Sonntag, 25. Februar 1917

     

Lichtbildervortrag über die Nahrungsmittelversorgung der Stadt Bonn. Herr Beigeordneter Piehl wird in seinem Lichtbildervorträger über die Nahrungsmittelversorgung der Stadt Bonn in der Kriegszeit (im Liberalen Bürgerverein) die gesamten städtischen Einrichtungen und Anlagen auf diesem Gebiete in Lichtbildern vorführen: die vielen Lager für Mehl, Kartoffeln, Kolonialwaren, Zucker, Speck, Fleisch, Futtermittel, ferner die Schweinemast, die Milchwirtschaft usw. Auch der Bonner Fleischverbrauch in den letzten drei Jahren soll, getrennt nach einzelnen Fleischarten, bildlich dargestellt werden. Um den Verbrauch der wichtigsten Nahrungsmittel wirksam zu veranschaulichen, wird er maßstäblich mit der Münsterkirche, der Zuckerverbrauch mit dem Beethovendenkmal verglichen werden. Auch die Kriegsküchen und ihr Verbrauch werden in Wort und Bild eingehend behandelt werden. Der Vortrag findet nächsten Samstag, abends 8 Uhr, im großen Saale der Lese statt, alle Mitbürgerinnen und Mitbürger ohne Unterschied der Partei haben dazu freien Zutritt.

Universität. In einem Anschlag am Schwarzen Brett bittet Professor A. Pflüger um die Feldadressen von Studierenden der Physik, die sich zur Verwendung in der funkentelegraphischen Rüstabteilung der Fliegertruppen anfordern lassen können. Professor Pflüger sucht ferner Damen und Herren, die Physik studieren oder über physikalische Vorkenntnisse verfügen und bereit sind, im März an einem Uebungskurs für Funkentelegraphie teilzunehmen. An diesem Kursus dürfen nur zivildienstpflichtige, keine wehrpflichtigen Herren teilnehmen.

Kocht in der Kochkiste! Das städtische Lebensmittelamt schreibt: Laßt uns diese Mahnung recht beherzigen, wenn jetzt, wo die wärmere Jahreszeit herannaht, der Ofen nicht mehr beständig geheizt werden muß. Es ist eine vaterländische Pflicht der Hausfrau, sich beim Kochen der Kochkiste zu bedienen. Das Kochen in der Kiste erspart Feuerung, Gas und Zeit und erleichtert der Hausfrau ungemein die Haushaltsführung. [...] Im März wird hier eine Anfertigungsstelle eröffnet, wo jeder Hausfrau Gelegenheit geboten ist, sich unter Mithilfe von Frauen der Hauswirtschaftlichen Kriegshilfe eine Kochkiste herzurichten. Dort werden auch Anweisungen kostenlos verabfolgt. Die Eröffnung dieser Stelle wird noch bekanntgegeben.

Die Polizeistunde ist zunächst noch nicht wieder von 10 auf 11 Uhr verlängert worden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Maisgries, Haferfabrikate, Graupen für die Schwer- und Schwerstarbeiter werden in der Woche vom 25. Febr. bis 3. März ausgegeben. Das ist für die Kinder dieser Arbeiter gewiß eine willkommene und notwendige Ernährungsergänzung, die nur mit Dank zu begrüßen ist, die Schwerarbeiter selbst werden gerade diese Zusatznahrungsmittel in den wenigsten Fällen genießen. Die Beschränkung der Ausgabe auf die Schwer- und Schwerstarbeiter bedeutet aber gegenüber den anderen Vätern und Müttern, die nicht zu den Schwerarbeitern gehören und gehören können, aber doch ebenso gut dem Vaterlande dienen, eine große Härte. Außer den hohen Löhnen und besonderen Vergünstigungen bekommen die Schwerarbeiter nun diese Vergünstigung hinzu, dagegen sind bei den Uebrigen die Einkünfte geringer und keine entsprechenden Vergünstigungen vorhanden. Die kochfertigen Suppen sind für die kleinen Leute viel zu teuer, sie essen sich arm daran und müssen ihre Kinder doch hungrig ins Bett legen. Es dürfte darum dringend empfohlen werden, die Ausgabe von derartigen billigeren Lebensmittel wie Maisgries, Haferfabrikate usw., auf die Kinder der Kriegerfamilien und anderer auszudehnen. Eine bestimmte Altersgrenze wäre dabei festzusetzen. Ein Familienvater.
   
Anmerkung der Redaktion: Die Reichsverteilungsstelle für Nährmittel und Eier hat, wie wir von zuständiger Seite erfahren, der Stadt Bonn Maisgries, Hafererzeugnisse und Graupen zur Verteilung an die Schwer- und Schwerstarbeiter zugewiesen. Die Stadt muß deshalb diese und kann keine anderen Waren an die Schwerarbeiter abgeben. Uebrigens werden für die Schwerarbeiter demnächst auch andere, kräftigere Lebensmittel ausgegeben werden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)

      

Der Bonner Wochenmarkt war gestern wieder besser beschickt als anfangs der Woche. In den letzten Tagen finden sich auch wieder mehr Verkäuferinnen vom Lande ein. Gestern war wieder reichlich Gemüse vorhanden, hauptsächlich Krauskohl, Rosenkohl, Sprutengemüse sowie sehr viel Feldsalat, allerdings durchweg zu hohen Preisen. [...]
   Auch der Großmarkt auf dem Stiftsplatze hatte gestern wieder verhältnismäßig große Zufuhren, besonders in Gemüse, [...] . Die Waren wurden recht flott aufgekauft, hauptsächlich von auswärtigen Händlern, und zwar der Markt um 8 Uhr früh schon fast vollständig wieder geräumt.
   Der städtische Gemüse-, Obst- und Fischverkauf auf dem Wochenmarkte hatte gestern wieder sehr regen Zuspruch. An Gemüse war leider nur Krauskohl zu 40 Pfg. das Pfund zu haben. [...]

De Wasserleitung es geplatz.
Die bekannte ältste Lück wesse sich net zu erinnere, dat jemohls su vill Wasserleitungsrühre geplatz on su vill Wasserleitunge zogefrore senn, als en dissem Johr. Ganze Strohße waren en de letzte vierzehn Dag off ohne Wasser, dofür hatte andere widde durch platze der Leitunge et Wasser foßhuh em Kelle stonn. De Installateure, die bisher net hallef esu vill Beachtung gefunge hätte wie ne Botterhändler, ne Metzger oder ne Kollemann, dat woren met eenem Schlag gesökte Persönlichkeite. Och ons Feuerwehr, et Mädche für Alles, wurd knatsch jeck gemaht von all denne, die Wasser ze vill hatte. Et Wasserwerk es sing Lebtag noch net su off aangerofe worde, wie en de vörrige Woch. „Schicken Sie doch direkt Jemand nach …“, „Bei uns steht das ganze Haus unter Wasser…“, „Lassen Sie umgehend mehrere Arbeiter kommen ….“, „Wir haben seit acht Tagen kein Wasser, schicken Sie doch einen Sprengwagen …“. Su ging dat faß de ganze Dag. On die Beamte konnten nix andesch sage, dat se weder Lück noch Päed genog hätte, öm der Nut op eenmohl e End zu mache. „Drieht de Haupthahn zo, schlagt et Leitungsrühr platt oder goht nohm Installateur“, dat woren en de Haupsach de Rohtschläg, die et Wasserwerk für de Oogenbleck gävve konnt! [...]
   Während die all en Nut wore, weil se ze vill Wasse hatte, soße andere widde vollständig om Drügge. Noh Honderte zällen die Huhshaldunge, denne de Wasserleitung eingefrore wor. Net selde woren ganze Hühse vierzehn Dag on drei Woche lang vollständig ohne Wasser; on hück noch moß männiche Huhsfrau et Wasser en de Nohbarschaff holle. Dot hät vill Aerger on Verdroß gegovve.
   Wenn me net mieh einfach an de Krahne gonn kann on löß et Wasser loofe, dann merk me iersch, wie vill Wasser me de Dag üvve en de Huhshaldung bruch. On trotzdemm et Wasserwerk bekannt gemaht hat, dat Eener demm Andere met Wasser ußhellefe soll, gov et doch an vill Stelle lang Geseechte, wenn de Fraue met ihre Aemmere on Kanne kohme, öm sich jet Wasser ze holle.
   Jetz eß Gottseidank de grüßte Nut erömm, doh och de Stadt verschiedene Sprengwage durch die Straße scheck, die su zimmlich alles met Wasser versorge.
   Wenn späder vom Kreegsjohr 1917 gesproche on geschrevve wierd, dann wierd me he en Bönn och noch off an die Wassernut denke. – Die Eene verzälle, dat se ze vill Wasser gehatt hann, on die Andere, dat se üvverhaup keen hatte.
   Immer datselve Bildche: wat der Eene ze vill hät, dat hät der Andere ze winnig … fo.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

     

Milchversorgung. Bisher erfolgte die Ausgabe der Milchkarten durch die Kartenausgabestelle des städtischen Lebensmittelamtes. Um der Bürgerschaft bei der großen Anzahl der versorgungsberechtigten Personen das lange Warten an der Ausgabestelle zu ersparen, soll diesmal versuchsweise die Verteilung der Milchkarten durch die Milchhändler erfolgen. Es haben sich bereits eine Reihe von Händlern entgegenkommenderweise bereit erklärt, diese Arbeit zu übernehmen und auch von den andern kann angenommen werden, daß sie sich im Interesse ihrer Kundschaft gerne dieser Mühe unterziehen. Die Verteilung der Karten erfolgt am 28. ds. Mts. bei der Milchbestellung. Die neuen Milchkarten werden nur gegen Rückgabe des Mittelstückes der alten Milchkarten ausgehändigt. Bei Unregelmäßigkeiten wende man sich sofort an die städtische Milchverteilungsstelle, Am Hof, neben Etscheid.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Mehr Licht! wäre abends dringend zu wünschen auf der Sandtstraße [jetzt: Eduard-Otto-Str.], wo auf dem Teil von der Hindenburgstraße [jetzt: Hausdorffstr.] bis zum Bonnertalweg keine Laterne brennt. Besonders dringend nötig wäre dieses gegenüber der Hindenburgschule [auf den Gelände der heutigen Grsematschule] an der Treppe des Verbindungsweges zum Weidengarten; nicht allein daß man auf dem aufgetauten Weg bis über die Knöchel durch den Schmutz watet, ist es direkt gefährlich die Treppe herunterzugehen. Im Weidengarten, wo in Friedenszeiten 4 Laternen brennen, ist seit längerer Zeit überhaupt kein Licht mehr, sodaß man, wenn einem Leute entgegen kommen, nicht weiß, ob man rechts oder links ausweichen soll, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Wenn auch Sparsamkeit am Platze ist, so darf dieselbe doch nicht übertrieben werden. Abhülfe wäre dringend zu wünschen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

Samstag, 24. Februar 1917

       

[...] Kartoffeln. An jeden Bezugsberechtigten werden 3 Pfund Kartoffeln ausgegeben. Schwerarbeiter erhalten auf die Zusatzkartoffelkarte weitere 4 Pfund Kartoffeln. Als Ersatz für Kartoffeln werden in der nächsten Woche auf die Warenkarte Nr. 7, 8, 9 und 10 je drei Pfund Steckrüben, also insgesamt 12 Pfund ausgegeben. Die Abnahme der ganzen Menge Steckrüben ist nicht notwendig, sondern es können die auf die Einzelabschnitte zustehenden Mengen gesondert gekauft werden.
   Da die Ausgabe der Steckrüben nur noch kurze Zeit dauert, wird jeder Hausfrau dringend empfohlen, sich für die kommende gemüsearme Zeit Steckrüben in größerem Maße zu trocknen oder einzusäuern. Die Anweisungen dazu sind in den Verkaufsstellen zu haben.
Kolonialwaren.
[...] Dienstag und Mittwoch wird in der städtischen Verkaufsstelle Maxstraße (Hof der Feuerwehrkaserne) Auslandsspeck verkauft. Es können auf Warenkarte Nr. 11 200 Gramm gesalzenen Speck gekauft werden. Der Preis beträgt 6,50 M. das Pfund. Der Speck wird ohne Fleischmarke abgegeben.
   Voraussichtlich wird auch in der nächsten Woche wieder kondensierte und sterilisierte Milch in Blechdosen und Flaschen verkauft werden können. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß diese Milch keine große Haltbarkeit besitzt. Infolgedessen ist es nicht empfehlenswert, größere Mengen zu längerem Aufbewahren zu kaufen. Ueberhaupt sei an dieser Stelle auf die geringe Haltbarkeit aller konservierten Nahrungsmittel in Blechdosen ausdrücklich hingewiesen. Das Weißblech fehlt und das Schwarzblech, aus dem die Dosen jetzt hergestellt werden, ist für die Aufbewahrung der Nahrungsmittel lange nicht so geeignet.
Kohlen. Nachdem der Stadt Bonn täglich größere Mengen Briketts und Kohlen geliefert werden, ist die dringendste Kohlennot behoben. Es fehlt natürlich noch an einzelnen Kohlensorten wie Anthrazit-Nußkohlen. Die Verbraucher müssen sich daher noch für kurze Zeit den gegebenen Verhältnissen anpassen. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß einzelne Kohlenhändler sich geweigert haben, Kohlen von ihrem Lager abzugeben mit der Begründung, diese seien bereits verkauft, trotzdem dies vielfach nicht der Fall war. Gegen ein derartiges Verfahren wird mit aller Strenge seitens des Lebensmittelamtes vorgegangen werden. Bei Uebertretungen werden die Geschäfte unnachsichtlich geschlossen werden. [...]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Nachrichten des Lebensmittelamts der Stadt Bonn“)

In der Stadtverordnetenversammlung gab gestern Oberbürgermeister Spiritus wieder einen zusammenfassenden Bericht über die Lebensmittelversorgung in Bonn. Er erwähnte u. a., daß die Stadt bei ihrem Lebensmittelgeschäft bisher rund 40 Millionen Mark umgesetzt habe, in den letzten vier Wochen allein fünf Millionen. Die Stadtverordneten stimmten der Erhöhung des Kartoffelpreises von 5.50 auf 6.50 Mark zu und erklärten sich auch mit der Anschaffung eines Lastkraftwagens für das Lebensmittelamt einverstanden. Die ungedeckten Kriegsausgaben der Stadt beliefen sich am 1. Januar, wie der Oberbürgermeister mitteilte, auf annähernd drei Millionen Mark, sie sollen später durch eine Anleihe gedeckt werden. die Vorlage über die Einführung eines Gassparpreises wurde vertagt. Außerhalb der Tagesordnung wurde angeregt, der zunehmenden Verwilderung der Schuljugend durch planmäßige Beschäftigung in der Landwirtschaft entgegenzuwirken. Auf eine weitere Anfrage teilte die Verwaltung mit, daß die Ausgabe von Notgeld vorbereitet werde. [...]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

       

Gegen das Ueberhandnehmen des Rollschuhlaufens inmitten unserer Stadt werden gegenwärtig viel Klagen laut. Gewiß gönnt man der Jugend jedwede gesundheitliche Bewegungsbetätigung von Herzen gerne, solange nicht recht bedenkliche Gefahren für die Ausübenden selbst und für den freien Verkehr damit verbunden sind. Von den Straßenbahnen, Fuhrwerken und Fußgängern wird das geradezu massenhafte und rücksichtslose sportliche Auftreten des Rollschuhlaufens vielfach belästigend empfunden. Alle asphaltierten Straßenstrecken und alle Bürgersteige bilden augenblicklich wieder wahre Tummelplätze für diesen Sport. Wenn schon am Tage selbst dieser Uebelstand vielfach zu Kollisionen führt, umsomehr hat man am Abend bei der dürftigen Beleuchtung eine Anrempelung zu befürchten. Es scheint nicht allgemein bekannt zu sein, daß Rollschuhlaufen in den Straße von der Polizei verboten ist.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Städtischer Gemüseverkauf. Weiß die Stadt, welche gute Kundschaft sie an der Bürgerschaft von Beuel etc. hat? Wenn nicht, so können ihr die Straßenbahnschaffner, die auch mich darauf aufmerksam gemacht haben, die zuverlässigste Auskunft darüber geben. Es gehen auf diese Weise große Mengen Gemüse ins „Ausland“, während zahlreiche Bonner betrübt ohne Gemüse nach Hause zurückkehren müssen, wie dies heute morgen betr. Krauskohl schon um 11 Uhr der Fall war. Durch die Beschränkung des Verkaufs gegen Vorzeigung des Umschlages der Lebensmittelkarte wäre dem leicht abzuhelfen.
   Jeder ordnet sich zudem gerne der vorgeschriebenen Reihenfolge an. Heute vormittag aber drängten sich einige Personen vor und wurden auch in der Tat sofort bedient, sodaß nicht nur wir andern länger warten mußten, sondern einige von denen, die hinter mir standen, überhaupt kein Gemüse mehr erhielten, während ihren der geordneten Reihenfolge nach wenigstens das Gemüse zugestanden hätte, was sich die vordrängenden Personen mitnahmen. Als ich die Verkäuferinnen darauf aufmerksam machte, wurde ich in recht unhöflicher Weise darauf hingewiesen, „daß diese Frauen in städtischen Diensten ständen und ebensogut was zu essen haben wollten, wie wir“. Ich bin überzeugt, daß das Lebensmittelamt mit dieser Praxis nicht einverstanden sein wird. Civis.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

     

Stadtverordnetensitzung vom 23. Februar.
[...] Außerhalb der Tagesordnung fragte Stadtv. Gudden: Welche Maßnahmen gedenkt die Schulverwaltung zu treffen, um der zunehmenden Verwilderung der Schuljugend entgegenzutreten. Redner regt an, die Schuljugend außer der Schulzeit unter Aufsicht zu beschäftigen. Die Lehrerschaft werde über das Maß ihrer Pflicht hinaus bereit sein, um das zu erreichen, was wir wollen. Auch das Zigarettenrauchen der Jugendlichen nehme überhand.
   Schulrat Dr. Baedorf dankte dem Vorredner für seine Anregung der Beschäftigung außerhalb der Schulzeit.
   Stadtv. Direktor Bins schlug eine planmäßige Beschäftigung in der Landwirtschaft vor. Die Lehrerschaft möge die Arbeitsvermittlung übernehmen.
   Schulrat Dr. Baedorf dankte auch für diese weitere Anregung und versprach, ihr seine Aufmerksamkeit zu schenken.
   Stadtv. Butscheidt meint, angebracht sei es, das Züchtigungsrecht auf Erwachsene in gewissem Umfange auszudehnen.
   Die Sache wird weiter verfolgt werden.
   Schulrat Dr. Baedorf bemerkte, es sei das beste, wenn Erwachsene ihm die Kinder, welche frech seien, zur Anzeige brächten.
   Damit ist die Anfrage erledigt.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Freitag, 23. Februar 1917

     

Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1917Der Rhein führte gestern ganz plötzlich wieder Treibeis. Die ersten vereinzelten Eisschollen kamen bei Tagesanbruch, ihre Zahl nahm so schnell zu, daß gegen Mittag der Strom auf der ganzen Breite mit Treibeis bedeckt war. Ebenso schnell, wie es gekommen war, ist das Eis auch wieder verschwunden. Gestern nachmittag gegen 4 Uhr trieben zwischen dem Bonner Ufer und etwa der Mitte des Stromes nur noch vereinzelte Eisschollen, während die Beueler Seite noch dicht mit Eis bedeckt war, bis zum Abend hatte aber auch auf der rechten Seite der Eisgang fast ganz aufgehört. Das Eis kam größtenteils von der Mosel, deren Eisdecke sich Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag durch das steigende Wasser gelöst und in Bewegung gesetzt hatte.
   Die Schiffahrt wurde durch den gestrigen Eisgang vorübergehend gestört. Ein Schleppzug mit fünf beladenen Kohlenschiffen, der vorgestern abend vor Bonn Anker geworfen hatte, konnte seine Reise stromaufwärts gestern erst gegen Abend fortsetzen. Im übrigen wird der Schiffahrtsbetrieb, wenn der Rhein heute voraussichtlich wieder eisfrei ist, durch den etwas höheren Wasserstand erleichtert.

Drei heimlich geschlachtete Schweine sind gestern vormittag von der hiesigen Kriminalpolizei beschlagnahmt und dem Lebensmittelamt überwiesen worden. Die Tiere sind lebend aus dem Kreise Rheinbach nach Bonn gebracht, zwei sind in einem hiesigen Pferdestalle, eins anscheinend auf freiem Felde geschlachtet worden. Die beschlagnahmten Schweine wogen 63, 70 und 80 Kilogramm.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

      

An die Männer und Frauen auf dem Lande!
Die Landarbeit in allen ihren Teilen ist vaterländischer Hilfsdienst. Wer den Pflug führt und das Vieh pflegt, das Saatkorn in die Erde senkt und die Ernte herein bringt, steht auf demselben Posten, wie der Granatendreher und der Munitionsarbeiter. Auf beide verlassen sich unsere Brüder im Felde draußen; auf den Landarbeiter aber hofft und baut Alles. Das muß sein Stolz und seine Ehre sein. Fahnenflucht begeht der, der jetzt den Pflug und die Scholle verläßt, Verrat an den Volksgenossen, wer jetzt dem Lande den Rücken kehrt, um in Stadt und Industrie einige Groschen mehr zu verdienen. Das Land braucht seine Menschen so notwendig, wie die Fabrik. Mit gutem Vorbild und überzeugendem Wort müssen solche Flüchtlinge zurückgehalten werden.

Abenteuerliche Kriegsgerüchte tauchen in letzter Zeit wieder auf. Der Gouverneur der Festung Köln warnt in einer Bekanntmachung, die in der vorliegenden Nummer abgedruckt ist, nachdrücklich vor böswilliger oder auch nur fahrlässiger Verbreitung unwahrer Kriegsnachrichten. Zuwiderhandelnde werden unter strengen Freiheitsstrafen gestellt.

Der Gassparpreis, der heute im Stadtverordnetenkollegium beschlossen werden soll, begegnet in der Bürgerschaft einer recht geteilten Aufnahme. Es werden dagegen vielerlei gewichtige Gründe geltend gemacht. Vor allem wird darauf hingewiesen, daß viele Familien infolge des Kohlenmangels in erhöhtem Maße für Koch- und Heizzwecke Gas benutzen und daß auch die veränderte Ernährungsweise die vermehrte Benutzung des Gasherdes verursacht. Der Gassparpreis würde deshalb eine wesentliche Verteuerung der ohnedies sehr schwierig gewordenen Lebenshaltung der mittleren und kleineren Bürger herbeiführen. Auch ist zu bedenken, daß das Gaswerk bisher die „melke Kuh“ unseres Stadtsäckels war und daß eine gewaltsame Zurückdrängung des Gaskonsums schädigend auf die Finanzen der Stadt einwirkte. Da wir an sich seine reiche Kohlenförderung haben und die Kohlenknappheit wohl nicht zum Wenigsten auf die starke Ausfuhr nach neutralen Ländern zurückzuführen ist, so wäre es der Ueberlegung wert, ob unsere Kommunalverbände nicht in Berlin dahin vorstellig werden sollen, daß zunächst die Kommunen ausreichend mit Kohlen versorgt werden und daß man erst dann an die Versorgung des neutralen Auslandes denkt. „Das Hemd liegt uns näher als der Rock“ und es dürfte sich vielleicht doch ein Mittelweg finden, um einen Ausgleich zu schaffen, der uns einerseits unsere Kohlenpolitik gegenüber dem neutralen Auslande gestattet und andererseits es doch ermöglicht, daß der heimische Herd nicht erkaltet. Die Rücksichtnahme auf die minderbemittelten Gasverbraucher ergiebt sich aber auch aus unseren neuen Steuervorlagen, insbesondere aus der geplanten Kohlensteuer, die das ohnedies schon verteuerte Brennmaterial noch mehr belasten wird.
   Da die ganze Frage des Gasersparnispreises im Grunde genommen eine Kohlenfrage ist, so wäre weiterhin zu erwägen, ob man die schöne Wasserstraße des Rheins, die auch an Bonn vorüberführt, nicht intensiver als bisher zur Kohlenbeförderung nach Bonn in Anspruch nehmen sollte. Unsere Stadtverwaltung in Verbindung mit der Handelskammer finden vielleicht Weg, der uns eine innigere Verbindung mit den rheinisch-westfälischen Kohlenzechen schafft und uns auch aus dem Saargebiet Kohlen in vermehrter Menge zuführt. Wo ein Wille, da ist auch ein Weg. Die Zeiten werden bitter ernst für die ärmere und mittlere Bevölkerung und unserer Stadtverwaltung erwächst aus diesem Umstande die Aufgabe, mit der gleichen Initiative, mit der sie bisher sich dankbarerweise um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung erfolgreich bemüht hat, auch um die Beschaffung ausreichender Kohlenmengen mit aller ihren Gliedern zu Gebote stehenden schätzenswerten Tatkraft einzusetzen. Unser Herr Oberbürgermeister ist Vorsitzender des Provinziallandtages und hat in dieser Eigenschaft einen weitreichenden Einfluß. Möge die Autorität unseres städtischen Verwaltungschefs uns in dieser seiner besonderen Eigenschaft zugute kommen und alle Riegel aufgeschlossen werden, die dazu führen, daß Bonn ausreichend mit Kohlen versorgt wird. Unsere günstige Lage am alten Vater Rhein muß es möglich machen können, daß die Mengen, die nicht mit rollendem Material herangeschafft werden können, zu Schiff bei uns angeliefert werden.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Zur Gasersparnis. Wir haben Zentralheizung und keinen Koks. Auf Anfrage bei der Stadt wies man uns an die Kohlenhändler – von dem unseren können wir nichts erhalten – von fremden 1 Zentner auf die Warenkarte. – Damit kann man keine Zentralheizung im Gange halten. Wir halfen uns mit Gasofen. – Wie soll das nun werden bei der großen Preiserhöhung? Um Rat bittet eine niedergedrückte Hausfrau.

Zur Gasersparnis. Möchte mir nur die Frage erlauben, warum alle Maßnahmen immer so gedreht werden, daß sich die Härten derselben nur hauptsächlich gegen die Minderbemittelten kehren? Wenn man jetzt abends noch etwas umherläuft, um zu Hause ein paar Briketts und ein Stündchen Licht zu sparen, kann man sich überzeugen, wie in den eleganten Häusern und Villen der vornehmen Viertel die Kronleuchter im Glanze so und so vieler elektrischer Birnen erstrahlen. Ja, ist denn zur Erzeugung des elektrischen Stromes keine Kohlen notwendig? Jetzt, wo man gezwungen ist, Kochen, Waschen, Bügeln, alles mit Gas zu besorgen, wird gerade nur auf Gasverbrauch solcher Sparsamkeitszwang ausgeübt. Kohlen bekommt man selbst bei allen Bitten und Mühen nicht, und jedes Menschen Sache ist es auch nicht, sich in Scharen auf dem Hofe eines Kohlenhändlers stundenlang aufzustellen, um ein paar Briketts zu ergattern. Die besseren Leute sind ja nicht auf Gas angewiesen, die haben Kohlen genug, wenn dort alle die beschlagnahmt würden, die über 10 Zentner aufgespeichert sind, hätte Bonn sicher auf Wochen Kohlen genug. Oder sollen sich die weniger Begüterten nur deshalb größere Beschränkungen auferlegen, damit sich nur ja die Bessergestellten keinen Zwang anzutun brauchen.

Gasersparnis. Wir sollen Gas sparen! Warum nicht auch elektrisch Licht und überhaupt Kohlen? Die vorgeschlagene Maßregel bedeutet nämlich eine einseitige Belastung der Gasverbraucher. Daß bei der Gasbeleuchtung noch manches gespart werden kann, ist sicher, anders ist es aber beim Kochen mit Gas. Viele Haushaltungen kochen nur mit Gas (denn es ist ja viel sparsamer als das Kochen mit Kohlen), andere haben sich jetzt bei dem Mangel an Kohlen, Spiritus und Petroleum einen Gasherd angeschafft; ferner verlangen die jetzt vorhandenen Nahrungsmittel wie Rüben, Graupen usw. eine viel längere Kochzeit; ferner muß jetzt auch abends gekocht werden, und wenn es nur eine Suppe ist, denn die Zeiten von Butterbrot und Wurst abends sind vorüber. Muß der Gasverbrauch noch weiter eingeschränkt werden – zum Sparen überhaupt hat uns Gott sei Dank der Krieg erzogen - , dann müßte eben der Kohlenherd wieder mehr benutzt werden! Der Erfolg wäre dann wohl weniger Gasverbrauch, dafür erhöhter Kohlenverbrauch, wozu noch die viel größere Arbeit für die jetzt schon genügend in Anspruch genommenen Hausfrauen kommt. Die vorgeschlagene Maßregel hieße also: den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. G.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

    

Ausgabe von Milchkarten. Die Milchkarten für die Monate März und April werden am 28. ds. Mts. durch die Milchhändler ihren Kunden zugestellt. Die neuen Milchkarten werden nur gegen Rückgabe der Mittelstücke der alten Milchkarten ausgehändigt.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Erster Weltkrieg in Bonn
Auf dieser Seite wollen wir genau 100 Jahre danach für jeden Tag, den der Erste Weltkrieg andauerte, lokale Nachrichten aus Bonn veröffentlichen. Alle bislang erschienen Einträge sind in der der Chronik unter dem jeweiligen Monat nachzulesen. Soweit es unsere Zeit zulässt, wollen wir darüber hinaus weitere Informationen zum Thema Erster Weltkrieg ins Netz stellen.

Bonner Geschichtswerkstatt e.V.