Samstag, 20. Juli 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 20. Juli 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 20. Juli 1918Durch den Genuß ungekochter Milch können besonders in der jetzigen heißen Jahreszeit leicht Typhuserkrankungen hervorgerufen und verbreitet werden. Das städtische Gesundheitsamt warnt daher vor dem Genuß ungekochter Milch.

Ein Schwein ist in der Nacht zum Donnerstag aus einer hiesigen Anstalt gestohlen und am Mondorfer Bach abgeschlachtet worden. Der Dieb ist vermutlich ein Fahnenflüchtiger.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

    

Ueber die Bedeutung der flandrischen Küste für unsere künftige Stellung zur See sprach gestern abend in der Lese Vizeadmiral z. D. Dähnhardt. Anhand untrüglicher geschichtlicher Tatsachen wies Redner auf das Bestreben Englands hin, jede aufstrebende Seemacht unerbittlich niederzuhalten. Deutschlands wirtschaftlicher Aufschwung, das erfolgreiche Auftreten deutscher Kaufleute in Uebersee, die Eroberung des Weltmarktes durch deutsche Erzeugnisse, die erstarkte deutsche Schiffahrt, die alle Meere und Länder mit einem Netz von Linien durchzogen, haben uns die Gegnerschaft Englands zugezogen. Nicht der Ausbau unserer Kriegmarine, die England als Bedrohung aufgefaßt habe, nein, nur unsere wirtschaftliche Durchdringung und Eroberung des Weltmarktes haben uns England zum unerbittlichen Gegner gemacht. [...] Daher der unerbittliche Krieg, der entweder uns oder England am Boden finden werde. Der Krieg habe uns ein wertvolles Gebiet in die Hände gegeben: die flandrische Küste mit den Häfen Zeebrügge und Ostende, sowie den Hafen von Antwerpen. Als Gegner Englands leiste uns dieser Küstenstrich schon jetzt unersetzliche Dienste als Stützpunkt für unsere Uboot-Waffe, besonders für die kleinen wirksamen Boote. In Zukunft wachse sich diese Küste zur bedrohlichen Flankenstellung gegenüber England aus. Und wie ihr Besitz unsere maritime Macht gewaltig stärke, so sichere die flandrische Küste in unserer Hand die für unser gesamtes Fortkommen so wichtige rheinische Industrie. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht sei die flandrische Küste für uns von größtem Werte, da sie den industriereichen Westen um viele, viele Meilen näher an das Herz des Welthandels bringe. Entweder die flandrische Küste sei unser, oder England lege seine Hand darauf, denn nach dem Kriege werde es noch weniger ein neutrales Belgien geben wie vor dem Kriege. Flanderns Küste aber im Besitze Englands wäre für Deutschland das größte Unglück. Daher müßte Flanderns Küste für uns militärisch sichergestellt werden. Redner sprach im Auftrage der Deutschen Vaterlandspartei, deren Vorsitzender, Geheimrat Litzmann, den Vortrag mit einigen tief ans Herz greifenden Worten einleitete.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

     

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. Juli 1918Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. Juli 1918Zur Lebensmittelversorgung.
Urteil und Vorurteil.
Ueber die Lebensmitteversorgung wird in den letzten Wochen von berufener und unberufener Seite wieder viel, ja viel zu viel geredet und geschrieben. [...] Bei allem, was über die Lebensmittelversorgung geredet und geschrieben wird, muß man genau unterscheiden, ob es auf einem gesunden Urteil oder auf einem Vorurteil aufbaut. Dieser Tage ging uns eine Zuschrift zu, welche, wie auch Vorschläge in anderen Blättern, dahinging, es möchte doch das Hamstern gestattet werden, wenn die gehamsterte Ware das Geicht von 25 Pfund nicht übersteigt. Diesen Vorschlag unterschreiben alle, die Zeit haben, um zu hamstern; denn zu allen Hamsterfahrten gehört ein gut Stück Zeit. Alle jene aber, die beruflich so in Anspruch genommen sind, daß sie keine Zeit zum Hamstern finden, billigen den Vorschlag nicht. So wie er gemacht ist, kann er auf keinen Fall auch von der Allgemeinheit gutgeheißen werden. Denn die Grenze von 25 Pfund ist bei Butter und Speck doch etwas zu hoch. Bei Kartoffeln und Obst mag sie angehen. Der Aufruf an die Hamster, sie möchten sich gegenseitig in der Höchstpreisüberschreitung überwachen oder davon abhalten, ist geradezu kindisch. Man frage nur einmal die Hamster selbst nach ihren Erfahrungen. Die Grenze der 25 Pfund muß aber auch zeitlich eingeschränkt werden; denn wenn jemand sich tagtäglich 25 Pfund einhamstern kann, so geht die ganze Rationierung flöten, selbst wenn es sich um Kartoffeln handelt. Der Vorschlag ist also mit der größten Vorsicht zu genießen, mag man ihn billigen oder nicht. Das Hamstern völlig zu unterbinden, ist unmöglich, es aber gesetzlich zu gestatten, mit so großen Gefahren verbunden, daß dadurch leicht unser ganzes Wirtschaftssystem über den Haufen geworfen wird. [...]

Verband- und Krankenerfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ Lille. Aus Lille kommt die Nachricht, daß von der von den Bonner Vaterländischen Vereinigungen daselbst eingerichteten Verband- und Krankenerfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ der 5millionste Heeresangehörige am Mittwoch, den 17. d. M., verpflegt worden ist. Erst im Februar d. J. wurde sie Verabreichung der millionsten Portion angezeigt. Die Inanspruchnahme der Stelle war somit in den letzten Monaten wiederum sehr stark.

Erhöhung des Feinbrotpreises. Die Reichsgetreidestelle ist infolge der Mehlknappheit vor der neuen Ernte genötigt, Gerstenmehl zur Brotstreckung zu liefern. Da das Gerstenmehl erheblich teurer ist, als das früher ausschließlich benutzte Weizen- und Roggenmehl, tritt für die Bäcker eine Verteuerung der Brotherstellung ein. Der Preis für das 3 3/4–pfündige Feinbrot ist daher von der am Montag, den 22 Juli beginnenden Versorgungswoche ab von 90 auf 95 Pfg. erhöht worden. Bei den übrigen Brotsorten tritt eine Preiserhöhung nicht ein.

Festgenommen wurde eine Zigeunerin, die im Hausierhandel Spitzen verkauft und dabei gegen Entgeld „wahrsagte“, was bekanntlich verboten ist.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)