Donnerstag, 28. Juni 1917

       

In der Anthropologischen Gesellschaft sprach Dienstag abend Professor Hübner über Aberglauben, Nerven- und Geisteskrankheiten im Kriege. Der Vortragende führte aus, daß der Aberglauben und namentlich seine Ausbeutung im Kriege zugenommen habe, besonders in Form der Gebetskettenbriefe, ferner der Schutzbriefe gegen Gefahren sei er stärker aufgetreten als im Frieden. Die Schutzbriefe seien zum Teil gedruckt und massenweise verbreitet. Ebenso habe das Wahrsager-, Gesundbeter- und Kurfuschertum trotz der dagegen getroffenen Maßnahmen sich vermehrt, daß ein Mann in gewinnsüchtiger Absicht gewöhnliches Wasser als Lourdeswasser verkauft habe. Die Persönlichkeiten der Wahrsager und Heilkundigen dieser Art seien größtenteils anrüchiger Natur. Manche von ihnen sind vorbestraft, nicht weniger wegen nervöser und geistiger Störungen behandelt worden. Der Redner meint, daß sämtliche Gebildeten, gleichgültig welchem Glauben sie angehören, sich gegen diese Ausbeutung Leichtgläubiger und Abergläubischer tatkräftig wehren müssen, wie das von Seiten sowohl der weltlichen Behörden wie von Seiten der Geistlichkeit bereits geschehen sei. Des weiteren ging Professor Hübner auf einige gerade im Kriege besonderes Aufsehen erregende Typen von Weltverbesserern, Sektierern usw. näher ein. Er zeigte, wie abnorm das Denken und Urteilen dieser Menschen ist, und warnte davor, sie als Märtyrer ihrer Ueberzeugung anzusehen. Schließlich führte Prof. Hübner noch Näheres über die Geistes- und Nervenkrankheiten im Kriege aus. Er warnte davor, die sog. Nervösen in der Oeffentlichkeit allzu sehr zu bemitleiden, weil ihnen das schade. Er zeigte, daß die Behandlungsmethoden, welche man jetzt für derartige Kranke habe, größtenteils geradezu hervorragende Ergebnisse erzielt haben. Den Arbeitgebern der Kriegsbeschädigten empfahl er, im Anfang etwas Rücksicht auf die frisch Entlassenen zu nehmen. Schließlich führte er aus, daß die im Gesetz für andere Kranke vorgesehene Kapital-Abfindung auch für diese Kranken eingeführt werden sollte.

Unwürdiges Benehmen der sog. Wandervögel. In letzter Zeit ist erneut die Beobachtung gemacht worden, daß Abteilungen der sog. Wandervögel beiderlei Geschlechts, namentlich wenn sie von ihren Wanderungen zurückkehren, durch ein dem Ernste der Zeit nicht entsprechendes Verhalten sowie durch ihre oft karnevalsmäßige Kleidung – sie tragen an den mitgeführten Lauten zahlreiche lange bunte Bänder- bei einem großen Teile der Bevölkerung Aegernis erregen; besonders finden die auf den Bahnhöfen durchreisenden Militärpersonen, namentlich die Verwundeten, das Benehmen als höchst unpassend.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

Kino. Die Lichtspiele im „Stern“ bringen ein verfilmtes Gedicht von Henrik Ibsen: „Terje Vigen“. Der demokratische Geist des nordischen Dichters lehnt sich darin gegen die politische Unterdrückung seines Vaterlandes durch England zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf. Der scharfe Protest spiegelt sich in dem Schicksal des kühnen Lotsen Terje Vigen, der im Kampf mit den brandenden Wogen sich ebenso mutvoll zeigt. Daß eine skandinavische Filmgesellschaft es wagt, derzeit einen solchen flammenden Protest gegen ein geschichtliches Unrecht Englands gegenüber Norwegen szenisch darzustellen, entbehrt nicht des politischen Untertons. Nebenbei ist der Rahmen, die nordische See in ihrer elementaren Gewalt und wilden Schönheit, von bezwingender Wirkung. [...]

Diebstahl. [...] Ein frecher Diebstahl wurde gestern morgen gegen 11 Uhr in der Kriegsküche an der Sandkaule verübt. Eine wohl mit den Räumlichkeiten und auch den Gepflogenheiten der ehrenamtlich dort tätigen Damen stahl aus einem sog. Marktbeutel, der sich in einem verschlossenen Zimmer befunden hatte, eine Handtasche, enthaltend etwa 20 Mark, eine Straßenbahnkarte, einige Briefe und Schlüssel. Spuren von Nagelschuhen deuten darauf hin, daß die diebische Person ihren Weg durch ein wahrscheinlich nicht fest verschlossenes Fenster genommen hat. Der Dieb setzte seiner dreisten Tat durch Verschmutzung des dahinter liegenden Hofes die Krone auf.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

      

Die Frühkartoffeln wurden in ganz vereinzelten Fällen bereits beerntet. Da der Boden genügend Feuchtigkeit besitzt, werden die Kartoffeln jetzt noch sehr an Dicke zunehmen und hält man infolgedessen überall noch mit der Ernte zurück. Die bereits ausgegrabenen Kartoffeln waren schon von ansehnlicher Entwicklung, jedoch läßt sich jetzt von dem Ausfall der Ernte noch kein abschließendes Urteil fällen. Die Aussichten sind allerdings günstig.

Die Leiche, die am 21. Juni vor der Theaterstraße gelandet wurde, ist als die einer Rentnerin aus Neuwied erkannt worden. Die Rentnerin hat vermutlich in einem Schwermutsanfall den Tod im Rhein gesucht und gefunden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)