Dienstag, 16. Juli 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. Juli 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 16. Juli 1918Im Verband Bonner Frauenvereine berichtete gestern abend Frl. Gottschalk über die Berliner Tagung des Verbandes zur Förderung der Arbeiterinneninteressen am 20. und 21. Juni. Die hochbedeutsame Tagung, die von den Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland sowie Vertretern mehrerer Reichsämter, Ministerien und vieler anderen Behörden besucht war, beschäftigte sich außer mit Gegenwartsfragen vor allem mit der Uebergangszeit. Ihr Hauptziel war, die Gefahren zu verringern, die ein allzu krasser Umschwung unserer Volkswirtschaft der erwerbstätigen Frau bringen muß. Wie sehr die Zahl der erwerbstätigen Frauen während des Krieges gestiegen ist, geht daraus hervor, daß die weiblichen Mitglieder der Krankenkassen, früher ein Drittel, jetzt 60 v. H. der Versicherten ausmachen. Leider ist mit der vermehrten Frauenarbeit auch ein Rückgang der Qualitätsarbeit festzustellen, er erklärt sich ebenso wie andere Erscheinungen aus den doppelten Pflichten der Frauen, den häuslichen und den beruflichen. [...] In einem anderen Vortrage wurde die Frage behandelt, in welchem Maße die Frauen den heimkehrenden Kriegern weichen müssen. Es wurde gewünscht, daß zuerst diejenigen Frauen entlassen werden sollten, die nicht auf Verdienst angewiesen sind, dann diejenigen, die in einen anderen Beruf zurückkehren können, und die Jugendlichen, die noch einer Berufsausbildung zugeführt werden können, daß im übrigen die Arbeit durch Halbtagsschichten und Notstandsarbeiten möglichst gestreckt werden müsse. Von den weiblichen kaufmännischen Angestellten sollten zuerst diejenigen entlassen werden, deren Männer zurückgekehrt sind, sowie die nicht beruflich ausgebildeten, die ausgebildeten sollten behalten werden. Die Arbeitsnachweise müßten großzügig organisiert, eine ausgedehnte Arbeitslosenfürsorge müsse geschaffen werden. Die bei den Kriegsämtern usw. eingerichteten Frauenreferate sollten zum wenigsten auch in der Uebergangszeit bestehen bleibe. Wie Frl. Bäumer in Berlin betonte, muß alle Kraft eingesetzt werden, um die Frauen, die im Kriege vielfach ganz unbeschreiblich gelitten haben, körperlich und geistig wieder aufzurichten und ihnen zu einer innerlich und äußerlich gefestigten Lebensstellung zu verhelfen. [...]
  
Frl. Reinbrecht und Frau Schumm berichteten noch kurz über den Kochkistenlehrgang in der vergangenen Woche. Er habe außerordentlich großen Beifall gefunden, von vielen Seiten sei eine Wiederholung gewünscht worden. Frau Schumm schloß alsdann die Versammlung mit der eindringlichen Mahnung an alle Frauen, gerade in den nächsten Wochen als tapferes Heimatheer mutig und zuversichtlich hinter unseren Kämpfern an der Front zu stehen.

Zur Abgabe von Männeranzügen. Am 12. Juli hat in Düsseldorf eine von der Reichbekleidungsstelle einberufene Versammlung stattgefunden, die sich u. a. mit der Aufbringung der Männer-Anzüge befaßt hat. Ein Teil der Presse hat über diese Verhandlungen Mitteilung gemacht, die den Eindruck erwecken könnten, als ob nun die eingeleitete Sammlung für Männer-Oberbekleidung überflüssig geworden sei. Das ist aber in keiner Weise der Fall. [...] Vielmehr soll, wer noch keinen Anzug abgeben hat, einen solchen aber entbehren kann, auch weiterhin zur Abgabe herangezogen werden. Da die von der Stadt Bonn aufzubringende Umlageziffer bei weitem nicht erreicht ist, ergehen nunmehr die bereits angekündigten Aufforderungen an die bessergestellten Teile der Bürgerschaft, entweder einen Anzug abzugeben oder aber ein Bestandsverzeichnis des vorhandenen Kleidervorrats an das städtische Bekleidungsamt einzusenden. Schon jetzt wird den dazu Aufgeforderten dringend geraten, den Bestand des Kleidervorrats vollständig und richtig anzugeben. Zuwiderhandlungen sind mir schwerer Strafe bedroht. Auch ist die Stadtverwaltung berechtigt, die Richtigkeit der gemachten Angaben durch Beamte nachprüfen zu lassen. Es darf von dem vaterländischen Sinn unserer Bürgerschaft erwartet werden, daß sie diesen nun einsetzenden Maßregeln das Verständnis entgegenbringt, das ihnen gebührt, und daß sie das von ihr geforderte, gewiß nicht allzu schwere Opfer im Interesse der Allgemeinheit bringt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

     

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. Juli 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 16. Juli 1918Lebensmittelamt und Presse. Seit Kriegsausbruch hat sich zwischen einer großen Reihe von Gemeindeverwaltungen und der Tagespresse ein Vertrauensverhältnis herausgebildet, wie es vielerorts vorher nicht bestanden hat. [...] Ein derartiges Verhältnis hat sich erfreulicherweise auch in Bonn herausgebildet. Auch hier haben sich insbesondere zwischen unserem Städtischen Lebensmittelamt und der Presse vertrauensvolle Beziehungen entwickelt, deren praktische Auswertung in vielfacher Beziehung der Bürgerschaft von Nutzen gewesen ist. Gar häufig waren wir im Verlaufe der Kriegsjahre in der Lage, dem verantwortlichen Leiter unseres Lebensmittelamtes, Herrn Beigeordneten Piehl, aus dem Kreise unserer Bürgerschaft Anregungen und Wünsche zu unterbreiten und ebenso Darstellungen aus dem Leserkreis zu veröffentlichen, die zu einem für die Allgemeinheit fruchtbringenden Erfolg geführt haben. – Besondere Anerkennung verdient es hierbei, daß Herr Beigeordneter Piehl bis in die jüngste Zeit ohne bureaukratische Voreingenommenheit auch solche Vorschläge prüfte und nach Möglichkeit praktisch verwertete, die ihm als anderwärts bereits bestehende Einrichtungen in unserem Blatte dargestellt worden sind.
  
Da wir uns nun bald dem Ende des vierten Kriegsjahres nähern und an diesem bedeutsamen Wendepunkt die Entwicklung mancher Dinge innerhalb dieser ereignisreichen Zeitspanne rückblickend verfolgen, so wollen wir an diesen durch den Krieg gezeitigte Neuerscheinung der engen Zusammenarbeit zwischen Kommune und Presse mit dem Wunsche erinnern, daß im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt dieses vertrauensvolle Verhältnis auch in der hoffentlich nicht mehr weit entfernten Friedenszeit erhalten bleibe und sich wenn möglich noch erweitere und vertiefe. Voraussetzung hierfür ist selbstverständlich, daß die Presse, wie es ihr bisher möglich war, auch weiterhin ihre völlige Unabhängigkeit nach jeder Richtung hin bewahren kann und das Zusammenwirken auch da gewährleistet bleibt, wo etwa eine sachliche Scheidung der Auffassungen Platz greift. Der Dezernent unseres städtischen Lebensmittelamtes, der mit gesundem und praktischem Urteil die Spreu vom Weizen zu scheiden vermag, bietet uns für seine Abteilung die Gewähr, daß auch in den kommenden Wochen und Monaten, die für die Ernährung und Bekleidung unserer Bürgerschaft vielleicht noch eine verschärfte Bedeutung erlangen werden, eine ersprießliche Zusammenarbeit von Presse und Kommunalverwaltung gewährleistet bleibt, um unserer Bürgerschaft die Härten der Zeit nach Möglichkeit als eine erträgliche Bürde erscheinen zu lassen.

Unterstand bei Fliegergefahr. In den letzten Tagen wurden in den verschiedenen Stadtteilen Aufschriften angebracht, welche die Bürgerschaft auf die Unterstände aufmerksam machen, die bei Fliegeralarm aufzusuchen sind. Die auf rotleuchtendem Papier gedruckten Plakate sind mit Pfeilen versehen, die die Richtung angeben, in denen der Unterstand liegt.

Der Kegelklub L.T. in Bonn sammelte am Sonntag während einer Rheinfahrt auf dem Dampfer „Goethe“ für Kriegsblinde in Bonn 42 Mark und überwies den Betrag zur Weitergabe an die Geschäftsstelle des General-Anzeigers. Das Geld wurde Herrn Polizei-Kommissar Flaccus zu Zwecken des Vereins für Kriegsblinden-Hunde überwiesen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Die Selbsthilfe der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. Die Kriegsbeschädigten und entlassenen Heeresangehörigen geben durch ihre große Zahl wie auch durch die Art ihrer gewiß berechtigten Wünsche den Behörden manches schwierige Problem auf, das kaum lösbar scheint. Sie fordern vor allem Maßnahmen aller Art, um sich wieder eine gesicherte Existenz schaffen zu können. In vielen Hunderten von Orten entstanden Vereine, welche sich solchen Aufgaben widmen. Sie unterstützen die amtlichen Fürsorgestellen im Sinne der Objekte dieser Fürsorge selbst, sie beraten die wirtschaftlichen Organisationen in Fragen, welche zu deren Gebiet gehören, sie übermitteln die vielerlei Wünsche der Kameraden und der Hinterbliebenen in passender Form an die zuständigen Stellen und ergänzen obendrein die schon bestehenden allgemeinen Rechtsberatungseinrichtungen durch eigene Auskunftsstellen, die von erfahrenen Kriegsbeschädigten geleitet werden und zur mündlichen und schriftlichen Beratung kostenlos allen Kriegsbeschädigten wie auch den Hinterbliebenen verstorbener Krieger zur Verfügung stehen. Für Rheinland-Westfalen haben diese Vereine eine Zentralstelle bei Herrn W. Krull, Köln, Fleischmengergasse 59, eingerichtet, die jede weitere Auskunft erteilt. Diese Zentralstelle steht sowohl Einzelpersonen wie auch Vereinen in Angelegenheiten der Kriegsbeschädigten und ehemaligen Kriegsteilnehmern jederzeit gern mit Rat und Tat zur Verfügung.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)