Dienstag, 4. August 1914

Am Tag zuvor hatte Deutschland Frankreich den Krieg erklärt, und deutsche Truppen hatten mit dem Einmarsch in Belgien begonnen. Die britische Armee hatte mit der Mobilmachung angefangen.

 

Universitätsfeier. Wie alle Jahre versammelten sich auch gestern die Angehörigen des Lehrkörpers unserer Universität in der Aula, um den Geburtstag des Stifters der Bonner Hochschule, Friedrich Wilhelm III. zu feiern. Die Aula hatte diesmal freilich ein anderes Aussehen als sonst. Es fehlten die Fahnen der Chargierten, die nun der König unter die Fahne gerufen hat, um für Deutschland zu kämpfen. (...)

Der Verkehr der Eisenbahn wird (...) für die Allgemeinheit, sowohl was Personenbeförderung als was Frachtverkehr angeht, aus Gründen der Landesverteidigung in einem Grade beschränkt, daß man nur noch auf eine gelegentliche Not- und Zufallsbeförderung rechnen kann. (...)

Beim Standesamt in Bonn sind am Samstag früh bis gestern 46 Kriegsheiraten vollzogen worden. Ein Paar wollte Sonntag abend zusammengeschrieben werden. Der Bräutigam aber hatte die nötigen Papiere nicht bei sich und mußte erst auf einem Fahrrade, das ihm ein Menschenfreund ohne Bedenken lieh, die Papiere aus Godesberg holen, während die Braut in Bonn wartete. Erst gegen Mitternacht konnte der Standesbeamte, der so lange gewartet hatte, die Ehe schließen.

 

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")

 

Deutscher Spruch:
Sturmgefeit ist das Land, unbezwingbar die Wehr.
Steht ein mutiges Volk hinter mutigem Heer!

Zur Beseitigung der Notstände. Einer Anregung der Vorsitzenden des hiesigen Vaterländischen Frauenvereins, Frau Berghauptmann Krümme folgend, hatten sich gestern Mittag in der Maargasse Nr. 1 Vertreter sämtlicher Bonner und des Beueler Frauenvereins eingefunden, um eine gemeinsame Organisation zu schaffen zur Linderung und Beseitigung der Notstände, die der nunmehr ausgebrochene Krieg zur Folge haben wird.

Den Ehrenvorsitz der – zunächst noch losen – Vereinigung hat in hochherziger Weise Ihre Königliche Hoheit Frau Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, die auch persönlich anwesend war, übernommen. Es wurde nach kurzer Debatte beschlossen, engere Kommissionen zu bilden, die sich die Errichtung von Sammelstellen für Geld, Wäsche und Naturalien, die Fürsorge für die Familien der ins Feld ziehenden Krieger, die Arbeitsvermittlung und Beratung in allen Notfällen, die Sorge für die Kinder Verwundeter oder Gefallener und die Verteilung von Lebensmitteln an die ärmere Bevölkerung angelegen sein lassen werden.

Zur Unterbringung von Säuglingen und kleineren Kindern haben das evangelische Säuglingsheim und der Cornelius’sche Kindergarten wie der Verein für gemeinnützige Bestrebungen sich bereits in dankenswerter Weise bereit erklärt, der Vaterländische Frauen-Verein selbst hat umfangreiche Sammlungen von Geld, Wäsche und Naturalia in die Wege geleitet, ein eigenes Vereinslazarett mit zunächst 20 Betten bereitgestellt und für dieses wie für die in Bonn zu errichtenden Reservelazarette das erforderliche Personal an Hilfsschwestern und Helferinnen, die nach den Vorschriften des Roten Kreuzes ausgebildet sind, auch mit den Vorbereitungen für die Errichtung einer Erfrischungs- und Verbandsstation am Bahnhof begonnen.

Welchen Anklang der gestrige Aufruf des V.Fr.V. gefunden, zeigt die Tatsache, daß bereits in den zwei Tagen mehrere Tausend Mark abgeliefert worden sind. Möge die Opferwilligkeit der Bonner Bürgerschaft sich auch weiterhin glänzend betätigen!

 

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 4. August 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 4. August 1914Universitätsfeier. Der Lehrkörper und eine kleine Zahl Studierender fanden sich gestern in der Aula der Universität zusammen, um, wie jedes Jahr, der Gründung unserer Rhein. Friedrich-Wilhelm-Universität durch Friedrich Wilhelm III. zu gedenken. In den schweren Stunden war die Feier nur kurz und tief ernst. Geheimrat Elter sprach über die Beschreibung des Peloponnesischen Krieges durch Thukydides, den größten griechischen Historiker. (...)

Der Universitätsrektor Prof. Dr. Schulte sprach über die ernste Zeit, die Deutschland bevorstehe, indem es von Russland zu einem Kriege gezwungen wurde, einem Streit um die Kultur des Abendlandes. Die Mütter möchten ihre Kinder, Söhne und Töchter mit Stolz hinausziehen lassen. Die der Mutter geborenen Kinder gehören auch dem Vaterlande und dieses zu verteidigen gilt es nun.

An den Kaiser wurde folgendes Telegramm geschickt:

Der zur Feier des Geburtstages ihres Stifters König Friedrich Wilhelm III. versammelte Lehrkörper der Bonner Universität, deren Studenten großenteils zu den Fahnen überwiesen, deren Studentinnen sich zu jeder Gestalt von Frauenhilfe im Krieg bereit stellen, dankbar bewegt von der herrlichen Erhebung unsres großen Volkes, vereinigt sich mit den Millionen des vor hundert Jahren wiedergewonnenen bedrohten Rheinlandes, in dem Schwur der Treue bis zum Tod für Kaiser, König und Reich. Dem Oberfeldherren aller Deutschen Heil und Sieg. Der Rektor Schulte.

Mit einem Kaiserhoch und dem Liede Deutschland, Deutschland über alles, das wohl niemals mit gleich tiefer Empfindung zwischen diesen Mauern gesungen wurde, ging die Feier zu Ende.

(Deutsche Reichs-Zeitung, „Bonner Nachrichten“)

 

Mobil! Unsere Stadt hat seit einigen Tagen ein anderes Aussehen. Die Ereignisse der letzten Tage lassen den Bürger nicht ruhig arbeiten. Vor unserer Geschäftsstelle drängt sich das Publikum, um über die neuesten Ereignisse orientiert zu sein. Gestellungspflichtige mit Paketen oder Koffern eilen zu den militärischen Dienststellen, wo sich eine emsige Tätigkeit entfaltet. Züge rollen mit Truppentransporten in ununterbrochener Folge durch unsere Station. Die jungen Männer, die ernst, aber gefaßt hinausziehen, werden mit brausenden Hochrufen begrüßt und der eingerichtete Hilfsdienst auf dem Bahnhof tut seine Pflicht. Die Krieger werden mit Speise und Trank gelabt, und man steckt ihnen einen Imbiß, Zigarren und dergl. zu. In der ganzen Stadt hat sich ein Hilfsdienst organisiert. Ueberall sieht man die lebhafteste Teilnahme und das durchbrechende Gefühl, mitzuhelfen. In ganz besonderer Weise ist auch vorgesorgt, damit etwaige Verwundete gute sachgemäße Pflege und Heilung finden können. Unsere Stadt wird in besonderem Maße als Lazarettstadt in Frage kommen. Die umfassendsten Vorbereitungen sind bereits getroffen. Größere Säle, Schulen, Anstalten und auch die im näheren Umkreise von Bonn liegenden Klosterschulen, wie beispielsweise Nonnenwerth, sind zur Aufnahme von Verwundeten hergerichtet worden. In dankenswerter Weise haben sich auch Privatleute bereitgefunden und Zimmer, Aerzte und Pflegepersonal bereitgestellt. U.a. hat Herr Hugo Knops das den Franziskanerinnen gehörige Haus Koblenzerstraße 30 gemietet und läßt dort ein Lazarett für 20 verwundete Soldaten einrichten. Die gesamte Unterhaltung einschl. Honorar für Arzt und Krankenpflegerin trägt Herr Knops. Auch unsere Frauen haben sich einmütig zusammengeschlossen, um sich an dem vaterländischen Werke zu beteiligen. Die Organisation liegt in den Händen des Vaterländischen Frauenvereins, die für die Verwundeten helfend mit eintreten. Ebenso leistet, wie eingangs erwähnt, die Hilfsorganisation für die durchgehenden Truppen gute Dienste.

Bei dieser Gelegenheit richtet die Bahnhofsmission die herzliche Bitte an junge Mädchen, hilfreiche Hand zu leisten, um den durchziehenden Truppen Wasser zu reichen. Junge Mädchen werden gebeten, sich am Hauptbahnhof zu melden.

 

Die wichtigste Aufgabe. Von Universitätsprofessor A. Pflüger ist ein Erntebund der Bonner Jugend organisiert worden. Er stellt vorwiegend Jünglinge und junge Mädchen den Landwirten zur Verfügung bei der Erntearbeit. Gesuche sind durch Vermittlung der Ortsvorsteher an die Geschäftsstelle, Kaiserstraße 85, zu richten. Sie werden nach Möglichkeit berücksichtigt. Der Bund bittet die Ortsvorsteher um Mithilfe und Verbreitung dieser Nachricht.

Wer seine Hilfe in Anspruch nimmt, verpflichtet sich zu folgenden Leistungen:

1. für jeden Arbeiter ein sauberes Bett oder im Notfalle ein sauberes Strohlager mit Decken;
2. 25 Pfg. Entlöhnung am Tag;
3. Vergütung der Eisenbahnfahrt.

Man kann wohl ruhig aussprechen, daß die Aufgabe, welche der Erntebund sich gestellt hat, von allen, die vorliegen, zunächst die wichtigste ist. Deutschland kann sich selbst ernähren. Die Ernte ist da. Nur muß sie hereingebracht werden!

 

Städtische Maßnahmen gegen Preistreibereien. Die Stadtverordneten-Versammlung hat in ihrer letzten Sitzung die Verwaltung ermächtigt, unter Zustimmung der Finanz- und Teuerungskommission sowie des Armenrats, Maßnahmen zu treffen, welche zur Lebensmittelversorgung der Bevölkerung notwendig sind und die hierzu erforderlichen Mittel bewilligt.

Bereits heute (Dienstag) findet im Verwaltungsgebäude, Franziskanerstraße 8a, Torweg, der Verkauf von Salz und Weizenmehl von vormittags 9-12 Uhr zu den in der Bekanntmachung angegebenen Preisen statt.

Der Preistreiberei auf dem Wochenmarkt ist bereits gestern seitens der Verwaltung in der nachdrücklichsten Weise entgegengetreten worden. Es wird dies auch in der Folge geschehen sowohl bei Preistreibereien auf dem Wochenmarkte als in hiesigen Lebensmittelgeschäften.

Die Namen solcher Verkäufer werden außerdem im ganzen Stadtbezirke durch Anschlag veröffentlicht werden.

 

Gegen die Preistreibereien. Unsere Marktpolizei ist gestern auf eigene Faust gegen die Kartoffelverkäufer vorgegangen, die unverhältnismäßig hohe Preise für ihre Waren verlangten. Sie bestimmte, daß für Kartoffeln im ganzen Zentner nicht mehr als 6 Mk. und im Einzelverkauf 8 Mk. verlangt werden dürften. Dies galt sowohl für den Stiftsplatz als auch für den Hauptmarkt. Manche Händler konnten sich nur schlecht in diese Maßnahme schicken. Viele zogen es vor, ihre Kartoffeln selbst pfundweise zu verkaufen, um so wenigstens 2 Pfennig mehr zu erhalten, Auch die Angestellte eines Großgrundbesitzers in Rheindorf, die gestern mit einem großen Korb Kartoffeln auf dem Markt war, zog den pfundweisen Verkauf vor, verlangte aber 10 Pfg. für das Pfund. Ueber diese Forderung wurde ein Käufer derart erbost, daß er den Marktkorb umstülpte. Das Mädchen rief einen Polizeibeamten herbei, dieser konnte jedoch den Täter nicht mehr ermitteln. Als das Mädchen die Kartoffeln wieder zusammen gesucht hatte, ergab sich daß der Korb viel zu groß geworden war. Fast die Hälfte der Kartoffeln war spurlos verschwunden.

 

Kriegsteilnehmer und Allgemeine Ortskrankenkasse Bonn. Man schreibt uns: Die aus Anlaß des Krieges einberufenen Personen haben das Recht, sich bei der Krankenkasse, welcher sie angehört haben, für die Dauer des Feldzuges freiwillig weiterzuversichern. Sie sichern sich hierdurch einen Anspruch auf Krankengeld für den Fall einer Erkrankung oder Verwundung und für ihre Angehörigen einen Anspruch auf Sterbegeld für den Fall, daß sie im Felde fallen. Die Erklärung zur Weiterversicherung muß spätestens nach Ablauf von 3 Wochen nach dem Austritt aus der Beschäftigung der Krankenkasse abgegeben werden; die Beiträge für die Zeit der Weiterversicherung sind monatlich nachträglich an die Krankenkasse zu zahlen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)