Freitag, 22. Juni 1917

     

Brotversorgung. Bei der heißen Witterung ist das aus dem hoch ausgemahlenen Mehl hergestellte Brot sehr leicht verderblich und verträgt keine längere Aufbewahrung. Es ist daher zu empfehlen, nicht den ganzen Wochenbedarf schon zu Anfang der Woche aus den Bäckereien zu entnehmen. Die Bäcker werden gebeten, sich die Ausführungen über das als Kartoffelersatz abzugebende Brot unter der Ueberschrift Kartoffeln anzusehen und danach zu handeln. […]
   Fett. Im Laufe der nächsten Woche werden 80 Gramm Margarine und 30 Gramm Butter verabfolgt.
   Kartoffeln. In der kommenden Woche werden auf die Kartoffelkarte drei Pfund Kartoffeln ausgegeben, für Schwerarbeiter auf die Zusatzkartoffelkarte weitere 3 Pfund.
   Als Ersatz für die fehlenden Kartoffeln werden ausgegeben auf Warenkarte Nr. 95 ein halbes Pfund Brot und auf die Zusatzwarenkarte für Schwerarbeiter Nr. 39 ein weiteres Viertelpfund Brot. Da die Reichskartoffelstelle als Ersatz für fehlende Kartoffeln nur Roggenmehl liefert, aber mit Roggenmehl im Haushalt nur wenig anzufangen ist, wird statt Mehl Brot ausgegeben. […]
   Gemüse. Bei fortgesetzt günstiger Witterung kann mit einem Ueberschuß an Gemüse gerechnet werden. Sorge der Hausfrauen muß es sein, alles und jedes, auch Abfälle von Gemüse, dem Verbrauch zuzuführen und für die gemüseknappe Zeit zu erhalten. Es ist dringend anzuraten, schon jetzt für die notwendigen Gefäße und Geräte zum Einmachen, Gläser, Töpfe, Fässer usw. zu sorgen, damit sie zur Einmachzeit bereitstehen. […]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Nachrichten des Lebensmittelamts der Stadt Bonn.“)

     

Kölner Boor und Arndt-Eiche. Aus Köln, 21. Juni, wird uns berichtet: Aus Anlaß der dritten Geburtstagsfeier des Kölner Kriegswahrzeichens des „Kölschen Boors“ sind dessen Stifter neben zahlreichen Glückwünschen erhebliche Spenden für die Kriegswaisenfürsorge zugegangen, darunter eine persönliche Stiftung des Oberbürgermeisters Wallraf von Köln. Der „Kölsche Boor“ hat bisher über 1.125.000 Mark für die Kriegswitwen und –Waisen aufgebracht und über 3½ Millionen an Goldgeld und Altgold der Reichsbank überweisen können. (Die Bonner Arndt-Eiche erbrachte 90.000 Mark.)

Bismarckfeier. Trotz des heftigen Gewitterregens am gestrigen Abend wurde die Bismarckfeier der Bonner Studentenschaft an der Bismarcksäule in der Gronau in vorgesehener Weise abgehalten. Im geschlossenen Wagen fuhren die Vertreter der Studentenschaft, Rektor und Mitglieder des Senats vom Universitätsgebäude zur Gronau. An der Bismarcksäule angelangt, entrollten die Studenten ihre Fahnen, worauf stud. theol. cath. Krawinkel vom Verein katholischer Theologen eine Ansprache hielt, in der er Bismarck als den Gründer und Gestalter des deutschen Reiches und als politisches Genie feierte. Auch heute noch sei Bismarck’scher Geist in unserer deutschen Seele lebendig. Obwohl wir jetzt von aller Welt verlassen und verlästert seien, werde und müsse die Besinnung über die bodenlose Ungerechtigkeit wider uns doch bei unseren Gegnern kommen. Redner legte sodann im Namen der Bonner Studentenschaft einen Kranz an der Säule nieder.
   Rektor Geheimrat Ribbert nahm sodann das Wort. Er wies darauf hin, daß schon wegen der geringen Zahl der Studierenden von lautem Gepränge, Fackelzug und rauschender Musik in diesem Jahre abgesehen werden müsse. Die Studentenschaft trage damit zugleich dem Ernst des Krieges Rechnung, denn während die Kommilitonen draußen kämpften, litten und bluteten, sei eine frohe Feier nicht am Platze. Den großen Kanzler würde Freude, Befriedigung und Stolz erfüllen, wenn er heute sehen könne, wie glänzend unser von ihm geeintes Deutschland in beispiellosem Ringen seine Feuerprobe bestehe, mit welcher Begeisterung das ganze Volk in allen seinen Stämmen den Fahnen gefolgt sei, welche gewaltigen Siege es erringe und wie es mit voller Gewißheit sagt, daß der endgültige Erfolg ihm gehöre. Aus Bonn allein seien gegen 4000 Studenten noch im Felde und unter den Anwesenden wären sehr viele, die schon draußen waren und mehr oder weniger kriegsbeschädigt ihre Studien fortsetzten. Weit über 400 Studierende hätten schon heute ihre Liebe zum Vaterlande mit dem Tode besiegelt. Redner hofft, daß die durch Blut besiegelte Einigkeit unter den Studierenden dauernd erhalten bleibt und daß diese Einigkeit auch später in das öffentliche Leben hinüber genommen wird. In das dreifache Hurra, das Rektor Ribbert zum Schlusse seiner trefflichen Worte der Zukunft unseres Volkes und des Deutschen Reiches mit seinem Kaiser an der Spitze ausbrachte, stimmten die Anwesenden begeistert ein. Nach Beendigung der Feier fuhren die Teilnehmer in offenen Wagen zur Universität zurück.

Höchstpreise für Obst im Kleinhandel auf dem Bonner Wochenmarkt. Man schreibt uns: Seitdem die Oeffentlichkeit sich mit der Frage der Höchstpreis-Ueberschreitungen bei Obst usw. befaßt, kommt fast gar kein Obst, wie Erdbeeren, Kirschen und Stachelbeeren, mehr auf den Markt. Wo bleibt das Obst nun eigentlich? Es ist doch genug da und die anhaltende warme Witterung hat es auch frühzeitig zur Reife gebracht. Die Antwort hierauf liegt klar auf der Hand: in erster Linie wird der größte Teil dieses Obstes, sogar waggonweise, leider zum Nachteil der hiesigen Einwohner mit der Bahn usw. nach auswärts verschickt. Ein großer Teil bleibt aber immer noch am Orte selbst, der dann von den sogenannten Ueberpreiszahlern, die den Höchstpreis aus sich heraus überbieten, nur um die Ware an sich zu reißen, am Hause der Züchter größtenteils abgeholt wird. Unter diesen Umständen wird unser Markt kaum noch mit Obst beschickt. Kirschen kamen in der letzten Zeit überhaupt nicht mehr auf den Markt. Nachdem nun bis Mittwoch den 20. Juni incl. der Höchstpreis für süße weiche Kirschen auf 55 Pfg. für das Pfund festgesetzt war und jetzt außer Kraft ist, kamen gesern auch wieder Kirschen auf den Markt, aber zu welchem Preise? Es wurden schlankweg eine Mark und fünfzig Pfennig für das Pfund verlangt und größtenteils auch anstandslos von reichen Leuten bezahlt. Also mit ca. 200 Prozent über den bis zum 20. ds. Mts. geltenden Höchstpreis. Mit Strauchbohnen und dicken Bohnen war es ein ähnliches Verhältnis. Für ein Pfund Strauchbohnen wurden eine Mark und fünfzig Pfennig und für ein Pfund dicke Bohnen in Schoten 75 Pfennig verlangt und bezahlt. Bei solch unverschämt hohen Preisen ist es nun dringend nötig, daß sofort neue Höchstpreise für Obst usw. festgesetzt werden und eine scharfe Aufsicht von allen Seiten geübt wird, damit dieses verwerfliche wucherische Treiben mal endlich ein Ende nimmt. Hoffentlich wird u. a. auch die gestern von unserem Herrn Oberbürgermeister herausgegebene Verordnung betr. Kleinhandelsverkauf von Gegenständen auf den Wochenmärkten im Stadtkreise Bonn zum großen Teil dazu beitragen, daß auf unserem Wochenmarkte wieder geordnete Verhältnisse eintreten.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Beuel, 21. Juni. […] Unterhalb der Pappel-Allee geriet ein Junge von 12 Jahren beim Baden zu weit in den Strom und verschwand in den Wellen. Ein mitbadender russischer Gefangener sprang dem Jungen nach, um ihn zu retten, mußte aber die mutige Tat mit dem Leben bezahlen. Die Leichen sind noch nicht gefunden.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)

    

Die Kartoffelerzeuger im Stadtbezirk Bonn werden durch Bekanntmachung des Oberbürgermeisters verpflichtet, ihre den Eigenbedarf übersteigenden Kartoffelmengen an die Stadt abzuliefern. Vor dem 27. Juni dürfen keine Frühkartoffeln geerntet werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Donnerstag, 21. Juni 1917

    

Den fortgesetzten Höchstpreisüberschreitungen auf dem Markte tritt die Stadtverwaltung mit einer heute veröffentlichten Verordnung entgegen. Die Verkäufer dürfen ihre Ware nicht mehr als „verkauft“ bezeichnen in der Erwartung, daß ihnen ein über den Höchstpreis hinausgehendes Angebot gemacht wird, vielmehr muß alle vorhandene Ware zu den festgesetzten Preisen an die Kaufliebhaber abgegeben werden. Verstöße gegen diese Verordnung werden mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder Geldstrafe bis zu 1500 Mark bedacht.

Die Kartoffelerzeuger im Stadtbezirk Bonn werden durch eine in dieser Zeitung veröffentlichte Bekanntmachung des Oberbürgermeisters verpflichtet, ihre den Eigenbedarf übersteigenden Kartoffelmengen an die Stadt abzuliefern. Vor dem 27. Juni dürfen keine Frühkartoffeln geerntet werden.

Die „Jungmannen“ in der Landwirtschaft. Die Schüler der oberen Klassen unserer höheren Lehranstalten, die der Landwirtschaft als Ersatz für die durch den Krieg in Anspruch genommenen Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt werden, haben sich zum großen Teile in ihre neue Tätigkeit recht gut hineingefunden, und manche Landwirte denken schon mit Sorge daran, daß ihnen ihre liebgewordenen, munteren und arbeitsfreudigen Jungmannen bald wieder genommen werden könnten. Diese Sorge ist gegenstandslos. Wie das Kriegswirtschaftsamt für die Rheinprovinz mitteilt, richtet sich die Hilfe der Jungmannen, sowohl was die Zeit als auch den Umfang der Arbeitshilfe angeht, ganz und gar nach den Bedürfnissen der einzelnen Wirtschaft, in der sie beschäftigt sind. Den in landwirtschaftlichen Betrieben tätigen Jungmannen wird unbeschränkter Urlaub erteilt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Zur Eindämmung des Unfugs auf dem Bonner Wochenmarkt, Ware zurückzuhalten, um sie weit über den Höchstpreis an besonders zahlungsfähige Hausfrauen zu verkaufen, hat unser Oberbürgermeister mit sofortiger Wirkung eine Verordnung erlassen, die hoffentlich mit diesem nicht zuletzt durch einen Teil der Bürgerschaft selbst geförderten Mißstande aufräumt. Die von Herrn Beigeordneten Piehl unterzeichnete Verordnung, die wir heute im Anzeigenteile zur Veröffentlichung bringen, verbietet die Zurückhaltung noch vorhandener Ware. Die Verordnung stellt den Grundsatz auf, daß Ware, die nach dem Ankauf von dem Käufer nicht sofort mitgenommen wird, als unverkauft gilt und auf Verlangen jedem anderen Käufer zu überlassen ist. Wer gegen diese Verordnung verstößt, dem wird eine Strafe bis zu sechs Monaten Gefängnis oder Geldstrafe bis zu 1500 Mk. angedroht. Auch werden im Falle der Uebertretung dieser Verordnung die gesamten Vorräte der betreffenden Marktbezieher unverzüglich zu Gunsten des Kommunalverbandes des Stadtkreises Bonn beschlagnahmt. Man darf von unseren Bonner Hausfrauen, die während des Krieges auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege, im Krankendienst usw. sich so ausgezeichnet bewährt haben, sowie auch von den hochgelöhnten Munitionsarbeiterinnen erwarten, daß sie nach dem Erlaß dieser Verordnung die Verkäufer nicht mehr durch höhere Angebote verlocken, kleineren Beamten- und Arbeiterfrauen, die auch gerne Gemüse und Obst kaufen, ihre Ware zu verweigern. Die Parole „Durchhalten“ berührt doch zweifellos in erster Linie die mittlere und ärmere Bevölkerung. Diesem Teile der Bürgerschaft kraft günstigerer Einkommensverhältnisse die Möglichkeit zu beschneiden, auf dem Wochenmarkte Ware zu erwerben, ist im höchsten Grade unpatriotisch. Es ist dies eine Erscheinung, die verbitternd wirkt. Sie muß daher unter allen Umständen aus unserem Marktverkehr verschwinden. Wir hoffen aber auch, daß die Marktbezieher selbst nach Erlaß dieser Verordnung einsichtig genug sein werden, die Dinge nicht auf die Spitze zu treiben. Selbstverständlich ist es erforderlich, daß man in Köln, Düsseldorf, Essen, Dortmund usw. mit der gleichen Schneid die Interessen der weniger kaufkräftigen Bürgerschaft zu schützen sucht und den Marktbeziehern kein Ventil offen läßt. Nur volle Solidarität aller rheinischen Städte kann es ermöglichen, daß die Wirkung dieser neuen Verordnung nicht doch noch zuschanden wird.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Unsere Marktpolizei. In der jüngsten Zeit waren unsere Marktverhältnisse wiederholt Gegenstand der öffentlichen Erörterung. Es wurde sowohl den Verkäufern wie auch einem Teile der Käuferinnen sehr ernst ins Gewissen geredet, um geordnete Zustände herbeizuführen. Eines Hauptfaktors hat man hierbei jedoch bisher nicht gedacht. Und dies ist unstreitig unsere Marktpolizei. Die Beamten der Marktpolizei üben ihren Dienst seit vielen Jahren aus, sie stehen in einem fast familiären Verhältnis zu den Marktbeziehern, mit welchen sie täglich dienstlich zu arbeiten haben. Da ist es denn ganz natürlich, daß im Laufe der Zeit die Schneid und die Autorität der Marktpolizei etwas Einbuße erleidet.
   Wenn ein Verhältnis zwischen Marktbeziehern und Bürgerschaft Platz greift, wie es gegenwärtig leider eingetreten ist, dann hat die Marktpolizei einen überaus schwierigen Stand. Es ist selbstverständlich, daß die Marktpolizei gegenüber den Marktbeziehern jede unnötige Härte zu vermeiden hat und daß eine loyale Handhabung der Marktpolizeibestimmungen dazu beiträgt, die Eintracht auf dem Markt zu fördern. Aber das Verhältnis der Marktpolizei zu den Marktbeziehern darf über diese Grenze nicht hinausgehen.
   In der Bürgerschaft wird nun die Ansicht vertreten, daß unsere Marktpolizei ganz und gar mit den Bauern hielte. Ob diese Auffassung zutreffend ist, muß von maßgebender Stelle beurteilt werden. Ist diese Auffassung berechtigt, dann sind solche Beamte namentlich in der jetzigen Zeit nicht an ihrem Platze und müssen durch solche Beamten ersetzt werden, zu denen man das Vertrauen hat, daß sie ihres dienstlichen Amtes in völliger Unparteilichkeit walten. Es muß eben alles geschehen, was dazu beiträgt, geordnete Zustände auf unserem Wochenmarkte herbeizuführen. Deshalb möge unser verehrliches Oberbürgermeisteramt auch diese Frage einer geneigten Prüfung unterziehen. Ein alter Bonner.

Städtischer Marktverkauf. Wäre es nicht möglich, in der jetzigen Zeit mehrere Verkaufsstände auf dem Wochenmarkt einzurichten, um das stundenlange Wartenlassen der in der Hitze gequälten Hausfrauen abzukürzen? Eine praktische Hausfrau.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

     

Zirkus Pierre Althoff, einer der bestbekannten Zirkus-Unternehmen Rheinlands, veranstaltet ab 23. dieses Monats, abends 8 Uhr, eine Reihe von Vorstellungen auf dem Adolfsplatze. Während der Kriegszeit ist dies das erste Zirkus-Unternehmen, welches Bonn besucht und ist infolgedessen wohl sicher anzunehmen, daß der Besuch, der für Bonn nur auf kurze Zeit bemessenen Vorstellungen ein recht reger sein wird. Wohl leben wir in einer traurigen, ernsten Zeit, aber gerade deshalb bedarf der Mensch, der durch allerhand Sorgen niedergedrückt ist, auch einmal vorübergehend einer Aufheiterung, um die Gedanken vom Kriegselend mit Gewalt fortzureißen, sich vorzutäuschen, daß wir noch in der längstverflossenen schönen Zeit vor dem Kriege leben. Der Bestand aller Zirkusse hat unter der Kriegszeit selbstredend ebenso gelitten, wie alle anderen Geschäfte. Das beste Pferdematerial wurde militärisch requiriert und Tausende von Künstlern stehen an der Front, um ihr Vaterland zu beschützen. Hunderte dieser Künstler haben sich für Tapferkeit vor dem Feinde das Ehrenzeichen des Eisernen Kreuzes erworben und manche wurden zum Offizier befördert für hervorragende tapfere Tat. Wir wünschen dem Zirkus P. Althoff recht gute Erfolge in Bonn.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Mittwoch, 20. Juni 1917

    

Aus dem städtischen Lebensmittelamt. In der letzten Zeit sind wiederholt Klagen über die von der Stadt ausgegebene Marmelade eingegangen. Diese Marmelade wird durch die zuständige Reichsstelle geliefert, sie wird als „Kriegsmus“ bezeichnet. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß es sich um kein besseres Erzeugnis handelt, sondern um richtige „Kriegsware“, die wahrscheinlich aus Rüben unter Zusatz von Früchten hergestellt ist. Die Einwohnerschaft wird gebeten, das Kriegsmus etwas nachsichtig zu beurteilen und sich damit zu trösten, daß bei einer guten Obsternte voraussichtlich bald bessere Marmeladen auf den Markt kommen werden. Das Lebensmittelamt ist gerade nach dieser Richtung hin eifrig bemüht. Man kann sich das jetzige Kriegsmus übrigens etwas schmackhafter machen, indem man es mit gekochtem Rhabarber vermischt.
   Die Belieferung der Stadt Bonn mit Kartoffeln aus den Außenbezirken ist vollständig zum Stillstand gekommen. Es werden infolgedessen von nächster Woche ab voraussichtlich nur noch drei Pfund Kartoffeln an die Bevölkerung im allgemeinen und weitere drei Pfund an die Schwerarbeiter ausgegeben werden können. Als Ersatz für die an fünf Pfund fehlenden Pfunde treten je 70 Gramm Mehl, so daß also jeder drei Pfund Kartoffeln und 140 Gramm Mehl erhält. Hoffentlich dauert diese Einschränkung nur kurze Zeit, denn es ist zu erwarten, daß die ersten Frühkartoffeln noch Ende dieses Monats verkauft werden können.
   Ebenso wird in der nächsten Zeit die Fleischausgabe eingeschränkt, und zwar insofern, als auf die Reichsfleischkarte nicht mehr wöchentlich 250 Gramm, sondern nur 150 Gr. Fleisch (einschl. Wurst) gegeben werden. Das sog. Brotersatzfleisch wird nach wie vor in der unverringerten Menge, 250 Gramm auf den Kopf, ausgegeben. […]
   Die Gemüseversorgung ist trotz der scharfen behördlichen Regelung noch immer nicht gut. Es kommen auch noch hin und wieder Ueberschreitungen der Höchstpreise vor. Das Lebensmittelamt hat daher Frauen als Aufsichtsbeamte angenommen und wird rücksichtslos gegen Uebertretungen einschreiten. Die Gemüsebauern mögen sich also vorsehen, denn auf Verfehlungen stehen sehr hohe Strafen. Leider wird noch immer viel zu viel Gemüse nach auswärts verladen. Das ist um so unerklärlicher, als der Düsseldorfer Regierungsbezirk durchweg niedrigere Höchstpreise hat als der Kölner, es läßt sich nur so erklären, daß bei dem nach auswärts gehandelten Gemüse die Höchstpreise nicht eingehalten werden. […]

Ein neuer Kriegsausschuß. Durch das Kriegsamt, Abteilung für Volksernährungsfragen, ist ein Kriegsausschuß für Sammel- und Hilfsdienst gebildet worden, für den in allen Orten besondere Ortsausschüsse bestellt werden. In Bonn ist für diesen Zweck der freiwillige Hilfsausschuß und als Leiter Herr Dr. Krantz bestimmt worden. Der Ausschuß für Sammel- und Hilfsdienst soll alle Sammeltätigkeit zusammenfassen.

Beschlagnahme der Türklinken usw. Am 20. Juni tritt eine neue Bekanntmachung über Beschlagnahme und freiwillige Ablieferung von Einrichtungsgegenständen aus Kupfer und Kupferlegierungen in Kraft. Betroffen wird eine große Anzahl von Gegenständen, die zur Einrichtung von Häusern, Wohnungen, Geschäftsräumen, Bahnwagen, Kraftwagen, Schiffen usw. gehören. Die Ablieferung der beschlagnahmten Gegenstände erfolgt zunächst freiwillig. […]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

      

Fahrt Bonner Kinder in die Sommerfrische. In der vorigen Woche wurden 173 Kinder der evang. Gemeinde in zwei Transporten nach Thüringen in die Sommerfrische gebracht. In Sonderwagen, durch welche ein Umsteigen vermieden wurde, ging die Fahrt über Frankfurt, Bebra, Eisenach und Weißenfels nach Zeitz.
   In rührend herzlich-einfacher Weise ging in Zeitz die Uebernahme der Kinder durch die Thüringer Pflegeeltern vor sich und zahlreiche Wagen führten bald die Bonner Jugend in die verschiedensten Auen des freundlichen Thüringer Landes.

Der Bonner Wochenmarkt war gestern nicht besonders gut beschickt. An Grüngemüse war hauptsächlich Wirsing, Rübstiel, Schneidgemüse und Knollengemüse vorhanden. Kopfsalat, der in der letzten Zeit größtenteils geschossen ist, sowie hiesiger und Mainzer Spargel war nur ganz wenig zu haben, ebenfalls Erdbeeren, unreife Stachelbeeren und Kirschen. […] Außerdem waren u. a. noch Gurken, Blumenkohl, grüne Erbsen, dicke Bohnen, Kohlrabien und Möhrchen in geringen Mengen zu haben. Der Verkauf war durchweg sehr flott, besonders in Gemüse und Obst. Um 9½ Uhr war das vorhandene Gemüse und Obst, sowie Spargel und Salat schon fast vollständig ausverkauft.
   Auch der Großmarkt auf dem Stiftsplatz hatte in fast allen Marktprodukten bei weitem nicht so große Zufuhren wie in der vergangenen Woche. […] Der Verkauf war sehr flott und der Markt um 7½ Uhr früh schon wieder fast vollständig geräumt.
   Der städtische Verkauf auf dem Wochenmarkt hatte wieder recht regen Zuspruch, besonders in Fischen und Gemüse. […]

Schöne Ernteaussichten! In Ergänzung unseres gestrigen Berichtes vom Wochenmarkt wird uns noch geschrieben: Als im Frühjahr die Jungmannschaft der hiesigen höheren Schulen mobil machte, um den Landwirten des Stadt- und Landkreises Bonn zu helfen, hat mancher in gut patriarchalischer Auffassung davon eine Besserung der im Vorjahre nicht immer erfreulichen Bonner Marktverhältnisse erwartet. Vorsichtigere lehnten das ab, aber niemand konnte voraussehen, was wir jetzt auf dem Markte erhalten. Der Bedarf ist reichlich gedeckt, Obst und Frühgemüse, zumal Erbsen sind vorhanden, werden feilgehalten. Will man zu amtlich festgesetzten Preisen kaufen, so wird dies bei Kirschen und Erbsen abgelehnt. Ebenso wenn ein Unvorsichtiger ein kleines Mehrangebot macht. Ich werde doch nicht die Polizei herausfordern, wird geantwortet. Bleibt also nur übrig, daß die Verkäufe ein „Höchstgebot“ erwarten, dafür geben sie schließlich ihre Ware ab. Die Preisfrage ist amtlich geregelt, die Bedarfsfrage dank der Witterung in Ordnung. Aber es bleibt eine dritte Frage: Sollen die zahlreichen Bonner Bürger, die auf ein festes Einkommen angewiesen sind, sich schon jetzt zu Beginn des Sommers dieser Willkür fügen? Dann wird es wie Hohn klingen: Schöne Ernteaussichten!

Der Unfug dauert an. Heute (Mittwoch) früh wurde auf dem Bonner Wochenmarkt abermals von unseren Hausfrauen beobachtet, daß die Marktfrauen ihre Ware, die sie auf den Markt gebracht hatten, als „verkauft“ erklärten. Unter anderem wurde mit diesem Trick der Rhabarber für gute Kunden aufbewahrt. Diesen Unfug muß unter allen Umständen ein Ende gemacht werden. Die Bonner Hausfrauen sollten sich darüber einig sein, daß sie keinen Pfennig über den Höchstpreis zahlen und sich nicht heimlich gegenseitig überbieten. Nur dann ist es möglich, geordnete Zustände auf unserem Wochenmarkt herbeizuführen. Die Höchstpreise sind, wie wiederholt sei, ausreichend bemessen. Unsere besser situierten Hausfrauen begehen also ein Unrecht an der übrigen Bevölkerung, wenn sie höhere Preise bieten. Man sollte nicht nur die Marktfrauen, sondern auch die Bürgerinnen bestrafen, die derart unpatriotisch handeln.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Erster Weltkrieg in Bonn
Auf dieser Seite wollen wir genau 100 Jahre danach für jeden Tag, den der Erste Weltkrieg andauerte, lokale Nachrichten aus Bonn veröffentlichen. Alle bislang erschienen Einträge sind in der der Chronik unter dem jeweiligen Monat nachzulesen. Soweit es unsere Zeit zulässt, wollen wir darüber hinaus weitere Informationen zum Thema Erster Weltkrieg ins Netz stellen.

Bonner Geschichtswerkstatt e.V.