werde. Für die Kriegszeit soll die Unterbringung kath. Lehrlinge im Gesellenhause in dem vom Herrn Redner angedeuteten Rahmen durchgeführt werden. Den Mitgliedern des Meistervereins werden Vergünstigungen bei der Unterbringung ihrer Lehrlinge zugebilligt. Mit dem Lehrlingsheim, das mit Ostern 1918 eröffnet werden soll, sollen für die sich etwa meldenden Lehrlinge eine Berufsberatung und ein Stellennachweis eingerichtet werden. Es ist nur zu wünschen, daß diese edlen und für das Handwerk so überaus begrüßenswerten Bestrebungen des Vorstandes des Meistervereins sowohl von den Mitgliedern des Vereins als auch von den anderen kath. Handwerksmeistern tatkräftig unterstützt werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Samstag, 17. November 1917

 

Deutsche Vaterlandspartei. Die vom Werbeausschuß der Ortsgruppe Bonn und Umgebung für den morgigen Sonntag in Aussicht genommene Versammlung in Bonn fällt wegen der großen Versammlung des rheinischen Landesvereins im Kölner Gürzenich aus.

Arndt-Eiche in Eisen. Seitdem das Bonner Kriegswahrzeichen vom Münsterplatz in die behaglichen Räume des städtischen Bekleidungsamtes in der Gangolfstraße übergesiedelt ist, scheint es dort ein stilles und beschauliches Dasein zu führen: man sieht und hört in der Oeffentlichkeit nicht viel mehr von ihm. Tatsächlich aber gedenken doch noch manche Mitbürger der immer noch zeitgemäßen Zwecke und Ziele der Arndt-Eiche. So sagte vor kurzem ein hiesiger Fabrikant eine Gabe von 500 Mark zu. Eine aus Anlaß unserer großen Erfolge in Italien veranstaltete Sammlung für die Arndt-Eiche, die der Lange Tisch im Bonner Bürgerverein jüngst vornahm, ergab einen Betrag von über 100 Mark; zwei Adlerfedern sollen den großen Sieg der deutsch-österreichischen Waffen an der Arndt-Eiche verewigen! Mögen die Bürger, Gesellschaften und Stammtische in unserer Stadt die Ereignisse unserer großen Zeit durch Stiftung von Adlerfedern oder anderer Zierrate an der Arndt-Eiche verewigen und so durch Unterstützung der Witwen und Waisen von Bonner Kriegern einen Teil unserer großen Dankesschuld abtragen.

Bekleidungsamt. Die Prüfung der Bedürftigkeit und die Ausstellung der Bescheinigungen für entlassene Krieger zur Erlangung von Kleidungsstücken und Schuhen aus den Beständen der städtischen Altkleiderstelle erfolgt nicht mehr durch die Polizeibezirke, sondern durch die Kriegswohlfahrtspflege, Franziskanerstr. 8. Die Vordrucke werden auf dem Bekleidungsamt, Gangolfstraße 2, ausgehändigt.
   Nach den neuen Richtlinien der Reichsbekleidungsstelle für die Abschätzung der Altkleider werden wesentlich höhere Preise als bisher bezahlt. Es ist daher zu empfehlen, alle entbehrlichen Gegenstände hervorzusuchen und an die Altkleiderstelle, Martinstraße 18, abzuliefern. Hierdurch wird die minderbemittelte Bevölkerung in die Lage versetzt, sich mit warmer Kleidung zu versehen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

      

Stadtverordneten-Versammlung vom Freitag, den 16. November 1917.
[…] Die Kriegshilfekasse der Stadt, die zur Wiederherstellung der selbständigen Existenz Handwerkern und kleinern Geschäftsleuten Darlehen geben soll, ist dem Ausschuß der städtischen Kriegshilfe zugewiesen worden. Die Versammlung genehmigte gestern eine Geschäftsordnung nach die Kasse zu arbeiten hat. […]
   Die Anträge zur Befreiung von Fortbildungsschülern vom Schulbesuch oder zur vollständigen Schließung der Anstalt, die in den letzten Sitzungen der Stadtverordneten zur Beratung standen, haben neuerdings zu einer Vereinbarung von Freunden und Gegnern der Anträge geführt. Dennoch haben die Stadtverordneten Hartmann, Chrysant und Vins den Antrag gestellt, die Schüler der Oberstufe zunächst bis zum Schluß des Schuljahres vollständig vom Unterricht zu befreien. Mit Ausnahme der Kaufmanns-, Kellner- und Kochlehrlinge werden alle Gewerbe davon berührt, auch die Laufburschen. Der Schulvorstand ist bereit, dem Antrage stattzugeben, dem sich dann auch die Stadtverordneten in ihrer großen Mehrheit anschlossen, nachdem ein Antrag Kalt, auch die Kaufmannslehrlinge mit frei zu geben, keine Mehrheit gefunden. […]
   Für die Weihnachtsgaben an die zum Kriegsdienst einberufenen städtischen Beamten und Arbeiter fordert die Verwaltung 4500 Mk. Berücksichtigt werden Leute bis zum Feldwebel, die in der Front oder im besetzten Gebiet stehen. […]
   Der Stadtverordnete Krantz richtete nach Erledigung der Tagesordnung an die Stadtverwaltung die Anfrage, wie es mit der diesjährigen Kartoffelversorgung der Bürger stehe. In der letzten Zeit dringen beunruhigende Nachrichten in die Oeffentlichkeit, die ihn zu der Fragestellung veranlaßten. Beigeordneter Piehl erwiderte, daß das Bild unserer Kartoffelversorgung ein gutes sei – 100.000 Zentner lagerten bereits in den städtischen Mieten und Kellern: 30.000 Zentner hätte Private von der Stadt eingelagert und mit 4000 Zentnern seien die Selbstversorger des Stadtbezirkes auf längere Monate versorgt. Mit diesen 134.000 Zentnern sei der Kartoffelbedarf bei 7 Pfund wöchentlich vollauf gedeckt. Auch die Brotzulage in Gestalt von anderhalb Pfund Kartoffeln wöchentlich an jeden Bewohner sei bis zum 1. April gesichert. Die Familien hätten sich durch Hamstern noch gute Vorräte darüber hinaus beschafft. Er gebe die Versicherung, daß die Keller diesmal gut gefüllt seien. Das beste Barometer hierfür seien die Kriegsküchen, die bei 5000 Teilnehmern stehen blieben. Geboten erscheine es, die Wochenmenge von 7 Pfund zu erhöhen, aber alle Vorstellungen von uns, die vom Regierungspräsidenten ganz energisch unterstützt wurden, hätten bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt. An Gründen, die die Reichskartoffelstelle in ihrer ablehnenden Haltung vielleicht beeinflußten, gab Redner interessante Hinweise auf den Wagenmangel und dann den an, daß die Ernteschätzung vom 20. Oktober einen Fehlbetrag von 200 Millionen Zentnern ergeben habe, gegen die Voreinschätzung von Anfang Oktober. Auch die daraufhin angeordnete neue Einschätzung der vorhandenen Kartoffeln werde noch einen Rückgang auf dem Papier zeigen. Wenn es auch unmöglich sei, daß diese großen Kartoffelmengen einfach verschwunden, so mahne es doch die Reichsstelle zu vorsichtiger Verteilung. Ueber den Winter hinaus sei nicht gut mit einer Erhöhung der Kartoffelration zu rechnen. Blieben wir noch länger von Frost verschont, so könnte die Zuweisung sich vielleicht bessern. Aber immerhin habe man das beruhigende Gefühl, daß wir bis zum 1. April versorgt seien. […]

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Godesberg, 15. Nov. Herr Bürgermeister Zander hielt gestern nachmittag im Rathaussaale eine Sitzung mit einer größeren Kommission von Geistlichen, Lehrern, Vereinsvorständen und Bürgern ab, um über die demnächstige Veranstaltung einer Goldankaufswoche hier in Godesberg während der Zeit vom Sonntag den 9. bis Sonntag den 16. Dezember zu beraten. Bis jetzt habe unsere örtliche Goldankaufstelle – so führte der Versammlungsvorsitzende aus – sehr gut gearbeitet und einen Umsatz von nahezu 40.000 Mk. erzielt, aber immerhin stehe das Rheinland in der Hergabe von Gold anderen ärmeren Provinzen gegenüber noch zurück.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)

Die Strafkammer verhandelte gestern gegen einen Arbeiter aus Beuel wegen Beleidigung der dortigen Behörde. Der Arbeiter hatte in einer Versammlung des Konsumenten-Ausschusses behauptet, in Beuel bekämen die Reichen die guten und die Armen die schlechten Kartoffeln. Das Gericht stellte fest, die Aeußerung sei unwahr; der Angeklagte habe aber nicht wider besseres Wissen gesprochen, ferner habe er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt. Es wurde deshalb auf Freisprechung erkannt.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Von Nah und Fern“)

Erster Weltkrieg in Bonn
Auf dieser Seite wollen wir genau 100 Jahre danach für jeden Tag, den der Erste Weltkrieg andauerte, lokale Nachrichten aus Bonn veröffentlichen. Alle bislang erschienen Einträge sind in der der Chronik unter dem jeweiligen Monat nachzulesen. Soweit es unsere Zeit zulässt, wollen wir darüber hinaus weitere Informationen zum Thema Erster Weltkrieg ins Netz stellen.

Bonner Geschichtswerkstatt e.V.