Montag, 31. Mai 1915

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 31. Mai 1915Über mutwillige Beschädigungen der Telegraphenanlagen wird besonders in neuerer Zeit wieder geklagt. Hauptsächlich werden durch Kinder zahlreiche Porzellan-Doppelglocken mutwillig zertrümmert und dadurch die öffentlichen und militärischen Interessen gefährdet. Für die Ermittelung der Täter von vorsätzlichen oder fahrlässigen Beschädigungen gewähren die Ober-Postdirektionen Belohnungen bis zu 15 Mark.

Pilze. Die heutigen schwierigen Zeiten erfordern es, alle der Volksernährung gebotenen Mittel voll auszunutzen. In Deutschland gibt es über 200 Pilzarten, von denen über ein Viertel gute Speisepilze sind. Nur sieben Arten sind giftig. Der größte Teil dieses Nahrungs- und Genußmittels, dessen Jahresernte einen Wert von vielen Millionen Mark hat, geht nun in Deutschland verloren. Tausende von Zentnern des schmackhaften und nahrhaften „Pilzfleisches“ kommen jährlich unnütz um. (...) Jedenfalls wäre es sehr erwünscht, wenn die Kriegsnöte mit dazu beitragen möchten, das Interesse für die Schwämme zu wecken und die unglaubliche Unkenntnis auf diesem Gebiete zu beseitigen. Die deutsche Volksernährung würde dadurch um einen wesentlichen Faktor bereichert werden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 31. Mai 1915Die Wallfahrt zum Kreuzberg ging gestern gegen Vormittag unter ungemein starker Beteiligung vor sich. Es nahmen daran teil die katholischen Jugendvereinigungen der Stadt, der katholische Arbeiterverein Kessenich, der katholische Gesellenverein und der Katholische Verein, der Kath. kaufmännische Verein, das Zentralkomitee der Katholiken Bonns, der katholische Arbeitervereine sowie die Junggesellensodalität und die Männerkongregation der Münsterpfarre. Außerdem bemerkte man in dem riesigen Wallfahrtszuge eine große Zahl von verwundeten Soldaten aus den Bonner Lazaretten, sowie zahlreiche Männer aus den verschiedenen Pfarreien. (...)
   Die Wallfahrt, die der Erflehung eines erfolgreichen Friedens für unser deutsches Volk und Vaterland galt, bot durch die Stärke der Beteiligung aus allen Schichten unserer Bürgerschaft ein erhebendes Bild der gottgläubigen kirchlichen katholischen Gemeinschaft unserer lieben Vaterstadt.
   Hoch oben auf dem Kreuzberg, der die Scharen der Wallfahrer kaum zu fassen vermochte, fand ein Bittgottesdienst in der freien Gottesnatur statt, wo Pater Dosetheus von der heiligen Stiege der Kreuzbergkirche aus über die religiösen Pflichten des katholischen Mannes in der Jetztzeit eine packende, tief zu Herzen dringende Ansprache hielt, die bei allen Teilnehmern unverwischlich im Gedächtnis haften dürfte.
   Der geistliche Redner gedachte des Lenkers aller Schlachten, in dessen Hand die Geschicke aller Völker ruhen, und um dessen gütigen Beistand in dem großen Ringen zu bitten, echte Christenpflicht sei. Auch der furchtbaren Folgen dieses Weltkrieges, der armen zurückgebliebenen Witwen und Waisen der auf dem Felde der Ehre gefallenen Kämpfer gedachte P. Dosetheus, bei dessen Worten wohl kaum ein Auge trocken blieb.
   Ganz eigenartig berührte es, daß während der Ansprache vor der tausendköpfigen gläubiggen Menge, die dichtgedrängt auf dem im Frühlingskleide prangenden Kreuzberg vereinigt war, die Vögel im Gezweig friedvoll ihre Lieder sangen, während die Herzen der Gläubigen von dem Ernst der kriegerischen Ereignisse, die der Redner vor ihrem geistigen Auge entrollte, tief erfüllt waren.
   Möge der Geist, der diese Wallfahrt erfüllte, in unserem Volke lebendig bleiben und unserem geliebten Vaterlande auch tatsächlich der Friede beschieden sein, der gestern von dieser vielköpfigen Schar gläubiger Katholiken auf der Kuppe des Kreuzberges heiß und inbrünstig erfleht worden ist.

Anzeige im General-Anzeiger vom 31. Mai 1915Zur neuen Kartoffelernte. Infolge des günstigen Wetters verspricht die diesjährige Kartoffelernte ganz besonders reich zu werden. Die Frühkartoffeln sind teilweise schon an der Blüte und in den nächsten zwei Wochen dürften die ersten neuen Kartoffeln auf den Markt kommen. Es liegt im Interesse vieler, den Bedarf an alten Kartoffeln nur noch pfundweise einzukaufen, da der Preis der neuen Kartoffeln wohl kaum denjenigen der alten übersteigen wird. Auch sonst diene für ängstliche Gemüter zur Beruhigung, daß keine Nahrungsmangel eintreten kann, da für dieses Jahr in allem eine gute Ernte bevorsteht, wie wir sie seit langen Jahren nicht gehabt haben.

Das Ende des zeitweiligen Zuckermangels. In Berlin wird amtlich gemeldet: Der Bundesrat hat in der vorgestrigen Sitzung für die Zeit nach dem 31. Mai 1915 weitere fünfzehn Hundertteile des Kontingents der Rohzuckerfabriken zum steuerpflichtigen Inlandsverbrauch freigegeben.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Zum Fremdwörterunwesen. Die Zeitungen und Zeitschriften bringen jetzt wieder haufenweise das Wort Saison. Es ist die Modesaison und die Badesaison angebrochen. Was ist denn Saison? Offenbar soll mit diesem häßlichen Fremdwort zweierlei ausgedrückt werden: ein begrenzter Zeitabschnitt, also eine Frist, und ein Etwas, das diesen Zeitabschnitt vor allen anderen heraushebt, also etwas Hohes. Wäre demnach Saison nicht recht gut mit Hochfrist wiederzugeben? Die Hochfrist der Sommermode, die Hochfrist der Badezeit lautet zudem gar nicht übel. P. A.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)